Kleinstkraftwerke Angriff der Atom-Zwerge

Mini-AKW statt Mega-Meiler: Länder wie Großbritannien wollen Hunderte Kleinstkraftwerke bauen - und fordern Unterstützung von der EU-Kommission. Was können die Baby-Reaktoren? Und welche Risiken gibt es?

Modell eines Mini-Atomreaktors in Peking
AP/Imaginechina

Modell eines Mini-Atomreaktors in Peking

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Kleine Kernkraftwerke, SMR genannt, sind ein Hoffnungsträger der Atomindustrie. Firmen wie der britische Triebwerkshersteller Rolls-Royce forschen seit Jahren an solchen Mini-Meilern, die der schwächelnden Atomindustrie einen neuen Schub geben sollen. Sicherheitsbedenken hin oder her.

Auch in Brüssel sind die AKW-Zwerge Thema. Am Dienstag hatte SPIEGEL ONLINE über ein Papier der EU-Kommission berichtet, das ambitionierte Ziele für diese neue Technologie nennt. Bis 2025 sollen erste Konzepte für Mini-AKW vorliegen, bis 2030 sollen ein oder mehrere SMR im Betrieb sein, heißt es in dem Dokument der Generaldirektion Forschung, einer Brüsseler Fachabteilung. Generell wolle man die Erforschung innovativer Atomtechnologien bestmöglich fördern und die Rahmenbedingungen für Investoren verbessern.

Die Empörung über das EU-Papier war groß. Doch die EU-Kommission beschwichtigte. Der Entwurf stelle noch nicht ihre abschließende Position da, teilte sie mit. Es handle sich nur um Vorschläge. Ohnehin könne jedes EU-Land selbst entscheiden, wie es seine Energiepolitik gestalte.

Im kernkraftkritischen Deutschland wurde das Papier dennoch als Affront gewertet. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) bezeichnete es als absurd, dass in Brüssel überhaupt neue Hilfen für die Atomkraft erwogen werden. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) nannte es "eine verrückte und unverantwortliche Idee".

Andere befürworten die EU-Pläne. Es gebe nun einmal eine Reihe EU-Staaten, die sich bewusst für Kernenergie entschieden hätten, sagt Herbert Reul, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament. Großbritannien oder Frankreich zum Beispiel. Es sei nicht überraschend, dass diese Länder auch die Forschung in diesem Bereich fördern wollen. "Deutschland sollte sich hier mit Empfehlungen zurückhalten", sagt Reul. "Schließlich hat die Bundesregierung auch niemanden gefragt, bevor sie die Energiewende eingeleitet hat."

Europas Strategieproblem

Die Aufregung über das Atompapier offenbart einen grundsätzlichen Konflikt. Die EU-Länder sind in der Frage, wie Europas Energiepolitik der Zukunft aussehen soll, tief zerstritten. Bislang überwiegen nationale Egoismen.

  • Polen etwa setzt auf Kohlekraft - was halb Europa erzürnt, weil sich so das Klima nicht retten lässt.
  • Deutschland will zwar das Klima retten, hat aber inzwischen so viel Wind- und Solaranlagen gebaut, dass es in der Bundesrepublik oft Strom im Überfluss gibt. Der deutsche Strom fließt dann in andere EU-Staaten und verstopft dort die Leitungen - was die zuständigen Regierungen regelmäßig vergrätzt.
  • Großbritannien kämpft derweil für mehr Atomtechnologie in Europa. Was wiederum die Bundesregierung aufregt, weil viele ihrer Bürger Atommeiler unheimlich finden und nicht wollen, dass bald noch mehr Reaktoren in der Nähe deutscher Grenzen stehen.

Eine einheitliche europäische Energiepolitik scheint derzeit unmöglich. Dabei muss diese dringend entwickelt werden. Denn die EU will nicht nur unabhängiger von Russlands Gas werden. Sie hat auch versprochen, einen signifikanten Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten und ihren CO2-Ausstoß deutlich zu senken.

Das umstrittene Atompapier, das am Dienstag die Runde machte, spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Die darin enthaltenen Vorschläge sollen in den sogenannten Europäischen Strategieplan für Energietechnologie (SET-Plan) einfließen - der Europas künftige energiepolitische Schwerpunkte bestimmt. Es geht also darum, wie viel Gewicht die Atomenergie in Zukunft in Europa haben soll. Und damit auch darum, ob die EU ihre Unterstützung für Kleinst-AKW verstärkt.

Das AKW für den Vorgarten

Die Mini-Meiler sind der Gegenentwurf zu den gigantischen, milliardenteuren Atomkraftwerken, die in Europa sonst gebaut werden. Während moderne Großanlagen eine Leistung von bis zu 1700 Megawatt haben, sind es bei SMR maximal 300 Megawatt, oft auch nur 50 Megawatt. Die einzelnen Komponenten sind, vereinfacht gesagt, ungefähr so groß wie eine 25-Meter-Bahn eines Schwimmbads. Manche Wissenschaftler sprechen scherzhaft vom "AKW für den Vorgarten".

