Internetkonzern AOL Comeback eines Flops

Das alte Web-Portal AOL galt nach der desaströsen Fusion mit Time Warner als tot. Doch jetzt verzeichnet Firmenchef Tim Armstrong wieder Gewinne, weil er den Digitalkonzern verschlankt und modernisiert hat. Er muss nur noch die Wall Street überzeugen - und wirbt mit Prominenten wie Nicole Richie.

Von , New York

AP

Nicole Richie ist wieder da. Die Adoptivtochter des Sängers Lionel Richie - einst Paris Hiltons Feind-Freundin in der US-Realityshow "The Simple Life" -, wagt das Doku-Soap-Comeback. Im Internet. "#CandidlyNicole" heißt die Serie, in der sich die zweifache Mutter beim Leben filmen lässt. In der ersten Episode besuchte sie einen Spezialisten für Tattoo-Entfernung. Mehr als eine Million Schaulustige guckten ihr zu.

Das wirklich Interessante: "#CandidlyNicole", dessen Twitter-Hashtag die jüngste Generation ködern soll, findet sich im Angebot eines Web-Warenhauses, das längst als geschlossen galt - AOL. Richies Clip-Show zählt zu einem ganzen Sortiment an neuen Ideen, mit denen das vormalige America Online hofft, den Horror des Dotcom-Crashs und die desaströse Fusion mit dem Medienkonzern Time Warner hinter sich lassen zu können, nach Jahren als Altlast.

Zwölf Jahre ist es her, dass das Boom-Kind AOL mit dem schlingernden Verlagsriesen Time Warner (TW) verschmolz. Es war eine ungleiche Zweckehe - "der größte Fehler in der Unternehmensgeschichte", so TW-Chef Jeff Bewkes. Nach Rekordverlusten wurde das Bündnis 2009 wieder geschieden. AOL schien am Ende, sein Symbol war das nervige Piepsen einer besetzten Dial-up-Leitung.

Die Wiederauferstehung als geläuterter, verschlankter Digitalkonzern begann Ende 2012 mit dem ersten Umsatzwachstum in acht Jahren - und setzt sich nun fort: Am Mittwoch vermeldete AOL 25,9 Millionen Dollar Gewinn fürs erste Quartal 2013 - 23 Prozent mehr als im Vorjahr, bei 538,3 Millionen Dollar Umsatz (plus 1,7 Prozent). "Tolle Zahlen, Leute, Glückwunsch", lobte eine Analystin, als AOL-Chef Tim Armstrong die Ergebnisse am Vormittag per Telefonschaltung präzisierte.

Der Rest der Wall Street bleibt skeptisch: Die Aktie stürzte um mehr als zehn Prozent ab, noch während Armstrong redete. Die Anleger zweifeln an dem Wandel zum Werbekonzern.

Doch Geduld: "Die Wende hat gerade erst begonnen", schreibt Analyst Mark Mahaney (RBC Capital Markets). Wichtigster Motor dieser Wende ist eben die Werbung, die im abgelaufenen Quartal vor allem dank Videospots erstmals quer durch die Bank anstieg, um 8,8 Prozent auf 359,2 Millionen Dollar.

"Huffington Post" wurde zum neuen Aushängeschild

Zahlende Abonnenten dagegen, das traditionelle Geschäft von AOL, könnten bald passé sein: Auch wenn sie diesmal immerhin noch 165,8 Millionen Dollar Quartalsumsatz abwarfen, waren das neun Prozent weniger.

Der Gesamtgewinn pro Aktie blieb mit 32 Cents zwar knapp hinter den Prognosen, was die Anleger am meisten irritierte. Doch der Trend zeigt nach oben: "Wir erwarten, dass 2013 das erste volle Wachstumsjahr in fast einem Jahrzehnt wird", freute sich Armstrong.

Seit der Trennung von TW hat sich AOL buchstäblich neu erfunden. Armstrong konsolidierte oder beseitigte ganze Abteilungen, zuletzt AOL Music, und ging zugleich auf Shoppingtour. AOL schluckte den Tech-Blog TechCrunch, das Filmportal Moviefone, Websites wie Engadget, Stylelist, MapQuest, about.me. Aufgehübschtes Styling und Design vereinte all das zur "neuen" Marke AOL.

Armstrongs größtes Wagnis ist jedoch die populäre Newssite "Huffington Post" der Kolumnistin und Medienunternehmerin Arianna Huffington. Die schnappte sich AOL vor etwas mehr als zwei Jahren für 315 Millionen Dollar und machte sie zum neuen Aushängeschild.

Konkurrenz auch für das Fernsehen

Das Problem: Die "Huffington Post" gibt viel Geld aus, unter anderem für eine eigene, wachsende Redaktion und das Video-Network HuffPost Live, das demnächst auch im Kabel-TV zu sehen ist. Sie bringt jedoch nicht genug Werbedollar ein. Armstrong und Huffington dementieren Trennungsgerüchte aber: "Wir haben nie gesagt, dass das leicht wird", sagte Huffington der "Bloomberg Businessweek".

Weshalb Armstrong zugleich noch einen anderen Bereich forciert: Mit einem eigenen Videokanal macht AOL nicht nur YouTube Konkurrenz, sondern dem Fernsehen. Vorige Woche stellte es erstmals sein Programm vor, bei den "NewFronts", einer aufwendigen Präsentation im Stil der "Upfronts", mit denen die TV-Sender ihre neuen Serien propagieren.

Das AOL-Programm bewarben Stars wie Sarah Jessica Parker ("Sex and the City"), die eine Serie über das New York City Ballet produziert, und Gwyneth Paltrow, die eine Show für Frauen co-moderiert. Insgesamt sind 15 AOL-Web-Serien für die Herbstsaison geplant.

Nicole Richie ist schon auf Sendung. Bei der Premiere wollte sie ein altes Sex-Tattoo loswerden - ihren "Tramp-Stempel": "Dieses Mädchen bin ich nicht mehr." Ein wildes Kind will erwachsen werden - wie passend für AOL.

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insgesamt 30 Beiträge
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unsinkbar2 08.05.2013
1. Nicole Richie?
Ups, ich dachte zuerst an Linda Evans.
artusdanielhoerfeld 08.05.2013
2. Ich habe von früher immer noch...
...eine ".com"-AOL-Adresse und pflege sie redlich, denn heute bekommt man nur noch welche mit ".de". Die internationale Domain ist manchmal von Vorteil...
c218605 08.05.2013
3. Briefkaesten vernageln!
Die Aelteren erinnern sich wohl noch an deren CD Pest in den 90er... Ist immer noch No 1 der schlimmsten Aergernisse in der Internetgeschichte: http://www.pcworld.com/article/130638/article.html
rudolf_mendt 08.05.2013
4. Fly By Night
Und was bitte ist jetzt die Geschäftsidee? Digitalkonzern? Was bitte ist das? Oder habe ich etwas überlesen?
redunzel 08.05.2013
5.
Als ich mit dem Internet anfing, war ich mal kurz bei AOL. Sowas grottenschlechtes habe ich noch nie erlebt. Ich hatte damals sofort wieder gekündigt.
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