Oscar-Verleihung Eine Kamera aus Bayern erobert Hollywood

Bei der Oscar-Verleihung gilt das Wildnis-Drama "The Revenant" als Favorit. Außerhalb von Hollywood wissen nur wenige, dass die Aufnahmen mit einer speziellen Kamera gedreht wurden - gebaut in München.

Aus San Fernando, Kalifornien, berichtet

Kameramann Lubezki beim Dreh mit der Alexa 65: Viel Lob aus Hollywood
Kimberly French

Kameramann Lubezki beim Dreh mit der Alexa 65: Viel Lob aus Hollywood


Da steht sie, fast unscheinbar, auf einem leicht lädierten Stativ. Nicht mal 40 Zentimeter lang, an der Seite ein Dutzend Knöpfe und ein digitaler Monitor, oben ein Griff: Nichts ist auffällig an dieser Kamera.

"Wir sind wirklich stolz", sagt Dana Ross, der globale Marketingchef des Kameraherstellers Arri. "Aber auch sehr demütig."

Typisches Marketing-Sprech. Und doch scheint es hier angemessen: Besagte Digitalkamera, eine Alexa 65, in einem Industrietrakt bei Los Angeles ausgestellt, hat Hollywood den Kopf verdreht wie ein Starlet.

"Die Kamera, die begeistert", titelt das Branchenblatt "Variety". "Ein Durchbruch", sagt Kameramann David Stump ("X-Men"). "Die tollsten Bilder", schwärmt sein Kollege, der deutsche Hollywood-Export Michael Ballhaus, der selbst schon drei Oscar-Nominierungen erhalten hat.

Bei der kommenden Oscar-Verleihung am Sonntag könnte das Gerät nun erstmals auch einen Sieger mitverantworten - falls Emmanuel Lubezki ("Gravity", "Birdman") wie erwartet seinen dritten Kamera-Oscar in Folge einheimst, für das Trapper-Epos "The Revenant".

Das Bemerkenswerte: Die Kamera, die Hollywood erobert, kommt aus München.

Hergestellt hat sie der bayerische Filmtechnikkonzern Arri. Seit etwas mehr als einem Jahr ist sie nun auf dem Markt und heimst fast nur Lobeshymnen ein. Sollte sie Lubezki - den in Hollywood alle nur Chivo nennen - am Sonntag tatsächlich einen Oscar bringen, wäre das ein frühes Geburtstagsgeschenk für das Unternehmen Arri, das in Kürze 100 Jahre alt wird. "Wir sind stolz darauf, dass Chivo mit der Alexa 65 arbeiten wollte", sagt Ross.

Härtetest für die Vorzeigekamera

Die neue Kamera zeigt, wie sehr sich die besten Kino-Illusionen auf technologischen Fortschritt stützen. Zugleich beendet die Alexa 65 die alte Hollywood-Debatte über digitales Filmen. Skeptiker warnen seit jeher, dass die Digital-Ära der "Tod des Films" sei. Dabei können die lange verpönten Digitalkameras heute mittlerweile genauso viel wie traditionell-analoge Geräte. Mindestens.

Das fanden auch Lubezki und "Revenant"-Regisseur Alejandro González Iñárritu, der bereits auf seinen vierten Oscar hofft: Sie filmten fast die Hälfte des Natur-Dramas mit einer Alexa 65, in atemberaubendem 65-mm-Breitbandformat. Sowohl die Wildnis-Panoramen wie auch die extremen Nahaufnahmen entstanden auf speziellen Computerchips.

"Diese Kamera setzte wahrhaftig in Bilder um, was ich dort erlebte und fühlte", sagt Lubezki. Tatsächlich meisterte die Kamera die harten Dreharbeiten in Kanada und Argentinien sogar besser als die bald reduzierte Crew. Mehr als ein Dutzend Mitarbeiter sollen Berichten zufolge gekündigt haben, weil ihnen die Temperaturen von minus 30 Grad Celsius und das spärliche Tageslicht zu sehr zusetzten. Ein Crewmitglied nannte die Produktion "die Hölle".

