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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Warum Anleihekäufe nicht zu Inflation führen

Eine Kolumne von

Heizt die Geldpolitik von EZB-Chef Draghi die Inflation an? Diese Angst treibt viele Deutsche um. Doch ihre Sorge beruht auf einem Missverständnis, das teilweise bewusst geschürt wird.

Man liest immer wieder, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit dem Kauf von Anleihen ihre Geldmenge ausweite. Das ist absolut falsch. Die Debatte basiert zu einem großen Teil auf Missverständnissen und zum Teil auf bewusster Irreführung. Ich möchte heute versuchen, die Geschichte etwas aufzudröseln.

Es gibt zwei Dinge, die man unbedingt auseinanderhalten muss:

  • Das eine ist die Geldmenge. Das ist das Geld, das der Wirtschaft zur Verfügung steht. Dazu gehören Bargeld, das Geld auf Girokonten sowie Sparguthaben, außer denen, die langfristig festgelegt sind.
  • Etwas völlig anderes ist die Geldbasis. Die Geldbasis enthält zwei Komponenten. Die eine ist das Bargeld. Es ist kein sehr großer Teil und spielt bei Anleihekäufen keine Rolle. Volkswirtschaftlich gesehen ist Bargeld nichts anderes als Peanuts. Die zweite Komponente sind die Bankreserven. Auf die kommt es an.

Ich gehe noch weiter: Die Reserven des Bankensystems sind der einzig ausschlaggebende Posten. Wenn Sie 2000 Euro in ihr Sparkonto stecken und die Bank davon 1000 Euro an einen Kreditkunden verleiht, dann wandern die restlichen 1000 Euro auf ein Konto, das die Bank bei der Zentralbank unterhält. Die Bank darf dieses Konto niemals überziehen. Im Gegenteil, sie muss immer ein Guthaben darauf haben, das eine bestimmte Untergrenze nicht unterschreiten darf. Das nennt man eine Mindestreserve. Heutzutage haben die meisten europäischen Banken deutlich mehr Geld auf diesem Zentralbankkonto, als sie eigentlich müssten.

Diese Bankreserven sind der Hauptbestandteil der Geldbasis, aber sie sind nicht Teil der Geldmenge. Schließlich stecken die Guthaben bei der Zentralbank fest und stehen nicht für Verbrauch oder Investitionen zur Verfügung.

So, was passiert jetzt, wenn die EZB italienische Anleihen von einer italienischen Bank kauft? Die italienische Bank schickt der EZB die Anleihen und erhält dafür eine Überweisung auf ihr Konto bei der EZB. Die Geldbasis wächst. Die Geldmenge bleibt aber zunächst einmal unverändert.

Wenn Sie sich jetzt die Anleihenkäufe der englischen oder der japanischen Zentralbank anschauen, dann ist genau das passiert, was ich gerade beschrieben habe. In beiden Fällen wurde die Geldbasis massiv erhöht. Die Geldmenge bewegte sich nicht.

Warum kaufen Zentralbanken die Wertpapiere dann überhaupt? Sie hoffen auf indirekte Effekte, die am Ende einer langen Kette vielleicht doch auf die Geldmenge wirken.

Zum Beispiel könnte die Bank das Geld, das ihr jetzt zur Verfügung steht, von ihrem Konto bei der Zentralbank abheben und als zusätzlichen Kredit vergeben. Das könnte eventuell einen positiven Kreislauf auslösen: Die Bank leiht das Geld einem Unternehmen. Das Unternehmen investiert in Maschinen. Der Maschinenproduzent investiert in neue Technologie. Beide stellen Mitarbeiter ein. Die wirtschaftliche Gesamtnachfrage wächst und damit auch die Nachfrage nach Krediten. Und dann wächst auch die Geldmenge wieder.

Nur leider hat das in Japan zwei Jahrzehnte lang nicht funktioniert. Und bei uns bislang auch nicht. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

  • In Italien zum Beispiel ist die Wirtschaft seit 15 Jahren effektiv nicht mehr gewachsen. In einer stagnierenden Wirtschaft zahlen sich viele Investitionen nicht aus. Die Banken werden vorsichtiger.
  • Ein weiterer Grund liegt in den steigenden Auflagen. Nach den Krisen der letzten Jahre verlangen wir von den Banken mehr Eigenkapital. Nicht alle Banken bekommen Kapital zu guten Konditionen. Es ist dann einfacher für sie, die Kredite zu reduzieren. Je weniger Kredite sie vergeben, desto weniger Kapital brauchen sie. Die Banken sanieren sich auf Kosten der Gesamtwirtschaft.
  • Es gibt noch einen weiteren indirekten Effekt. Zu den Verkäufern der Anleihen gehören auch Ausländer, die dann ihre Euro in andere Währungen umtauschen. Dadurch sinkt der Wechselkurs des Euro. Und das hilft den Exporteuren im Euroraum. Viele Analysten sehen in dem Wechselkurs den wichtigsten Kanal, durch den Anleihekäufe der Zentralbank die Wirtschaft beflügeln.

