Einzelhandel Junge Gründer legen sich mit Amazon an

Regionale Händler kooperieren oft mit Amazon - aus Angst, sonst verdrängt zu werden. Junge Gründer in Wien und Wiesbaden finden andere Wege, dem Weltkonzern zu trotzen.

Lobu-Team
Lobu

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Sie sind 17 Jahre alt, gehen in Wien zur Schule - und fordern den weltweit größten und erfolgreichen Onlinehändler heraus: Amazon.

Moritz Stephan und Konstantin Klinger sind leidenschaftliche Leser. Daher fiel ihnen auf, dass immer mehr regionale Buchhändler wegen der Konkurrenz durch Amazon aufgeben mussten. Als sie dann einmal selbst ein Buch bei Amazon orderten und feststellten, dass es wenig umweltfreundlich aus einem weit entfernten Zentrallager geliefert wurde, war ihr Ehrgeiz geweckt, es besser zu machen. Schnell stand ihr Entschluss: Sie würden ihren eigenen lokalen Buchhandel - Lobu - gründen.

Ihr Konzept: Wer bis mittags ein Buch per SMS bestellt, bekommt es noch am Abend desselben Tages geliefert - von einer Buchhandlung vor Ort, per Fahrradkurier. "Wir wollen Onlineshopping ökologisch nachhaltig und sozial verträglich gestalten", sagt Moritz Stephan.

Spätestens im Frühjahr 2019 wollen die beiden Gymnasiasten Chefs ihrer eigenen Firma sein. Doch bereits jetzt treiben sie das Projekt voran. Zwei Buchhandlungen haben sie als Kooperationspartner gefunden; um die Bücher auszuliefern, radeln sie selbst oder ihre Freunde durch den 3. und den 18. Wiener Bezirk. "Wenn wir Zeit und Liebe reinstecken, kann auch viel daraus werden", sagt Stephan. Die Resonanz macht ihnen Mut: "Die Leute finden gut, was wir machen", sagt Stephan, "es ist, als hätten sie auf eine lokale Alternative zu Amazon gewartet."

Mit 15 weiteren Buchhändlern verhandeln die Schüler derzeit, basteln an der Infrastruktur, bauen eine Bücherdatenbank auf. Im kommenden Sommer machen sie ihre Schulabschlüsse und wollen Vollzeit ins Geschäft einsteigen. Dann wird sich auch erweisen, ob ihr Geschäftsmodell funktioniert: Noch fahren sie die Bücher kostenlos aus. Ihre geringen Kosten decken sie bislang mit den Gewinnprämien von Gründer-Wettbewerben.

Händler ohne Einfluss

Viele lokale Einzelhändler versuchen der Bedrohung jedoch auf andere Weise zu entkommen - durch Kooperation. Das Unterfangen ist riskant: Denn Amazon stellt die Interessen der kooperierenden Einzelhändler laut Insidern hintan.

So hat der Händler zum Beispiel keinen Einfluss, wenn Hersteller die Warenbeschreibung eines Produkts auf der Plattform verändern. Dennoch haftet der Händler für die Angaben. Amazon dementiert das nicht. In einer Stellungnahme heißt es: "Unser Ziel ist es, das kundenzentrierteste Unternehmen der Welt zu sein." Um den Kunden jederzeit aktuelle Informationen bereitzustellen, könnten die Informationen in Absprache mit den Herstellern angepasst werden, teilt der Konzern weiter mit.

Die alternative Plattform

Oft fehlen Einzelhändlern auch schlicht das nötige Wissen und die Strategie, um Amazon online Konkurrenz zu machen. Genau an dieser Problemstelle setzt das Kiezkaufhaus in Wiesbaden an - eine Plattform, die als eine Art Internetkaufhaus regionale Einzelhändler vereint. "Wir liefern alles, was man im Alltag braucht: von Büchern über Blumen bis hin zu frischen Lebensmitteln", sagt Nanna Beyer, Mitgründerin des Start-ups.

Der Charme der einzelnen Geschäfte bleibt dabei erhalten: Um deren Atmosphäre zu vermitteln, fotografiert Kiezkaufhaus die Auslagen und präsentiert sie so auf der Seite, dass Kunden das Gefühl haben, selbst im Laden zu stehen und sich umzuschauen. Bei der Bestellung können sie dann individuelle Wünsche angeben, zum Beispiel, wie dick der Schinken geschnitten sein soll. Die Händler stellen die Ware zusammen, Fahrradkuriere liefern die Einkäufe anschließend zum Kunden nach Hause.