Der "Revenant"-Dreh sei die erste große Bewährungsprobe für die Kamera gewesen, die damals nur als Prototyp existierte, sagt Ross. Er flog persönlich nach Kanada, um sie zu überbringen.

Die Resonanz auf die Kamera überraschte auch Arri. Als Firmenvertreter die Kamera Ende 2014 einem Insider-Publikum vorstellten, betonten sie vor allem die technischen Aspekte. Dann flimmerten die ersten Szenen über die Leinwand - und der kalte Fachjargon wich einer selten -emotionalen Begeisterung.

Umkämpfte Digital-Ära

Schnell wurde die Alexa 65 zur Hightech-Vorzeigekamera Hollywoods. "Mission: Impossible - Rogue Nation", "James Bond 007: Spectre", demnächst gefolgt von Blockbustern wie "Die Bestimmung - Allegiant", "The First Avenger: Civil War", "Rogue One: A Star Wars Story" und "Snowden": Die Alexa 65 ist der größte Erfolg in der Arri-Geschichte.

1917 gegründet, konzentriert sich der Konzern seit 2009 auf die digitale Revolution - ein umkämpfter Markt, seit Starregisseur George Lucas zehn Jahre zuvor die ersten HD-Szenen in "Star Wars: Episode I" eingebaut hatte. Inzwischen versuchen viele Firmen mit der neuen Technologie zu punkten: Sony, Panasonic, JVC, Canon, Panavision, Red.

Die Umstellung auf die neue Technologie war für die Unternehmen teuer: Arri fuhr erst Verluste ein, es dauerte zwei Jahre, bis sich die Bilanz erholte. Heute ist Arri Marktführer und setzt rund 300 Millionen Euro im Jahr um.

30 Alexa-65-Kameras hat Arri bisher gebaut hat. Zurzeit seien sie "zu 95 Prozent" im Einsatz, sagt Ross. Weshalb jetzt in München 40 weitere hergestellt werden. Sie stehen nicht zum Verkauf, sondern können nur gemietet werden - für mehr als 2500 Dollar pro Tag.

Eine lohnende Investition: Mit "The Revenant" räumt Emmanuel Lubezki einen Preis nach dem anderen ab - den britischen Bafta, den Critics' Choice Awards, den Preis der US-Kameraleutevereinigung ASC.

Am Sonntag könnte er erneut als Sieger dastehen - dank München.

Im Video: Der Trailer zum Film "The Revenant"

Zum Autor
Marc Pitzke
Lane Hartwell

Marc Pitzke ist Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Bueckstueck 27.02.2016
1. Ähhh...
"Am Sonntag könnte er erneut als Sieger dastehen - dank München." Nein. Dank seinem unglaublichen Talent. Sicher hilft es mit Spitzenmaterial zu arbeiten, aber geringere Kameraleute gewinnen auch mit der besten Kamera keine Preise...
wilmhenneke 27.02.2016
2. Nach wie vor gilt:
Nicht die Kamera macht gute Bilder, sondern der Fotograf oder besser das Auge des Kameramannes. Ein schlechter Fotograf kann eine noch so gute Kamera haben, seine Bilder werden nichts. Aber Glückwunsch nach München, gute Arbeit!
der_alte_dessauer 27.02.2016
3.
Durchaus interessant zu lesen, dass Lubezki sein Fühlen und Erleben endlich wahrhaftig in Bilder umgesetzt sieht, aber schade, dass nicht wenigstens andeutungsweise darüber berichtet wird, was die Alexa 65 technisch anders oder neu macht, dass Hollywood sie als wahres Wunder hochleben lässt.
Palisander 27.02.2016
4. Ich liebe
Bayern. Das einzige Bundesland aus dem unterhaltsame und gute Nachrichten kommen.
denny101 27.02.2016
5. Warum nur ?
Hm, ich hab jetzt grad gefühlte 20 mal erfahren, dass diese Kamera revolutionär neu ist und alle vom Hocker gehauen hat. Aber warum eigentlich ? Was ist anders ? Was ist neu ? Keine Information dazu. Muss ich mir das Datenblatt besorgen... ? ;-)
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