Lebensmittel, Bücher, Elektronik Amazon geht Offline

In den USA testet Amazon die Zukunft: Mit einer Biokette und eigenen Buchläden mischt der Konzern jetzt auch als Offline-Händler mehrere Branchen auf. Die bedrängte Konkurrenz ist alarmiert.

SPIEGEL ONLINE

Von , New York


Die Übernahme beginnt ganz diskret, im Souterrain. Durch die Drehtür rein, dann die Rolltreppe runter: Willkommen im Biosupermarkt Whole Foods.

Gleich vorne Süßkartoffeln aus New Jersey, daneben gestapelte Mandarinen, Orangen und Ananas, alle heruntergesetzt. "Sonderaktion", jubeln Plakate mit der neuen Firmenkombo: Whole Foods & Amazon. Weiter hinten, bei den Naturseifen, lockt ein Stand mit dem Kindle, Amazons E-Reader. Zwischen den Vitaminsäften und den Kassen steht ein Sortiment Plüschtiere.

Drei Etagen weiter oben wird es schamloser. Gegenüber vom alten Buchladen Borders, der wegen Amazon pleiteging, ein neuer Buchladen: Amazon Books. Die Regale haben einen Website-Look, jedes Buch grüßt mit dem Cover nach vorne und annonciert seine Amazon.com-Kundenwertung. Die Preise erfährt man allerdings nur, wenn man mit der Amazon-App einen Barcode scannt.

Süßkartoffeln, E-Reader und, ja, greifbare Bücher: Amazon erobert das Time Warner Center, Manhattans feinstes, glitzerndstes Shoppingcenter. Hier, direkt am Central Park, übt der Onlinegigant die Zukunft - à la Amazon.

Diese Zukunft - in Deutschland noch befürchtet, hier bereits Realität - präsentiert sich als Symbiose von E-Kommerz und "Brick and Mortar", wie sie den stationären Handel nennen. Im Labor New York testet Amazon sein Modell: Es verleibt sich traditionelle Branchen ein und spuckt sie unter seinem Label neu aus.

Fotostrecke

9  Bilder
Amazon: Der Online-Gigant nimmt den Offline-Handel ins Visier

Amazons amerikanisches Experiment begann im August mit seiner 13,7-Milliarden-Dollar-Übernahme von Whole Foods. Es war der größte US-Deal des Jahres - und einer der rätselhaftesten. Der König des virtuellen Handels und schnell verderbliche Lebensmittel: Wie passte das zusammen?

Schwindendes Wachstum und wachsende Konkurrenz vor allem durch den Bio-Discounter Trader Joe's, eine Aldi-Tochter: Whole Foods, einst der Hipster-Star der Supermärkte, hatte zunehmend Probleme. Der Einstieg des Tech-Riesen kehrte den Abwärtstrend um, mischte nicht nur die Food-Branche auf - und markierte ein neues Kapitel in der endlosen Hassliebesgeschichte der Welt zu Amazon.

Als erstes verschärfte Amazon den Lebensmittel-Preiskampf, indem es viele Whole-Foods-Angebote über Nacht billiger machte. Weitere Einschnitte folgten im November, darunter - rechtzeitig zur nationalen Thanksgiving-Fressorgie - für Truthahn. Zugleich wurde das Whole-Foods-Treueprogramm beendet; stattdessen müssen Kunden nun zu Amazon Prime wechseln, dem kostenpflichtigen Amazon-Abo, um weitere 20 Prozent Whole-Foods-Abschlag zu bekommen.

Zugleich vollzog sich die physische Fusion. In den opulenten Whole-Foods-Kauftempeln tauchten plötzlich, zwischen Obst, Frischfleisch und Körnerbrot, elektronische Amazon-Produkte auf (Kindles, Tablets, Echos) - ebenfalls heruntergesetzt. Manche Märkte bekamen Amazon-Pop-Up-Läden und Schließfächer für Amazon-Lieferungen. Im Gegenzug begann Amazon Whole-Foods-Lebensmittel auch über seinen Fresh-Lieferdienst anzubieten.

SPIEGEL ONLINE

Ob die Strategie funktioniert, ist bisher schwer zu sagen. Die Whole-Foods-Umsätze verschwanden in der Amazon-Bilanz. "365 Everyday Value", die Whole-Foods-Hausmarke, ist aber inzwischen die zweitbeste Privatmarke auf der Amazon-Plattform, mit 10 Millionen Dollar Umsatz in nur vier Monaten.