Für Beyer und ihre Mitstreiter gab es gleich eine Reihe von Gründen, gegen Amazon anzutreten: Immer mehr ihrer damaligen Kollegen bestellten online, anstatt bei kleinen Einzelhändlern vor Ort einzukaufen. Gleichzeitig störten sich die Gründer am gleichförmigen Angebot der multinationalen Konzerne, "die eine Stadt wie die andere wirken lassen, kaum Steuern bezahlen und keine Verantwortung für die Region übernehmen", sagt Beyer. "Außerdem haben wir uns über den Lieferwahnsinn geärgert" - verstopfte Straßen, laufende Motoren, verschwitzte Zusteller, die durch die Gegend hetzen und den Kunden das Paket hinknallen.

Für die Gründer war aber auch klar, dass es keinen Weg zurück zur vermeintlich guten alten Zeit gibt. "Wir können das Internet schlecht als Schuldigen hinstellen oder es wegdiskutieren", sagt Beyer, "stattdessen müssen wir es nutzen." Dem Kiezkaufhaus scheint das zu gelingen: Vor zwei Jahren begannen sie gemeinsam mit 16 Läden, inzwischen verhandeln sie mit 30 weiteren Händlern. Und Wiesbaden soll erst der Anfang sein - Beyer und ihre Mitstreiter wollen ihre Plattform Einzelhändlern in anderen Städten zur Verfügung stellen.



insgesamt 144 Beiträge
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112211 05.11.2017
1. Löblich
Jede Möglichkeit, statt bei dem schlecht entlohnenden Megakonzern Amazon lieber lokal zu bestellen, ist gut. Ok, fast jede. Was Amazon sich gegenüber Händlern und Herstellern leistet, ist eine Katastrophe für den Markt. Da werden Hersteller und Händler zu Kooperationen quasi gezwungen, Auswege gibt es nur wenige.
andysamak70 05.11.2017
2. Gechaeftsmodel?
Von Amazon und auch Google ist klau den Leuten die mit denen mitarbeiten das verdiente Geld. Denn um sich zu wehren sind die zuweit weg. Nachdem sich bei denen auf meinen Account etwas angesammelt hat, bei Google ueber Adsense und Amazon ueber affiliate schicken die eine email los das ich mich nicht an irgendetwas nicht gehalten haette. Bei Nachfragen um welchen Fehltritt meinerseite es da eigentlich geht hohrt man nichts mehr und das von mir verdiente Geld wurde konfisziert. Meine Nachforschungen ergaben das die das seit Jahren so machen und zwar jedes Monat verschwinded das Geld der Mitarbeiter. Googles globaler Verdienst kommt zu etwa 30% von deren Adsense programm. Das sind Schwindelei.
Tausendschoen 05.11.2017
3. Zu Hause sitzen
Kann mir mal jemand verraten, warum es so toll ist zu Hause zu sitzen und alles geliefert zu bekommen. Ich habe als Einzelhändlerin junge Leute erlebt, die total stolz auf ihre Joggingschuhe aus dem Internet waren und es total praktisch fanden, nicht in den Geschäften herumlaufen zu müssen.Ich sehe, daß dieser Trend nicht aufzuhalten ist und habe deshalb mein wunderschönes Geschäft aufgegeben.Die ganze Gesellschaft begibt sich in Abhängigkeit eines einzelnen Konzerns, selbstbestimmtes arbeiten als Einzelhändler verschwindet. So nett die Idee der jungen Leute ist, sie wird an den wirtschaftlichen Realitäten scheitern, spätestens wenn das Finanzamt mit im Boot ist, das kleine Selbstständige gnadenlos vorführt.
keinblattvormmund 05.11.2017
4. Nette Idee, aber...
Nette Idee, aber wirtschaftlich kaum abbildbar. Die Gewinnmarge an einem Buch reicht bei weitem nicht, um einen Kurier zu finanzieren, der das Buch persönlich zum Käufer bringt.
sachse78 05.11.2017
5. Zentrallager
Kommen die Bücher der lokalen Händler nicht auch aus einem Zentrallager? Muss es nicht zwangsläufig teurer sein, wenn ich noch einen Zwischenhändler und den Kurier bezahlen muss? Wenn das Unternehmen groß genug ist, wird es sicher auch Druck auf Händler und Kuriere ausüben, so wie es alle derartigen Unternehmen irgendwann tun.
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