Amazon Auf dem Weg zum Überall-Konzern

Amazon verkauft fast alles, was in Pakete passt - und beliefert seine Kunden immer häufiger selbst. Jetzt startet der US-Konzern auch noch den Lebensmittelversand Fresh. Wo sind die Grenzen des Online-Riesen?

Amazon Fresh

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Den Buchladen, ja fast den ganzen Einkaufsbummel, hat Amazon Chart zeigen beinahe schon überflüssig gemacht, jetzt müssen die Supermärkte bangen: Von diesem Donnerstag an liefert Amazon mit seinem Dienst Fresh auch Lebensmittel, von der Tiefkühlpizza über das Vollkornbrot bis zu Obst und Gemüse. Kunden können aus 85.000 Artikeln auswählen - mehr als doppelt so viele wie die größten Supermärkte in Deutschland anbieten.

Es ist ein Großangriff auf einem heiß umkämpften Markt, auch wenn Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber den Begriff von sich weist. "Das, was Sie Angriff nennen, nennen wir beliefern."

Zwar ist umstritten, ob der lang erwartete Dienst ein Supermarktsterben auslösen könnte. Die niedrigen Lebensmittelpreise und die hohe Filialdichte von Supermärkten, Drogerien und Discountern sprechen eigentlich dagegen. Andererseits versucht Amazon, Wünsche auszulösen, von denen Kunden oft gar nicht wussten, dass sie sie haben. Ähnlich wie bei Kindern: Ich will! Sofort!

Start in Berlin und Potsdam

Aber jetzt erst mal langsam: Die Lebensmittellieferungen stehen vorerst nur Amazon-Prime-Kunden in Teilen von Berlin und Potsdam zur Verfügung. Für knapp zehn Euro im Monat können sie so oft bestellen, wie sie wollen, so lange jeder Einkauf mehr als 40 Euro kostet. Das ist etwas günstiger als bei der Konkurrenz, vor allem aber verspricht der US-Konzern mehr Komfort: Wer bis mittags bestellt, bekommt die Ware am selben Tag, in einem selbstgewählten zweistündigen Zeitfenster. Wer bis 23 Uhr bestellt, kann die Waren am nächsten Morgen verfrühstücken.

Die Kunden werden Amazon daran messen, ob dieses große Versprechen eingelöst wird. Geübt hat der Konzern den Dienst, zum Beispiel mit Prime Now, bei dem Verbraucher 60 Minuten warten müssen - vom Klick bis zur Lieferung. Diese Bestellungen wickelt ein kleines Team im "UDE 1" ab, dem ersten deutschen "Ultra Fast Delivery Center" in Berlin. Wenn dort die Sirene heult, muss es schnell gehen - es ist das Signal für eine eingehende Ein-Stunden-Bestellung.

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Amazon: So drängt der US-Konzern in unser Leben

Das Depot ist quasi eine Mikroversion der großen Logistikzentren, die bei Amazon Fulfillment Center heißen - Erfüllungszentren. Hier testet das Unternehmen seit einer Weile, wie es Kunden innerhalb einer Stunde oder eines Zwei-Stunden-Zeitfensters beliefern kann. Der Service funktioniert bisher nahezu reibungslos.

Die Belieferung hakt

Amazon drängt sich stückweise in größere Lebensbereiche hinein und ersetzt immer mehr: vom Möbelhaus über den Buchladen und das Bekleidungsgeschäft bis hin zu Videothek oder Plattenladen. Amazon hat die Lagerhaltung revolutioniert, vom Bestellen bis zur Verpackung ist der Vorgang kaum stärker durchzuplanen und zu verbessern.

Aber alles, was danach kommt.

Während immer und überall bestellt werden kann, hakt es bei der Belieferung. Fast alle Probleme gibt es erst auf der sogenannten letzten Meile, den anderthalb Kilometern bis zur Haustür. Auf diesem Stück entsteht ungefähr die Hälfte der Kosten, und hier wird der Kunde enttäuscht. Denn nur hier sieht er, was konkret schiefläuft.

An der zuverlässigen Zustellung scheitern alle in Deutschland aktiven Paketdienste. Von DHL über GLS, Hermes und dpd bis zu UPS - keiner schafft es, wirklich alle Pakete den Kunden in die Hand zu drücken. Amazon will das ändern. Der Konzern fürchtet den Frust der Kunden.

Stück für Stück baut Amazon einen eigenen Vertrieb auf, mit Paketboxen an Tankstellen, Stadtkurieren mit Elektrofahrrädern, Paketautos, Frachtflugzeugen, Drohnen und sogar eigenen Geschäften. Langfristig will der Konzern selbst an der Zustellung der Pakete verdienen. Dabei geht es um ein Milliardengeschäft, das bisher die Paketzusteller machen.

"Amazon wird das Problem nicht lösen"

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Amazon: Das Ultra Fast Delivery Zentrum

Der Logistikexperte Herbert Kotzab von der Universität Bremen ist skeptisch: "Amazon wird das Problem nicht lösen, dass die Lieferungen kommen, wenn wir nicht zu Hause sind."

Lösen ließe sich das Problem so: Wer ein garantiertes Lieferzeitfenster möchte, der muss zahlen. Nur so dürfte sich der Service rechnen.

Der Markt ist jedenfalls da: Allein DHL setzte 2016 mehr als 57 Milliarden Euro um, und der Paketsektor wächst seit Jahren deutlich. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey rechnet mit einer Verdopplung bis 2025. Auch wegen Amazon, immerhin steckt mittlerweile in jedem siebten DHL-Inlandspaket Ware aus einem der bundesweit neun Logistikzentren des Konzerns. Noch profitieren davon auch die Paketdienste.

