Kameras meidet Anton Schlecker. Das war schon früher so, als die Welt des Schwaben noch in Ordnung war. Seit seiner Kindheit lebt Anton Schlecker in der gleichen Kleinstadt - zurückgezogen. Die Öffentlichkeit blendet Anton Schlecker aus, ebenso die Kritik an ihm: Das Image von Schlecker sei nicht im Geringsten beschädigt, sagte Anton Schlecker 2010 in einem seiner seltenen Interviews.
Da war Anton Schlecker längst Deutschlands meistgehasster Unternehmer. Als Anfang 2012 der Drogeriekonzern pleiteging, schien Schlecker ganz unten angekommen zu sein. Doch es geht noch tiefer: heute gab die Staatsanwaltschaft bekannt, dass gegen Anton Schlecker wegen des Verdachts auf Bankrott, Untreue und Insolvenzverschleppung ermittelt wird. Vor dem tiefen Fall stand der steile Aufstieg.
Im Jahr 1965 entscheidet sich Anton Schlecker, seinerzeit jüngster Metzgermeister der Republik, seine Zukunft nicht zwischen toten Tieren zu verbringen. Der 21-Jährige eröffnet stattdessen ein Selbstbedienungswarenhaus. Als 1974 die Preisbindung für Drogerieartikel wegfällt, sattelt Schlecker um auf einen neuen Markt: Discount-Drogerien. Drei Jahre später eröffnet er seine 100. Filiale, 1984 knackt er die Tausendermarke. Das Modell Schlecker ist immer gleich: Spartanische Einrichtung, wenig Auswahl und viel ungelerntes Personal. Denn Sparen ist das oberste Gebot des Drogeriepapstes.
Geiz-ist-geil-Strategie
Und das macht ihn zum meistgehassten Arbeitgeber der Republik, denn Anton Schlecker knausert auf Kosten seiner Mitarbeiter: Filialleiterinnen bezahlt er oft wie einfache Verkäuferinnen, kranken Mitarbeitern streicht er den Lohn und Überstunden honoriert er nicht. "Wir wollen der billigste Anbieter sein", rechtfertigt sich Schlecker. "Das geht nun mal nur, wenn wir die Kosten so gering wie möglich halten." Lange Jahre praktiziert der Schlecker-Konzern Lohn-Dumping, erst spät kommt die Quittung. Das Amtsgericht Stuttgart verurteilt Anton und Christa Schlecker 1998 wegen Betrugs zu Bewährungsstrafen. Das Unternehmerpaar hatte viele Mitarbeiter unter Tarif bezahlt, in den Arbeitsverträgen aber das Gegenteil suggeriert. Anton Schlecker wird dazu verdonnert, zwei Millionen Mark für einen guten Zweck zu zahlen. Eine Entschuldigung des Verurteilten bleibt aus.
Denn Anton Schlecker fühlt sich im Recht, auch dann, wenn er die Arbeit von Betriebsräten behindert. Das gehe schließlich in die Kosten, wenn sich die Mitarbeiter ständig fortbildeten, sagte Schlecker. "Außerdem muss man alles in Gremien verhandeln." Und die Konsenssuche ist nicht seine Stärke. Schlecker bevorzugt Vorschriften. Und die sind bei ihm ähnlich rigide wie bei seinem Unternehmerfreund, dem Lidl-Eigentümer Dieter Schwarz. Entsprechend oft legte sich der Schwabe mit der Gewerkschaft an. Ver.di warf dem Konzern vor, Arbeitnehmerrechte massiv zu missachten, etwa durch das Führen von sogenannten Abschusslisten für unliebsame Mitarbeiter.
In der Branche lassen sich die Schleckers dennoch feiern. Die Frankfurter Lebensmittelzeitung bescheinigt den reichen Emporkömmlingen 1993 "Augenmaß und Solidität". Zur Jubiläumsfeier der Schlecker-Kundenzeitschrift schwebt Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher per Hubschrauber als Gast ein. Privat lebt die Schlecker-Familie seit der Entführung der beiden Kinder Lars und Meike im Jahr 1988 äußerst zurückgezogen. Damals gelang es Anton Schlecker, die Lösegeldsumme von 18 Millionen D-Mark auf 9,6 Millionen herunterzuhandeln.
Brutal direkt
Nicht oft meldet sich Anton Schlecker daher in der Öffentlichkeit zu Wort. Macht er es doch, tut er sich damit selten einen Gefallen. So erklärte Schlecker Anfang der neunziger Jahre auf die Frage, warum seine Filialen kein Telefon hätten: "Wenn die Filialen Fernsprechanschlüsse haben, telefonieren die Angestellten doch nur, statt zu arbeiten." Dem Vorwurf, seine unterbezahlten Filialleiterinnen müssten zu lange in Dienst sein, entgegnete der Chef: "Ein Drogeriemarkt lässt sich nun mal nicht mit 37 Stunden pro Woche führen." Er selbst arbeite gerne, betonte Anton Schlecker stets. Auch mit 65 zieht er sich nicht zurück, überträgt seinen zwei Kindern lediglich einzelne Projekte.
Das Unternehmen ist sein Lebenswerk. Als das bröckelt, macht Anton Schlecker einfach die Augen zu. Seit 2003 verlor das Schlecker-Unternehmen an Umsatz, zu spät versuchte der Unternehmer gegenzulenken. Die Ramschatmosphäre und der Autokrat kamen nicht mehr an gegen das Saubermann-Image von Rossmann und dm.
Bis zuletzt beharrte Anton Schlecker auf seinen Gewohnheiten. Noch mitten im Insolvenzverfahren verließ er morgens pünktlich sein von Mauern und Stacheldraht umzäuntes Anwesen, um in seinem Büro Umsatzzahlen zu studieren und die Realität zu ignorieren. Abends fuhr er wieder hinunter in die Tiefgarage, mit dem Privataufzug, denn so musste er niemandem begegnen. Mit dem Rückzug ist es nun vorbei. Ermittler durchsuchten am Mittwoch Firmenzentrale, Villa und Wohnungen des Unternehmers.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Schlecker | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH