Anpassungsmeister Hyundai Beim Koreaner in Rüsselsheim

Hyundai ist zu einem der wichtigsten Akteure im globalen Autogeschäft geworden. Das Erfolgsgeheimnis: Der koreanische Konzern passt seine Modelle clever den regionalen Märkten an. Besonders gut zeigt sich das am deutschen Traditionsstandort Rüsselsheim. Ein Besuch.

SPIEGEL ONLINE

Aus Rüsselsheim berichtet


Die Hyundai-Kantine in Rüsselsheim bietet heute drei Gerichte zur Auswahl: Schnitzel, vegetarischen Auflauf und ein koreanisches Reisgericht. Letzteres, warnt die asiatische Bedienung freundlich, sei aber wirklich scharf. Als sich das Essen dann als durchaus verträglich erweist, hat Chefdesigner Thomas Bürkle eine Vermutung: "Die Schärfe wurde schon für Europäer angepasst."

Das Mittagessen wäre nicht das Einzige, das in Rüsselsheim auf westlichen Geschmack getrimmt wurde. Im europäischen Design- und Entwicklungszentrum von Hyundai Chart zeigen zeigt sich ein wesentliches Erfolgsrezept des Autobauers: Obwohl hinter ihm ein straff geführtes südkoreanisches Industriekonglomerat steht, hat sich Hyundai in den vergangenen Jahren weltweit den regionalen Geschmäckern angepasst.

"Toyota hat Jahre gebraucht, um Autos speziell für den europäischen Markt zu entwerfen", sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive in Bergisch Gladbach. "Die Koreaner waren viel, viel schneller." Nun, da Toyota von der Erdbeben- und Reaktorkatastrophe geschwächt ist, genießen Hyundai und die Schwestermarke Kia den Status als neue Macht aus Asien. Mit 5,7 Millionen verkauften Fahrzeugen war Hyundai 2010 bereits weltweit der fünftgrößte Autobauer. 2011 will der Konzern bereits 6,5 Millionen verkaufen und damit zur Nummer vier hinter Toyota, GM und Volkswagen aufsteigen.

Um den europäischen Markt zu erobern, zog Hyundai in unmittelbare Nähe zum deutschen Traditionsunternehmen Opel und verpflichtete erfahrene Manager wie Bürkle. Der frühere BMW Chart zeigen-Designer hat für die früher blassen Hyundais eine neue Formensprache entwickelt, die er Fluidic Sculpture (in etwa: Flüssige Skulptur) nennt und die ihm wachsende Anerkennung in der Fachwelt einbringt.

Den Ritterschlag gab es kürzlich auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt, wo Hyundai die Neuauflage des von Bürkle entworfenen i30 präsentierte. Der ist als Konkurrent zum Golf gedacht und wird bei Volkswagen Stammaktien Chart zeigen offenbar zunehmend als solcher gesehen. Auf der IAA erschien VW-Vorstandschef Martin Winterkorn mit einem Zollstock am Hyundai-Stand und nahm den i30 unter die Lupe. Dabei fragte er seinen Chefdesigner immer wieder vorwurfsvoll, wieso das Lenkrad des Wagens sich im Gegensatz zu den eigenen Modelle geräuschlos verstellen lasse. Ein Video des Auftritts wurde zum Hit im Internet.

Abschied von der Billigmarke

In Rüsselsheim freut man sich über die kostenlose Werbung. Bislang hatte Winterkorn den Koreanern vorgeworfen, sie würden VW-Modelle kopieren. Nun bestätigte er ihnen höchstpersönlich, manches besser zu machen als die eigenen Leute. Dass gerade Winterkorn Hyundai fürchtet, ist kein Geheimnis - schließlich will er VW bis 2018 zum weltweit größten Autobauer machen.

In Deutschland ist Hyundai zwar mit einem Marktanteil von knapp 2,6 Prozent noch keine Bedrohung. In den USA dagegen, wo die Koreaner mit dem Genesis auch im Premiumsegment mitspielen, haben sie VW ebenso wie Daimler und BMW bereits überholt. Und das Unternehmen ist auch stark auf Zukunftsmärkten. In Indien kontrolliert Hyundai sogar rund ein Fünftel des Marktes.

Bis zu Respektbekundungen wie der von Winterkorn war es ein langer Weg. "Hyundai war damals bekannt für robuste Autos wie den Getz oder Tucson", erinnert sich Bürkle an seinen Anfang 2005, "wurde aber eher als eine Billigmarke gesehen". Der Deutsche machte sich daran, eine einheitliche Formensprache zu etablieren - die Hyundai zu Hause nie gebraucht hatte. Schließlich beherrscht das Unternehmen rund 50 Prozent des koreanischen Marktes, muss sich also deutlich weniger von der Konkurrenz abheben als im Ausland.

