20 Jahre Amazon Wie ein Unternehmen uns alle verändert hat

Amazon wird 20 Jahre alt. 1995 trudelten in einer kleinen Online-Buchhandlung in Seattle die ersten Bestellungen ein. Seitdem hat das Unternehmen unsere Lesegewohnheiten gründlich aufgemischt. Nun steht die nächste Revolution an.

Aus Seattle berichtet

Amazon-Lager in Phoenix: Schöpfen durch Zerstören
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Amazon-Lager in Phoenix: Schöpfen durch Zerstören


Für eilige Leser: Am Ende des Textes finden Sie einen Faktencheck: Ist Amazon wirklich so böse?

Der Teufel lacht. Nicht besonders teuflisch eigentlich, sondern offen und schallend wie einer, der sich und das Leben mag. So richtig diabolisch sieht Russell Grandinetti, den hier in der Amazon-Zentrale alle nur Russ nennen, auch gar nicht aus: Holzfällerhemd, Dreitagebart, dunkle Locken. Wie man halt so rumläuft in Seattle.

Doch es hilft nichts, Grandinetti ist der Gottseibeiuns. Zumindest in den Augen von weiten Teilen der Verlagsbranche. Als Senior Vice President verantwortet er beim Onlinehändler Amazon die Kindle-Sparte, also das Geschäft mit elektronischen Büchern. In dieser Rolle scheut er keinen Konflikt mit jenen Buchverlagen, die keine Lust haben, ihre Top-Autoren als E-Book für 9,99 Dollar verramschen zu lassen.

Also mit fast allen.

"Bin gerade auf dem Weg nach Seattle, um mir in den Arsch treten zu lassen", zitiert das Magazin "The New Yorker" John Sargent, den Chef des Verlagshauses Macmillan, vor einem Treffen mit Grandinetti und anderen Amazon-Managern. Deutsche Verleger erinnern sich mit Schaudern an einen Grandinetti-Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse. Da eröffnete ihnen der Amazon-Mann, dass sie künftig um das Zeitbudget ihrer Leser konkurrieren müssten - zum Beispiel mit Gratis-Videospielen wie "Angry Birds". Entsprechend, so Grandinettis Botschaft, sollten die Verlage ihre Preise gestalten.

Amazon-Manager Grandinetti: Der Teufel trägt Karo
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Amazon-Manager Grandinetti: Der Teufel trägt Karo

Das Entsetzen, das der Name Grandinetti bei Buchverlagen auslöst, erklärt sich zu einem großen Teil daraus, dass Amazon den Konflikt längst gewonnen hat. Amazon ist globaler Marktführer im Handel mit gedruckten wie mit elektronischen Büchern. Egal ob der Trend zum E-Book weitergeht (womit Amazon rechnet) oder auf dem derzeitigen Niveau stagniert (was viele Verleger hoffen): Amazon verdient in jedem Fall, solange es Menschen gibt, die Bücher lesen, ob gedruckt oder digital.

Vor genau 20 Jahren, am 16. Juli 1995, hat Amazon das erste Buch über seine Website verkauft ("Fluid Concepts & Creative Analogies: Computer Models of the Fundamental Mechanisms of Thought"). 20 Jahre später ist Amazon das mächtigste Unternehmen in der Buchbranche. Seit Gutenberg die Druckerpresse erfand, hat niemand unsere Vorstellung vom Lesen und vom Preis, den wir dafür zu zahlen bereit sind, so sehr verändert wie Amazon. Das Unternehmen hat aus jedem Buch eine weltweit verfügbare Ware gemacht, erst in gedruckter, dann in elektronischer Form. Und jetzt ist der Konzern dabei, das einzelne Buch als Produkt auszulöschen und es in einer allumfassenden elektronischen Medienflatrate aufgehen zu lassen.

Kannibalisiere dich selbst, bevor es ein anderer tut

Wie der Konzern aus Seattle den Markt für elektronische Bücher erst erschuf, um ihn dann zu erobern, und sich dabei auch noch selbst neu erfand: Das ist ein Stück Wirtschaftsgeschichte, von dem Unternehmen rund um den Globus lernen können. Und jeder Kunde, der sich bei Amazon ein gedrucktes Buch bestellt, ein E-Book herunterlädt oder beides ganz bewusst nicht tut, wird ungefragt zum Teil dieser Erzählung.

