Absturz von Bankaktien Finanzmärkte zittern vor Stresstest der EZB

Die Europäische Zentralbank macht ernst: Ab November will sie die Bilanzen von 124 großen Finanzinstituten in der Euro-Zone prüfen. Wer durchfällt, muss sich neues Kapital besorgen - oder wird abgewickelt. Die Finanzmärkte sind schockiert von der Härte des Plans. Bankaktien stürzen ab.

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EZB-Neubau in Frankfurt: Härtetest für die Banken
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EZB-Neubau in Frankfurt: Härtetest für die Banken


Hamburg - Ignazio Angeloni hat es bis auf die Titelseite der "New York Times" geschafft. "Der Mann, der über Europas Banken entscheidet", überschrieb die Zeitung in dieser Woche ein großes Porträt des Italieners, den in Deutschland keiner kennt.

Dabei hat Angeloni derzeit einen der wichtigsten Jobs in Europa. Er ist Abteilungsleiter bei der Europäischen Zentralbank (EZB), zuständig für Finanzstabilität - und damit für das Großprojekt der kommenden zwölf Monate: den Stresstest für die Banken der Euro-Zone.

Der prominente Artikel in der "New York Times" zeigt, dass es dabei um mehr geht, als um ein paar Bankbilanzen. An den Finanzinstituten hängt derzeit das Wohl und Wehe der gesamten Währungsunion - und damit der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt.

Anders als etwa die USA haben die Staaten der Euro-Zone ihren Bankensektor nicht ausreichend bereinigt und fit gemacht. Das rächt sich in Form extrem schwacher Geldinstitute, die ihre Aufgabe in der Volkswirtschaft kaum mehr wahrnehmen können. Seit Monaten sinkt die Kreditvergabe. Viele Banken sind mehr mit sich selbst beschäftigt als mit ihren Kunden.

Um diesen Jammer-Zustand zu beenden, plant die EZB nun den größten Stresstest der europäischen Geschichte. Zusammen mit den nationalen Behörden wollen die Aufseher die Bilanzen von 124 Banken in der Euro-Zone prüfen, allein 24 davon aus Deutschland. Der Test soll die Institute aufspüren, die zu wenig eigenes Kapital haben, um ihre Funktionen sicher zu erfüllen. Diese müssten dann frisches Kapital auftreiben - entweder von ihren Aktionären oder von den Steuerzahlern. Falls das nicht gelingt, müsste die Bank sogar abgewickelt werden.

"Als Erstes muss der Privatsektor eingreifen"

Wie heikel die Mission ist, zeigt das politische Gerangel darum, wie streng die Prüfungen ausfallen sollen. Der EZB selbst ist an möglichst seriösen und harten Tests gelegen: Sie übernimmt im November 2014 die Aufsicht über die größten Banken Europas und will sich keine faulen Eier ins Nest legen. Doch viele Mitgliedstaaten haben ein Interesse daran, dass ihre Banken nicht allzu schlecht wegkommen. Schließlich müssen sie am Ende für die Kapitallücken einspringen.

Die deutschen Institute im Stresstest 2014

Aareal Bank
Bayerische Landesbank
Commerzbank
DekaBank
Deutsche Apotheker- und Ärztebank
Deutsche Bank
DZ BANK
HASPA Hamburger Sparkasse
HSH Nordbank
Hypo Real Estate Holding
IKB Deutsche Industriebank
KfW Ipex Bank
Landesbank Baden-Württemberg
Landesbank Berlin Holding
Landesbank Hessen-Thüringen
Landeskreditbank Baden-Württemberg
Landwirtschaftliche Rentenbank
Münchener Hypothekenbank
Norddeutsche Landesbank
NRW.Bank
SEB
Volkswagen Financial Services
WGZ Bank AG
Wüstenrot & Württembergische AG (W&W AG)
Zuerst sollen in einem solchen Fall allerdings die Aktionäre ran: "Als Erstes muss der Privatsektor eingreifen", sagte Abteilungschef Angeloni am Mittwoch bei der Vorstellung des Plans. Er betonte zudem, dass es dieses Mal nicht so harmlos zugehen werde wie bei den beiden bisherigen Stresstests der alten europäischen Bankenaufsicht EBA. "Unzählige Dinge" würden die EZB-Prüfung glaubwürdiger machen als frühere Tests.

Das reichte, um die Investoren kräftig zu verschrecken. In der gesamten Euro-Zone sackten die Kurse für Bankaktien ab. Zu den größten Verlierern gehörten die spanischen Institute Santander Chart zeigen und Banco Bilbao Chart zeigen sowie die italienischen Häuser Unicredit Chart zeigen und Intesa Chart zeigen Sanpaolo, aber auch die Aktie der Deutschen Bank gab um 2,2 Prozent nach, bei der Commerzbank Chart zeigen betrug das Minus sogar mehr als vier Prozent.

"Der Umfang der Überprüfung ist größer als wir gedacht haben", teilten Analysten der amerikanischen Citibank mit - die womöglich froh darüber sind, nicht selbst am Test teilnehmen zu müssen.

Auf die Ergebnisse für die deutschen Banken ist die Finanzwelt besonders gespannt. Zwar erklärt die Bundesregierung das Land in der Euro-Krise immer gerne zum Vorbild. Unter Experten aber gilt der deutsche Finanzsektor als besonders renovierungsbedürftig. Immer wieder gehen Gerüchte um versteckte Risiken in den Bankbilanzen um. "Wir warten alle darauf, ob Deutschland seine Probleme im Bankensektor in den Griff bekommen hat, von denen immer die Rede ist", sagt Sharon Bowles, Vorsitzende des mächtigen Wirtschafts- und Währungsausschusses im Europaparlament.

