Atomausstieg: Deutschlands Stromfresser wappnen sich für die Energiewende
Der Ausstieg aus der Atomkraft erfordert massive Investitionen in Öko-Energien, Strom wird dadurch wohl teurer. Einige Branchen, wie die Stahl- und Aluminiumindustrie, trifft das besonders hart: Können sie in Deutschland bald nicht mehr produzieren?
Die Halle im Essener Stadtteil Bergeborbeck ist ein Alptraum für Energiesparer. Auf 720 Metern Länge reihen sich 120 Öfen aneinander. Mehr als eine Tonne Aluminium produziert jeder davon täglich. Und gleich nebenan laufen in zwei weiteren Hallen noch mal 240 Öfen auf Hochtouren. Per Elektrolyse wird unter riesigem Energieaufwand Aluminiumoxid in Sauerstoff und Aluminium zerlegt.
Deshalb ist die Firma Trimet nach der Deutschen Bahn der größte Stromschlucker Deutschlands. Jährlich verbraucht der Aluminiumhersteller in seinen Hütten in Hamburg und Essen rund 4,6 Terawattstunden Strom - genauso viel wie 1,35 Millionen Drei-Personen-Haushalte.
Wenn bei Trimet ein paar Stunden der Strom ausfallen würde, käme dies einer Katastrophe gleich. "Nach vier Stunden wären unsere Anlagen zerstört", sagt Vorstandsmitglied Martin Iffert. Energie sichert die Existenz des Unternehmens - die von der Regierung geplante Energiewende könnte deshalb für Trimet zur Überlebensfrage werden. Allein der Strompreisanstieg während des dreimonatigen Atom-Moratoriums bescherte der Firma aufs Jahr umgerechnet 40 Millionen Euro Zusatzkosten.
Das Unternehmen will eine verlässliche und bezahlbare Versorgung mit Energie - doch in Deutschland droht genau das Gegenteil: Engpässe im Stromnetz und steigende Preise. Und dann soll die Firma für ihren CO2-Ausstoß auch noch Zertifikate kaufen. Die höheren Kosten durch bessere Energieeffizienz ausgleichen? "Das ist utopisch", sagt Iffert. "90 Prozent unseres Energiebedarfs geht in den Elektrolyseprozess. Wir arbeiten mit Forschern weltweit daran, die letzte Promille rauszuquetschen." Soll heißen: Viel mehr geht nicht.
"Wir sind Teil der Lösung"
Bedeutet das also, dass Firmen wie Trimet verschwinden werden und ganze Branchen bald nicht mehr in Deutschland produzieren? Auch Stahlproduzenten, Zementhersteller und Chemieunternehmen zählen zu den Energiefressern. Steht der Bundesrepublik gar die Deindustrialisierung bevor?
In einem modernen, hellen Besprechungsraum präsentiert Manager Iffert auf einem riesigen Flatscreen die Zukunftschancen der Firma. Neben dem Fenster steht ein Strauß Rosen - gefertigt aus Aluminium. "Aluminium ist der Werkstoff der Zukunft", sagt er. Beim Netzausbau könne Aluminium als Leitwerkstoff in Hochspannungsleitungen eingesetzt werden. In der Autoindustrie könnten leichtere Alu-Karosserien zum Spritsparen beitragen. Darum sei Trimet für den Standort Deutschland wichtig. "Wenn die Alu-Produzenten gehen, wandert der Rest der Wertschöpfungskette auch ab", sagt Iffert.
Die Firma sieht sich nicht als Old Economy - sie wurde erst 1985 gegründet und stieg binnen weniger Jahre zum größten deutschen Aluminiumproduzenten mit 1800 Mitarbeitern auf. In Essen und Hamburg bewahrte das Unternehmen zwei Alu-Hütten vor dem Aus. Solche Firmen wünschen sich Politiker - doch Trimet hilft das wenig, wenn sie dann Pläne verabschieden, die Energie teurer machen.
