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10. Juni 2011, 09:38 Uhr

Atomausstieg

RWE-Chef warnt vor Industrieschwund in Deutschland

Er gibt nicht auf: RWE-Chef Jürgen Großmann warnt weiter mit drastischen Szenarien vor dem Atomausstieg. Dem eigenen Konzern drohe eine Übernahme, sagt er in einem Interview, und Unternehmen wie BASF der ThyssenKrupp könne es sogar bald "hier nicht mehr geben".

Hamburg/München - Seitdem Schwarz-Gelb einen schnellen Atomausstieg angekündigt hat, ist RWE-Chef Jürgen Großmann im Dauereinsatz: Großmann persönlich warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor einer "Ökodiktatur" und schickte ihr einen bösen Brief.

Nun legt der RWE-Chef mit neuen Warnungen nach. Als schwerwiegende Folge des Ausstiegs drohe der gesamten deutschen Wirtschaft eine Deindustrialisierung, sagte der Manager der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ"). "Wenn die Politik weiter so konsequent die Zerstückelung der industriellen Energieerzeugung betreibt, werden wir bald auf ganze Industriezweige verzichten müssen. Konzerne wie BASF oder ThyssenKrupp wird es dann hier nicht mehr geben."

Auch um die eigene Branche sorgt sich Großmann. "Der Wertverlust unserer Aktie macht mir Sorge", sagte er. Mit sinkenden Kursen steige die Gefahr einer feindlichen Übernahme. Warum eine von ihm selbst angestrebte Fusion mit dem spanischen Versorger Iberdrola geplatzt ist, wollte Großmann jedoch nicht kommentieren. Auf die Frage, ob RWE weiter offen für einen Zusammenschluss sei, sagte Großmann lediglich: "In Zukunft kann nicht mehr jeder alles alleine machen."

Der Manager kündigte auch neue Klagen wegen des Atomausstiegs an. "Die Brennelementesteuer ist aus verfassungsrechtlicher und EU-rechtlicher Sicht bedenklich und angreifbar", sagte Großmann. "Es sprechen deutlich mehr Gründe für eine Klage als dagegen." Auch Schadensersatzforderungen seien möglich, denn dem Konzern entgingen Milliardeneinnahmen.

Großmann zufolge wächst durch den Atomausstieg das Risiko von Stromausfällen in Deutschland. "Die Gefahr ist real", sagte der RWE-Chef und rief die Bundesregierung auf, eine Möglichkeit zur nachträglichen Anpassung der Ausstiegsbeschlüsse zu schaffen. "Warum soll nicht 2018 oder 2019 überprüft werden, ob wir mit der geplanten Wende im richtigen Korridor sind? Schaffen wir den Ausstieg 2022 wirklich?" Als Unternehmer seien es Worte wie "alternativlos" oder "unumkehrbar", die im Sorgen machten.

Großmann, dessen Vertrag bis September 2012 läuft, war wegen seines Pro-Atom-Kurses zuletzt auch im eigenen Unternehmen in die Kritik geraten. Dennoch sagte der Konzernchef es habe "Bestrebungen gegeben, mich zum Bleiben zu überreden. Aber das will ich nicht".

dab/dpa-AFX/Reuters

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