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Angst vor Euro-Aus: Griechen plündern ihre Konten

Von Ferry Batzoglou, Athen

Akute Angst vor dem Euro-Verlust, latente Jobmisere und rapide steigende Abgabenlast: Viele Griechen heben ihr Erspartes von den Konten ab. Damit drehen sie ihrer eigenen Wirtschaft ungewollt den Geldhahn zu.

Filiale der Bank of Greece: Noch nie so viel Geld in einem Monat abgeflossen Zur Großansicht
AFP

Filiale der Bank of Greece: Noch nie so viel Geld in einem Monat abgeflossen

Georgios Provopoulos, Gouverneur der Nationalen Zentralbank, ist der Mann der Zahlen - und die sind eindeutig: "Im September und im Oktober haben sich die Spar- und Termineinlagen um weitere 13 bis 14 Milliarden Euro reduziert. In den ersten zehn Tagen im November hat sich der Rückgang im großen Stil fortgesetzt", ließ er den Ausschuss für Wirtschaftsfragen im Athener Parlament kürzlich wissen.

Mit geradezu entwaffnender Ehrlichkeit erklärte der Zentralbanker den Abgeordneten damit, warum es die griechische Wirtschaft nicht schafft, nach drei Jahren tiefer Rezession auf einen grünen Zweig zu kommen: "Unser Bankensystem verfügt nicht über den Spielraum, Wachstum zu finanzieren."

Was er damit meint: Der Rückgang des in Griechenland gebunkerten Vermögens hat sich zuletzt stark beschleunigt. Anfang 2010 betrugen die Spar- und Termineinlagen der privaten Haushalte und Unternehmen noch 237,7 Milliarden Euro, bereits bis Ende August 2011 gingen sie um stattliche 49 Milliarden Euro zurück. Inzwischen hat sich der Abwärtstrend noch verstärkt, allein im September schmolz das Ersparte um weitere 5,4 Milliarden Euro, im Oktober um geschätzte 8,5 Milliarden Euro. Noch nie seit Beginn der Schuldenkrise Ende 2009 ist so viel Geld in einem Monat abgeflossen.

Fatale Folgen

Die Verunsicherung unter den griechischen Sparern erreichte Anfang November ihren Höhepunkt. Der Grund war das Hin und Her von Ex-Premier Georgios Papandreou, der seinen Sparkurs zunächst mit einem Volksentscheid absegnen lassen wollte. Nach dem Aufschrei anderer europäischer Regierungschefs endete der Hickhack am 11. November mit einer neuen Regierung unter dem parteilosen Ex-Zentralbanker Loukas Papademos. Damit schien die rasante Talfahrt der Guthaben vorerst gestoppt. Trotzdem haben die Griechen wohl nur noch 170 Milliarden Euro auf der hohen Kante - knapp 30 Prozent weniger als Anfang 2010.

Die Folgen sind fatal: Viele Unternehmen müssen wegen der Rezession Rücklagen auflösen, zumal die Banken bei der Kreditvergabe zurückhaltend geworden sind. Immer mehr griechische Familien leben inzwischen von ihren Ersparnissen, weil sie mit Jobverlust und sinkenden Einkommen konfrontiert sind. Im August stieg die Arbeitslosigkeit auf 18,4 Prozent. Viele Griechen bunkern ihr Erspartes aus Angst vor einem Zusammenbruch des Bankensystems inzwischen zu Hause.

Wer kann, versucht außerdem, sein Geld anderweitig in Sicherheit zu bringen. Die Griechische Zentralbank geht davon aus, dass rund ein Fünftel der Rücklagen ins Ausland geschafft werden. "Die Verunsicherung ist groß", sagt Panagiotis Nikoloudis, Präsident der Nationalen Behörde zur Bekämpfung der Geldwäsche. Und das machten sich die Banken zunutze. "Die fragen ihre Kunden ganz direkt, ob sie ihr Geld nicht lieber in Liechtenstein, der Schweiz oder Deutschland anlegen wollten."

"Ich will nur noch weg - und zwar schnell"

Nikoloudis beobachtet außerdem eine weitere Entwicklung: Waren es anfangs wenige Menschen, die hohe Summen fortschafften, sind es heute viele, die kleinere Beträge transferieren. Ypatia K. kann das bestätigen. Die 55-jährige Bankangestellte steht vor einem Bankautomaten der Hellenic Postbank an der Pentelis-Straße, im gutbürgerlichen Athener Vorort Vrillisia. Hier wohnt die gehobene Mittelschicht, auch sie ist Opfer der Krise. "Die Kunden, vor allem Kleinsparer, haben zuletzt 3000, 4000 oder 5000 Euro abgehoben. Das war Panik", erzählt sie. Ein paar Meter weiter steht Marina S. vor einer Filiale der Eurobank. Die 74-jährige Witwe muss jeden Euro umdrehen. "Mir bleibt nichts anderes übrig, als von meinem Sparguthaben zu zehren."