Solche Kleinstkraftwerke gibt es im Grunde seit Jahrzehnten, auf U-Booten oder Eisbrechern zum Beispiel. Neu wäre, die Aggregate auch für Kraftwerke an Land einzusetzen.

Grafik: So funktioniert ein Mini-AKW
Babcock & Wilcox

Grafik: So funktioniert ein Mini-AKW

Das Downsizing soll laut Atomindustrie viele Vorteile haben. Statt eines riesigen Kraftwerks, das jahrelang an einem bestimmten Ort gebaut werden muss, würden kleine Einheiten in Serie gebaut. Die einzelnen Module würden, so werben die Hersteller, aus einer Fabrik fertig per Lkw, Schiff oder Zug angeliefert - und müssten dann am Standort nur noch zu einem Gesamtsystem integriert werden.

Das soll die Kosten berechenbar und Atomenergie in vielen Regionen der Welt erschwinglich machen. Ein Land könnte sich, so das Versprechen, peu à peu eine Atominfrastruktur kaufen - statt einmalig einen riesigen Batzen Geld für ein Großkraftwerk zu zahlen, dessen Bau oft Jahre länger dauert als geplant und dessen Kosten regelmäßig durch die Decke gehen. Auch bei den Produzenten der Anlagen würden die Einnahmen so regelmäßiger fließen.

Ob das alles klappt, steht auf einem anderen Blatt. Bislang sind nur sehr wenige SMR im Praxiseinsatz: In Russland wird das Konzept unter anderem beim schwimmenden Atomkraftwerk "Akademik Lomonosow" getestet. Dessen zwei 40-Megawatt-Blöcke sollen eine abgelegene Region in Ostsibirien versorgen. In Argentinien entsteht ein 27-Megawatt-SMR im Norden der Provinz Buenos Aires. Auch China und Indien bauen an kleinen Reaktoren.

Globaler Wettlauf

Obwohl die Technologie kaum erprobt ist, setzt die Atomindustrie große Hoffnungen in sie. Ihr globaler Dachverband, die World Nuclear Association, verspricht, dass im Jahr 2030 bereits 96 SMR im Einsatz sein werden.

Längst hat ein Wettlauf um die Spitzenposition in diesem möglichen Zukunftsmarkt begonnen. Vor allem die Amerikaner preschen vor. Das US-Unternehmen NuScale will Anfang der Zwanzigerjahre zwölf seiner wassergekühlten 50-Megawatt-SMR im Kraftwerk Intermountain West im US-Bundesstaat Idaho im Einsatz haben. Das US-Energieministerium unterstützt NuScale und andere heimische SMR-Firmen mit rund 450 Millionen Dollar. Im Silicon Valley forschen mehr als 50 Start-ups an innovativen Nukleartechniken, viele davon an kleinen Reaktoren.

Die europäische Atomindustrie wirkt dagegen abgeschlagen. Ihr bekanntester Großreaktortyp, der sogenannte EPR, ist kaum noch wettbewerbsfähig und droht zum Auslaufmodell zu werden. Viele Atomfirmen drängen nun in Brüssel auf Staatsbeihilfen. Manche aber wollen mit SMR neue Wege gehen - gern mit mehr Unterstützung aus Brüssel.

Bereits jetzt fördert die EU solche Mini-Meiler im kleinen Stil. Seit vielen Jahren fließt Geld an einzelne Projekte. Zum Beispiel an den Allegro-Reaktor, ein mit Helium gekühltes Kleinst-AKW, das bis Ende des Jahrzehnts in Polen, Ungarn oder Tschechien gebaut werden soll. Nun fordert die SMR-Lobby weitere Hilfe.

SPIEGEL ONLINE liegt ein internes EU-Dokument vor, das die Anmerkungen zahlreicher EU-Länder zu den Brüsseler Atomvorschlägen zusammenfasst. Vor allem drei Länder setzen sich demnach für SMR ein: Finnland, Rumänien und Großbritannien. Sie fordern unter anderem bessere Rahmenbedingungen für qualifiziertes Personal und den Abbau bürokratischer Hürden.

Auch auf nationaler Ebene tut sich viel. Besonders in Großbritannien - einer Nation, die zwar das Klima schützen will, aber nicht viel von Solaranlagen und Windrädern an Land hält. Im November kündigte Schatzkanzler George Osborne ein ehrgeiziges SMR-Förderprogramm an. Mindestens 250 Millionen Pfund will die britische Regierung bis 2020 ausgeben, um den Bau kleiner Kernkraftwerke voranzutreiben. Großbritannien solle "ein Weltmarktführer für innovative nukleare Technologie" werden, tönte Osborne.

Vor allem eine Firma will von Osbornes Atom-Enthusiasmus profitieren: Rolls-Royce. Der Triebwerkhersteller hat bereits Mini-Reaktoren für U-Boote entwickelt - jetzt will er das ganz große Rad drehen. Der SMR-Markt sei eine "einmalige Chance" für Großbritannien, sagte eine Rolls-Royce-Sprecherin dem Branchendienst "Construction News". Man könne High-Tech-Arbeitsplätze schaffen und die britische Wirtschaft stärken.