Alu-Hütten sorgen für Netzstabilität
Die Trimet-Manager wollen den Standort Deutschland nicht aufgeben. "Wenn der CO2-Ausstoß und der Stromverbrauch hier nicht stattfinden, dann eben woanders", sagt Vorstand Iffert. "Das ist unaufrichtig." Aber Angst, dass es so kommt, haben sie dann doch. Deshalb will sich die Alu-Branche bei der Energiewende einen Namen als nützliche Branche machen. Das Credo: Trimet ist kein Problem der Energiewende. "Wir sind Teil der Lösung", sagt Iffert.
Denn Trimet könnte zur Netzstabilität beitragen. Das Unternehmen braucht regelmäßig und viel Strom - deshalb ist es wichtig für die sogenannte Grundlast der Netze. Wenn der Energiebedarf in Deutschland besonders hoch ist, könnte Trimet - ähnlich einem mobilen Kraftwerk - bis zu zwei Stunden die Produktion abschalten und das Netz entlasten.
Schon einmal half die Firma in einer Notsituation aus: 2006 fiel in weiten Teilen Westeuropas der Strom aus. Als durch den Leistungsausfall einer Hochspannungsleitung ein Blackout ausgelöst wurde, schalteten Trimet und zwei weitere Betreiber ihre Hütten ab, um das Netz zu stabilisieren.
Dieses Einspringen will sich Trimet künftig vom Staat bezahlen lassen - und so die Kosten für höhere Strompreise ausgleichen. Konkurrenten im Ausland, etwa in Italien und den Niederlanden, bekommen bereits einen Ausgleich für ihre Rolle beim Netzmanagement. Bei den deutschen Behörden blitzten die Trimet-Manager mit ihrer Forderung in den vergangenen Jahren immer wieder ab. Doch inzwischen unterstützen sogar die Grünen einen Stromdeal mit der Alu-Branche.
Der könnte so aussehen: günstigeren Strom gegen bessere Netzstabilität. Allerdings könnten Trimet und die Energieversorger so in neue Abhängigkeiten geraten.
Bei ThyssenKrupp wird aus Abfallstoffen Strom
Gut 20 Kilometer vom Trimet-Sitz in Essen entfernt heißt das Motto dagegen Unabhängigkeit. In Duisburg ragen die Schlote von ThyssenKrupp in den Himmel. Auf einem neun Quadratkilometer großen Gelände wird hier seit 1891 Stahl produziert. Das Werk mit mehr als 12.000 Mitarbeitern ist eine Welt für sich. Es gibt einen eigenen Hafen, in dem Rohstoffe angeliefert werden. Sogar der Verkehr wird überwacht. Wer hier mehrmals geblitzt wird, bekommt ein vorübergehendes Fahrverbot auf dem Gelände.
Und ThyssenKrupp
hat sein eigenes Energiesystem. Dessen Chef ist Jürgen Hoffmann. Im Leitstand verwalten er und seine Mitarbeiter die Versorgung des Werks. Besonders Kokerei, Hochöfen und Walzwerke fressen Strom. Sehr viel sogar: Der Bedarf an Energie ist so hoch wie der aller Einwohner von Duisburg.
ThyssenKrupp müsste ebenfalls vor der Energiewende grausen. Doch wenn Hoffmann darüber spricht, wirkt er entspannt. Stolz präsentiert er auf einem Schaubild das Energieverbundsystem, das dem Werk in Duisburg eine nahezu autarke Versorgung liefert. Die Energie liefern Gase, die bei der Stahlgewinnung entstehen. Zwei Kraftwerke erzeugen bis zu 700 Megawatt Leistung. Nur fünf Prozent des Gasbedarfs kommt als Erdgas von externen Versorgern.