Der Bankenexperte und Chef des Bonner Max-Planck-Instituts, Martin Hellwig, nennt im Interview mit SPIEGEL ONLINE zwei Verdächtige unter den deutschen Banken, die beim Test Probleme bekommen könnten: Die HSH Nordbank habe seines Erachtens "bisher viel zu geringe Abschreibungen auf Schiffskredite vorgenommen", sagte Hellwig. "Da wird noch deutlich mehr nötig sein." Auch die Commerzbank sei sehr stark in der Schifffahrtsbranche engagiert, zudem drohten Altlasten bei der Immobilientochter Eurohypo Chart zeigen.

Die EZB fürchtet eine Flucht der Investoren

Um den Test zu bestehen, müssen die untersuchten Banken genug eigenes Kapital haben: Die EZB gibt eine Quote von acht Prozent vor. Die Zahl bezieht sich auf das Verhältnis des Eigenkapitals zu den risikogewichteten Anlagen, also all jene Kredite und Wertpapiere, die die Banken in ihren Bilanzen haben und sie nach einem vorgegeben Schema je nach Risiko gewichten. Für riskante Anlagen brauchen sie mehr Eigenkapital, für sichere Anlagen weniger oder gar keines.

Bei ihrem Blick in die Bilanzen sollen die Kontrolleure auch prüfen, ob diese Risikogewichtungen stimmen. Wegen der begrenzten Zeit können sie nicht alle Anlagen prüfen und werden deshalb gezielt solche auswählen, die besonders riskant erscheinen.

Dabei gehen die Prüfer folgenden Fragen nach:

  • Haben die Banken ausreichend Geld zurückgelegt, um Kreditausfälle abzufedern?
  • Sind die Sicherheiten, die die Banken für Kredite akzeptiert haben, richtig bewertet?
  • Sind die komplexen Finanzinstrumente in den Bankbilanzen richtig bewertet?

Am Ende soll dann ein Stresstest zeigen, wie gut die Banken gerüstet sind. Dabei werden verschiedene Krisenszenarien durchgespielt. Verliert eine Bank bei dieser Simulation zu viel Eigenkapital, muss sie nachbessern.

Ob der Test diesmal besser funktioniert als in der Vergangenheit, hängt auch davon ab, wie gut das Auffangnetz für die Durchfaller ist. Bei der EZB macht man sich offenbar große Sorgen, dass die Nationalstaaten nicht ausreichend Geld zur Rekapitalisierung maroder Geldhäuser bereitstellen - und so eine Panik an den Finanzmärkten auslösen.

In einem jetzt bekannt gewordenen Brief an EU-Währungskommissar Joaquín Almunia forderte EZB-Chef Mario Draghi schon vor Wochen, die Staaten müssten "glaubwürdige Auffanglösungen" für die Banken bereitstellen. Ohne solche Zusagen werde "die Glaubwürdigkeit der Aufgabe von Beginn an untergraben", warnte Draghi. Sollten statt der Staaten am Ende die Gläubiger der Banken ihr Geld verlieren, drohe sogar "eine Flucht der Investoren aus dem europäischen Bankenmarkt".

Mit Material von Reuters

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Seite 1
elwu 23.10.2013
1. Draghi meint
"Sollten statt der Staaten am Ende die Gläubiger der Banken ihr Geld verlieren, drohe sogar "eine Flucht der Investoren aus dem europäischen Bankenmarkt" und ich meine: sollen doch zunächst die Gläubiger und Angestellten der Banken ihr Geld verlieren, statt ständig gleich von Anfang an wir Steuerzahler.
tromsø 23.10.2013
2. Keine Panik
Solange Spanier Spanier kontrollieren und die EZB nur die Oberaufsich hat, passiert nichts. Und wenn dann in 2 Jahren der deutsche Steuerzahler einspringen muss, hat es niemand ahnen können
produster 23.10.2013
3. Sehr freundlich
1. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. 2. Es ist sowieso zu spät, um z.B. den Euro zu retten. 3. Der Steuerzahler wird bluten, wer denn sonst? 4. Es ist einfach absurd anzunehmen, dass sich die großen Geldverschieber gegenseitig an die Karre pinkeln. 5. Sehr freundlich, den wirklich großen Playern die Gelegnheit einzuräumen, ihr Geld in Sicherheit zu bringen.
adolfo1 23.10.2013
4. Spanische Banken und Sparkassen
die würde ich zuerst prüfen, vor dem Hintergrund, daß dort ca. 150 Milliarden Euro an gefährdeten Krediten lagern und in Anbetracht, daß bereits über 100 ex Bank-Manager (32 von Bankia) der Veruntreuung von Geldern angeklagt sind. Quelle: El Pais, Publico, TVE
Bernhard65 23.10.2013
5. Übersicht existiert bereits
Die schwächsten Banken muss man nicht aufspüren, sondern die kann man schon jetzt übersichtlich sehen. Hier zur Übersicht: http://www.rating-index.com/Rating_Banken Der Markt bewertet über die Höhe der Rendite von emittierten Anleihen der Institute wie stabil deren Geschäftsmodell ist.
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