Die Geschichte von Amazons E-Book-Offensive beginnt im Jahr 2003. Ende April startet der Computerkonzern Apple seinen virtuellen iTunes-Store. Dort lässt sich für rund einen Dollar fast jedes gewünschte Lied herunterladen. Innerhalb eines Jahres eroberte sich Apple die Marktführerschaft im Online-Musikgeschäft.

Gut tausend Kilometer nördlich vom Apple-Hauptquartier in Cupertino machte man sich Sorgen. In Seattle war Amazon zu diesem Zeitpunkt mit knapper Not der Pleite entkommen. Die Dotcom-Blase war geplatzt, Amerika steckte in der Krise. "Damals rief mich meine Mutter an und sagte mir, dass mein Zimmer daheim immer noch frei sei", sagt Russ Grandinetti und lacht sein dröhnendes Lachen. Er war zu jener Zeit für die Finanzen von Amazon verantwortlich (ein ausführliches Interview mit Grandinetti lesen Sie hier).

Amazon hatte seinen Wachstumskurs notgedrungen gestoppt und aufs Sparen umgeschaltet. In den Augen der meisten Analysten war klar: Amazon würde fortan ein mittelgroßer Einzelhändler bleiben, mit mäßigem Umsatzwachstum und bestenfalls schmalen Gewinnmargen.

Und nun schienen selbst die gefährdet. Wenn es Steve Jobs schaffte, den Handel mit Musik binnen weniger Monate unter seiner Herrschaft zu digitalisieren, warum sollte ihm das gleiche Kunststück nicht auch mit elektronischen Büchern gelingen? Und was würde dann aus dem Buchversandhaus Amazon? Wenn dieses Kerngeschäft wegbricht, hilft kein Sparen mehr. Dann hätte Grandinetti tatsächlich wieder bei Mutti in New York einziehen müssen.

2004 verkündete Amazon-Gründer Jeff Bezos seinen verblüfften Führungskräften: Amazon werde das Geschäft mit digitalen Büchern selbst in die Hand nehmen und dazu ein eigenes Lesegerät für E-Books entwickeln. Jene Geräteserie, die heute als Kindle bekannt ist.

Kindle-Modell Paperwhite: Als würde Otto ein Auto bauen
DPA

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Aus zwei Gründen war das eine bemerkenswerte Ankündigung:

  • Erstens hatte das Internetversandhaus Amazon keine Ahnung davon, wie man Elektrogeräte entwickelt und herstellt. Ebensogut hätte der Otto-Versand ankündigen können, ein eigenes Auto zu bauen.
  • Und zweitens gefährdete der Kindle genau jenes Geschäft mit dem Versand gedruckter Bücher, das damals einen Großteil des Amazon-Umsatzes ausmachte. Amazon zerstörte also sein eigenes Geschäft, bevor Apple es tun konnte.

"Als ich hörte, dass Amazon eigene Lesegeräte entwickelt, war ich ziemlich skeptisch, sagt David Limp, ehemaliger Apple-Manager und heute als Senior Vice President bei Amazon für alle Kindle-Geräte verantwortlich. "Doch dann sah ich, wen die für das Projekt einstellen, und dachte: Immerhin holen sie die richtigen Leute". Zu denen bald auch Limp selbst zählte.

Auch das Problem mit der Kannibalisierung ging Firmengründer Bezos an. Er machte den bisherigen Leiter des konventionellen Buchgeschäfts zum neuen Leiter des Kindle-Teams. In einem normalen Konzern wäre das als krasse Zurücksetzung aufgefasst worden: Vom Verantwortlichen fürs Kerngeschäft, mit großer Umsatzverantwortung und Tausenden von Mitarbeitern, zum Leiter eines Zukunftsprojekts mit vagen Erfolgschancen.

Nicht so bei Amazon. "Es gibt bei Amazon eine große Tradition, erfahrene Manager auf neue Geschäftsfelder zu versetzen, in denen sie auf den ersten Blick weniger Personal- und Budgetverantwortung haben", sagt Kindle-Chef Limp. Diese Methode verhindere, woran Innovationen in so vielen anderen Konzernen scheitern: dass die mächtigen Manager, die für das alte Geschäftsmodell verantwortlich zeichnen, sich instinktiv gegen Neuerungen wehren. Bei Amazon hingegen können sie schon morgen selbst für die Veränderungen zuständig sein.