Die neue Linie durchzusetzen habe "viel Einsatz und Überzeugungskraft" gekostet, erzählt Bürkle. Letztlich überzeugte der Deutsche die Unternehmenschefs in Seoul mit einer diplomatischen Mischung. "Unsere Autos sind zwar für Europäer gemacht, aber wir haben durchaus asiatische Einflüsse", sagt er. Die D-Säule des Kombi i40 etwa sei koreanischen Tempeldächern nachempfunden. Manche Idee aus Fernost wurde in Rüsselsheim aber auch schon verworfen. So zeigte sich laut Bürkle im 3D-Simulator, dass bestimmte Lacke nur im grelleren asiatischen Licht gut aussehen.

Seine neuen Modelle vermarktet Hyundai mittlerweile mit einer selbstbewussten Fünf-Jahres-Garantie. Immer wieder betonen die Konzernlenker, Qualität komme vor Wachstum. Auch hier versucht man vom Konkurrenten Toyota zu lernen, dessen Image zuletzt unter zahlreichen Rückrufaktionen gelitten hatte. Autoexperte Stephan Bratzel hält die Gefahr angesichts des rasanten Wachstums aber nicht für gebannt. "Da muss Hyundai genauso wie VW enorm aufpassen."

Mit hessischer DNA nach Korea

Wie kann Hyundai die Qualität sichern, obwohl seine Autos oft deutlich günstiger sind als die Konkurrenz? Für Jürgen Grimm ist die Antwort klar: Möglichst viel selbst machen. "Was andere outsourcen, machen wir intern. Wir haben eine hohe Fertigungstiefe und sogar ein eigenes Stahlwerk." Grimm arbeitete früher bei VW, heute leitet er in Rüsselsheim die Motorenentwicklung. Er zeigt auf ein Doppelkupplungsgetriebe, wie es im Dreitürer-Coupé Veloster zum Einsatz kommt: "Andere kaufen solche Getriebe komplett zu, wir kaufen nur die Kupplung."

Auch die Ingenieure profitieren von der Arbeitsteilung mit der Zentrale: Grimm führt einen Prüfstand vor, an dem neue Motoren für den europäischen Markt getestet werden. "Die Motoren bekommen hier ihre DNA und werden dann in Korea auf Herz und Nieren getestet", sagt er. Im Entwicklungszentrum in Namyang bringen 7000 Techniker neue Entwicklungen zur Serienreife. Dabei haben sie wiederum die Anforderungen der weltweiten Märkte im Blick: In Namyang können Fahrzeuge auf 68 verschiedenen Straßenbelägen Probe gefahren werden.

Am Standort Rüsselsheim sind zwar viele asiatische Gesichter zu sehen, selbst das Straßenschild zum "Hyundai-Platz" ist auch auf koreanisch vorhanden. Dennoch gibt es laut Grimm in jeder Abteilung im Schnitt nur einen koreanischen Mitarbeiter. "Es macht keinen Sinn, eine Vielzahl von Koreanern hier zu haben, sonst bräuchten wir kein europäisches Entwicklungszentrum."

Von Personalmangel in Rüsselsheim will Grimm nichts wissen, die rund 400 Mitarbeiter des Entwicklungszentrums sollten jährlich um maximal fünf Prozent aufgestockt werden. Dennoch wird Hyundai Interesse an einer Übernahme des Nachbarn Opel nachgesagt, von dem schon manche Fachkraft abgeworben wurde. Grimm dementiert pflichtgemäß. "Natürlich ist das hier ein traditionsreicher Standort, aber für uns war die Nähe zum Flughafen und zu unseren Lieferanten wichtiger."

Ihre Eroberung des Weltmarkts betreiben die Koreaner also weiterhin mit eher leisen Tönen. Wie erfolgreich sie dabei sein können, zeigt seit Anfang Juli ein Zollabkommen zwischen Südkorea und der EU. Damit kann Hyundai seine Autos künftig noch günstiger importieren. Die deutschen Hersteller fürchten Wettbewerbsnachteile, sie protestierten scharf gegen das Abkommen. "Da haben die Europäer einfach nicht aufgepasst", sagt Autoexperte Bratzel amüsiert, "und die Koreaner haben gezeigt, wie schlau sie sind." Es könnte nicht das letzte Mal gewesen sein.

