Geldgeschäfte Wenn Amazon das Wohnzimmer zur Bank macht

Mit eigenen Bezahlsystemen stoßen die großen Konzerne wie Amazon, Google oder Apple immer weiter ins Geldgeschäft vor. Machen die Tech-Giganten die klassischen Banken und Sparkassen irgendwann überflüssig?

Amazons Echo (Archiv)
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Amazons Echo (Archiv)

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Alexa, buch' mir den Drachenflug Ende Juni." - "Ich buche den Drachenflugtermin Ende Juni. Wie sieht es dazu mit einer passenden Unfallversicherung aus?" - "Okay, such' mir ein Angebot raus und bezahl' über mein Amazon-Konto."

So oder ähnlich könnten künftig Dialoge mit Amazons smartem Lautsprecher Echo aussehen. Verbraucher können bequem aus dem Wohnzimmer Produkte und Dienstleistungen bestellen, Zusatzdienste und Bezahlung übernimmt die künstliche Intelligenz (KI).

Für die Finanzinstitute in Deutschland ist es dagegen ein Horrorszenario: Technikkonzerne wie Amazon, Facebook, die Google-Mutter Alphabet oder Apple könnten mit eigenen Finanzangeboten in den Markt einsteigen - und ihnen das Geschäft abgraben.

Experten zufolge ist ein Einstieg der großen Technikkonzerne in den Banken- und Versicherungsmarkt nur noch eine Frage der Zeit. "Das ist ein wichtiges Thema bei den Sparkassen", sagt Jens Rieken, der den Sparkassen Innovation Hub leitet, in dem neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden. Laut dem "World Insurance Report 2018" der Beratungsgesellschaft Capgemini stehen die Technikkonzerne in den Startlöchern, um bald in Konkurrenz zu Versicherungsunternehmen zu treten.

Dabei könnte die Revolution durch das Wohnzimmer kommen: Denn eines der Instrumente, mit denen beispielsweise Amazon seine Finanzdienste verbreiten könnte, ist der Echo, der sich auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreut.

Türöffner für Techunternehmen

Die Furcht, dass das Silicon Valley die Finanzbranche aufrollen könnte, bekam erst kürzlich neue Nahrung: US-Medien berichteten, dass Amazon unter anderem mit der US-Bank JPMorgan eine Partnerschaft sondiere. Auf Anfrage wollte Amazon sich dazu nicht äußern. Der Konzern wolle sich an Spekulationen nicht beteiligen, hieß es.

Bereits seit Jahren wird bei Banken und Sparkassen die mögliche Konkurrenz durch Techfirmen diskutiert. "Zunächst wurden kleinere Fintechs als Gefahr gesehen", sagt Sven Korschinowski, Digital-Banking-Experte der Beratungsgesellschaft KPMG. Inzwischen hätten die Banken erkannt, dass ihnen von dort keine Gefahr drohe. Das legt auch eine Studie des Weltwirtschaftsforums in Davos (WEF) nahe. Die kommt zu dem Schluss, dass die größte Gefahr für den Bankensektor vielmehr von den großen Technikkonzernen ausgehe.

Die großen Konzerne, mit denen viele Banken derzeit zusammenarbeiten, könnten ihre Partner überflüssig machen und deren Angebote durch eigene Dienste ersetzen. Viele der Technologiekonzerne besitzen bereits Banklizenzen. Gerade die Bestrebung der Finanzinstitute, ihren Kunden ein besseres Nutzererlebnis zu verschaffen, würde den Wettbewerbern aus der Techbranche die Türen öffnen, heißt es in der WEF-Studie.

Experimente mit Echo

Viele Banken und Sparkassen haben schon länger erkannt, dass sie ihren Kunden mehr bieten müssen als Geldautomaten und Kundenberater in Filialen. So sind Online- und mobiles Banking inzwischen selbstverständlich geworden.

