Kranker Germanwings-Co-Pilot Lufthansa-Ärzte sollen Luftfahrtamt nicht informiert haben

Warum durfte Germanwings-Co-Pilot Lubitz fliegen, obwohl er psychische Probleme hatte? Das Luftfahrtbundesamt wusste angeblich von nichts. Haben die Fliegerärzte der Lufthansa gegen Vorschriften verstoßen?

Lufthansa-Maschinen in Frankfurt: Sechs medizinische Untersuchungen seit 2009
DPA

Lufthansa-Maschinen in Frankfurt: Sechs medizinische Untersuchungen seit 2009


Die deutsche Luftfahrtaufsicht wusste nach eigenen Angaben nichts über die psychische Erkrankung von Germanwings-Pilot Andreas Lubitz. "Es trifft nicht zu, dass das Luftfahrtbundesamt (LBA) über die medizinischen Hintergründe im Fall L. unterrichtet war", zitiert die "Welt am Sonntag" (WamS) die Behörde. Erst nach dem Absturz habe das Amt am 27. März 2015 im Aeromedical Center (AMC) der Lufthansa in Frankfurt Einsicht in Lubitz' Akten gehabt.

Der Zeitung zufolge gerät damit der medizinische Dienst der Lufthansa unter Druck. Ein Flugmediziner müsse seit April 2013 bei schweren Krankheiten wie einer Depression den Fall an das LBA verweisen. Seit diese Regelung gilt, habe es noch zwei Tauglichkeitsprüfungen gegeben - im Sommer 2013 und 2014.

Die Ärzte müssen bei diesen Tests nicht unbedingt von der Erkrankung erfahren haben, da psychische Fragen dabei eine untergeordnete Rolle spielen. Allerdings wurde laut Luftfahrtbundesamt auch Lubitz' Flugtauglichkeitszeugnis von 2009 vom AMC ausgestellt und dem Amt übermittelt. In diesem Jahr hatte der angehende Pilot seine Flugschule über eine "abgeklungene schwere depressive Episode" informiert.

Die Lufthansa selbst erklärte am Sonntag, sie habe keine Informationspflichten verletzt. "Lufthansa kommt ihren Informationspflichten gegenüber dem Luftfahrtbundesamt nach", teilte die Airline mit. Zum konkreten Fall wolle man keine weiteren Erklärungen abgeben, weil man den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht vorgreifen wolle.

Laut "WamS" haben Lufthansa-Ärzte Lubitz seit 2009 insgesamt mindestens sechsmal die Tauglichkeit bestätigt. Nachdem 2009 zusätzlich zum gewöhnlichen Test ein psychiatrisches Gutachten erstellt wurde, hätten die Ärzte dem Vernehmen nach darauf verzichtet, weitere derartige Gutachten einzuholen.

Wegen Einsparungen seien vor allem die Ärzte des AMC in Frankfurt überfordert gewesen, zitiert die Zeitung einen Insider. Sie hätten immer weniger Zeit für die Tauglichkeitsprüfungen, sogenannte Medicals, gehabt. Der "WamS" liege ein Personalplan vor, der das bestätige: Demnach habe die Lufthansa derzeit nur noch elf Fliegerärzte für die Top-Kategorie der Piloten in den eigenen Reihen. Davon wiederum arbeiten der Auflistung zufolge zwei in Teilzeit. Drei hätten entweder gekündigt oder gehen bald in Rente.

Ein Lufthansa-Sprecher wies die Kritik zurück. Der eigene medizinische Dienst decke nur einen Teil der Tauglichkeitsprüfungen ab, da die Piloten auch zu externen Fliegerärzten gehen können. "Insofern sagt die Zahl der beim medizinischen Dienst beschäftigten Ärzte nichts über die insgesamt verfügbaren Kapazitäten aus. Unterstellte personelle Veränderungen - selbst wenn sie zutreffend sein sollten - haben nichts mit der Qualität der flugmedizinischen Untersuchungen zu tun."

Auch beim Luftfahrtbundesamt soll laut einem Bericht des "Wall Street Journal" kürzlich Personalknappheit festgestellt worden sein. Demnach forderte die EU-Kommission im November 2014 "seit Langem bestehende Probleme" bei der Behörde zu lösen. EU-Vertreter hätten einen Mangel an Personal festgestellt, welcher die Kontrollfunktion des Amtes beeinträchtigen könne, schrieb die Zeitung unter Berufung auf zwei Insider.

