Amazon zu Arbeitmaßnahmen ohne Bezahlung "Das ist gängige Praxis"

Der Versandhändler Amazon lässt jedes Jahr Tausende Erwerbslose wochenlang für sich arbeiten - auf Kosten des Staats. Armin Cossmann, Leiter der deutschen Logistikzentren, verteidigt im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Methode. Sie biete Menschen ohne Arbeit eine Perspektive.

Versandstation von Amazon in Werne: Nur ein Drittel betroffen
DPA

Versandstation von Amazon in Werne: Nur ein Drittel betroffen


SPIEGEL ONLINE: Sie stellen jedes Jahr tausende Arbeitslose mit befristeten Verträgen als Saisonarbeitskräfte ein. Viele von ihnen arbeiten vor allem jetzt in der Weihnachtszeit sechs Wochen, erhalten aber nur für vier Wochen Lohn. Der Rest ist staatlich alimentiert, da die ersten zwei Wochen als unbezahlte Trainingsmaßnahme deklariert sind. Ist die Arbeit so komplex oder wollen Sie schlicht Lohnkosten sparen?

Cossmann: Wir stellen in diesem Jahr 10.000 saisonale Mitarbeiter ein. Wir müssen mit einer großen Anzahl von Saisonarbeitskräften arbeiten, da wir zum Jahresende einen Großteil des Volumens zu bewältigen haben. Deshalb stellen wir in den letzten Monaten des Jahres viele Kollegen mit einem befristeten Vertrag bis Weihnachten ein. Ein Teil dieser Mitarbeiter wird dann bei uns bleiben können, weil wir von Jahr zu Jahr wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele werden unbefristet übernommen?

Cossmann: Erfahrungsgemäß werden pro Standort mehrere Hundert Mitarbeiter nach der Saison weiterbeschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Und warum müssen sie - auch die befristet engagierten Aushilfen - erst eine Trainingsmaßnahme machen?

Cossmann: Diese Maßnahme machen nur etwa ein Drittel der Saisonkräfte und sie wird von den Arbeitsagenturen in jedem Einzelfall geprüft. Sie dient dazu, den Langzeitarbeitslosen eine verbesserte Chance auf den Wiedereinstieg in den Beruf zu ermöglichen. Die müssen nicht nur lernen, bei Amazon den Hebel umzulegen, sondern das geht viel weiter: Pünktlichkeit, geregelter Tagesablauf, Zuverlässigkeit. Ein Mitarbeiter, der aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommt, ist nicht so einsetzbar wie ein Mitarbeiter, der schon länger bei uns arbeitet. Aber noch mal: Arbeitsagenturen und Jobcenter sind involviert. Wir können niemanden in eine Trainingsmaßnahme zwingen oder sie gar nutzen, wenn sie nicht zuvor von der Arbeitsagentur oder vom Jobcenter genehmigt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann es dann sein, dass viele Aushilfen diese staatlich bezahlten Trainingsmaßnahmen mehrfach machen müssen - also auch dann, wenn sie bereits zuvor mal bei Ihnen gearbeitet haben?

Cossmann: Das ist auf jeden Fall kein Massenphänomen. Wir prüfen derzeit, ob es Einzelfälle gab, in denen das der Fall ist oder war. Bisher haben wir keinen gefunden. Manchmal kommt das auch zustande, weil die erste Trainingsmaßnahme von einem Mitarbeiter abgebrochen wurde und er deshalb eine zweite machen konnte. Wo sich herausstellt, dass eine Trainingsmaßnahme tatsächlich mehrfach durchgeführt wurde, werden wir das selbstverständlich korrigieren und den Arbeitsvertrag rückwirkend ändern. Das wäre dann ein Fehler, der passiert ist. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Fakt ist, dass wir das nicht strukturell ausnutzen, das entspricht nicht unserer Philosophie.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass sei kein Massenphänomen. Arbeitnehmervertreter und Erwerbslosen-Initiativen sprechen von tausenden Fällen.

Cossmann: Dies ist falsch. Das zu kommunizieren sind sicherlich die Interessen einzelner Gruppen. Die begleiten das eben etwas kritischer als andere, wenn ein Unternehmen so wächst wie wir das tun. Wir erregen deshalb bei bestimmten Gruppen eben eine größere Aufmerksamkeit als andere Unternehmen. Etwa ein Drittel der Saisonkräfte absolvieren eine Trainingsmaßnahme - natürlich nur, wenn sie zuvor nicht schon mal bei Amazon gearbeitet haben. Saisonale Mitarbeiter werden bei uns zwischen 6 Monaten und 3 Wochen beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Der Umsatz von Amazon hat sich seit 2006 verdreifacht. Warum haben Sie es überhaupt nötig, die Leistungen der Agenturen für Arbeit abzugreifen?

Cossmann: Amazon nutzt diese Maßnahme keineswegs exklusiv. Das ist gängige Praxis. Zudem ist es niemals eine Entscheidung, die Amazon allein trifft, sondern immer in Absprache mit den Arbeitsagenturen und den Jobcentern. Das Gesetz bietet diese Möglichkeit, es sieht sie ausdrücklich vor, um Arbeitslose wieder an das Erwerbsleben zu gewöhnen.



