ARD-Dokumentation: Wie Amazon Leiharbeiter kaserniert

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Amazon ist der größte Online-Händler der Welt. Der Erfolg wird einer ARD-Reportage zufolge auch auf Kosten von Leiharbeitern erwirtschaftet, die der Konzern aus ganz Europa herankarren und in Feriendörfern unterbringen lassen soll. Laut ARD würden sie teilweise von rechtsradikalen Sicherheitsleuten bewacht.

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Amazon-Logistikzentrum in Bad Hersfeld: Unterbringung im Feriendorf

Hamburg - Eigentlich ist Silvina Kunstlehrerin in Spanien. Wie so viele andere in ihrer Heimat ist sie arbeitslos. Um über die Runden zu kommen, ist sie einer Anzeige von Amazon gefolgt: Für das große Weihnachtsgeschäft suchte der Online-Händler Aushilfen im Lager. Gut 5000 Menschen lässt der Konzern dafür aus ganz Europa herankarren und in der Nähe der zentralen Auslieferungslager in Bad Hersfeld, Koblenz oder Augsburg unterbringen, in Motels oder Feriendörfern, sieben Menschen pro Hütte, so schildert es eine ARD-Dokumentation.

Es sind düstere Bilder, die die Autoren Diana Löbl und Peter Onneken in ihrer Reportage "Ausgeliefert!" zeigen, die heute Abend in der ARD ausgestrahlt wird. Überall ist es dunkel, windig und kalt. Hessische Provinz in der Vorweihnachtszeit, "Wanderarbeiter", die im Schneegestöber auf den einzigen Bus warten, der sie zu ihrer Nachtschicht bringt. Sie kommen aus Polen, Ungarn, Spanien, Rumänien, von überall. Sie eilen für einen Stundenlohn von um die neun Euro brutto durchs Lager von Amazon, um die Weihnachtsbestellungen abzuarbeiten.

Es ist bekannt, dass Amazon zunehmend auf Leiharbeiter setzt, nicht aber, wie ein System aussieht, das 5000 Menschen für drei Monate heranschaffen und dann wieder loswerden muss. Der Film zeigt nicht nur das Zusammenspiel von Amazon, Arbeitsagenturen, Leiharbeitsfirma und Transportunternehmen, sondern alles, was damit zusammenhängt: Die beengten Verhältnisse, in denen die Leiharbeiter unterkommen. Oder die überfüllten Busse, die nur einmal pro Schicht fahren - sind sie verspätet, erhalten die Arbeiter weniger Lohn, erzählen sie.

Die Protagonistin Silvina ist die einzige, die offen über ihre Situation spricht. Sie führt die Autoren in ihre Unterkunft, sie erzählt von ihren drei Kindern in Spanien, die sie vermisst, und von der ständigen Unsicherheit, wie lange sie arbeiten darf. Weder Amazon noch die Leiharbeitsfirma haben die Anfragen des ARD-Teams beantwortet.

So erklären vor allem Mitglieder der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di die Situation: Ver.di-Mann und Amazon-Vorabeiter Norbert Faltin zum Beispiel sagt im eiskalten Wind vor dem riesigen Logistikzentrum bei Koblenz: "Hier arbeiten 3300 Mitarbeiter, und davon sind 3100 befristet." Zwar bleibt die Kamera draußen vor den Toren der Logistikzentren, auch Interviews mit den Verantwortlichen von Amazon und der Zeitarbeitsfirma fehlen. Aber die Autoren schaffen es, mit einer einzigen Protagonistin die bedrückende Atmosphäre eines Arbeitslebens auf Abruf zu zeigen.

Sie mieten sich in die Ferienwohnanlage ein, in der Hunderte der Leiharbeiter untergebracht sind. Mit versteckter Kamera filmen sie die Stellwände, an denen Schichtpläne, Verhaltensregeln und Anweisungen für die Arbeiter hängen, in deutscher und englischer Sprache.

Die Autoren essen gemeinsam mit den Arbeitern, getrennt von anderen Feriengästen, und sie werden von den gleichen Sicherheitsleuten bedrängt, die für die Überwachung der Leiharbeiter in ihren Unterkünften zuständig sind. Die Security habe jederzeit Zutritt zu den Ferienwohnungen, berichtet Silvina, auch dürften sie jederzeit Taschen durchsuchen, viele Arbeiter hätten Angst. Als die Reporter die Kleidung der Sicherheitsleute filmen, werden sie vom Sicherheitsdienst verfolgt und schließlich aus der Ferienanlage rausgeworfen.

Ein möglicher Grund: Die Männer trugen Kapuzenpullover der Marke Thor Steinar. Die ist in vielen Bundesliga-Stadien und im Deutschen Bundestag verboten und gilt als Erkennungszeichen für Neonazis. Amazon hat die Pullover deshalb schon im Jahr 2009 aus dem Programm genommen. Die ARD-Journalisten recherchierten weiter über die Sicherheitsfirma, die die Arbeiter des Online-Händlers überwacht und stießen auf zahlreiche Verbindungen zur rechten Szene. Amazon selbst konnte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu keinem der Vorwürfe äußern.

Für die arbeitslose spanische Kunstlehrerin Silvina endete das Engagement schnell wieder: Drei Tage vor Weihnachten wird sie überraschend entlassen, offenbar hat Amazon weniger Bestellungen bekommen als erwartet. Silvina erfährt erst am Ende ihrer Schicht, dass sie nicht mehr wiederkommen darf - und hat 24 Stunden Zeit, ihre Sachen zu packen.


"Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon": Mittwoch, 22.45 Uhr in der ARD

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