Ein Komissionssprecher bestätigte, dass es Hinweise an Deutschland gegeben habe, ohne diese jedoch genauer zu benennen. Solche Rückmeldungen gebe es für alle Mitgliedsländer, sie seien "ein normales und regelmäßiges Ereignis".

dab/Reuters

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 144 Beiträge
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mps58 05.04.2015
1. Personalprobleme
Als Vielflieger war ich in den letzten Jahren immer wieder überrascht, dass es bei Lufthansa offensichtlich perfekte Cabin Crews genauso gibt wie offensichtlich schlechte. Wenn es einheitliche Standards gibt, so scheint keiner zu kontrollieren, ob sie auch eingehalten werden. Das sagt zwar zunächst nichts über die Cockpit Crews aus, hat mich aber schon immer an der Fähigkeit der Lufthansa in der Personalführung zweifeln lassen.
gunpot 05.04.2015
2. die Fliegerärzte sind sicherlich
nicht das Hauptproblem; dieses dürfte eher in der kostspieligen Ausbildung der Piloten liegen, die die 70.000 Euro Ausbildungskosten der Lufthansa erstatten müssen. Da möchte man natürlich angesichts des Kostendrucks im Flugverkehrsgewerbe seine Piloten halten. Und wenn man nicht zu sehr auffällt, ist man geneigt, nicht zu genau hinzuschauen. Das ist ein Phänomen das bei den meisten Airlines zu beobachten ist. Insofern hoffe ich, dass das trauriges Ereignis in den Alpen viele Verantwortliche wachgerüttelt hat. Was die politische Seite angeht (das ist gestern in SPON von mir angesprochen worden), kommt man wohl nicht umhin, den Datenschutz für Berufe, die für die Sicherheit der Allgemeinheit eine große Verantwortung tragen, aufzuweichen. Man muss sich nur vorstellen, die A 320 wäre über Genf oder einer anderen Stadt abgestürzt.
bellfleurisse 05.04.2015
3. 2009
wurde die Tauglichkeit übermittelt. 2009 hatte Andreas L. mitgeteilt, dass er an Depression erkrankt war und es wurde ein (sonst nicht übliches?) psychatrisches Gutachten erstellt. So. Und nun sagt das LBA es hätte keine Kenntnis gehabt? Das ist mir unbegreiflich, wenn doch die Tauglichkeit- die sich ja aus der pysischen und psychatrischen Untersuchung ergeben haben soll- mitgeteilt wurde. Oder wird nur mitgeteit "fit to fly" und das LBA gibt sich mit einem Satz ohne jede Akte zufrieden? Dann wäre das LBA definitiv in der Pflicht und mitverantwortlich. Hier sieht es für mich so aus, als suche man regelrecht nach Verantwortung der Lufthansa. Einer muss es ja sein, eine Behörde darf es nicht sein oder wie? Meine Fragen an das LBA wäre: wer liest und bewertet die eingehenden Unterlagen und wer hat die Regeln dieser Mitteilungen gemacht?
tadano 05.04.2015
4. Versuch der Skandalisierung
Da wird wieder verzweifelt nach einer neuen Meldung gesucht! Wenn man viel spiegelonline gelesen hat und dann zur Abwechslung mal wieder einen Print-Spiegel liest ist man doch überrascht welch großer qualitativer Unterschied besteht und wie oberflächlich und reißerisch spiegelonline die Themen behandelt.
winkler00 05.04.2015
5. Ueberaschung?
Ist es nicht interessant, wie der Schwarze Peter der Verantwortung sich gegenseitig in die Schuhe geschoben wird. Das steigert sich noch, wenn die ersten Gerichte sich mit dem Fall beschäftigen werden. Dann ist es dann auch vorteilhaft, wenn die Schuldfrage von dervLH auf den Bund geschoben wird. Da kann man noch lange die Unterstütztung der Angehörigen propagieren, wenn dann richtig teuer wird verweist man dann auf den nächsten. Wer schon ein mal mit dem MTK oder der Schadens Ausgleichs Versicherung der Kommunen oder des Bundes zu tun hatte, weiss wovon ich spreche.
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