Modefirma Antonaga Die tapferen Schneiderlein

Eine Firma für Herrenkleidung aus einer spanischen Kleinstadt erlebt einen steilen Höhenflug - mitten in der Krise. Wie das gelingen konnte? Mit dem Mut zum Risiko.

Antonaga

Von Angelika Stucke, Madrid


Die Kleinstadt Briviesca, bei Burgos in Nordspanien gelegen, galt lange Jahre als das Paradies für Arbeitssuchende. Sogar in der Madrider Metro warb man auf Plakaten damit, dass jeder in Briviesca innerhalb von nur zwei Tagen eine Stelle finden könne. So erzählt es Begoña, eine junge Frau, die mit zwei Freundinnen im Supermarkt das Nötigste einkauft. Alle drei Frauen würden gern auch noch woanders arbeiten als nur in ihren Haushalten, doch Stellenangebote gibt es in Briviesca inzwischen kaum noch.

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Heft 13/2015
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Vom Boom vor der Krise ist nur noch wenig zu spüren. Wer heute durch die etwas trostlos wirkende Innenstadt von Briviesca streift, findet in vielen Schaufenstern statt hübscher Dekorationen große Plakate, die das jeweilige Geschäft Käufern oder Nachmietern anpreisen. Die Krise hat Briviesca hart getroffen. Von den einstmals 10.000 Einwohnern sind 3000 weggezogen.

2011 war auch für das Traditionsunternehmen Cardenal Schluss. Über 40 Jahre hatte man maßgefertigte Anzüge hergestellt, dann traf die Krise das Unternehmen so hart, dass allen 250 Angestellten gekündigt wurde. Darunter auch Schneidermeister José Antonio Aparicio. "Ich hätte nach Marokko oder Tunesien auswandern müssen, um eine Stelle in meiner Branche zu finden", sagt der 52-Jährige. "Dort lassen fast alle spanischen Modelabels produzieren."

Spaniens Textilsektor schrumpfte um über 40 Prozent

Auch das Vorzeigeunternehmen Inditex, zu dem die Labels Zara und Massimo Dutti gehören, lässt kein einziges Kleidungsstück mehr auf der iberischen Halbinsel fertigen. Der Textilsektor Spaniens schrumpfte innerhalb von einem Jahrzehnt um über 40 Prozent, von gut 33.000 Firmen 2003 auf gut 19.000 im Jahr 2013. Bei den Arbeitsplätzen sah es sogar noch schlechter aus: Von ehemals 103.000 Arbeitsplätzen blieben im gleichen Zeitraum nur knapp 39.000 übrig.

José Antonio Aparicio blieb - und nahm zusammen mit vier ehemaligen Kollegen allen Mut zusammen: Alle fünf nahmen Hypotheken auf ihre Wohnungen auf, kratzten irgendwie knapp 400.000 Euro zusammen und gründeten im April 2012 Antonaga. Mitten in der Krise.

"Wir dachten, wir leisten hervorragende Arbeit, damit muss sich doch etwas auf die Beine stellen lassen können", erzählt Jorge Ruiz, einer der fünf Firmengründer.

Der Anfang war hart. Es gab zwar Hilfen von der Europäischen Union, dem Land Kastilien und dem spanischen Arbeitsministerium, doch die knapp 12.000 Euro wurden allein durch den bürokratischen Aufwand für den Antrag schon wieder aufgefressen. Zudem arbeiteten die graumelierten Jungunternehmer an sieben Tagen in der Woche fast rund um die Uhr.

"Das Schwierigste aber war es, unsere Kunden so lange bei der Stange zu halten", erinnert sich Angel Ruíz, der den Sprung in die Selbständigkeit mit 66 Jahren wagte. Ihren ersten Auftrag, einen maßgeschneiderten Hochzeitsanzug, fertigten sie alle zusammen an einem einzigen Tag und lieferten ihn persönlich bei dem ungeduldig wartenden Bräutigam ab, sozusagen am Fuß des Kirchenaltars.

40 Prozent des Umsatzes mit maßgefertigten Hochzeitsanzügen

Heute machen maßgefertigte Hochzeitsanzüge 40 Prozent des Umsatzes von Antonaga aus. Der konnte seit Firmengründung jährlich verdoppelt werden. War es 2012 noch eine Viertelmillion Euro, konnte 2014 eine Million verzeichnet werden. Seit Bestehen des Unternehmens gaben die fünf Firmengründer 25 ihrer ehemaligen Kollegen eine Stelle. "Wir hoffen, dass wir das noch steigern können", sagt Alberto Martínez. "40 oder 50 Mitarbeiter, das wäre gut."

"Ich hatte schon nicht mehr zu hoffen gewagt, noch einmal Arbeit in der Textilbranche zu finden", erinnert sich Juncal Busto, die wie fast alle ehemaligen Cardenal-Angestellten nie etwas Anderes getan hatte. "Ich war noch ein Teenager, als ich dort anfing, und mitten im Leben war plötzlich Schluss." Sie ist froh, bei Antonaga arbeiten zu dürfen, obwohl sie während der acht Stunden Arbeitszeit von 7 bis 15 Uhr gerade mal eine Viertelstunde Pause für ein Brötchen oder eine Zigarette hat. "Unsere Chefs arbeiten ja noch länger als wir", sagt sie.

Die fünf Firmengründer beginnen ihren Arbeitstag schon um sechs Uhr früh. "Meistens sind wir bis acht, halb neun am Schaffen", sagt Jorge Ruiz. "Wir sind schon froh, wenn wir am Wochenende frei nehmen können."

Trotzdem hat keiner der fünf das Wagnis je bereut. Als letzte ihrer Zunft werden die Schneidermeister aus Briviesca in spanischen Medien gefeiert. Antonaga ist in Spanien mittlerweile die Vorzeigefirma. Das Beispiel dafür, dass es Wege aus der Krise gibt.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Onzlow 02.04.2015
1.
Tja so ist es, der Herr von Welt trägt Maß, keine Labels oder Marken die nicht passen. Die meisten Klamottenländen in den Innenstädten sind doch eh nur Kiks oder Zeemans mit aufgemotztem Image.
Fakler 02.04.2015
2. Vorzeigefirma
Jetzt eine Firma mit weniger als 50 Angestellten, vorher eine mit 250. Nicht dass es unmoeglich waere. Es gab eine Marktnische. 50 haben eine Arbeit gefunden. Interessant waere zu wissen was aus den uebrigen 200 geworden ist.
Klaus's Meinung 02.04.2015
3. Natürlich
ist das die Lösung. Nicht billig in Asien produzieren und nur die Investoren kassieren (was ja die meisten guten Marken in Spanien gemacht hatten), sondern selbst Made in Spain produzieren. Dann läuft der Laden wieder und alle provitieren.
Traudhild 02.04.2015
4.
Zitat von OnzlowTja so ist es, der Herr von Welt trägt Maß, keine Labels oder Marken die nicht passen. Die meisten Klamottenländen in den Innenstädten sind doch eh nur Kiks oder Zeemans mit aufgemotztem Image.
Änderungsschneidereien werden immer benötigt- ist ja nicht so, dass der Hang zum Übergewicht mit einer Wirtschaftskrise auf einmal verschwünde
hanka-matho 02.04.2015
5. Man beachte
Die Arbeitszeiten. Klingt nicht nach Siesta Lebensweise. Über den Verdienst wird auch nichts gesagt. Das sind die vielen kleine Zugmaschinen, wo die EUFördergelder hingehören. Ich wünsche der Firma auf alle Fälle alles Gute und eine stabile Zukunft.
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