Urteil Wie Anton Schlecker seine Kinder opferte

Das Urteil ist gefallen: Der Gründer der insolventen Drogeriekette Schlecker kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Seine Kinder müssen in Haft - auch, weil der Vater sie ans Messer geliefert hat.

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An diesem Tag in Stuttgart, am Ende des monatelangen Insolvenz-Prozesses gegen Anton Schlecker und seine Kinder, gibt es viele Verlierer, aber einen Gewinner. Und der heißt nicht Anton Schlecker, der mit einer Bewährungsstrafe davonkam, sondern Norbert Scharf. Scharf ist der Anwalt des ehemaligen Drogeriekönigs. Der Münchner Fachmann für Strafrecht verschaffte bereits Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer, dem ehemaligen Banker Christopher Freiherr von Oppenheim oder dem früheren Formel-1-Tycoon Bernie Ecclestone schmeichelhafte Urteile. Und nun triumphierte er im Fall Schlecker.

Hans Richter, der frühere Stuttgarter Oberstaatsanwalt für Wirtschaftskriminalität und maßgebliche Treiber im "Schlecker-Prozess" ahnte schon früh, dass die Sisyphusarbeit seiner Behörde am Ende wohl folgenlos bleiben würde. Mehr als vier Jahre trugen die Staatsanwälte Puzzleteilchen zusammen, die belegen sollten, wie Anton Schlecker die Pleite seines Unternehmens hinauszögerte, um vorher noch genügend Geld herauszuziehen, damit die Familie danach finanziell sanft fällt. "Es gibt eine Zwei-Klassen-Täterschaft", sagte Richter, als er in den Ruhestand ging. Die Armen müssten oft büßen, die Reichen kämen oft davon, weil sie sich ein Heer der besten und teuersten Verteidiger des Landes leisten könnten.

Arm ist in diesem Fall relativ. Denn Schleckers Kinder Meike und Lars sind materiell sicher nicht arm, nun aber arm dran. Sie müssen für zwei Jahre und acht Monate beziehungsweise zwei Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Und man übertreibt sicher nicht in der Feststellung, dass ihr Vater sie ans Messer geliefert hat.

Schon bei der Verkündung der Insolvenz war Anton Schlecker zu feige, selbst vor die Presse zu treten - und schickte stattdessen seine Kinder. Dort ließ er sie auch wahrheitswidrig verbreiten, dass "nichts mehr da" und alles Geld ins Unternehmen geflossen sei.

Das Prinzip, die Schuld abzuwälzen, wiederholten Schlecker senior und sein Anwalt nun auch vor Gericht. Was für eine schäbige Volte.

Formaljuristisch ist es sicher korrekt, die Kinder zu belangen, denn sie waren Hauptgesellschafter mehrerer Schlecker-Töchter, allen voran der Logistik- und Dienstleistungsgesellschaft mbH (LDG), die am Ende der Dreh- und Angelpunkt im Schlecker-Prozess war.

Diese LDG belieferte die Schlecker-Filialen mit Ware zu deutlich überhöhten Preisen, andere Kunden als den Papa gab es nicht. Diese LDG gewährte dem Papa Millionendarlehen, diese LDG kassierte die Erlöse, die aus den Verkäufen zweier Großlager in Österreich erzielt wurden. Diese LDG schüttete die rund sieben Millionen Euro umgehend an die Gesellschafter - also die Kinder - aus.

Allerdings wusste jeder, der sich nur ein kleines bisschen mit dem Geschäftsgebaren des Unternehmens Schlecker befasste, dass die Kinder nichts weiter als Strohleute im Netz des Drogerieimperiums waren. Am Ende hielt immer der Patriarch die Fäden in der Hand. Er entschied, er delegierte, er ließ umsetzen, was er sich ausgedacht hatte. Dass die Kinder die Geschicke diverser Schlecker-Unternehmungen lediglich auf dem Papier leiteten, lässt sich schon daran erkennen, dass sie schon zu jener Zeit hauptsächlich in London und Berlin lebten.

