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Amazon absurd: Von Deutschland nach Deutschland - über Polen

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Amazon-Lager in Leipzig: Alles für das Wachstum, auch zu Lasten der Lieferanten Zur Großansicht
AP/dpa

Amazon-Lager in Leipzig: Alles für das Wachstum, auch zu Lasten der Lieferanten

Deutsche Händler empören sich über eine neue Amazon-Strategie: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE drängt der Konzern Vertriebspartner, ihre Waren über Osteuropa zu verschicken - selbst wenn sie an Kunden in Deutschland gehen.

Der US-Konzern Amazon nutzt seine Marktmacht, um Geschäftspartnern immer neue Bedingungen zu diktieren. Besonders Buchverlage bekamen dies zuletzt zu spüren. Nun hält Amazon nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Händler in Deutschland dazu an, bis zu 70 Prozent ihrer Geschäfte über Polen und Tschechien abzuwickeln.

Für deutsche Vertriebspartner des Konzerns - darunter etwa Buchverlage und Home-Entertainment-Anbieter - ist dies ein Ärgernis. Schließlich bringt es höhere Kosten mit sich, wenn sie große Teile ihres Deutschlandgeschäfts plötzlich über das Ausland abwickeln müssen.

Hintergrund: Amazon hatte vor zwei Jahren neue Logistikzentren in den osteuropäischen Ländern eröffnet.

Konkret hat die neue Amazon-Strategie vor allem zwei Folgen:

  • Deutsche Händler müssen auch Waren, die eigentlich für den deutschen Markt bestimmt sind, nun nach Polen und Tschechien schicken - damit Amazon sie dann wieder zurück nach Deutschland liefert. Für die Händler fallen damit deutlich höhere Lieferkosten an, als wenn die Waren im Land bleiben.
  • Wenn ein deutsches Unternehmen Waren beispielsweise nach Polen liefert, dann muss es diese auch nach polnischem Recht versteuern. Das bedeutet: Eine deutsche Firma, die Waren über Amazon eigentlich an deutsche Kunden verkaufen will, braucht nun polnische Wirtschafts- und Steuerberater, um diese Geschäfte abwickeln zu können.

Amazon weist die Lieferanten in einem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, auf diese Punkte hin: "Bitte beachten Sie", heißt es darin: "Durch die Lagerung Ihrer Ware in Polen und/oder Tschechien wird eine Umsatzsteuerregistrierung in dem jeweiligen Land notwendig. Sie sind selbst für diese Anmeldung und die Einhaltung der steuerlichen Bedingungen verantwortlich." Und weiter: "Die Rechnungsstellung mit dem gültigen lokalen Umsatzsteuersatz ist unbedingt einzuhalten."

Über zusätzliche Kosten, die den Händlern durch die Umstellung auf diese Praxis entstehen, steht in dem Schreiben kein Wort. In den Hinweisen zu der Strategie, die Amazon seit dem Sommer vorantreibt, heißt es nur: "Die Nutzung der Logistikzentren in Polen ist für Sie voraussichtlich ab Juli 2015, in Tschechien voraussichtlich ab Ende August 2015 möglich."

Bei dem Hinweis belässt es Amazon aber nicht. Der Konzern weist seine Vertriebspartner an, diese Informationen an ihre Finanzbuchhaltung und alle betroffenen Abteilungen weiterzuleiten, damit diese ihr firmeninternes Bestellmanagement entsprechend umstellen - ein weiterer Kostenfaktor.

"Wir denken nicht in Landesgrenzen"

Mit Einsparungen oder den wiederholten Streiks in deutschen Logistikzentren will Amazon die Verlagerung von Geschäften nach Osteuropa nicht verbunden wissen. Die Strategie diene dazu, dass "das Wachstum überhaupt gestemmt werden kann", teilte eine Amazon-Sprecherin auf Nachfrage mit. "Um das Wachstum handhaben zu können, brauchen wir Kapazitäten", sagte die Sprecherin.