Chaotisch wie ein Start-up, knickerig wie ein Konzern

20 Jahre nach der ersten Buchbestellung ist Amazon der Größe nach eindeutig ein Konzern, mit über 150.000 Mitarbeitern und einem Quartalsumsatz von knapp 22,7 Milliarden Dollar. Doch trotz seiner Größe hat sich Amazon viel von einem Start-up bewahrt. Ein ehemaliger Mitarbeiter spottet sogar, das Unternehmen vereine von beiden Welten das Schlechteste: das Chaos, die langen Arbeitstage und die fehlenden Gewinne eines Start-ups mit der Knickerigkeit und der Bürokratie eines Konzerns.

Noch immer hausen in der Amazon-Zentrale in der Innenstadt von Seattle viele Manager in fensterlosen Arbeitsboxen, die aus rohen Spanplatten zusammengezimmert sind - Verpackungsabfälle aus den Amazon-Logistikzentren.

Amazon-Spanplattenbüro: Wände aus Verpackungsabfall
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Amazon-Spanplattenbüro: Wände aus Verpackungsabfall

Und weil es hier noch immer keine Kantine gibt, stauen sich um die Mittagszeit die Food Trucks zwischen den Büroklötzen. Von Gratis-Sushi wie bei Google können die Amazon-Mitarbeiter nur träumen. Flüge in der Business Class? Bei Amazon ebenso verpönt wie Powerpoint-Präsentationen.

Vielleicht trägt diese Käfighaltung der Amazon-Mitarbeiter dazu bei, dass das Unternehmen auch nach 20 Jahren nichts von seinem Wettbewerbsgeist verloren hat. Bei anderen einst erfolgreichen Start-ups stellt sich mit der Volljährigkeit meist eine gewisse Bräsigkeit ein - Microsoft war 20, als man dort das Internet verpennte. Amazon hingegen gebärdet sich selbst als Twen noch wie der streitlustige Rüpel auf dem Schulhof, dem selbst die Großen aus dem Weg gehen. Weil sie wissen: Der tut einem richtig weh.

Food Truck vor der Amazon-Zentrale: There is no Free Lunch
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Food Truck vor der Amazon-Zentrale: There is no Free Lunch

Vorgelebt wird dieser Wettbewerbsgeist von Firmengründer Jeff Bezos, exekutiert von den "Jeffbots". So nennt der US-Wirtschaftsjournalist Brad Stone, Autor der kritischen Amazon-Unternehmenschronik "Der Allesverkäufer", die Riege der Bezos-Vertrauten. Sie sind meist schon sehr lange im Unternehmen, und Bezos vertraut ihnen alle wichtigen Projekte an. Auch Grandinetti, seit 17 Jahren bei Amazon, zählt für Stone zu den Jeffbots.

Die Buchverleger sollten die Streitlust der Jeffbots 2006 zu spüren bekommen. Im Silicon Valley näherte sich der erste Kindle der Serienreife - Bezos hatte die Entwicklung an ein Team mit dem geheimnisvollen Namen Lab 126 fernab der Konzernzentrale ausgelagert.

Gegenüber dem Team bestand Bezos auf immer neuen Verbesserungen. Zum Beispiel auf einem integrierten Mobilfunkanschluss (damals eine ziemlich verrückte Sache), um Bücher auch von unterwegs herunterladen zu können. Anders als frühere Lesegeräte konnte bereits der erste Kindle zudem mit einem E-Ink-Bildschirm aufwarten, mit dem sich auch im grellen Sonnenlicht lesen lässt.

Doch was nutzt die schönste Technologie, wenn es nicht genug elektronische Bücher gibt?

Brad Stone schildert in "Der Allesverkäufer", wie Amazons Emissäre bei den großen Verlagshäusern darum warben, Buchtitel in einer Kindle-kompatiblen Digitalversion bereitzustellen - aber ein wichtiges Detail verschweigen mussten. Das erfuhren die versammelten Verleger laut Stone erst am 19. November 2007, als Jeff Bezos in New York den ersten Kindle öffentlich vorstellte. In Minute 17 seiner Ansprache sagte Bezos: "New-York-Times-Bestseller und Neuerscheinungen kosten nur 9,99 Dollar."