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Urteil gegen Anton Schlecker: Patriarch auf Bewährung, Kinder in Haft

Allein ein Vorgang hätte dem Gericht Indiz genug sein müssen, in Anton Schlecker den Drahtzieher hinter all den Vermögensverschiebungen zu sehen - und nicht seine Kinder. Kurz vor der Insolvenz der Drogeriemarktkette im Januar 2012 verkaufte eine Schlecker-Tochtergesellschaft eben jene zwei Immobilien in Österreich an die LDG der Kinder Meike und Lars - zu eben jenem Preis von sieben Millionen Euro. Doch die fällige Grunderwerbssteuer in Höhe von 322.033 Euro zahlten nicht wie üblich die neuen Besitzer, sondern Papa Anton. Von seinem Privatkonto bei der Sparkasse Ulm. Auch landete der Kaufpreis am Ende nahezu komplett auf dem Privatkonto Anton Schleckers. Von diesem zahlte er drei Tage vor der Insolvenz Schleckers 7.005.296,74 Euro an die LDG - und damit gewissermaßen an sich selbst.

All das hätte er vor Gericht transparent machen können. Er hätte sagen können: Ich habe meine Kinder angestiftet, ich habe meine Kinder benutzt, ich nehme die Schuld auf mich. Er hat es unterlassen und allein dafür sollte er sich schämen. Dem Gericht blieb am Ende nichts anderes übrig, als sich an den formalen Gesellschafterstrukturen zu orientieren und jene zu belangen, die auf dem Papier die Verantwortung trugen.

Eine Strafe hat Anton Schlecker trotzdem bekommen, auch wenn es eine sehr eigenwillige Form der Bestrafung durch die Richter des Landgerichts Stuttgart ist. Sollte das Urteil auch nach einer möglichen Revision Bestand haben, muss Anton Schlecker damit leben, seine eigenen Kinder und die Eltern seiner Enkelkinder ins Gefängnis geschickt zu haben, während er weiter in seiner schicken Villa auf den Hügeln Ehingens residiert, wo die Gärtner seine Thujahecken stutzen.

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widower+2 27.11.2017
1. Völlig unverständlich!
Ich würde jederzeit selbst ins Gefängnis gehen, wenn ich dadurch meine Kinder davor bewahren könnte. Ein derartiger Charakter sprengt mein Verständnisvermögen. Ob Schlecker Senior damit glücklich wird? Ich wage es zu bezweifeln.
biesi61 27.11.2017
2. Die Strafe gegen die Kinder geht in Ordnung.
Sie haben beide eine sehr gute Ausbildung und wussten sehr genau über die Strafbarkeit ihres Tuns bescheid. Da ist Mitleid fehl am Platze!
psynus 27.11.2017
3. Berufung?
Eine Berufung gegen das Urteil wäre gar nicht zulässig. In Betracht kommt lediglich die Revision.
brotherandrew 27.11.2017
4. Diese ...
... Behauptung ist ehrenrührig, unverschämt und eigentlich unfassbar: "Und man übertreibt sicher nicht in der Feststellung, dass ihr Vater sie ans Messer geliefert hat." Was hat den Autor geritten, derartiges unter dem Schutz der Pressefreiheit zu behaupten? Die beiden Kinder sind um die 50 und haben auch persönlich erheblich von den Vermögensverschiebungen profitiert. So zu tun, als seien sie nur die Puppen in Vaters Hand, ist daher abwegig. Ganz abgesehen davon, dass es viele andere Deutungsmöglichkeiten gibt. Am nächsten liegt die Annahme, dass Schlecker, seine Frau und seine Kinder wie andere Firmengründer auch immer in der Kategorie "Familienunternehmen" gedacht haben. Dort sind geschäftliche Vorgänge immer auf die Familie im Ganzen und nie nur auf den Patriarchen bezogen. Man kann davon ausgehen - das belegt die Ausbildung der Kinder - dass ohne Insolvenz das Unternehmen irgendwann auf eines der Kinder oder auf beide Kinder übergegangen sei. Und so wurde eben auch die Familie als Ganzes "bedacht", als sich die Insolvenz abzeichnete. Ich denke auch nicht, dass hier juristisch das letzte Wort gefallen ist.
waldschrat_72 27.11.2017
5. Formaljuristisch wohl korrekt.
Moralisch zum Würgen schäbig. Ich kann Herrn Tietz hier nur zustimmen. Bei soviel erbärmlicher Feigheit und Unmoral bleibt einem einfach nur die Spucke weg. Das Weihnachtsfest im Hause Schlecker jedenfalls dürfte alles andere als harmonisch ablaufen...
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