Der Energieverbund produziert sogar so viel Strom, dass das Unternehmen einen Teil davon verkaufen kann. Auch die Abhitze der Walzöfen wird genutzt: Sie können 25.000 Haushalte mit Fernwärme versorgen. "Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir die Energiewende auch als Chance nutzen und vermarkten können", sagt Hoffmann. Er und sein Team machen sich schon Gedanken, wie die Kraftwerke noch effizienter werden können und wie Energie gespeichert und zeitversetzt abgerufen werden kann.
Doch selbst wenn ThyssenKrupp steigende Strompreise abfedern könnte, hat die Stahlbranche ein weiteres Problem: Mehrkosten für CO2-Zertifikate. Die EU-Kommission will den Ausstoß des Klimagases bis 2020 um 20 Prozent senken. Ab dem Jahr 2013 müssen Stahlproduzenten Zertifikate für ihre CO2-Emissionen zukaufen. Zuletzt war der Preis für die Verschmutzungsrechte deutlich gestiegen - denn mehr Strom aus Kohle und Gas statt Kernkraft treibt die Nachfrage.
Die Regierung nimmt Rücksicht auf die Industrie
Energieintensive Unternehmen werden angesichts neuer Strategien in der Energie- und Klimapolitik um Belastungen nicht herumkommen. Doch die Politik ist auch darauf bedacht, die Firmen mit Tausenden Arbeitsplätzen nicht zu vergraulen.
So sollen mehr Unternehmen vergünstigten Strom bekommen, indem sie bei der sogenannten EEG-Umlage entlastet werden. Mit dieser Abgabe, die auch Privatverbraucher bezahlen, wird der Ausbau von Ökostrom gefördert. Beim CO2-Zertifikatehandel sollen die energieintensiven Unternehmen ebenfalls begünstigt werden: Ab 2013 sollen die Folgen der Energiewende durch Zuschüsse an die Firmen abgefedert werden.
Manch einem Politiker ist das immer noch zu wenig. So fordert Hannelore Kraft, SPD-Ministerpräsidentin des Industrielandes Nordrhein-Westfalen, weitergehende Entlastungen für stromintensive Firmen. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl verlangt, dass die Regierung die Auswirkungen der Energiegesetze in den kommenden Monaten genau beobachtet - und gegebenenfalls noch Änderungen vornimmt. Der Poker zwischen Regierung und Lobbyverbänden wird also weitergehen.
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- Mittwoch, 20.07.2011 – 12:07 Uhr
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Durchschnittlich wollen die Kyoto-Vertragsstaaten zunächst bis 2012 durchschnittlich 5,2 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als im Durchschnitt des Jahres 1990. Sechs Treibhausgase werden in einem Zusatz zum Protokoll genannt: Kohlendioxid, Methan, halogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (HFCs), Perfluorkohlenwasserstoffe (PFCs), Lachgas (Distickstoffmonoxid) und Schwefelhexafluorid.
Die nationalen Regierungen teilen Energiesektor und Industrie diese Abgasrechte für jeweils eine Handelsperiode zu. In Deutschland erfolgte dies bislang gratis, künftig wird ein Teil der Zertifikate auch versteigert. Firmen, die mehr CO2 ausstoßen als erlaubt, müssen Strafe zahlen. Verkehr, Haushalte, Gewerbe, Handel und der Dienstleistungssektor müssen an dem System bislang nicht teilnehmen.
Die geplanten Zuteilungen werden in Deutschland im sogenannten nationalen Allokationsplan (NAP) zugewiesen. Der erste NAP deckte die Handelsperiode von 2005 bis 2007 ab. Der NAP II läuft von 2008 bis 2012. Pro Jahr werden der Energiewirtschaft und der Industrie Emissionsrechte für 453 Millionen Tonnen CO2 zugestanden.
Kritiker fordern, dass die Zertifikate höchstbietend versteigert und nicht verschenkt werden sollen. Ebenso wird gefordert, weitere Quellen von Klimagasen in das System einzubeziehen, beispielsweise den Flugverkehr.
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