Die Konkurrenten verlieren

Was aber, wenn der Markt gesättigt ist? Schon jetzt ist es so, dass dort, wo Amazon die Zustellung übernimmt, die Konkurrenten verlieren. In München sollen die eingelieferten Paketmengen teilweise um bis zu 30 Prozent zurückgegangen sein. Derzeit gewinnen vor allem kleinere Dienstleistungspartner, die Amazon mit der Paketlieferung an Kunden beauftragt. Im Ruhrgebiet läuft das so und auch beim UDE in Berlin - dort ist es beispielsweise GO!-Logistic.

Zwar setzt Amazon bei "Fresh" auf DHL, aber auch der Branchengrößte wird die schwierigste Aufgabe lösen müssen: Wie sollen die Auftragsballung zwischen 16 und 20 Uhr abgearbeitet werden? Gerade bei den kleineren "Lieferpartnern" dürften viele Mitarbeiter extrem kurze Arbeitstage und entsprechend geringe Gehälter haben.

Logistikexperte Kotzab wundert sich, warum Amazon mit seinem bisher geringen Drei-Prozent-Anteil am Einzelhandelsumsatz in Deutschland die Konkurrenz so vor sich hertreibt: "Alle reden seit Langem über Same-Day-Delivery, aber keiner hat sich wirklich Gedanken über die Umsetzung gemacht."

In einem Brief an die Aktionäre aus dem Jahr 1997 von Amazon-Gründer Jeff Bezos liegt ein Teil der Antwort: "Wir werden uns unerbittlich auf unsere Kunden konzentrieren", schrieb Bezos. Deutschland-Chef Kleber formuliert es zeitgemäßer: "Der Kunde hat nie zu uns gesagt: Jetzt ist gut, jetzt nicht mehr schneller, nicht flexibler werden."

Vielleicht aber geschieht das doch noch. Die Sirene für die Ein-Stunden-Bestellung heult in Berlin bisher sehr selten.

Zusammengefasst: Amazon startet den neuen Lebensmittel-Lieferdienst Fresh, erst einmal nur in Berlin und Potsdam, aber wieder drängt der US-Konzern in ein neues Metier vor. Das Riesenunternehmen ist damit in immer mehr Bereichen des Alltags präsent, so auch zunehmend bei der Zustellung. Es könnte sein, dass Amazon in diesem schwierigen Markt erstmals an Grenzen stößt.

insgesamt 168 Beiträge
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Shlomo Spitzberg 04.05.2017
1.
Endlich, wird auch Zeit. In Zeiten, in denen man mit dem Diesel-PKW (bald) nicht mehr zum Supermarkt fahren darf, kommt der Lieferservice von Amazon mit bekannt sehr gutem Service genau zur rechten Zeit.
paraibu 04.05.2017
2. Für wen ist das Angebot attraktiv?
Bestimmte Artikel kaufe ich fast ausschließlich online. Zum Beispiel höherwertige alte Bücher. Das Internet bietet eine fast perfekte Marktübersicht, und die Lieferung erspart mir oft 100erte von Kilometern Abholweg. Bei Lebensmitteln sehe ich für mich keinen Vorteil darin, online einzukaufen. Mir ist Qualität und Frische wichtig. Die alltägliche Auswahl und der Kauf von Obst, Gemüse, Backwaren, Milchprodukten oder Fisch und Fleisch ist für mich ein sinnlicher Vorgang, der Freude macht. Weiterhin muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich zu Hause bin, wenn der Lieferservice kommt. Meine Arbeit macht es mir unmöglich, sicher zu planen, wann ich zu Hause sein werde. Ich wohne in der Stadt, gute Einkaufsquellen für sämtliche gängigen Lebensmittel befinden sich entweder in Fuß- und Fahrradreichweite. Auf dem Land in abgelegenen Regionen sähe die Sache vielleicht anders aus, aber dort dürfte die Lieferung nicht wirtschaftlich organisierbar sein.
mettwurstlolli 04.05.2017
3. Toll
Wir kommen der idealvorstellung einer Bevölkerung als nutzlose Biomasse mit Breitbandanschluss immer näher. Arbeiten per VR, Einkaufen Online, Beziehungen über Onlinenetzwerke, Freunde bei Fatzebook, "Studium" via Onlinekurs, alles fettgefressen und in Unterwäsche vom heimischen Sofa aus. Und damit soll meine Rente erweirtschaftet werden? Nie im Leben.
pdsicka 04.05.2017
4.
Ich kaufe grundsätzlich nichts bei diesem Unternehmen. Was zahlt Amazon, gemessen am Umsatz, in der BRD an Steuern? Würde mich mal interessieren .
oidahund 04.05.2017
5. Same-day-delivery
Wo ist das Problem? Das schafft unser REWE ohne Probleme. Man bestellt dirrekt über das Internet und bekommt ein paar Stunden später (zu der angegebenen Zeitspanne) die bestellten Waren. Wenn das ein im Vergleich zu Amazon Kleiner hinbekommmt, warum soll das nach einigen Anfangssschwierigkeiten nicht auch Amazon schaffen? - Wie oft wurde das Modell Amazon schon totgesagt? - Ich erinnere mich noch an die Anfangszeiten, wo jeder fragte, warum man zum Kauf von Büchern nicht in den lokalen Buchladen geht, dort das Gewüschte bestellt und nach ein paar Tagen abholt. Diese Kritiker sind heute vertummt und beschweren sich über die Krake Amazon. Ich denke gerade im urbanen Umfeld hat Amazon mit der direkten Lieferung von Lebensmitteln gute Chancen.
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