Amazon-Gründer Bezos: Bestseller für 9,99 Dollar
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Amazon-Gründer Bezos: Bestseller für 9,99 Dollar

9,99 Dollar war eine Zahl, die Bezos im Alleingang festgesetzt hatte. Der Preis lag deutlich unter dem eines Hardcoverbuchs und auch unter dem Preis, zu dem Amazon die E-Books von den Verlegern einkaufen musste. Amazon zahlte also drauf und machte sich die Verleger zu Feinden, die um ihre fetten Hardcover-Margen fürchten mussten. Alles nur, um allen Kunden klar zu machen: Digital lesen ist billiger als gedruckt.

Bis dahin hatten die meisten Buchverlage Amazon eher als einen willkommenen Partner gesehen. Schließlich linderte der Vertrieb über Amazon die erdrückende Marktmacht der großen Buchandelsketten wie Barnes & Noble in den USA oder Hugendubel und Thalia in Deutschland. Doch seit 2007 lebt Amazon im Stellungskrieg mit den Verlagen - und fast immer geht es um den Preis für E-Books. Ob Hachette in den USA oder Ullstein und Piper in Deutschland: Gedruckte Bücher von Verlagen, die sich Amazons Preisvorstellungen bei E-Books widersetzten, waren plötzlich bei Amazon nur noch mit langen Lieferzeiten erhältlich - eine ziemlich offensichtliche Schikane. Nach einer entsprechenden Beschwerde der Verlagsbranche hat die EU-Wettbewerbskommission ein Verfahren gegen Amazon eingeleitet.

Der Traum von der Flatrate für alles

Grandinetti hingegen sieht sich nicht als Feind, sondern als Verbündeter der Verlage: "Bei der Musik begann es so, dass die Kunden für einzelne Songs bezahlen mussten. Inzwischen gibt es bei Amazon in den USA unbegrenzt Musik für eine monatliche Flatrate. Warum sollte das nicht auch bei Büchern möglich sein?" Die Verlage würden dann zwar weniger pro Buch verdienen, aber dafür würde wesentlich mehr gelesen, wenn jedes Buch sofort verfügbar sei. Grandinetti: "Es geht letztlich immer um die Frage: Was mache ich, wenn ich ein Buch fertiggelesen habe. Fange ich gleich das nächste an, schaue ich lieber eine Serienepisode, oder gehe ich auf Facebook." Oder spiele ich "Angry Birds", könnte man ergänzen.

Amazon versucht, Verlagen und Autoren diese Niedrigpreisstrategie schmackhaft zu machen - und macht ihnen zugleich immer mehr Konkurrenz. "Amazon will letztlich die gesamte Wertschöpfungskette abdecken", sagt Daniel Lenz, stellvertretender Chefredakteur der Fachzeitschrift "Buchreport", "vom Manuskript bis zum Handel mit neuen und sogar gebrauchten Büchern":

  • Mit "Kindle Unlimited" ist Grandinetti seinem Traum von der Flatrate für alles Gelesene bereits einen großen Schritt näher gekommen: Für 9,99 Euro pro Monat (in Deutschland) gibt es unbegrenzten Zugang zu Hunderttausenden E-Books und elektronischen Hörbüchern.
  • Auf der Plattform Kindle Direct Publishing (KDP) können Autoren ihre unlektorierten E-Books selbst hochladen und einen Preis festsetzen. Von jedem via Amazon verkauften Exemplar erhalten sie 70 Prozent des Verkaufspreises. Bei konventionellen Verlagen erhalten Autoren üblicherweise zwischen zehn und 15 Prozent - ganz zu schweigen von den Problemen, die viele Amateur-Autoren haben, überhaupt einen Verlag zu finden.
  • Unter Fantasie-Markennamen wie "New Harvest" verlegt Amazon mittlerweile auch lektorierte, gedruckte Bücher. "Wir wollen möglichst viele attraktive Autoren für unsere E-Book-Sparte gewinnen. Das fällt uns leichter, wenn wir den Autoren auch eine gedruckte Ausgabe anbieten können", sagt Grandinetti.
  • 2008 übernahm Amazon die Firma Audible, den Marktführer für digitale Hörbücher, und lässt auch auf diesem Markt die Preise purzeln. Und auch bei Hörbüchern gilt: Verlage, die Audible als Vertriebskanal nutzen wollen, müssen sich Amazons Flatrate-Modell fügen.
  • Unter dem Label "Kindle Singles" veröffentlicht Amazon Texte als E-Book, die zu lang sind für Zeitschriftenartikel, aber zu kurz für ein konventionelles Buch.