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Smarte Lautsprecher im Test: Gadgets mit Alexa und Google Assistant im Vergleich

Einige Institute haben bereits mit Amazons Echo experimentiert, beispielsweise um Aktienkurse per Sprache über den intelligenten Assistenten Alexa abfragen zu können. Seit Ende vergangenen Jahres lässt Amazon aber keine "Banking Skills" mehr zu. Das biete Raum für Spekulationen, dass der Internetkonzern selbst in das Bankgeschäft einsteigen wolle, sagt Rieken. Er sieht Voice-Anwendungen als neuen Kanal zur Kundenansprache.

"Technik spielt in der Kundenansprache eine herausragende Rolle", sagt auch KPMG-Experte Korschinowski. Das sei ein Nachteil für Banken, die vorhandene Technologien noch nicht genug nutzten. "Hier sind die großen Techunternehmen weit vorne."

So könnten über Alexa beispielsweise im Dialog im Wohnzimmer Anfragen für mögliche Immobilienfinanzierungen oder Versicherungspolicen erfolgen. "Die Banken sind dann weit weg vom Kunden", sagt Korschinowski. Allerdings hätten auch die klassischen Anbieter noch Chancen, wenn sie sich den technologischen Herausforderungen stellten.

Die Unternehmensberatung Bain & Company bescheinigt Amazon eine sehr gute Chance, den Bankensektor genauso zu verändern wie zuvor den Handel. Der Konzern strebe nicht an, zu einer Bank zu werden, heißt es in einer Analyse. Stattdessen übernehmen Partnerbanken die Verwaltung der Einlagen und Amazon sorgt für die Vergabe der Kredite und das Kundenerlebnis. Die Konzerne vermeiden dadurch zudem die strengen Regulierungsvorschriften, denen Banken unterliegen.

Dank der seit Januar geltenden europäischen Finanzrichtlinie PSD2 wird es für die Techbranche noch einfacher. Denn darin werden die Banken verpflichtet, Schnittstellen einzurichten, damit Zahlungsdienstleister auf die Konten ihrer Kunden zugreifen können. "PSD2 ist ein Einfallstor für die großen Techkonzerne", sagt KPMG-Experte Korschinowski.

Vorteil Big Data

Apple, Amazon, Facebook und Google bieten bereits seit Längerem eigene Bezahldienste an. Die Abrechnung erfolgt dabei oft über Kreditkartenkonten. Das ist laut der Bain-Studie auch einer der Gründe, warum Amazon über einen eigenen Einstieg in das Bankgeschäft nachdenkt: Das Unternehmen verspreche sich davon niedrigere Gebühren. Amazon muss den Kreditkartenanbietern durchschnittlich zwei Prozent Transaktionsgebühren zahlen.

Der Konzern könnte dadurch alleine in den USA jährlich eine Viertelmilliarde Dollar sparen. Eine weitere Motivation bestehe darin, noch mehr Daten über die eigenen Kunden zu gewinnen, beispielsweise über Einkommen und Ausgabeverhalten.

Die nahtlose Verknüpfung der enormen Datenmengen ist ein Vorteil der großen Technikkonzerne. "Das Einkaufsverhalten ihrer Kunden ist natürlich auch für Banken interessant", sagt KPMG-Experte Korschinowski. Darauf könnten sie aber nicht direkt zugreifen. Die Technikkonzerne könnten dagegen ihren Datenbestand besser nutzen, um ihren Kunden neue Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen.

Eigene Währung

Das könnte so weit gehen, dass Amazon eine eigene Kryptowährung ausgeben könnte, sagt Korschinowski. "Dann müssen sie gar nicht mehr aus ihrem eigenen System heraus."

Für Amazon wäre die technische Entwicklung einer eigenen Währung auf Grundlage der Blockchain-Technik einfach zu meistern. Kapazitäten sind mit dem Clouddienst AWS und der Erfahrung des Konzerns bei KI genug vorhanden. Blockchain und KI gelten als Schlüsseltechnologien für die Finanzbranche. Das legt auch die Studie "Banking Technology Vision" des Beratungsunternehmens Accenture nahe.

