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Regierungsgutachten

Roboter schaffen mehr Jobs, als sie vernichten

Bringen intelligente Maschinen den Menschen massenhaft um Lohn und Brot? Eine neue Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung kommt zu einem anderen Schluss. Doch gilt das auch für alle Berufe?

Von

REUTERS

Roboter in Autowerk

Mittwoch, 04.04.2018   13:23 Uhr

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Die Organisation Bitkom - der Lobbyverband der deutschen IT- und Telekommunikationsbranche - hat vor Kurzem gewarnt, bis zum Jahr 2022 würden allein in Deutschland drei Millionen Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegfallen. Eine Studie von Forschern der Universität Oxford kam 2013 zu dem alarmierenden Schluss, fast jeder zweite Beruf sei leicht durch lernende Maschinen zu ersetzen.

Neu ist diese Angst nicht: "Intelligente Maschinen ersetzen menschliche Wesen in zahllosen Aufgaben, sie treiben Millionen Arbeiter und Angestellte in die Schlangen der Arbeitslosen, oder - schlimmer noch - unter die Armutsgrenze", schrieb der US-Ökonom Jeremy Rifkin schon 1995 in seinem Buch "Das Ende der Arbeit". Das war damals ein Bestseller.

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Die Zeiten ändern sich, eines aber bleibt gleich: Mit Schreckensszenarien, wie sie Rifkin oder der Bitkom entwerfen, lassen sich immer Schlagzeilen machen. Bewahrheitet haben sich solche Horrorvisionen bislang nicht. Im Gegenteil: 2017 hat die Zahl der Beschäftigten in Deutschland einen Rekord erreicht.

Warum ist das "Ende der Arbeit" bislang ausgeblieben?

Forscher des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sind der Frage nachgegangen, warum das "Ende der Arbeit" trotz des Siegeszugs von Computern und Industrierobotern hartnäckig auf sich warten lässt. Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums haben sie untersucht, wo deutsche Unternehmen seit 2011 vernetzte Produktionstechnologien eingesetzt haben - und wie sich das auf die Zahl der Jobs insgesamt ausgewirkt hat (hier finden Sie die ZEW-Studie im Volltext).

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Das ZEW-Team will, so steht es in der Untersuchung, "maßgeblich zum Verständnis des tatsächlichen Wandels der Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine beitragen". Die Autoren stützen sich dabei auf Daten, die genau dort erhoben werden, wo sich dieser Wandel abspielt: in den Betrieben.


Methodik: Mehr als 2000 leitende Manager deutscher Firmen lieferten detaillierte Angaben, wie umfangreich ihre Unternehmen bereits heute auf Roboter und vernetzte, autonom agierende Maschinen setzen - und welche Investitionen sie in den kommenden fünf Jahren planen. Die Ergebnisse wurden verknüpft mit Daten der Bundesagentur für Arbeit, etwa mit Angaben über die Anzahl sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter, Lohnhöhen und Qualifikationen der Mitarbeiter. Erfasst wurden so Betriebe mit insgesamt 303.000 Beschäftigten.


Die Ergebnisse der Untersuchung sind bemerkenswert. Zwischen 2011 und 2016 haben viele Firmen den Einsatz von Technologien erhöht, die den Bereichen "Industrie 3.0" und "Industrie 4.0" zuzurechnen sind. Unter "Industrie 3.0" werden dabei Roboter und Computer verstanden, "Industrie 4.0" hingegen umfasst sich weitgehend selbststeuernde Maschinen, sogenannte Smart Factories.

Laut ZEW haben solche Modernisierungen der Produktion innerhalb von fünf Jahren tatsächlich fünf Prozent der Beschäftigten ersetzt. Mit anderen Worten: Ja, Maschinen haben in der Vergangenheit viele Menschen verdrängt, weil sie bestimmte Tätigkeiten besser und günstiger ausführen können.

Die Jobbilanz der Digitalisierung ist trotzdem positiv

Die Investitionen setzen zugleich aber weitere Prozesse in Gang, und diese wirkten wiederum positiv auf die Zahl der Beschäftigten:

Diese positiven Wirkungen des technologischen Wandels haben die fünf Prozent Beschäftigungsverlust durch verstärkten Maschineneinsatz laut ZEW sogar überkompensiert. "Insgesamt hat die Digitalisierung von 2011 bis 2016 dazu geführt, dass die Zahl der Arbeitsplätze sogar um ein Prozent gewachsen ist", sagt Terry Gregory, einer der Autoren der Studie.

Diese Entwicklung dürfte sich in Zukunft fortsetzen: Auf Basis der Angaben der befragten Betriebe schätzt das ZEW, dass die weitere Verbreitung von "Industrie 3.0"- und "Industrie 4.0"-Technologien in den Betrieben bis 2021 Prozesse auslösen, die zu einer Erhöhung der Beschäftigung um 1,5 bis 1,8 Prozent führen.

Einen ähnlichen Effekt hatte zuvor bereits der Siegeszug des Computers. Der massenhafte Einsatz von EDV in Betrieben hat zwar viele Sachbearbeiter und Sekretärinnen den Job gekostet. Insgesamt aber hat die Computerisierung nach Berechnungen des ZEW von 1995 bis 2011 die Beschäftigung um knapp 0,2 Prozent pro Jahr erhöht.

Wer gewinnt, wer verliert?

Je nach Branche unterscheiden sich die Auswirkungen allerdings deutlich. Besonders stark fällt der Beschäftigungszuwachs aus

Diese Sektoren profitieren unter anderem auch davon, dass sie selbst computergestützte Technologien herstellen, die immer größere Verbreitung finden.

Besonders viele Jobs fallen laut ZEW hingegen durch den technischen Wandel weg

Im Baugewerbe werden immer mehr Baumodule industriell vorgefertigt. Der Wandel in der Medizin wiederum führt nur selten zu Kostensenkungen, der Einsatz moderner Technik erhöht in der Regel auch nicht die Nachfrage.

Die Studie zeigt allerdings auch, dass der technologische Wandel dennoch zu großen Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt führt. Die Jobs, die neu entstehen, stellen in der Regel deutlich höhere Anforderungen an die Arbeitskräfte. Der verstärkte Einsatz von "Industrie 3.0 und 4.0"-Systemen hat von 2011 bis 2016 dazu geführt, dass vor allem Jobs weggefallen sind, die stark durch wiederkehrende Routine-Tätigkeiten geprägt sind. Ein Beispiel dafür ist etwa der Ersatz menschlicher Arbeitskraft beim Zusammenbau schwerer Maschinen durch Industrieroboter.

Die neu entstandenen Stellen hingegen weisen ein komplexeres Anforderungsprofil aus. Die Roboter ersetzen Facharbeiter, müssen aber von Ingenieuren programmiert und überwacht werden.

Die Digitalisierung wird also die Struktur der Beschäftigung verändern. "Hochentlohnte, analytische und interaktive Berufe gewinnen an Bedeutung", heißt es in der ZEW-Studie. Die Kehrseite der Entwicklung: Die Investitionen in neue Technologie haben bereits in den vergangenen fünf Jahren die Ungleichheit befördert. Die Gehälter in Hochlohnberufen sind deutlich stärker gewachsen als in mittel- und niedrigentlohnten Bereichen.

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