Sinnkrise beim Weltkonzern Sie sind abhängig vom iPhone? Apple auch.

Noch ist Apple der wertvollste Konzern der Welt, am Abend wird er wohl Rekordzahlen melden. Doch dem Unternehmen droht der Abstieg: 2016 könnte der Verkauf des iPhones erstmals schwächeln. Was kommt dann?

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Das schafft auch nur Apple: Riesenerfolg hinlegen, ohne Euphorie zu entfachen. Wenn die Analysten recht behalten, schließt der iPhone-Hersteller am Dienstag das profitabelste Quartal seiner Geschichte ab. Doch an der Börse lösen die geschätzt 18,2 Milliarden Dollar Gewinn keinen Enthusiasmus aus, der teuerste Konzern der Welt hat in den vergangenen zwei Monaten ein Fünftel seines Wertes verloren.

Anleger interessieren sich wenig für Gewinne der Vergangenheit, sie handeln mit Erwartungen. Und bei Apple geben die Anlass zur Sorge. Das iPhone beschert dem Konzern 60 Prozent seines Umsatzes und 70 Prozent seiner Gewinne. Verkäufe von iMac und iPad stagnieren, andere Produkte wirken wie aus der Zeit gefallen. Oder wer hat zu Weihnachten einen iPod bekommen?

Die 74,5 Millionen iPhones, die Apple laut Beobachtern im vergangenen Vierteljahr 2015 verkauft haben soll, könnten der letzte Rekord gewesen sein. Wegen der schwächelnden Wirtschaft in China rechnen einige Analysten sogar jetzt schon mit Stagnation. Im laufenden Jahr erwartet die Deutsche-Bank-Analystin Sherri Scribner einen Absatz von 222 Millionen Geräten - vier Prozent weniger als 2015.

Probleme beim iPhone können den ganzen Konzern in Not bringen.

2015 könnte als Peak-iPhone-Jahr in die Apple-Geschichte eingehen. Aber auch als das Jahr, in dem sich der Konzern neu ausrichtete. Welches neue Apple-Angebot könnte ein großer Umsatzbringer werden?

Apple Watch - Große Hoffnung, wenig Klarheit

Auslage mit Apple Watches: Platzhirsch auf dem Markt für smarte Uhren
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Auslage mit Apple Watches: Platzhirsch auf dem Markt für smarte Uhren

Die Erwartungen waren riesig: Das erste neue Hardwareprodukt seit dem iPad sollte Apples Abhängigkeit vom iPhone endlich brechen. 32 Millionen smarte Armbanduhren würde Apple im ersten Jahr absetzen, schätzten Experten der US-Bank JP Morgan vor dem Start.

Zwischenzeitlich galt die Uhr bereits als Verkaufsflop. Genaues weiß außerhalb des Konzerns aber niemand, weil sich Apple-Chef Tim Cook standhaft weigert, Absatzzahlen für die Watch zu nennen.

Die Schätzungen der vom US-Magazin Fortune befragten Analysten für das abgelaufene Quartal reichen von 3,1 bis 10,5 Millionen verkauften Apple Watches. Sprich: Von Katastrophe bis Erfolg.

Eines ist Apple aber offenbar gelungen: Konkurrenten wie Samsung oder Pebble in dem Marktsegment beiseitezuschieben. Laut Marktforschungsunternehmen Juniper stammten mehr als die Hälfte der 2015 verkauften Smartwatches von Apple.

Apple Music - Die Spotifyisierung des Apfels

Cook mit Musikmanager Jimmy Iovine: Viel geliebter und viel gehasster Dienst
DPA

Cook mit Musikmanager Jimmy Iovine: Viel geliebter und viel gehasster Dienst

Mit iTunes revolutionierte Steve Jobs einst die Musikindustrie und setzte der Anfang des Jahrtausends grassierenden Piraterie ein legales Geschäftsmodell entgegen.

Den nächsten Entwicklungsschritt, das Musikstreaming, ging Apple reichlich spät mit; die iTunes-Umsätze gingen da bereits zurück. Konkurrenten wie Spotify, Deezer und Google Play Music waren lange etabliert, als Apple Music im Juni 2015 startete.

Seitdem wird der Dienst viel geliebt und viel gehasst. Dass die App auf iPhones und iPad vorinstalliert ist, verschafft Apple Music aber einen riesigen Vorteil: In einem halben Jahr ist er mit zehn Millionen Nutzern weltweit bereits zum drittgrößten Musik-Streamingdienst hinter YouTube und Spotify aufgestiegen.

Apple Pay - Wie der Konzern Kasse machen will

Apple-Pay-Terminal: Keine hohen Umsätze zu erwarten
Getty Images

Apple-Pay-Terminal: Keine hohen Umsätze zu erwarten

Die Kontrolle über die Hardware nützt Apple auch bei seinem bargeldlosen Bezahlservice. Um in einem Laden zu bezahlen, muss der NFC-Chip in iPhone oder Apple Watch kurz über ein Kartenterminal gehalten und per Fingerabdruck bestätigt werden. Der Kunde muss nicht mal eine App öffnen.

Obwohl der Service bislang nur mit iPhone 6 und 6s nutzbar ist, rief Cook das Jahr 2015 bereits zum "Jahr von Apple Pay" aus. Das war wohl etwas hoch gegriffen: Von den möglichen Nutzern hat erst jeder sechste das Feature überhaupt ausprobiert. Bisher ist Apple Pay vor allem in den USA verbreitet, in Deutschland gibt es den Service noch nicht.

Um hohe Umsätze geht es Apple ohnehin erst mal nicht: 0,15 Prozent knapst Apple von jeder Transaktion ab. Wie bei Samsung und Android Pay will der Konzern damit eher das iPhone als allmächtigen Zauberstab positionieren.