Dem immer kleiner werdenden Guthaben griechischer Banken stehen Kredite in Höhe von 253 Milliarden Euro gegenüber. Beobachter rechnen damit, dass der Anteil der faulen Kredite wegen der anhaltenden Rezession im kommenden Jahr auf bis zu 20 Prozent und damit rund 50 Milliarden Euro anwachsen könnte. Dies wiederum verschärft das ohnehin massive Liquiditätsproblem der griechischen Banken.

Nikos B., Arzt bei den Griechischen Streitkräften, hat jedenfalls die Nase voll von der nicht endenden Monster-Krise in seinem Land. Der 31-Jährige hat zwar eine Jobgarantie, wegen wiederholter Gehaltskürzungen komme er mittlerweile aber kaum noch über die Runden, sagt er. Das meiste Geld brauche er, um den Kredit für einen Kleinwagen abzustottern. "Wie soll ich denn mein Konto leerräumen? Es ist ja kaum was drauf." Er lerne seit zwei Monaten Deutsch und wolle nur noch weg. "Und zwar schnell!"

Dann macht Nikos eine kurze Pause und senkt den Blick. Ganz leise sagt er noch, was die stolzen Griechen nur schwer über die Lippen bringen: "Und am besten auch noch die Nationalität wechseln."

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insgesamt 68 Beiträge
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    Seite 1    
1. Auszehrung
Emil Peisker 06.12.2011
Zitat von sysopAkute Angst vor dem Euro-Verlust, latente Jobmisere und rapide steigende Abgabenlast: Viele Griechen heben ihr Erspartes von den Konten ab. Damit drehen sie ihrer eigenen Wirtschaft ungewollt den Geldhahn zu. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,801244,00.html
Der Patient stirbt an Auszehrung bevor die Operation überhaupt begonnen hat. Sozusagen unter den Händen.
2. Hoch lebe die ..
Baikal 06.12.2011
Zitat von sysopAkute Angst vor dem Euro-Verlust, latente Jobmisere und rapide steigende Abgabenlast: Viele Griechen heben ihr Erspartes von den Konten ab. Damit drehen sie ihrer eigenen Wirtschaft ungewollt den Geldhahn zu. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,801244,00.html
.. Kapitalverkehrsfreiheit, das wichtigste Gut und die beste Errungenschaft der EU.Reiche retten und deren Banken, der Rest sind eh die ökonomisch Kranken.
3.
goethestrasse 06.12.2011
Zitat von Emil PeiskerDer Patient stirbt an Auszehrung bevor die Operation überhaupt begonnen hat. Sozusagen unter den Händen.
...und wir sollen ihm all unsere Organe und unser Blutspenden und den Witwen und Waisen noch die Hinterbliebenenrente finanzieren ? Dabei geht unsere Hilfe doch bereits über die "Besten Wünsche zur Genesung" hinaus. Wo bleiben die Verwandten ???
4. Yes, we can!
hypnos 06.12.2011
Zitat von Emil PeiskerDer Patient stirbt an Auszehrung bevor die Operation überhaupt begonnen hat. Sozusagen unter den Händen.
Na, hoffentlich sind ausschließlich die "richtigen" Patienten betroffen: die 1 Prozent. Die neoliberale Monethik hat nur Elend und die Zerstörung der Gesellschaft gebracht. Die Bankster sollte man davonjagen - und die Retter gleich hinterher. Yes, we can! Mir ist inzwischen völlig egal, ob das Geld noch gültig ist oder nicht. Denn: es wird gestorben, es wird gevögelt, es kommen Kinder zur Welt, Lebbe geht weida!
5. Umlaufgesicherte Währung
absentcrisisx 06.12.2011
Die Griechen müssen jetzt ... schleunigst aus dem Euro raus. ein Bedingungsloses Grundeinkommen einführen. das BGE und das Staatseinkommen mit Schwundgeld finanzieren. alle Steuern abschaffen. Ich weiß das wäre ein ziemlich hartes Maßnahmenpaket, aber ohne Veränderung in der Wirtschaftsordnung, werden die Griechen ihre Probleme nicht kurzfristig lösen können!
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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