Vom Nonnenkloster zu den Hells Angels

Kahlrasierter Schädel, helle Plastikbrille, schickes Strickjäckchen: Laurenz Bolliger gehört so eindeutig nach Berlin-Mitte wie Russ Grandineti nach Seattle. Von der Schumannstraße aus leitet Bollinger das deutschsprachige Programm von Kindle Singles: Essays, Novellen, Kurzgeschichten, von der Debatte um Pegida bis zur Erinnerung an die Flucht vor den Russen.

Laurenz Bolliger: Eindeutig Berlin-Mitte
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Laurenz Bolliger: Eindeutig Berlin-Mitte

Von den eingehenden Manuskripten veröffentlicht er eine von ihm lektorierte Auswahl als E-Books auf der Amazon Website, zu Preisen zwischen 99 Cent und 1,99 Euro. Was beim Leser gut ankommt, steigt in den Kindle-Verkaufcharts nach oben, der Rest versinkt im digitalen Nirwana.

Früher war Bolliger mal Lektor bei Suhrkamp. Jenem Haus, in dem Verlegerlegende Siegfried Unseld einst jahrelang mit schwierigen Autoren wie Uwe Johnson um Manuskripte rang. Bis heute hat sich Bolliger die zurückhaltende Nachdenklichkeit des Literaturbetriebs bewahrt. Kein Jeffbot, eindeutig.

Von Suhrkamp zu Amazon, ist das nicht so, als wechsle man vom Nonnenkloster der Buchbranche zu den Hells Angels? Laurenz Bolliger überlegt einen Moment. "Das ist ein ziemlich treffender Vergleich", sagt er dann.

Tatsächlich hat Amazons E-Book-Offensive die Buchbranche wilder, härter, aber auch aufregender gemacht. KDP hat eine ganz neue Riege von Bestsellerautoren hervorgebracht. Publikumslieblinge, von denen viele mit ihren Manuskripten zuvor bei konventionellen Verlagen gescheitert sind. Oliver Pötzsch aus München ist dank Kindle mit seinen historischen Romanen ("Die Henkerstochter") zum globalen Großautoren geworden, seine Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt.

Die wenigsten der Bestsellerautoren, die Amazon hervorgebracht hat, werden jemals einen Literaturpreis gewinnen. Wer im Buch ein Kulturgut sieht, das in erster Linie einem künstlerischen Anspruch genügen muss, kann durch einen Blick auf die Kindle-Verkaufscharts zum Pessimisten werden. Oder aber man lässt sich einfach davon faszinieren, dass Millionen von Menschen lange Texte kaufen möchten, für die sich bislang nie ein Verleger fand. Dass Lesen billiger geworden ist - und erfolgreiche Direct-Publishing-Autoren pro verkauftem Exemplar zugleich deutlich mehr verdienen, als sie in einem Verlag bekämen.

Unter diesen KDP-Autoren, die nur dank Amazon vom Schreiben leben können, hatte der Konzern bislang seine treuesten Fans. Doch auch diese Beziehung durchleidet gerade eine Krise: Seit es die Flatrate Kindle Unlimited gibt, werden viele Werke der Direct-Publishing-Autoren nicht mehr gekauft, sondern ausgeliehen, was für viele Autoren weniger Geld bedeutet. "Meine Verkaufszahlen sind abgesackt wie ein Stein, beklagt sich die US-Erfolgsautorin Holly Ward (über sechs Millionen verkaufte E-Books dank Kindle Direct Publishing). Sie habe 75 Prozent ihrer Einnahmen eingebüßt.