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rosapinguin 01.12.2011
1. titel
Also allein schon der Titel des Artikels "Amazon zu Arbeit ohne Bezahlung: "Das ist gängige Praxis"" ist mal vollständig aus dem zusammenhang gerissen und hetzt gegen Amazon, weil man denkt "Für Amazon ist es normal leute ohne Bezahlung zu beschäftigen", dabei Bezog sich dieser Satz "Das ist gängige PRaxis" auf was anderes..naja...wieder ein Schritt richtung Bild-Niveau. Aber zu dem Thema. ICh finde es ja en Witz sich darüber aufzuregen. Anstatt dass man sichf reut, dass die Langzeitarbeitslosen ne möglichkeit haben, wieder in den BEruf einzusteigen, so klein die Chance auch ist, pikiert man sich tatsächlich darüber, dass Amazon sie nicht alle einstellt. O.o Als ob Amazon der Wohltätet der Welt ist, das ist genauso ein Konzern wie jeder andere, der auf Profit aus ist. Und soll man das Amazon vorwerfen? Wen muss man dann noch alles sowas vorwerfen? Immerhin schafft Amazon Arbeitsplätze in Deutschland und verlegt nicht die ganze Geschichte ins Ausland. Und wenn das Deutsche GEsetz diese Möglichkeit mit den 2 Wochen trainingsarbeit anbietet, dann ist es doch das gute Recht von Amazon diese Möglichkeit auszunutzen. Aber erst etwas anbieten udn sichd ann darüber pikieren,d ass es Firmen nutzen ist ja mal echt nen Scherz. lg
Lemmi42 01.12.2011
2. Ausputzer Amazon
Dieser Ausputzer Konzern ist ein Beispiel dafür, wie man ohne große Mühe,auf Kosten armer Leute Maximalprofte schafft!
Franziska_F 01.12.2011
3. Ich kann ...
Zitat von sysopDer Versandhändler Amazon lässt jedes Jahr Tausende Erwerbslose wochenlang für sich arbeiten - auf Kosten des Staats.*Armin Cossmann, Leiter der deutschen Logistikzentren, verteidigt im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Methode. Sie*biete Menschen ohne Arbeit eine*Perspektive. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,800778,00.html
... gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte. Exakt das gleiche Kaliber wie "die HypoRealEstate nutzt diese Blasen keineswegs exklusiv. Das ist gängige Praxis." Ein weiterer Beweis dafür, daß a) keine Beamten, sondern fähige, fachkompetente Angestellte in den Staatsdienst gehören und b) (Groß-)Unternehmen keinerlei "Selbstverpflichtungen" anheim gestellt werden dürfen; kompetente Gesetze sind das einzige, was die verstehen.
loeweneule 01.12.2011
4. nee
Zitat von Lemmi42Dieser Ausputzer Konzern ist ein Beispiel dafür, wie man ohne große Mühe,auf Kosten armer Leute Maximalprofte schafft!
Och, wie böse aber auch. Und wie ungewöhnlich. Meine Güte, so isses nun mal, und beileibe nicht nur bei denen.
Gerixxx 01.12.2011
5. janusköpfig....
Zitat von sysopDer Versandhändler Amazon lässt jedes Jahr Tausende Erwerbslose wochenlang für sich arbeiten - auf Kosten des Staats.*Armin Cossmann, Leiter der deutschen Logistikzentren, verteidigt im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Methode. Sie*biete Menschen ohne Arbeit eine*Perspektive. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,800778,00.html
Ein interessanter Beitrag. Natürlich ist es gut, wenn Langzeitarbeitslose wieder einen Job bekommen - und sei es wenigstens eine befristete Beschäftigung. Die Frage ist nur: was würde Amazon tun, wenn die staatlichen Transfers NICHT fliesssen würden ? Sollte Amazon dann trotzdem hierzulande tätig werden und saisonal Leute einstellen (müssen), ist die staatliche Bezahlung nichts anderes als eine ungerechtfertigte Subvention. In einer "gesunden" Marktwirtschaft obliegt die Einarbeitung den Unternehmern bzw. Arbeitgebern. Der Staat hat da nichts zu suchen. Sollte Amazon bei Wegfall dieser öffentlichen Transfers ins europäische Ausland abwandern stellt sich die Frage nach der Fiskalunion: kein Mitgliedsstaat der EU sollte einen anderen ohne vorherige Absprache per Steuer- oder Subventionsdumping zu unterbieten versuchen. Solange dies möglich ist, braucht man sich über Haushaltsdefizite infolge von Ungleichgewichten auf der Einnahmeseite nicht zu wundern. Nur wenn Amazon bei Wegfall der staatlichen Subventionen ganz wegzieht (d.h. ausserhalb der EU), wäre es vertretbar diese zu zahlen - ist es doch allemal besser eine Beschäftigung zu bezahlen als Hartz IV o.ä. (beides belastet allerdings auch den Staatshaushalt). Eine ganz andere Frage ist jedoch auch die, ob Amazon überhaupt angemessen Steuern in Deutschland bezahlt... Interessant ist an dieser Stelle die Wortwahl: abwertende, verunglimpfende Benennungen, wie "bestimmte Gruppen", "bestimmte Kreise" wurden auch vom DDR-Regime benutzt, um Dissidenten auszugrenzen. Auch geht es sicher nicht um das Wachstum von Amazon (wie von Cossmann vordergründig unterstellt), sondern um die Praktiken der Beschäftigung. Warum kann Cossmann nicht erstens die Diskussionspunkte richtig darstellen, und zweitens die Gegenseite richtig beim Namen nennen ? Nicht zu vergessen: dass Unternehmen auf die Finger geschaut wird ist im öffentlichen Interesse - da ist Amazon kein Einzelfall.
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