Apple, Google, Facebook und Netflix Götterdämmerung der Tech-Giganten

Der Börsenaufstieg der großen US-Tech-Konzerne war gigantisch: Innerhalb weniger Jahre haben die Aktien von Apple, Facebook oder Amazon ihren Wert vervielfacht. Doch derzeit geht es steil bergab. Was steckt dahinter?

Händler an der New Yorker Börse
AFP

Händler an der New Yorker Börse

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An der Börse braucht es manchmal nur ein kleines Steinchen, um einen Erdrutsch auszulösen. Am Montag kam dieses Steinchen vom "Wall Street Journal": Der Smartphonekonzern Apple, so berichtete die US-Wirtschaftszeitung, habe die Produktionsaufträge für die beiden neuen iPhone-Modelle XS und XS Max gesenkt. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht. Doch die Meldung reichte vielen Investoren, um nicht nur massenhaft Apple-Aktien abzustoßen, sondern gleich auch die Anteilsscheine anderer Tech-Größen wie Facebook, Amazon oder Netflix, die alle um mehr als fünf Prozent an Wert verloren.

Die mögliche Schwäche bei Apples iPhone-Verkäufen passt ins Bild, das viele Anleger aktuell von der Tech-Branche haben. Die großen Konzerne, die jahrelang gigantisch gewachsen sind, mussten in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder Rückschläge hinnehmen. Bei Apple ist es die möglicherweise schleppende iPhone-Nachfrage, Facebook kämpft schon seit Monaten mit sinkenden Nutzerzahlen in Europa und vergleichsweise enttäuschenden Geschäftsergebnissen. Und auch der Streamingdienst Netflix konnte nicht so viele neue Abonnenten gewinnen, wie sich viele Investoren erhofft hatten.

Hinzu kommt, dass es zuletzt auch außerhalb der fünf großen FAANG-Aktien (Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google) immer wieder schlechte Nachrichten gab: Die Papiere des Grafikkartenspezialisten Nvidia etwa sind seit Tagen im freien Fall, weil der Ausblick auf das vierte Quartal schlecht ausfiel.

Das alles fügt sich zusammen zu einer Erzählung, die derzeit die Börsenwelt dominiert: Der jahrelange Aufstieg der großen US-Tech-Giganten könnte zu Ende gehen. Seit Anfang September haben die FAANG-Aktien kräftig an Wert verloren. Für Facebook Chart zeigen, Amazon Chart zeigen und Netflix Chart zeigen ging es um jeweils rund ein Viertel nach unten. Für Apple Chart zeigen und die Google-Muttergesellschaft Alphabet Chart zeigen immerhin um mehr als 15 Prozent (siehe Grafik).

"Die Risikobereitschaft der Investoren ist seit September deutlich gesunken", sagt Matthias Born, Fondsmanager bei Berenberg. "Riskante Unternehmen werden mittlerweile eher gemieden. Das hat auch die allgemeine Tech-Euphorie merklich gebremst."

Gesunkene Risikobereitschaft

Noch im Sommer sah die Lage ganz anders aus: Anfang August erreichte Apple als erstes Unternehmen überhaupt einen Börsenwert von einer Billion Dollar. Einen Monat später zog Amazon nach. Innerhalb von nur fünf Jahren hatte sich der Aktienkurs des Onlinehändlers mehr als verfünffacht - auf dem Weg nach oben schien es keine Grenzen mehr zu geben.

Doch mittlerweile werden die Zweifel an diesem scheinbaren Endlosboom immer lauter. Zum einen hat sich die allgemeine wirtschaftliche Lage etwas eingetrübt. Das trifft vor allem solche Unternehmen, die stark vom Konjunkturzyklus abhängig sind, also zum Beispiel die Halbleiter- und Konsumgüterbranche. Zum anderen fragen sich die Investoren zunehmend, ob die Tech-Riesen die gewaltigen Summen, mit denen sie an der Börse gehandelt werden, auch wirklich wert sind.

Schaut man sich etwa das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) an - eine gängige Börsenkennziffer -, wird klar, dass in den hohen Kursen sehr hohe Erwartungen stecken, die die Unternehmen erst einmal erfüllen müssen. Bei Amazon etwa stand dort für das Jahr 2017 ein KGV von 185 - der Konzern bräuchte also 185 Mal den Jahresgewinn von 2017, um sich selbst an der Börse kaufen zu können. Bei Netflix lag dieser Wert bei knapp 150. Zum Vergleich: Der Deutsche Aktienindex Dax kam im Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre auf ein KGV von 19.

Apple verliert an einem Tag mehr als die Deutsche Bank wert ist

Zum Problem sind die hohen Erwartungen an die Tech-Unternehmen spätestens geworden, seit die US-Notenbank Fed die Zinsen merklich nach oben schraubt. "Bei Firmen, deren Wert eher in der Zukunft liegt, schlagen die steigenden Zinsen besonders stark durch", sagt Fondsmanager Born. Das liegt daran, dass es in Zukunft teurer sein wird, hohe Gewinne zu erwirtschaften.

