Zum Tod von Artur Fischer Daniel Dübeltrieb

Deutsche Kinderzimmer ohne Technik von ihm? Kaum vorstellbar. Häuser ohne Fischer-Dübel? Unmöglich. Artur Fischer, tausendfacher Erfinder und Patentkönig, ist tot. Nachruf auf ein geniales Spielkind.

Von Alexander Smoltczyk

DPA

Über seinem Schreibtisch kreiste immer ein solargetriebenes Spielflugzeug an einem Faden. Weil Artur Fischer eigentlich Flieger hätte werden wollen. "Ich habe meiner Mutter immer gesagt: Ich will fliegen. Flieg los, hat sie gesagt. Dann haben wir Bretter zusammengeholt, ein Brett am Boden, eines senkrecht, dann ein Loch vorn, eine Kurbel mit einem Propeller aus einer Dachlatte. Sie sagte: Auf geht's, jetzt fliegen wir."

Fliegen heißt, das Schwere leicht zu machen. Und deswegen war der Erfinder Artur Fischer ein Flieger, einer der besten, die dieses Land hervorgebracht hat. Den Blitzwürfel hat er sich ausgedacht, den modernen Wanddübel, das Baukastensystem Fischertechnik und mehr als Tausend andere Erfindungen und Erleichterungen. Was Bill Gates für den Heimcomputer war, war Artur Fischer, Sohn eines Dorfschneiders, für den Heimwerker. Am Mittwoch ist er in seinem Geburtsort Tumlingen im Schwarzwald gestorben, im Alter von 96 Jahren.

Das Problem von Stein und Schraube ist die Unvereinbarkeit zweier Materialien. Das Metallgewinde verlangt nach Elastik, das Mauerwerk dagegen ist spröde. Bis zu jenem Samstag in Tumlingen 1958 wurden Schrauben in Bohrlöchern mit Holzkeilen oder hanfgefüllten Aluhülsen befestigt. Aber jetzt gab es das Polyamid Nylon, ein Material von verlässlicher Festigkeit, das dennoch auf Druck willig nachgibt. Es steckte in Nylonstrümpfen und der Fallschirmseide der Alliierten.

"Er braucht eine Spitze, und er braucht die Spalte, damit der Dübel sich aufspreizt, wenn man etwas hineindrückt. Die Zähne, damit er sich in hartem oder weichem Material festbeißen kann. Die Bohrung innen ist konisch. Wenn jetzt die Schraube eingedreht wird, sperrt er den Schnabel auf und verklemmt sich fest im Loch. Später habe ich die beiden Sperrzungen an der Seite zusätzlich angebracht. Wenn das Bohrloch etwas größer ist, kann sich der Dübel beim Montieren nicht mehr drehen."

Es darf angenommen werden, dass es wenig Wände in Deutschland gibt, in denen nicht irgendwo ein Fischer-Dübel sitzt - festsitzt. Die Fischer-Werke haben ihren Sitz immer noch in Waldachtal-Tumlingen. Sie werden von Artur Fischers Sohn und Erbe Klaus geführt und hatten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 661 Millionen Euro. Das Unternehmen beliefert die Autoindustrie mit Handschuhfächern oder Aschenbechern, alles aus Kunststoff.

"Das waren verdammte Zeiten"

Um endlich wirklich fliegen zu können, hatte Artur Fischer sich zur Wehrmacht gemeldet. Aber er war mit 1,66 Meter zu klein, zu kurzsichtig war er auch, und er hatte kein Abitur. So kam er gleich nach Kriegsausbruch als Mechaniker zum Jagdgeschwader 52 nach Lachen-Speyerdorf in der Pfalz. Weihnachten 1939 war zum Mittagessen der Besuch des Fliegergenerals Sperrle angekündigt. Es sollte ein Sonderzug kommen. Es war ein Tarnname, hinter dem sich Adolf Hitler verbarg. Fischer überreichte ihm ein Modellflugzeug. "Ich hatte das Flugzeug für meine Mutter gebastelt, als Weihnachtsgeschenk. Dann hat mir der Kommandant gesagt, ich sei der beste Mechaniker, und ich solle es dem Hitler geben. Das waren verdammte Zeiten. Ich war ja gerade erst 19 Jahre alt."