Ich bin da eher skeptisch. Ich glaube nicht, dass die Anleihekäufe übermäßig viel ausrichten werden - weder Gutes noch Schlechtes.

Was Sie sich auf jeden Fall merken sollten ist: Mit den Anleihekäufen erhöht die EZB nicht die Geldmenge, sondern nur die Geldbasis. Eine höhere Geldmenge könnte zu höherer Inflation in der Zukunft führen. Mit einer höheren Geldbasis bekommen Sie das nicht hin, selbst wenn Sie es wollten.

Und nehmen Sie sich in Acht vor den Angstmachern, die den Unterschied zwischen Geldbasis und Geldmenge entweder nicht kennen oder ihn bewusst verschleiern.

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1.
goethestrasse 17.11.2014
Ich will, dass die Staaten ihre Haushalte in den Griff bekommen, so wie meine Familie das auch muss und solange ich ausser Worten keine Taten feststellen kann, werde ich die EZB, Draghi us. nicht gutheissen.
2. Selbstverständlich steigert die Bank mit dem Anleihenkauf die Geldmenge
Neapolitaner 17.11.2014
Wenn eine Geschäftsbank die Anleihen kauft, dann macht sie das nicht mit dem Geld von "Anlegern". Sondern sie vergrößert ihre Bilanz - schafft also selbst das nötige Giralgeld. Wenn dieses geschöpfte Giralgeld abfließt, braucht die Geschäftsbank Kredit - die EZB hilft gerne, indem sie die Anleihen als Sicherheit entgegennimmt und zu de facto Nullzins die Geschäftsbank kreditiert. Wenn nun die Zentralbank nicht nur Kredit gibt, sondern gleich die Anleihe(n) kauft, dann hat sie - mit Zentralbankgeld - die Geldschöpfung noch einmal nachgezogen - und die Geldmenge dauerhaft ausgeweitet. Die Argumentation von Münchau ist fadenscheinig.
3.
marthaimschnee 17.11.2014
"Und nehmen Sie sich in Acht vor den Angstmachern, die den Unterschied zwischen der Geldbasis und Geldmenge entweder nicht kennen oder ihn bewusst verschleiern. " Ihr Auftritt, Hans Werner Sinn! Ich teile die Skepsis, es hat bisher nicht gefruchtet, den Markt mit Geld zu fluten. Alles ist im Spekulationssumpf verschwunden und verursacht eine noch größere Blase als 2008. Bei der Realwirtschaft kommt nichts an und die will auch gar nichts, weil die Aussichten weiterhin jämmerlich sind. Daran wird noch mehr Geld nichts ändern. Man wird irgendwann nicht umhin kommen, die Spekulationen anzugreifen, um das Geld entweder vom Staat einziehen zu lassen, der es dann investieren kann, oder um Spekulationen so unrentabel zu machen, daß selbst die mickrigen Renditen der Realwirtschaft wieder attraktiv werden. Wie wäre es mit Umsatzsteuer auf Kapitalgeschäfte?
4. Eine Frage dazu
Spiegel-Leser-109 17.11.2014
Sie schreiben, wenn die EZB eine Anleihe einer Bank kauft, landet das Geld nur auf dem Zentralbankkonto, und wirkt sich damit nicht auf die Geldmenge aus. Wenn die EZB aber nun Staatsanleihen kauft, dann bekommt doch der Staat im Austausch für die Anleihe eben doch Geld, dass er dann zur Refinanzierung oder was auch immer nutzen kann. Und selbst wenn die Staatsanleihe über den Umweg einer Bank an die EZB gelangt und in einem Zwischenschritt dann das Geld "nur" auf dem Zentralbankkonto liegt, trotzdem werden doch z.B. 100 Euro von der Zentralbank für die Anleihe bezahlt, und die 100Euro kommen dann über Umwege in den Staatshaushalt, womit sie im Umlauf sind, und die Geldmenge eben doch erhöhen, oder nicht?
5.
muellerthomas 17.11.2014
Zitat von goethestrasseIch will, dass die Staaten ihre Haushalte in den Griff bekommen, so wie meine Familie das auch muss und solange ich ausser Worten keine Taten feststellen kann, werde ich die EZB, Draghi us. nicht gutheissen.
Inwiefern ist die EZB für die Staatshaushalte verantwortlich?
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

Die Europäische Zentralbank
EZB
Die Europäische Zentralbank (EZB) ist die gemeinsame Währungsbehörde der Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion und bildet mit den nationalen Zentralbanken der EU-Staaten das Europäische System der Zentralbanken .
Europäischer Leitzins
Der von der Europäischen Zentralbank vorgegebene Leitzins legt fest, zu welchen Bedingungen sich Kreditinstitute Geld beschaffen und verleihen können.
Expansive Geldpolitik
Durch expansive Geldpolitik wird die verfügbare Geldmenge bei den Geschäftsbanken erhöht, um dadurch die Konjunktur anzukurbeln.
Geldwertstabilität
Ein Hauptziel der EZB ist die Geldwertstabilität , die vor allem mit Hilfe der Geldpolitik erreicht werden soll.
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