Diese großen Techkonzerne mischen bei Finanzdienstleistungen mit
Amazon
Der Internetkonzern plant Medienberichten zufolge, eigene Girokonten für junge Kunden anzubieten. Das soll offenbar in Zusammenarbeit mit etablierten Banken geschehen. Doch Amazon bietet schon seit Längerem einige Finanzdienstleistungen an. So gibt der Konzern beispielsweise in Kooperation mit Banken eine eigene Kreditkarte aus. Zudem können Händler über den Bezahldienst Amazon Pay Onlinebestellungen ihrer Kunden abwickeln. Sogar Kredite vergibt der Internetkonzern: Über Amazon Lending können sich Marketplace-Händler Geld leihen, beispielsweise für größere Warenbestellungen.
Google
Auch Google verfügt über ein eigenes Bezahlsystem: Google Pay. Mit diesem Dienst können Nutzer über die bei Google hinterlegten Zahlungsinformationen bei mehreren Partnern bargeldlos bezahlen. In den USA und Großbritannien ist es auch möglich, über das früher Wallet genannte Google Pay Send Geldbeträge an Privatpersonen zu überweisen. Zuletzt gab es Gerüchte, dass der Deutschlandstart von Google Pay unmittelbar bevorstehe. Die Comdirect Bank, mit der Google das Angebot hierzulande angeblich gemeinsam anbieten will, hat Medienberichten zufolge erst kürzlich eine entsprechende Informationsseite freigeschaltet, die später aber wieder vom Netz genommen wurde.
Facebook
Im sozialen Netzwerk Facebook und bei den Tochterunternehmen WhatsApp und Instagram können Nutzer über den Dienst Payments Zahlungen abwickeln. Der Dienst basiert auf den bei Facebook hinterlegten Zahlungsdaten. Wie bei Google Pay Send können sich Kunden in den USA und Großbritannien über die Messenger App auch gegenseitig Geldbeträge überweisen.
Apple
Im Apple Online Store kaufen Nutzer über die in ihrem Kundenkonto hinterlegten Zahlungsinformationen ein. In einigen Ländern bietet der Konzern auch kontaktloses Bezahlen über Apple Pay an. Der Dienst wird allerdings in Deutschland bisher nicht unterstützt. Voraussetzung ist ein iPhone 6 oder neuer, einige iPad-Modelle oder die Apple Watch. Über diese Geräte können Nutzer im Internet oder in Geschäften mit ihren Kredit- oder Debitkarten zahlen. Wie bei Amazon und Google gibt es zudem in den USA die Möglichkeit, Geld an Privatpersonen zu überweisen.
Alibaba
Der chinesische Internetkonzern bietet seinen Kunden über die zur Alibaba Group gehörende Firma Ant Financial Services zahlreiche Finanzdienstleistungen. So können Nutzer über den Dienst Alipay per QR-Code in einer App kontaktlos bezahlen. Über die App lassen sich auch Rechnungen begleichen, Taxen rufen und Online-Einkäufe tätigen. Alipay wird auch in Deutschland bereits von einigen Unternehmen angeboten, allerdings richtet sich der Dienst vorwiegend an chinesische Touristen. Darüber hinaus werden über Alipay auch Kredite gewährt und Überweisungen ermöglicht.
Tencent
Über seine Nachrichten-App WeChat mischt auch der chinesische Internetkonzern Tencent im Geschäft mit Finanzdienstleistungen mit. Die Nutzer können per WeChat kontaktlos per QR-Code bezahlen und Geld überweisen. Die App bündelt darüber hinaus noch etliche weitere Funktionen. Inzwischen hat sich Tencents Angebot mit dem Namen Tenpay zu einem starken Wettbewerber für Alipay entwickelt. Die beiden chinesischen Konzerne haben ihren Heimatmarkt gemessen am Transaktionswert praktisch unter sich aufgeteilt.

Aber nicht nur die US-Technikkonzerne könnten zu neuen Konkurrenten in der deutschen Bankenlandschaft werden. Auch die chinesischen Internetkonzerne Alibaba und Tencent bieten in Asien bereits Finanzdienstleistungen in großem Maßstab an und könnten nach Ansicht der Experten in den Markt drängen.

