Von Stefan Schultz
Sicher sei nur, dass es in der deutschen Nachkriegsgeschichte noch nie vorgekommen sei, dass Unternehmen sinkende Produktivität einfach so hingenommen hätten. In der aktuellen Rezession habe sich die Stundenproduktivität in der deutschen Wirtschaft zum ersten Mal seit 1970 verringert. "Für gewöhnlich lösen solche Entwicklungen Entlassungswellen aus", sagte Klinger. Für solche gebe es bislang aber noch keine Anzeichen.
Einig sind sich die Experten dagegen in einem anderen Punkt: Auch in den kommenden Jahren bleiben die Aussichten für den Arbeitsmarkt düster. Zu tief ist Deutschlands Konjunktur gestürzt, zu langsam berappelt sie sich wieder. "Alle exportorientierten Industrien geraten stark unter Druck. Das Niveau der Exporte ist sehr niedrig. Es wird ein paar Jahre dauern, bis es sich wieder auf dem Niveau vor der Krise befindet", sagt Konjunkturexperte Scheide.
Immer deutlicher zeigt sich zudem, dass die Jobkrise in den Schlüsselindustrien nicht nur durch die Konjunkturflaute verursacht wurde - sondern auch durch einen gewaltigen Strukturwandel, der sich durch den globalen Abschwung jetzt rapide beschleunigt. Klassische Industriezweige verlieren an Bedeutung - und der Trend wird auch nach der Krise anhalten. In der Folge entstehen im Industriesektor Überkapazitäten. Der Riss, der durch den deutschen Jobmarkt geht, verbreitert sich. In der Metall- und Elektroindustrie etwa ist die Produktion seit Beginn 2009 um ein Viertel geschrumpft. Im Maschinenbau sind die deutschen Werke nur noch zu 70 Prozent ausgelastet; vor einem Jahr lag der Wert noch bei fast 90 Prozent. Die Autobranche leidet massiv unter Überkapazitäten.
Viele Großkonzerne werden auch in den kommenden Jahren in Deutschland Jobs abbauen. Siemens
etwa erwirtschaftet nur gut 14 Prozent seines Umsatzes hierzulande, beschäftigt aber noch rund ein Drittel seiner Mitarbeiter in der Bundesrepublik. Bei Daimler arbeiten mehr als 60 Prozent der Beschäftigten im Inland, der Konzern verkauft aber drei Viertel seiner Fahrzeuge im Ausland. Dieses Ungleichgewicht lässt sich immer schwerer aufrechterhalten.
Deutschland am Wendepunkt
Die Weltkrise beschleunigt den Strukturwandel in Deutschland. 2010 ist daher nicht nur das Jahr der Jobkrise. Es ist auch das Schicksalsjahr für die Zukunft der Republik: das Jahr, in dem viel Altes vergeht und das Neue sich erst durchsetzen muss.
Schon jetzt richten sich die Hoffnungen vieler Experten auf Zukunftsmärkte wie die Informationstechnologie, die Umwelttechnologie und den Gesundheitssektor, der durch die immer älter werdende Gesellschaft an Bedeutung gewinnt. Die Frage, die sich viele stellen, ist, ob in diesen Zukunftsmärkten genauso schnell Jobs entstehen, wie in den alten Märkten verloren gehen.
Der Staat wird dabei nicht viel helfen können - er hat seinen finanziellen Spielraum weitgehend aufgebraucht. Um die Banken zu retten, um die Konjunktur anzukurbeln, wird der Bund 2010 fast 86 Milliarden Euro an neuen Krediten aufnehmen. Von 2011 bis 2016 aber muss Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) 60 Milliarden Euro einsparen, jedes Jahr zehn Milliarden, um die Bundeskasse wieder in Einklang mit Stabilitätspakt und Schuldenbremse zu bringen. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fürchtet deshalb bereits einen "Magerstaat".
"Der Staat kann die Wirtschaft im Umbruch nicht mehr stützen", sagt Wolfgang Buchholz, Professor für Umweltökonomie an der Universität Regensburg. "Deutschland muss sich aus eigener Kraft restrukturieren."
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