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Dette 10.10.2011
1. Warum so überrascht?
Die Europäer, allen voran Deutschland, dass das grösste Interesse haben müsste, haben schon vor 8 Jahren gepennt, als die Koreaner (und Japaner) mit den Emissionswerten des Diesel nicht nachkamen. Zumindest die Koreaner haben uns mit Zulassungsschikanen belegt, um Zeit zu gewinnen. Bevor der Moloch 'Europa' zu einer gemeinsamen Stimme ansetzte, hatten die Koreaner aufgeholt. Durch zeitnahe Gegensanktionen, hätte man hier schon gezeigt wer Herr im Hause ist. Mit den Einzel-'Free Trade Agreements' spielen sie mit uns Katz und Maus. Was die Anpassungsfähigkeit, Mut zu unorthodoxen Formen und die Schnelligkeit der Umsetzung anbelangt anbelangt: Hochmut (der dt. Autobauer) kommt vor dem Fall.
Peter Lieser 10.10.2011
2. ***
Ich fahren seit 2001 einen Sonata III 2.0, ein problemloses zuverlässiges Auto. Ausser Verschleißteilen, Bremsen, Kerzen, Keilriemen keine Reperaturen, Inspektionen liegen bei ca. 200.- Euro. Bestnote für dieses Fahrzeug ! Mein Nachbar hat zum gleichen Zeitpunkt ein 3 Modell der weißblauen Marke gekauft und bisher neben erheblichen Mängeln an Achsen, Bremsen und Motormanagement ca.14 000 Euro in Reperaturen investiert. Er lächelte damals über meine Wahl, heute lache ich über SEINE !
Sleeper_in_Metropolis 10.10.2011
3. Titel
Zitat : "Hyundai ... wurde aber eher als eine Billigmarke gesehen" Das ist doch heute auch nicht anders, und gilt auch für alle anderen Asien-Autos. Damit meine ich nicht, das diese Wagen Schrott sind, sondern das sie eben kein, für viele Leute scheinbar wichtiges Markenprestige besitzen. Zitat : "Was andere outsourcen, machen wir intern". Ach, und das ist jetzt die neue Linie ? Bislang haben doch alle BWL-Controllerfritzen das totale Outsourcing von allem und jedem als den großen, seeligmachenden Schritt gepriesen ?
blowup 10.10.2011
4. verstehe
Zitat von Peter LieserIch fahren seit 2001 einen Sonata III 2.0, ein problemloses zuverlässiges Auto. Ausser Verschleißteilen, Bremsen, Kerzen, Keilriemen keine Reperaturen, Inspektionen liegen bei ca. 200.- Euro. Bestnote für dieses Fahrzeug ! Mein Nachbar hat zum gleichen Zeitpunkt ein 3 Modell der weißblauen Marke gekauft und bisher neben erheblichen Mängeln an Achsen, Bremsen und Motormanagement ca.14 000 Euro in Reperaturen investiert. Er lächelte damals über meine Wahl, heute lache ich über SEINE !
Kann ich gut verstehen. Ich fahre seit 2006 einen Hyundai Santa Fe. Keinerlei Probleme. Wie kam ich dazu? Nach 14 Jahren und 3 VW Multivans bin ich zum damals neuen Passat gewechselt (die Multivans wurden langsam unbezahlbar...). Den habe ich wegen der abenteuerlichen Qualität und diversen Mängeln nach einem Jahr gewandelt. Da es mit Qualität made in Germany offenabr nicht mehr zum Besten bestellt ist (man muss nur mal in entsprechende Foren blicken...), habe ich mich für Hyundai entschieden - und es nicht bereut. Zur Zeit liebäugel ich wieder mit einem Bus. Natürlich der Hyunday H1 Travel. Kostet ca. die Hälfte eines vergleichbar ausgestatteten VW-Busses. Ersparnis ca. 20.000 - 30.000 Euro! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ein Qualitätsvorteil bei VW ist - nach den Beiträgen in den Foren - wohl nicht gegeben. Ich bleibe bei Hyundai.
Tolstoi-ulm 10.10.2011
5. Dubidamdam
Zitat von Sleeper_in_MetropolisZitat : "Hyundai ... wurde aber eher als eine Billigmarke gesehen" Das ist doch heute auch nicht anders, und gilt auch für alle anderen Asien-Autos. Damit meine ich nicht, das diese Wagen Schrott sind, sondern das sie eben kein, für viele Leute scheinbar wichtiges Markenprestige besitzen. Zitat : "Was andere outsourcen, machen wir intern". Ach, und das ist jetzt die neue Linie ? Bislang haben doch alle BWL-Controllerfritzen das totale Outsourcing von allem und jedem als den großen, seeligmachenden Schritt gepriesen ?
Das können sie nicht einfach über einen Kamm scheren. Jedes Unternehmen muss selbst ausrechnen, ob es für sie sinnvoll ist Dinge weiterzugeben, oder sie selbst zu produzieren oder gar zu entwickeln. Vor einigen Jahren hat das natürlich viel gebracht, aber im Verlauf von steigenden Rohstoffpreisen und damit auch steigenden Lieferpreisen wird es über kurz oder lang wieder dazu kommen, dass viele Firmen wieder eine lokale Beschaffung anvisieren werden. Siehe dabei Mercedes, die ihre Zulieferer sogar in ihr eigenes Werk integrieren. Nur weil Hyundai meint, sie outsourcen weniger, was ihnen diese Vorteile im Preis beschert, heißt das noch lange nicht, dass es bei BMW ebenso aussehen würde.
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