Ökonomische Zweifel

Außerhalb der Atomindustrie ist man deutlich skeptischer. Steve Thomas, Professor für Energiewirtschaft an der Greenwich-Universität, zum Beispiel fragt sich, "ob es überhaupt je einen Weltmarkt für kleine Atomreaktoren geben wird". Zehn kleine AKW bräuchten deutlich mehr Baumaterial und Personal als ein Mega-Meiler mit derselben Leistung, sagt er. "Mini-Meiler dürften daher weit höhere Kapital- und Betriebskosten haben." Es handle sich womöglich nur um ein Modethema.

Die Branche selbst verspricht, die SMR-Meiler in Serie zu produzieren und so die Kosten zu drücken. Tatsächlich aber müssten wohl erst sehr viele Mini-Meiler aus der Fabrik rollen, ehe sich das Konzept rechnet. David Orr, der Atomchef von Rolly-Royce, schätzt, dass sein Unternehmen Bestellungen für 40 bis 70 SMR braucht, ehe sich der Bau einer entsprechenden Fabrik rechnet.

Thomas hält das für arg optimistisch. "Es gibt so viele Unwägbarkeiten", sagt er. "Die Kosten für SMR können schnell durch die Decke gehen."

Wie kompliziert die Entwicklung solcher Anlagen ist, zeigt sich schon im Genehmigungsprozess: Die US-Firma NuScale etwa hat ein Konzept für einen SMR-Reaktor bei den zuständigen Aufsichtsbehörden eingereicht. Die nötigen Unterlagen sind schon jetzt rund 11.000 Seiten dick - bevor die Kontrolleure überhaupt irgendeine Anmerkung gemacht haben.

Der einzige Weg, hier die Kosten zu drücken, sei, die Sicherheitsstandards bei Genehmigungsverfahren abzuschwächen, fürchtet die Union of Concerned Scientists, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die sich für Abrüstung und Umweltschutz einsetzen.

Angst vor der schmutzigen Bombe

Auch stellt sich die Frage der Akzeptanz. In den Überlegungen von Rolls-Royce und Co. könnten die AKW-Zwerge deutlich dichter an Wohngebieten stehen und neben Strom auch Wärme liefern. Fragt sich, ob nicht selbst den atomfreundlichen britischen Bürgern bei solchen Plänen mulmig würde - selbst wenn die Mini-Meiler nach Ansicht vieler Wissenschaftler per se nicht störanfälliger sind als ein Mega-AKW.

Hinzu kommen außenpolitische Bedenken. Bislang konnten sich viele Staaten keine und nur wenige Atomkraftwerke leisten, weil die Kosten und die technischen Hürden zu hoch waren. Mini-Meiler wären theoretisch in jedem Land der Welt bezahl- und einsetzbar. Ein Staat, der besonders Interesse an der SMR-Technologie bekundet hat, ist Jordanien - mitten im terrorgeplagten Nahen Osten.

"Mir wird angst und bange, wenn ich daran denke, dass Schiffe oder Lkw irgendwann Atommodule in solche Länder liefern", sagt der Grüne EU-Parlamentarier Claude Turmes. "Einfacher könnte man es Terroristen nicht machen, an eine schmutzige Atombombe zu kommen."

Ob sich Brüssel künftig stärker für die umstrittenen Mini-Meiler einsetzt, könnte sich bald entscheiden. Die EU-Kommission will ihre strategischen Forschungsprioritäten im Energiesektor am 24. Mai diskutieren. Dabei könnten auch die Kleinstkraftwerke zur Sprache kommen.

Zusammengefasst : Die internationale Atomindustrie hofft, in den kommenden Jahrzehnten Tausende kleine, modulare Atommeiler zu verkaufen und damit viele Milliarden zu verdienen. Die europäische Atomlobby versucht, Fördergelder aus Brüssel für die Erforschung und Entwicklung dieser Technologie zu bekommen. In der EU gibt es darüber nun heftig Streit.

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Mitarbeit: Markus Becker

insgesamt 312 Beiträge
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dritter_versuch 21.05.2016
1. Al Kaida
Die sollten nicht in Brüssel nach Fördergelder fragen, sondern in Afghanistan. Das ist der feuchte Traum jedes Terroristen.
hayjay 21.05.2016
2. Warum Unterstützung durch die EU?
Wenn diese Kraftwerke so super sind, dann müsste es sich ja auch ohne Förderung lohnen sowas zu entwickeln. Die Erwähnten Zweifel sind mMn angebracht.
L!nk 21.05.2016
3. sehr witzig
Wohin der Müll soll, steht hier wieder nicht ...
fesdu2804 21.05.2016
4. EU-Gelder?!
Nur damit ich das richtig verstehe: man möchte Gelder aus Brüssel, gleichzeitig aber der EU austreten. Aha.
biggoldensun 21.05.2016
5.
Die Risiken bei so einem kleinen AKW sind genau die Gleichen wie bei einem Grossen. Nur wird das Problem dann vervielfacht.... Keine gute Idee...
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