Den Amazon-Effekt spüren auch die Whole-Foods-Rivalen. Der größte US-Supermarktkonzern Kroger machte im letzten Quartal acht Prozent weniger Gewinn. Kroger steckt in der Kneifzange zwischen Amazon und klassischen Einzelhandelsdiscountern wie Wal-Mart, Target und Costco.

Die wiederum verarbeiten den Amazon-Schock, indem sie ihre Produkte nun unter anderem auch über Instacart anbieten, ein Start-up für Hauslieferungen. Die Ironie: Whole Foods war vor Amazon ein Instacart-Teilhaber und zugleich dessen größter Kunde. Durch den jüngsten Zulauf der Whole-Foods-Konkurrenz ist das Geschäft von Instacart jetzt explodiert.

Amazons Buchläden sind klein, steril und bargeldlos

"Wenn Amazon agiert, reagiert die Welt", schreibt die Wall-Street-Website "Business Insider" und stellt für 2018 eine Prognose auf: "Entweder bist du gegen Amazon - oder du wirst irgendwann ein Bestandteil von Amazon."

Das zeigt sich auch im dritten Stock des Time Warner Center. Dort verschwand der langjährige Buchladen Borders: Der Dachkonzern hatte 2011 alle 399 US-Filialen schließen müssen. Jetzt findet sich dort eine H&M-Filiale - und gegenüber Amazon Books.

Seit Ende Mai hofft New Yorks erster Amazon-Buchladen die Aura der alten Geschäfte wiederzubeleben, doch schafft nur eine müde Imitation. Klein, steril und bargeldlos, ist Amazon Books kaum mehr als ein Schaufenster für die Website - eine "physische Verlängerung von Amazon.com", so das ganz offizielle Motto.

Auf den Hinweiskarten an jedem Buch sind die Amazon-Sternchen am größten - und die kursiven Autorennamen kaum lesbar, so winzig sind sie. Prominent vertreten sind auch hier Amazon-Digitalprodukte wie der Kindle.

Gleiches gilt für Manhattans zweites Amazon Books nahe Macy's, dem um seine Existenz kämpfenden Traditionskaufhaus. Mittlerweile hat Amazon 13 US-Buchläden eröffnet, mindestens zwei weitere sollen 2018 folgen - während Barnes & Nobles, der letzte große Buchladenkonzern, acht Filialen verlor.

Das Weihnachtsgeschäft bei Amazon Books lief blendend. Bestseller waren eine Fotobiografie des Ex-Präsidenten Barack Obama - und der Echo-Dot-Lautsprecher.



insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
g.s.hess 05.01.2018
1.
In Deutschland wird immer geheult dabei wird hier einfach jeder Trend und jede entwicklung verschlafen. Oh je das böse Amazon macht die Buch Läden kaputt. Komisch vor Amazon hat man das auch schon über Hugendubel gesagt. Die Welt entwickelt sich weiter und bleibt nicht stehen.
Newspeak 05.01.2018
2. ...
"Drei Etagen weiter oben wird es schamloser. Gegenüber vom alten Buchladen Borders, der wegen Amazon Pleite ging, ein neuer Buchladen: Amazon Books." Ist das objektive, neutrale Berichterstattung? Leute, falls ihr es nichjt begreift, das, was Amazon tut, ist ganz normaler Kapitalismus bzw. freie Marktwirtschaft. Es hatte wohl Gruende, warum der alte Buchladen, wie viele andere Geschaefte vor ihm, pleite ging. Ueblicherweise hat das damit zu tun, dass die Konkurrenz es besser schafft, die Kundenbeduerfnisse zu befriedigen. Aus eigener Erfahrung mit "alten" Buchlaeden und mit Amazon kann ich nur sagen, ich weine diesen Geschaeften im Grunde keine Traene nach. Im Stadtbild macht sich so eine Buchhandlung nett aus, ohne Frage, aber wenn man wirklich ein Buch kaufen wollte, war es nicht vorraetig, es gab auch vor Amazon schon keinen guten Kundenservice (sprich, die "Fachverkaeufer" hatten vor allem keine Ahnung), die Lieferzeiten waren wochenlang, und oft genug ist zum vereinbarten Termin das Buch immer noch nicht dagewesen. Was ich viel interessanter faende, als Amazon so billig zu bashen, weil einem die moderne Welt nicht gefaellt, ist doch die Frage, ob Amazon nicht laengst die Fehler der Vergangenheit wiederholt. Ich bin begeisterter Kunde von Amazon geworden, weil ich KEINEM Buchclub beitreten wollte. Neuerdings wird man allerdings, mehr oder weniger subtil, dazu genoetigt, Amazon Prime beizutreten. Sorry, Leute, das will ich nicht. Ich moechte nicht monatlich etwas bezahlen, weil ich alle paar Monate etwas einzukaufen gedenke. Ich moechte diese Abhaengigkeit nicht. Da helfen auch keine Preisnachlaesse. Das Problem von Amazon ist, dass es keine Strategie fuer die Konsolidierung des Wachstums hat. Bezos kennt nur Expansion. Das mag noch eine Weile gutgehen, aber am Ende wird darin der Keim des Untergangs liegen. Man verzettelt sich. Man verkauft nicht nur Buecher, und Haushaltswaren, und Lebensmittel, und Clouddienstleistungen, und und und, sondern es wird immer absurder, was man im Angebot hat. Wozu? Wann soll das Ende erreicht sein? Wenn Amazon alles verkauft und alles besitzt? Da steht hoffentlich noch das Kartellrecht davor. Und selbst wenn, wie will man dann noch Wachstum und Expansion erzeugen? Der letzte Kapitalist, der glaubte, man koenne durch reine Expansion ein stabiles Geschaeft aufbauen, war Anton Schlecker.
Harald Schmitt 05.01.2018
3. Man kann viel über amazon schimpfen
Aber die haben es eben drauf. Die bieten alles aus einer Hand mit gutem Service, schnellem Versand, schneller Reaktion und günstigen Preisen an! Bsiher sind sie damit konkurenzlos. Wer hat es denn verschlafen, der Einzelhandel!!! Bei amazon sieht man gleich Bewertungen zum Produkt, kann sich umfassend informieren und sieht die Bestsellerliste während man im Handel vergebens nach Beratung sucht und dann liest einem der Typ dann auch nur das vor was auf dem Schild steht. Ich hatte mal bei einem großen Markt nach einem Maßband gefragt, weil mein Elektroherd bestimmte Ausmaße hat und die Angaben auf dem Schild fehlten. Meinen sie der Verkäufer ist sofort losgerannt, nein sowas gibts hier nicht! Da hab ich im Internet gesucht und dann auch da bestellt, wenn einer nicht verkaufen will dann soll er sein Zeug behalten! Bei den Bücherläden hatten sie bisher nie die Bücher die ich wollte und bestellen zum Festpreis(Buchpreisbindung!) kann ich es auch selber! Ebookreader und ebooks gab es fast auch nie, das haben einige total verpennt. Da das Internet für ganz Viele Bürger und augenscheinlich auch Einzelhändler ist, bringt es amazon eben zu allen! Die Idee hatte ja keiner vor denen. Wie oft fragt man sich lohnt es sich zum Händler in der Umgebung zu fahren, hat er das gewünschte Produkt, was kostet es und die meisten Händler haben nicht mal eine Hompage oder wenigstens Infos mit Öffnungszeiten oder Telefonnummer im Netz! Die örtichen Händler könnten sich ja auch zusammenschliessen und eine eigene Plattform entwickeln aber das schaffen sie auch nicht aber über amazon jammern! Und dann noch die angebotenen BEzahlsysteme wo man bei SofortÜberweisung die geheime PIN, die Tannummern und andere private Daten überlassen muss damit die dann die Zahlung abwickeln anstatt Kauf auf Rechnung, Bankeinzug....
danduin 05.01.2018
4. Was ist jetzt anders. Ist doch auch nur ein Buchladen.
Was ist jetzt anders. Ist doch auch nur ein Buchladen. Der Erlös geht halt an einen rießigen Konzern statt an einen kleineren. Das einzige was ich als Vorteil sehe wäre dass man Verkäufer hat um über sein Produkt mal zu reden, oder mal sein Produkt vorher anzuschauen. Die Welt geht in Richtung Zukunft. Einen Weltkonzern Amazon lehn ich allerdings auch ab.
alfreddneumann 05.01.2018
5. @Hugendubel
Was für ein Vergleich. Hugendubel, was auch immer das sein soll und Amazon. Ich bin mir vollkommen sicher, das Amazon mit seinen Läden in Deutschland null Prozent Chance hätte irgendetwas zu reißen. Zu stark und vielfältig ist die Konkurrenz. Und im Gegensatz zu den Amerikanern, sind die Deutschen nur schwer von etwas Neuem zu begeistern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.