Das muss langfristig nicht so bleiben. Zumindest in den USA verlangen Kreditkartenfirmen für ihre Abwicklungsdienste mindestens das Zehnfache der Apple-Pay-Gebühr, in der EU ist die Gebühr seit Dezember 2015 auf 0,3 Prozent begrenzt. Wird der digitale Geldbeutel irgendwann allgegenwärtig, kann Apple die Gebühren also leicht erhöhen.

Virtual Reality (VR) - Wer guckt in die Röhre?

Oculus-Rift-Nutzer: Andere Hardware-Konzerne haben Apple abgehängt
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Oculus-Rift-Nutzer: Andere Hardware-Konzerne haben Apple abgehängt

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Für den wichtigsten Hardware-Konzern des vergangenen Jahrzehnts sind Virtual-Reality-Gadgets bislang eine überraschend offene Flanke. Sony, HTC, Google und allen voran die Facebook-Tochter Oculus, die in diesem Jahr mit teils heiß ersehnten Produkten vorpreschen, haben Apple offenbar abgehängt.

Doch eine Technologie, die vom Spielen bis Onlineshopping viele digitale Bereiche transformieren könnte, kann der Konzern aus Cupertino kaum an sich vorbeiziehen lassen. Zuletzt kaufte Apple mehrere Start-ups aus dem Bereich, darunter die Münchner Firma Metaio und stellte mit dem Informatikprofessor Doug Bowman einen der weltweit führenden VR-Experten ein.

Apple kann nur hoffen, das sich die Geschichte des iPhones wiederholt: Nicht der Erste setzt sich am Ende durch. Sondern der Beste.

Das Problem: Ohne das iPhone ist alles nichts

Während der Erfolg neuer Hardware-Produkte noch in den Sternen steht, ist Apple mit der Etablierung neuer Dienste schon weiter. Eines ist denen aber gemein: Sie profitieren von der Dominanz des iPhones. Auf Android-Geräten allein hätten Apples Angebote wohl keine große Chance, auf der Apple Watch sind viele Features nur zusammen mit einem iPhone nutzbar.

Im Herbst soll das neue iPhone 7 auf den Markt kommen. Schon vorher könnte ein iPhone 5se geben, für Menschen, die den Trend zu größeren Displays nicht mitgehen möchten. Der Erfolg oder Misserfolg wird Apples Umsatz wohl weit mehr treiben als die neuen Dienste und Gadgets.

Seinen Status als iPhone-Konzern wird Apple erstmal nicht los.


Zusammengefasst: Die Zeiten, in denen Apple immer neue Verkaufsrekorde beim iPhone feiern konnte, sind vorbei. Der Konzern probiert neue Umsatzbringer aus: Manche, wie Apple Music, lassen hoffen, beim Thema Virtual Reality ist der Silicon-Valley-Riese von der Konkurrenz abgehängt. Die Abhängigkeit Apples vom iPhone-Absatz wird noch andauern.



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insgesamt 152 Beiträge
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Seite 1
leander_hausmann 26.01.2016
1.
Mit Vr sind sie zu spät dran. Und wie sollen die Macs das den stemmen? Die haben ja keine so gute Hardeware verbaut. Und ausserdem ist Apple für Spieleentwickler (ich rede hier von richtigen Spielen, nix aus dem appstore) nicht sehr beliebt. Ios ist einfach zu geschlossen, es hat keine Grafikschnittstelle wie DirectX und so weiter. Auch sind die Treiber von Grakas und cpus für Mac nicht grade geiul. da schauts schlimmer aus als bei Linux. Da es ein geschlossenes System ist, zu dem harde und Software Entwickler keinen zugang haben. Macht das ganze ziemlich schwer. Wer zockt den auf nem Mac??? Wenn dann unter Windows oder noch linux.
makromizer 26.01.2016
2.
Auch bei Smartphones ist irgendwann eine Marktsättigung zu erwarten. Soll die breite Masse ihr Smartphone noch öfters als alle 2 Jahre austauschen? Soll es einen breitflächigen Bedarf für ein Zweitsmartphone geben? Die Ausgaben für IT für Endkunden sind in den letzten Jahren erheblich stärker gestiegen als die Einkommen, aber dieser Trend kann offensichtlich nicht ewig anhalten. Ich schätze, dass smarte und autonome Autos durchaus Zukunftspotential haben. VR wird sich sicher auch irgendwann etablieren, wann und wie breitflächig wird sich noch zeigen müssen.
malekith3k 26.01.2016
3. Hallo??
Ihr Fazit ist das die Umsatzrekorde beim iPhone endgültig vorbei sind und weiter oben schreiben Sie das erwartet wird das 2015 das erfolgreichste iPhone Jahr aller Zeiten wird. Jedes Jahr heißt es immer wieder das Apple abgehangen wird. Aber sie übertreffen sich immer wieder. Mir ist auch bewusst das es schwierig ist wenn ein Produkt im Mittelpunkt steht, was auch die Investoren zurückhaltend werden lässt. Aber zu schreiben das die Zeit des iPhone vorbei ist trotz verkaufsrekorden 2015 ist einfach nur ...
freelucky123 26.01.2016
4. Die iCloud
Ist der nächste Schritt und wird Apple endgültig zur Weltmacht etablieren. Wenn die Oberfläche und die Verbindung zu anderen Diensten funktioniert...
sosume 26.01.2016
5. Apple ohne iPhone
TTM Umsatz Gewinn ($B) $AAPL (ex. iPhone) 78.7, 17.9 (est.) $GOOG 71.8, 16.4 $MSFT 90.8, 12.3 $FB 15.9, 2.8 $AMZN 101, 0.3 Damit dürfte sich die Sinnhaftigkeit der Überschrift relativieren.
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