Bezos in Bangalore: Jeder verdiente Euro wird investiert
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Bezos in Bangalore: Jeder verdiente Euro wird investiert

Auf Dauer entgeht eben niemand Amazons schöpferischer Zerstörung. So nannte der Ökonom Joseph Schumpeter das, was echte Unternehmer in einer Marktwirtschaft leisten sollten: Durch fortwährende Innovation Lieferanten und Konkurrenten unter Druck setzen und so den Konsumenten zum niedrigeren Preis zu den gewünschten Produkten verhelfen.

Was natürlich für alle, die nicht am schöpferischen, sondern am zerstörten Ende dieser Entwicklung sitzen, gar nicht lustig ist. Also vor allem für Buchhändler und Verlage. Und möglicherweise auch für eine Gesellschaft, die einer inhabergeführten Kleinstadt-Buchhandlung oder einem Literaturverlag einen höheren Stellenwert beimisst als zum Beispiel den vielen inhabergeführten Kleinstadt-Drogeriemärkten. Die wurden bereits vor Jahrzehnten von billigeren Wettbewerbern wie dm oder Rossmann hinweggefegt, ohne dass es jemanden aufgeregt hätte.

Die Aggressivität, mit der Amazon sich in immer neue Kämpfe mit immer neuen Wettbewerbern stürzt, macht den Konzern nicht unbedingt sympathisch. Aber sie verdient Anerkennung, weil sie gegen die gängige Managementpraxis verstößt. Die besteht nämlich für immer mehr Konzerne darin, viel von Fehlerkultur zu schwadronieren, manches auch auszuprobieren - aber schnell den Stecker zu ziehen, falls sich keine raschen Erfolge einstellen. Lieber ruht man sich auf seinem bewährten Kerngeschäft aus und schüttet das Geld, das auf diesem Weg hereinströmt, an die Anteilseigner aus - statt es zu investieren.

Das könnte Jeff Bezos nicht passieren. Unter seiner Herrschaft fließt jeder verdiente Euro sofort wieder ins nächste Produkt, in den nächsten Preiskampf. Das ist auch der Hauptgrund, warum Amazon bis heute keine Gewinne macht.

Jeder Fehlschlag ist dabei vor allem Ansporn, es noch einmal zu versuchen. Der Sparte für lektorierte Bücher fehlt es bis heute an großen Autorennamen. Das erste Amazon-Smartphone liegt weitgehend unverkäuflich in den konzerneigenen Lagerhäusern. Für Amazon kein Grund, diese Geschäfte aufzugeben. Wie das zornige Kind, das nach einer verlorenen Schlägerei gleich den nächsten Kampf sucht.

Man kann das Wahnsinn nennen - oder Unternehmergeist.

Moment mal, hier ging es ja die ganze Zeit nur um Bücher. Aber was ist mit all den anderen schlimmen Dingen, die Amazon angeblich so treibt - Mitarbeiter ausbeuten, Steuern wegtricksen, Marktmacht missbrauchen, Kunden manipulieren und Buchhandlungen kaputt machen? Was an diesen Vorwürfen dran ist, lesen Sie in unserem Check: Wie böse ist Amazon wirklich? Klicken Sie auf die Bilder, um zum nächsten Abschnitt zu gelangen.

Vorwurf eins: Amazon missbraucht seine Marktmacht

Das Argument: In vielen Marktbereichen (Online-Buchhandel, Handel mit E-Books, digitalen Hörbüchern) besitzt Amazon einen sehr hohen Marktanteil und nutzt seine Nachfragemacht gegenüber Lieferanten missbräuchlich aus, um Preissenkungen zu erzwingen. Die Verlage können sich dem nicht widersetzen, weil sie es sich nicht leisten können, nicht an Amazon zu liefern.

Das Gegenargument: "Nur weil ein Unternehmen eine hohe Marktmacht besitzt und bei Lieferanten auf Preissenkungen drängt, heißt das noch nicht, dass das Unternehmen seine Macht missbraucht", sagt Felix Weidenbach, Spezialist für Wettbewerbsrecht bei der Kanzlei Baker Tilly Roelfs in München. Harte Verhandlungen seien im Geschäftsleben üblich und kämen in Form niedriger Preise auch den Kunden zugute. "Entscheidend ist", so Weidenbach, "dass den Forderungen nach niedrigeren Preisen immer auch eine Gegenleistung gegenüberstehen muss, zum Beispiel in Form von niedrigeren Kosten für den Lieferanten." Das könne bei der Forderung nach niedrigeren Preisen für E-Books im Vergleich zu gedruckten Büchern durchaus der Fall sein, schließlich fielen in der elektronischen Variante für die Verlage keine Druck- und Transportkosten an.

