Kooperation mit Deutschland Saudi-arabische Start-ups wollen expandieren

Saudi-Arabien ist das konservativste Land der Welt und versucht gerade eine vorsichtige Öffnung. Bei einem Wettbewerb treten nun saudi-arabische gegen andere Start-ups an - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Susanne Koelbl

Von , Riad


Einige der jungen Unternehmerinnen kamen in Riad tief verschleiert zum Empfang der deutschen Auslandshandelskammer, mit Niqab und schwarzer Abbaya. Manche Geschäftsfrauen trugen ihren Schal aber auch lässig um das Haar geschlungen, dazu einen leichten Seidenmantel in weiß oder grün. Selbst in der Hauptstadt und ihrem ultrakonservativen Umland wird es langsam bunter.

Beim Festakt auf einer Dachterrasse im Zentrum Riads - bei Fingerfood und frischen Säften - wurden die Finalisten gekürt für einen Wettstreit saudi-arabischer, ägyptischer und von Start-ups aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Donnerstagabend in Berlin ausgerichtet wird, am Rande einer Konferenz von Wirtschaftsvertretern aus Europa und dem Nahen Osten, dem sogenannten MENA Business Forum.

Das Rennen beim Vorentscheid in Riad hat am Ende allerdings ein Mann gemacht, ein junger Unternehmer namens Basem Albedi, 27 Jahre alt, mit seiner Psychotherapie-App "Labayh".

"Guten Tag, ich bin Business-Manager aus Medina," stellte sich der junge Mann unter der rot-weiß-gescheckten Ghoutra, der regionalen Kopfbedeckung, nach der Preisverleihung vor. Albedi hatte soeben einen der zwei Flüge nach Berlin gewonnen.

Die anonyme Gesundheits-App "Labayh" hatte Albedi entwickelt, als ein Familienmitglied vor Jahren an einer psychischen Störung litt. Zum Arzt wollte der Verwandte aber auf keinen Fall. "Er fürchtete soziale Ächtung", sagte Albedi. Seinen Recherchen zufolge litten drei von zehn Saudi-Arabern an Depressionen, sagt Albedi. Inzwischen nutzen im Königreich durchschnittlich tausend Menschen täglich die diskrete Netz-Therapie "Labayh".

Das Königreich erfindet sich neu

Neben "Labayh" gewann auch "Lucidya", ein Softwareunternehmen. Es will Licht in den Dschungel von Big Data bringen. Die Software von Abdullah Asiri analysiert, welche Informationen für eine Firma wertvoll sind und sagt angeblich sogar das künftige Käuferverhalten voraus.

Die Vorauswahl der Start-up-Finalisten in Riad war festlich, sogar eine echte Prinzessin war dabei, Ihre Königliche Hoheit, Johara bint Talal bin Abdulaziz Al Saud. Sie ist selbst Unternehmerin. Der deutsche Botschafter Dieter Haller und Handelskammerchef Oliver Oehms versuchen, Brücken zu bauen in das so lange verschlossene Saudi-Arabien, das den meisten Deutschen doch so fremd ist, vor allem wegen seiner strikten Religiosität.

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Saudi-Arabien: Start-ups und eine Prinzessin

Doch das Königreich hat gerade damit begonnen, sich neu zu erfinden. Mit Hochdruck arbeitet der machtbewusste Thronfolger Prinz Mohammad bin Salman am Umbau der Wirtschaft für die Zeit nach dem Öl. Er will aus dem konservativsten Staat der Welt eine moderate, weltoffene Gesellschaft machen, das autokratische System, das ihm als künftiger Herrscher absolute Macht verleiht, aber trotzdem beibehalten. Ein Megaprojekt mit noch ungewissem Ausgang, das den Namen "Vision 2030" trägt.

Jedenfalls sitzen Frauen inzwischen selbstverständlich hinter Ladentheken und Supermarktkasse, Jobs, die immerhin eine Möglichkeit bieten, überhaupt eigenes Geld zu verdienen. Bis vor kurzem war den wenigsten Frauen hier möglich, auch nur allein aus dem Haus zu gehen. Inzwischen leiten Frauen in Saudi-Arabien aber auch 5-Sterne-Hotels, sie gründen Schönheitssalons, Kickbox-Studios, arbeiten an der Börse, bauen Freizeitparks.

Junge Saudi-Araber suchen Anschluss an die Welt

Die junge Geschäftsfrau Jihan Alharbi aus Jeddah zum Beispiel hat ein Unternehmen gegründet, das gebrauchte Bücher tauscht, online. "Ich will Wissen transferieren," sagt die Unternehmerin vom Roten Meer. Eine andere Finalistin eröffnete die erste Physiotherapie-Firma für Frauen von Frauen, bald will sie mit Filialen in alle großen Städte expandieren. Eine dritte gründete ein Catering-System, ausgerichtet von Hausfrauen, die damit erstmals Einkommen generieren.

Drei Wochen nach dem Vorentscheid werden die Gründer Albedi und Asiri ihre Geschäftsmodelle in Berlin präsentieren. Sie stehen stellvertretend für eine Generation junger Saudi-Araber, die den Anschluss suchen an die Welt. Ob loser Schleier oder Niqab, Anzug oder Thawb, wie der lange Rock der arabischen Männer genannt wird: die Zutaten für Erfolg sind weithin gleich, ob in Europa oder in Mittelost: Entscheidend sind Kreativität, Mut und Know-how.

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garno 13.04.2018
1. Charme-Offensive
Was auffällt in letzter Zeit ist eine Art Charme-Offensive der Saudis gegenüber dem Westen, die hauptsächlich über die Medien transportiert wird. Grund dürfte sein, das Militär-Bündnis zu festigen um gerüstet zu sein für eine zukünftige Schlacht mit dem Iran. Dem dürfte auch die Annährung an Israel dienen. Die Beteiligung im aktuellen Syrien-Konflikt dürfte auch eine Rolle spielen.
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