"Die chinesischen Konzerne bringen ein Ökosystem auf, das genauso relevant ist wie das der westlichen Konzerne, wenn nicht sogar in Teilen relevanter, wie der chinesische Payment-Riese Ant Financial zeigt", sagt Rieken. Ant Financial steht kurz vor dem Börsengang und soll das Unternehmen hinter Alipay zu einem der teuersten Tech-Unternehmen weltweit machen.

In Deutschland ist es bisher nicht gelungen, mobiles Bezahlen per Smartphone zu etablieren. Entsprechende Versuche der Mobilfunkanbieter sind gescheitert. Neben Alibaba und Tencent bieten Google und Apple vergleichbare Dienste bereits in vielen Ländern an. Facebook experimentiert bei seinem Messenger WhatsApp mit Bezahlfunktionen. Ein Markteintritt von Google Pay in Deutschland soll Medienberichten zufolge unmittelbar bevorstehen.

Für die Banken und Sparkassen wird es schwer, in dem Szenario einen Platz zu finden. Wenn die Techkonzerne über ihre digitalen Assistenten die Wohnzimmer dominieren und es ihnen gelingt, auch in Deutschland mobiles Bezahlen per Smartphone zu etablieren, bleiben für die Institute nur noch wenige Nischen im Privatkundengeschäft. Eines scheint sicher: Wenn sie sich nicht ständig technologisch weiterentwickeln, werden sie das Rennen verlieren.

Zusammengefasst: Die deutsche Finanzbranche erwartet einen Markteinstieg der großen Technikkonzerne . Amazon, Google und Co. könnten über neue Geräte wie intelligente Lautsprecher den Instituten die Kunden abgraben. Noch können diese auf das große Vertrauen bauen, das ihre Kunden ihnen entgegenbringen. Doch auf lange Sicht müssen sie sich auf das technologische Wettrüsten einlassen.

insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
ansv 02.06.2018
1.
Wie lange wird es wohl dauern, bis die Büchse von sich aus das Verkaufsgespräch startet? Am Anfang würde der Nutzer es noch nett finden, wenn Alexa zuerst "guten Morgen" sagt, wenn er den Raum betritt. Irgendwann wird sie das Gespräch dann auf den Kontostand lenken und einen günstigen Ratenkredit empfehlen...
FritzR. 02.06.2018
2. Deutsche Banken warten ab -warum?
Die deutschen Banken und Sparkassen warten mit der Einführung eines Zahlungssystems per Smartphone, bis die US-Konzerne den Markt übernehmen. Warum eigentlich?!? Die Infrastruktur existiert doch. Fehlt nur die App. Sie sollten sich endlich beeilen!
dreg2 02.06.2018
3. "schöne" Zukunft
wer wie in dem Beispiel beschrieben handelt verlässt sich zu sehr auf die KI. Aber muss ja jeder selber wissen oder halt auch nicht mehr.
mirage122 02.06.2018
4. Kein Unterschied
Mittlerweile ist es gängige Praxis in der persönlichen Beratung bei der Bankfiliale meines Vertrauens genauso wie online, dass mir auch gern andere Produkte angeboten werden. Das nennt man in Neudeutsch Cross-Selling. Andere Länder gehen damit völlig normal um, nur in Deutschland herrscht noch eine große Zurückhaltung, Vielleicht ist hier nur eine bessere Aufklärung notwendig!
StromkundeHH 02.06.2018
5. Spannend
Bank- und Versicherungsdienstleistungen sind nicht so sexy wie sichtbare Waren oder Artikel. Der Deutsche kauft keine Unfallversicherung zum Drachenflug. Nur wenige sichern ihre Immobilienfinanzierung richtig ab. Alexa wird da schon brüllen müssen. Vielleicht ist es aber an der Zeit, dass Politik und Medien unsere Institute nicht fortwährend kritisieren. Sonst steigen wirklich viele um. Hoffentlich stellt Amazon dann auch Geldautomaten auf...
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