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Ausverkauf an der Wall Street: So viel haben die Tech-Konzerne verloren

Weil die US-Konzerne inzwischen so groß geworden sind, fällt jeder Rückschlag in absoluten Zahlen auch umso gewaltiger aus. Die vier Prozent etwa, die die Apple-Aktie am Montag verlor, entsprechen rund 35 Milliarden Dollar an Börsenwert: Das ist fast doppelt so viel wie die ganze Deutsche Bank Chart zeigen derzeit wert ist.

Das Beispiel zeigt aber auch, dass man mit den Abgesängen auf Apple und Co durchaus vorsichtig sein sollte. Denn trotz der jüngsten, teilweise massiven Rückschläge sind die Tech-Riesen immer noch Riesen. Und seit Jahresbeginn sind zumindest vier der fünf FAANG-Aktien noch immer im Plus - einzige Ausnahme ist Facebook.

Der Tech-Boom muss also noch nicht zu Ende sein. Holpriger dürfte es aber zumindest für jene Firmen werden, die derzeit noch kein Geld verdienen und ihren Wert vor allem rosigen Zukunftsszenarien verdanken.



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larsmach 20.11.2018
1. Nicht Apple verliert Milliarden - sondern die Eigentümer!
Mit Verlaub: Nicht Apple verlor mit 35 Mrd Dollar an einem Tag so viel wie sämtliche Aktien der Deutschen Bank derzeit kosten, sondern Apples Eigentümer (Aktionäre) - und das in den meisten Fällen nur in den Büchern; Geld ist Geld, Aktien sind Aktien! Von Avalkrediten (mit Aktien als Sicherheit) abgesehen, spielt der Aktienpreis für die Liquidität einer Firma keine unmittelbare Rolle, und Casino-Besucher prahlen manchmal, wie viel "Geld" sie schon gewonnen hätten (während in Wahrheit Jetons vor ihnen aufgestapelt ...und nach weiteren Spielrunden wieder verschwunden sind). Das o.g. Missverständnis kommt besonders in Debatten um gewaltige Erbschaften auf: Die Steuerlast der Erben, die ja einige ihrer geerbten Aktien/Geschäftsanteile verkaufen oder Steuern aus Dividendenzahlungen abstottern können, wird mit "Kosten" für ein Unternehmen verwechselt und führt zu teilweise absurder Propaganda.
neurobi 20.11.2018
2. Apple verliert an einem Tag mehr als die Deutsche Bank wert ist
"Apple verliert an einem Tag mehr als die Deutsche Bank wert ist". Das sagt eigentlich schon alles. Die Techkonzerne sind maßlos überbewertet. Vielleicht setzt jetzt ja sowas wie die Korrektur in Richtung Realität ein.
ambulans 20.11.2018
3. es
sollte laut & deutlich ausgesprochen werden, dass in solchen kursen (alphabet, amazon, apple, facebook, netflix, tesla & co) bereits derart viel "phantasie" (an den börsen nennt man sowas meist "kurs-potential") eingepreist ist, dass das ganze in keinem realistischen verhältnis zu den aufgerufenen kursen mehr steht (beispielsweise dreistellige KGV'en - ohne jemals auch nur einen cent gewinn gemacht zu haben). wenn dann auch noch der todfeind aller börsen (die politik) auf dem parkett auftaucht, wars das meist; die VR china kann heute bereits fast alles von dem, was die USA früher noch exklusiv hatten. sanktionen, sog. "straf"-zölle ohne sinn und verstand, handelshemmnisse trotz weltweiter liefer- und produktionsketten etc. reißen auch das noch, was halbwegs funktioniert, mit in den abgrund. schöne neue welt, donald ...
echoanswer 20.11.2018
4. Die Börsennotierungen ...
haben nichts mehr mit dem Wert eines Unternehmens zu tun, sondern sind nur noch reine Spekulationsblasen. Wenn der virtuelle Wert sinkt, dann sinken auch nur virtuelle Gewinne und virtueller Reichtum. Wen, außer denn kranken Bankern, interessiert das?
Andre V 20.11.2018
5.
Es ist ja nicht nur das Wall Street Journal, das schlechte Nachrichten liefert. Es sind die ad hoc-Meldungen der Firmen und ihrer Zulieferer selbst. Und ja, der Kursrutsch läuft schon eine Weile. Wohl dem, der englischsprachige Nachrichten lesen und verstehen kann; der wusste das schon seit mindestens einem Monat. Vielleicht nicht in jedem Detail, aber das big picture. Sell in September and go away, um eine alte Börsianerweisheit abzuwandeln.
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