Fazit: Wie viele große Einzelhändler setzt Amazon seine Lieferanten unter starken Preisdruck. Ob die Grenze zum Missbrauch überschritten ist, hängt davon ab, ob Amazon die Lieferanten ohne Gegenleistung "anzapft". Ein derzeit bei der EU-Kommission anhängiges Wettbewerbsverfahren könnte diese Frage anhand von konkreten Vertragsdokumenten und Kostenberechnungen klären. Generell, so Wettbewerbsrechtler Weidenbach, gelte aber: "Das Kartellrecht schützt keine Geschäftsmodelle und keine Vertriebswege". Soll heißen: Nur weil es Buchhandlungen und Verlagen im Internetzeitalter schlechter geht als bisher, können sie nicht automatisch die Schuld bei Amazon suchen.

Vorwurf zwei: Steuervermeidung

Das Argument: Amazon geht bis an den Rand des Legalen, um seine Steuerzahlungen zu minimieren. Bereits den Firmensitz in Seattle wählte Bezos nur, um Steuern zu sparen. Damals musste Amazon nur für jene Bestellungen Mehrwertsteuer abführen, die aus dem Bundesstaat des Firmensitzes kamen - Seattle liegt in Washington, und dieser Staat hat erfreulich wenig Einwohner. Die Gewinne des Europageschäfts wiederum lässt Amazon bislang größtenteils bei einer Holdinggesellschaft in Luxemburg anfallen. Dank eines Deals mit den dortigen Steuerbehörden fallen auf diese Gewinne nur minimale Steuern an.

Das Gegenargument: Stimmt, Amazon tut alles, um Steuern zu vermeiden. Allerdings bedienen sich viele US-Konzerne dieser Methoden - und die Politik hat durchaus die Möglichkeit, solchen Praktiken einen Riegel vorzuschieben. In den USA muss Amazon inzwischen für Käufe aus den meisten Bundesstaaten Umsatzsteuer abführen. In Europa sollen sich die Staaten künftig zumindest wechselseitig darüber informieren müssen, wenn sie einzelnen Konzernen Steuerdeals anbieten. Und Amazon hat inzwischen angekündigt, Verkäufe in Deutschland künftig auch in Deutschland zu verbuchen.

Fazit: Amazon verhält sich in Steuerfragen nicht anders als andere multinationale Konzerne - was die Sache aber nicht besser macht. Gerade Amazon profitiert in seinem Logistikgeschäft von mit Steuergeld errichteten Straßen, von Rechtssicherheit und qualifizierten Mitarbeitern und sollte seine Steuern deshalb dort zahlen, wo auch die realen Umsätze anfallen. Dass Amazon-Verkäufe in Deutschland künftig nicht mehr in Luxemburg verbucht werden, lässt immerhin hoffen.

Vorwurf drei: Ausbeutung

Das Argument: In den Amazon-Logistikzentren in Deutschland müssen Mitarbeiter ohne Tarifvertrag und teilweise ohne Betriebsrat zu Niedriglöhnen schuften. Leiharbeiter werden noch schlechter behandelt - wie eine Fernsehreportage 2013 aufdeckte. Und auch in den USA haben es die Gewerkschaften bislang nicht geschafft, bei Amazon Fuß zu fassen.

Das Gegenargument: Die Missstände bei der Unterbringung und Überwachung von Leiharbeitern will Amazon abgestellt haben. Mittlerweile gibt es nach Unternehmensangaben in allen deutschen Amazon-Logistikzentren Betriebsräte. Tatsächlich weigert sich Amazon, den Tarifvertrag für die Einzelhandelsbrache zu unterschreiben. Allerdings gilt dieser Tarifvertrag als derart veraltet, dass sich auch vermeintliche Vorzeige-Arbeitgeber der Branche nicht an ihn halten. Der niedrigste Einstiegslohn, den Amazon in Deutschland zahlt, liegt laut Firmenangabe bei 9,75 Euro pro Stunde im Logistikzentrum Leipzig. Das ist nicht viel, aber immerhin deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde - und mehr, als ungelernte Kräfte in Ostdeutschland in den meisten anderen Jobs verdienen.

