Manipulierte Online-Kommentare Firmen zahlen für positive Produktbewertungen

Bis zu 30 Prozent der Produktbewertungen im Internet sind offenbar manipuliert. Einem Magazinbericht zufolge werden positive Nutzerkommentare in Online-Shops von Agenturen verfasst, die sich dafür bezahlen lassen - die Sicherungssysteme von Amazon und Co. sind machtlos.

Online-Bewertung: Rund ein Viertel der Nutzerkommentare ist gefälscht
dapd

Online-Bewertung: Rund ein Viertel der Nutzerkommentare ist gefälscht


Berlin - Fünf Sterne und "sehr gut" oder ein Stern und "mangelhaft"? Viele Internetnutzer orientieren sich an den Bewertungen anderer Kunden. Offenbar sind die aber alles andere als zuverlässig: Wie das Magazin "Audio Video Foto Bild" berichtet, sind 20 bis 30 Prozent der Produktbewertungen im Internet gefälscht. Dem Bericht zufolge werden spezielle Agenturen beauftragt, massenweise gute Bewertungen bei Online-Shops wie Amazon abzugeben.

Für einen Test suchten Redakteure der Zeitschrift im Internet mehrere Fälscher-Werkstätten, die mit Dienstleistungen wie "Textservice" und "Shop-Texte" warben. Als Hersteller getarnt, beauftragte die Redaktion dann zwei Agenturen, Kundenbewertungen für bekannte Internet-Shops zu verfassen. Der Paketpreis für die ersten 35 Bewertungen: Rund 190, beziehungsweise 299 Euro. Insgesamt gaben die Agenturen dem Magazin zufolge rund hundert Bewertungen in Internet-Shops ab. Keine davon sei als Fälschung erkannt worden.

Betrogen wird laut dem Bericht bei den unterschiedlichsten Angeboten: Für Fernseher, Handys und Hi-Fi-Anlagen würden ebenso Kommentar gekauft wie für Restaurants, Hotels, Reisen oder Versicherungen. Die Betrüger zu erkennen, sei für Verbraucher kaum möglich.

Hinweise auf Fälschungen sind dem Bericht zufolge besonders viele Bewertungen eines Nutzers in kurzer Zeit oder extrem lange Texte voller Herstellerangaben und PR-Floskeln. Für die meisten Käufer dürfte es aber zu aufwendig sein, Kommentare auf all diese Faktoren zu prüfen.

Auch die Sicherungsvorkehrungen der Online-Shops schützen laut "Audio Video Foto Bild" nur unzureichend vor gekauften Bewertungen. Die Masse an Kommentaren lasse sich kaum kontrollieren. Selbst die Maßnahme von Marktführer Amazon Chart zeigen, der manche Bewertungen mit dem Hinweis "von Amazon bestätigter Kauf" kennzeichne, wenn der Rezensent das Produkt tatsächlich gekauft habe, bringe keine Sicherheit: Die Agenturen bestellten das Produkt, bewerteten es und schickten es innerhalb von zwei Wochen einfach kostenlos zurück, schreibt die Zeitschrift.

nck/dpa



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
rainer_daeschler 30.04.2012
1.
Nicht nur Produkt-Hersteller machen das, sondern auch dienstleistende Staatsunternehmen, wenn es gilt den Weg frei zu machen: Manipulierte Leserbriefe: Bahn räumt verdeckte PR-Aktionen ein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,627421,00.html)
anra 30.04.2012
2.
Soso, die Unternehmen sind also machtlos. Es würde ja schon weiterhelfen, wenn die Produktbewertungen in zeitlicher Reihenfolge wiedergegeben würden und nicht nach irgendeinem Zufallsprinzip. Dann könnte nämlich jede/r schnell erkennen, dass viele "Produktbewertungen" einfach nur (leicht verändert) abgeschrieben wurden.
flaschenöffner 30.04.2012
3.
Der Artikel steht unter der Überschrift Wirtschaftskriminalität. Ist das nicht ein bisschen hochgegriffen? Schliesslich basiert unser ganzes System darauf, dass man bei jeder Gelegenheit belogen und manipuliert wird. Sind die allgegenwärtigen Facebook-Links auf Spiegel und auf den Seiten öffentlich-rechtlicher und staatlicher Organisationen nicht auch übelste Schleichwerbung, die unterbunden gehört? Manipulierte amazon-Kundenbewertungen empfinde ich da als vergleichsweise harmlos und ein zu duldendes Übel. Eine amazon-Kundenbewertung ist nicht die Stiftung Warentest, jeder, der ab und an bei amazon kauft, weiß, dass da ungeheru viel Schwachsinn verfasst wird.
firewire 30.04.2012
4.
Dass die Produkte jeweils gute Seiten haben kann ich in einer unmenge guter Rezensionen nachlesen - wieviele davon getürkt sind? Weiss ich nicht. Ich für meinen Teil finde bei Amazon (*Schleichwerbung*) gut, dass ich mir gezielt die schlechten Bewertungen zu einem Produkt ansehen kann. Sprechen die denselben Tenor an? Ist das ein häufiges Problem oder gar systemimmanent? Und last but not least wird wohl kaum eine Firma dafür Geld hinblättern schlechte oder mittelmäßige Kritiken produzieren zu lassen. Und selbst wenn - ich lese gerne mal, wo es bei einem Produkt hakt und Problemen gibt. Dann weiss ich, ob es für mich vertretbar ist - oder eher nicht. Ach richtig. Das Vorgehen als solches verdient einen Kritikpunkt. Derjenige, der etwas (online) kauft sollte des Lesens mächtig sein - und nicht nur das! Auch Verstehen sollte man auch noch! Zu meiner Schulzeit war Leseverständnis Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Schulabschluss. Heute scheint das nicht mehr so selbstverständlich (angereichert durch einige Beispiele in meinem Bekanntenkreis). Ich meine - wer glaubt heute schon abgegebenen Wahlversprechen? Blind guten Kritiken zu glauben halte ich für ebenso töricht.
Stelzi 30.04.2012
5. Einfach zu erkennen
Ich habe schon haufenweise auffällige Bewertungen gesehen und war entsprechend gewarnt. Wer sich nicht mal die Zeit nimmt auf solchen Beschiss zu achten, geschweigedem noch etwas genauer recherchiert bevor er oder sie kauft, der oder die hat halt Pech gehabt - die Welt ist eben gemein.
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