1943 entkam Fischer mit einem der letzten Flugzeuge dem Kessel von Stalingrad. Nach dem Krieg fing er an, aus Granatenkartuschen und sonstigem Kriegsschrott elektrische Feueranzünder und Webstuhlschalter zu basteln. Der Durchbruch als Unternehmer kam, als Fischer ein Foto seiner neugeborenen Tochter machen lassen wollte: "Damals gab es für Innenaufnahmen nur diesen Pulverblitz, den man mit einer Schnur zur Zündung bringen musste. Das war gefährlich und ergab keine guten Bilder, weil alle vor Schreck meist die Augen schlossen. Ich habe erst einen Lichtreflektor gebaut und dann an meinen elektrischen Zünder gedacht."

Das Schwere leicht nehmen und die Dinge leicht machen

Fischers Patent "Magnesium-Blitzlichtgerät für Fotoapparate" wurde von Agfa gekauft und auf den Markt gebracht. Die Bundesbürger knipsten das Wirtschaftswunder mit Fischers Blitztechniken. Aus der Ein-Mann-Werkstatt in Tumlingen wurde die Firma Artur Fischer Apparatebau.

Nach dem Dübel hat Artur Fischer vor allem Kinderspielzeug erfunden. Bunte Knubbel aus Kartoffelstärke zum Basteln (fischerTiP). Oder das Baukastensystem fischertechnik, eine Art Lego für künftige Diplomingenieure. Es war so hochwertig, dass die Firma anfangs draufzahlte: Die Steine hielten ewig.

"Man findet nicht das, was man nicht hat, sondern das, womit man gespielt hat", sagte Artur Fischer, bei der Begegnung in Tumlingen, vor gut einem Jahr. Vielleicht wollen wahre Erfinder tatsächlich immer nur das eine: spielen. Das Schwere leicht nehmen und die Dinge leicht machen.

Wie beim Fliegen.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Walter987 29.01.2016
1. Ruhe in Frieden!
Mach es gut Artur Fischer, wo immer Du jetzt auch bist. Dein Dübel war die beste Erfindung des 20. Jahrhunderts.
bristolbay 29.01.2016
2. Das Fundament Deutschlands
Hoffentlich haben die Erben nach dem Tod des Gründers die gleiche Geduld und den gleichen Ehrgeiz wie der Gründervater. Männer wie Herr Fischer sind die Träger des Wohlstandes in Deutschland, schneller Profit ist ihnen fremd. Wir dürfen uns mit Stolz vor solchen Menschen verneigen.
DerSponner 29.01.2016
3. Danke für eine schöne Kindheit!
Fischertechnik war toll, ist es immer noch...
culinarius 29.01.2016
4.
Was wäre eine Wohnungsrenovierung ohne seine kleinen Helfer, was wäre ein Kinderzimmer ohne seine genialen Kästen. Ein Genie hat die Welt verlassen - Sie wird weiter zusammenhalten, dank S6 & S8 ! Rip
vespamac 29.01.2016
5. Vielen Dank, Artur!
Vor Weihnachten habe ich meinen Kasten fischertechnik nach 40 Jahren für meinen jetzt achtjährigen Sohn hervorgekramt. Bumm, da war es wieder: ernst zu nehmendes "Spielzeug", welches von der ersten Minute an inspiriert. Leider gibt es heute fast nur noch Themenbaukästen mit strikten Bauanleitungen. Das teure Zeug von vor 40 Jahren taugt heute noch, Grundkästen sind in ebay immer noch teuer, aber jeden Cent wert. Vielen Dank Artur, toller Tüftler!!!
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