Fazit: Amazon, geprägt von extremem Wettbewerbsgeist, tut sich schwer mit so manchen traditionellen Spieleregeln, die zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Deutschland herrschen. Andererseits hat Amazon viele Arbeitsplätze in wirtschaftsschwachen Regionen und gerade auch für Geringqualifizierte geschaffen - denen ergeht es bei anderen Arbeitgebern oft noch wesentlich schlechter.

Vorwurf vier: Amazon zerstört den traditionellen Buchhandel

Das Argument: Amazon nutzt seine Marktmacht, um gegenüber den Verlagen extrem hohe Rabatte herauszuschlagen. Bei diesen Niedrigpreisen können traditionelle Buchhandlungen nicht mithalten und werden rücksichtslos verdrängt.

Das Gegenargument: Zumindest in Deutschland werden Buchhandlungen durch die Buchpreisbindung vor Preiswettkämpfen geschützt. Auch vor Amazon galten kleine Buchhändler schon als bedroht. Damals waren die Bösewichte die großen Handelsketten wie Thalia oder Hugendubel (in Deutschland) oder Barnes & Nobles oder Borders (in den USA), die nun selbst durch Amazon unter Druck geraten.

Fazit: Auch ohne Amazon hätten es kleine Buchhandlungen schwer - doch der Online-Versender macht es ihnen noch schwerer. Zumindest in Deutschland aber landen die Buchkunden nicht wegen niedriger Preise bei Amazon (die Bücher kosten ja genausoviel wie in der Buchhandlung an der Ecke), sondern wegen des meist guten Service und der großen Auswahl.

Vorwurf fünf: Amazon manipuliert die Kunden

Das Argument: Amazon-Kunden erhalten regelmäßig Produktempfehlungen auf der Website und per E-Mail. Die meisten Kunden glauben wahrscheinlich, dass diese Tipps stets auf ihren bisherigen Käufen und den Käufen anderer Kunden beruhen - und nehmen die Empfehlungen entsprechend ernst. Doch tatsächlich können Anbieter sich Plätze in diesen Empfehlungen kaufen. Und wenn Amazon mal wieder Krach mit einem Verlag hat, müssen Kunden bei Amazon plötzlich Wochen auf dessen Produkte warten.

Das Gegenargument: Auch in normalen Läden müssen die Hersteller für eine bessere Platzierung im Regal zahlen - und der Kunde merkt nichts davon. Außerdem helfen die Einnahmen aus dem Empfehlungsprogramm, die Preise niedrig zu halten.

Fazit: Amazon behauptet, das Interesse des Kunden stets obenan zu stellen. Die manipulierten Empfehlungslisten gehören ganz sicher nicht dazu. Ebensowenig, wie dem Kunden Produkte vorzuenthalten, nur weil man gerade Ärger mit dem Lieferanten hat.

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insgesamt 437 Beiträge
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Seite 1
masselle65 16.07.2015
1. Amazon
bei dieser asozialen Firma kaufe ich grundsätzlich nix..... und wenn es noch so billig ist....
Phil2302 16.07.2015
2.
Ich kaufe auch sehr gerne auf Amazon. Ein Artikel gehört aber interessanterweise nicht dazu: Bücher kaufe ich immer noch im Buchhandel.
Ri Chie 16.07.2015
3. also...
...ich persönlich mag Amazon. Die Lieferen zuverlässig und pünktlich. Außerdem ist der Kundendienst mir gegenüber immer äußerst Hilfstbereit. Weiter so!
sonnemond 16.07.2015
4. Wer ein bisschen Rückgrat hat, benutzt Amazon nicht
Mich hat Amazon nicht verändert. Wird es auch nicht, da ich den Laden und besonders seinen Gründer verachte.
GrinderFX 16.07.2015
5.
Zitat von sonnemondMich hat Amazon nicht verändert. Wird es auch nicht, da ich den Laden und besonders seinen Gründer verachte.
Weswegen?
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