In diesem Monat hat Amazon auch für Kunden in Deutschland die Lieferung von Waren am Tag der Bestellung eingeführt ("Same Day Delivery"). "Wenn Sie schnell sein wollen, brauchen Sie ein großes Netzwerk", sagte die Sprecherin. Einige Logistikzentren seien zudem auf bestimmte Produktkategorien spezialisiert.

Amazon erklärt seine Logistikstrategie so: "Im Rahmen unseres europäischen Netzwerkes von derzeit 30 Logistikzentren in sieben Ländern denken wir nicht in Landesgrenzen, sondern in Entfernungen, Erreichbarkeit und logistischer Anbindung. Das bedeutet, wir können von überall nach überall liefern. Deutschland mit seiner zentralen Lage in Mitteleuropa ist besonders wichtig."

Amazons Logistik-/ Rücknahme- und Kundendienstzentren
Logistikzentrum
Kundenzentrum
Rücknahmezentrum
Verkäuferservice
Quelle: amazon
Das europäische Netzwerk von Amazon umfasst nach Firmenangaben zurzeit 30 Logistikzentren, davon neun in Deutschland: Werne, Rheinberg, Koblenz, Pforzheim, Leipzig, Brieselang, Graben sowie Bad Hersfeld 1 und Bad Hersfeld 2. Außerdem unterhält Amazon hierzulande zwei Kundendienstzentren: Berlin und Regensburg. (Den Überblick über die Standorte in anderen europäischen Ländern finden Sie auf der Karte.)

Aber warum hat Amazon zur Bewältigung des Wachstums nicht genügend Kapazitäten in Deutschland geschaffen - statt der neuen Standorte in Osteuropa? Das Unternehmen antwortet nur indirekt: "Wir wachsen in Deutschland und Europa, und dadurch sind permanent neue Arbeitsplätze entstanden, insbesondere auch in Deutschland." Doch wie die Umlenkung des Warenverkehrs über Polen und Tschechien zeigt, reichen diese offenbar nicht aus.

Zu Befürchtungen, die Abwicklung von Geschäften über Osteuropa könnte bedeuten, dass Amazon hierzulande womöglich Logistikzentren schließt, will sich der Konzern nicht äußern.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 242 Beiträge
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1. Ein Hoch auf Amazon
hubie 20.11.2015
Ich bestelle dort jetzt auch mein Toilettenpapier und mein Wasser. Ich sehe zwar den Supermarkt von meinem Fenster aus, bin aber zu faul aufzustehen.
2. Absurd ist hier garnichts
diefreiheitdermeinung 20.11.2015
denn erstens: wir haben noch die EU. Auch bislang wurde Amazon Ware für andere EU Länder aus Deutschland verschickt. Darüber hat sich z.B. Österreich nicht beklagt. Absurd war es ebenfalls nicht. Was zeichnet Deutschland aus was nicht auch Polen könnte ? Und ausserdem: genau diese Entwicklung hätten sich die streikgeilen deutschen Gewerkschaften ausrechnen können nachdem Sie anfingen für Amazon-Lagerarbeiter den Tarif für den Einzelhandel einzufordern. Pech gehabt. Erst das Porzellan zerschlagen und nun ist der Katzenjammer gross.
3.
Crom 20.11.2015
Danke Verdi! Damit habt ihr Deutschland mal wieder einen Bärendienst erwiesen, sowohl den Kunden, den Anbietern als auch für die Arbeitnehmer.
4. Wir müssen wissen, was wir wollen
maipiu 20.11.2015
Zugegeben: es ist sehr bequem, bei Amazon zu kaufen. Aber wir müssen uns überlegen, ob wir solche Firmen wirklich unterstützen wollen, die massenhaft Infos über uns speichern, geringe Löhne zahlen, nicht mit Gewerkschaften verhandeln wollen, wenig oder kaum Steuern hier zahlen, Arbeitnehmerrechte mit Füßen treten etc. etc. Ich gehe lieber in Läden in der Nähe.
5.
Teddy0 20.11.2015
Ist mir egal, ich bestelle weiterhin bei Amazon wenn der Anbieter unter den günstigsten für ein Produkt ist.
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