Von Stefan Schultz
Der Traum vom schnellen Atomausstieg ist also technisch möglich. Aber er hätte einen hohen Preis.
Zunächst würde er das Landschaftsbild der Bundesrepublik total verändern. Schon jetzt drehen sich mehr als 21.300 Windräder zwischen Passau und Westerland; schon jetzt sind fast 13 Millionen Quadratmeter Dächer und Felder mit Sonnenkollektoren gepflastert; schon jetzt werden auf zwei Millionen der insgesamt zwölf Millionen Hektar Ackerfläche Energiepflanzen angebaut.
Im 2020er-Szenario ginge es um ein Vielfaches des Status quo. 46 Gigawatt Windenergie, 52 Gigawatt Photovoltaik, acht Megawatt Biomasse: Deutschland würde mit Solarzellen gepflastert. Riesengroße Rotoren würden in der Landschaft stehen. Und auf Feldern droht eine bedenkliche Monokultur aus Bioenergiepflanzen. Nötig wären auch neue Stromtrassen, um den ganzen Ökostrom an die richtigen Orte zu transportieren.
Die Öko-Revolution hat also eine hässliche Seite: Sie macht die Energieerzeugung, die bislang vor allem unter Tage und in abgezäunten Kraftwerken stattfand, für jeden sichbar. Manche würden sagen: Sie verschandelt die Landschaft.
Ist das mit den deutschen Wutbürgern überhaupt machbar? Die Grünen verweisen zwar auf den aktuellen Monitoringbericht der Bundesnetzagentur, laut dem zuletzt nur drei von 24 dringenden Netzausbauprojekten wegen mangelnder Akzeptanz in der Bevölkerung gestoppt wurden. Doch gegen Riesenwinderäder gibt es immer wieder Proteste. Und selbst eingefleischte Ökos geraten wegen wachsender Mais-Monokulturen in Rage.
"Die Akzeptanz für erneuerbare Energien muss dringend gestärkt werden", sagt auch Sterner. "Den Menschen muss bewusst gemacht werden, dass unsere Energieversorgung aufgrund von Klimawandel, Ressourcenknappheit und Atomkatastrophe wieder überirdisch wird - wie sie vor 200 Jahren schon immer war."
Strompreis dürfte stark steigen
Die Akzeptanz für Ökostrom hat allerdings arg gelitten - durch die Kosten, die den Verbrauchern entstanden sind.
Um 70 Prozent ist die EEG-Umlage, mit der Verbraucher den Ausbau der erneuerbaren Energien finanzieren, zum Jahreswechsel gestiegen, von 2,05 Cent auf 3,5 Cent pro Kilowattstunde. Viele Versorger schlagen die Zusatzkosten teilweise oder ganz auf die Stromrechnung drauf. Ein Durchschnittshaushalt, der rund 4000 Kilowattstunden Strom pro Jahr verbraucht, zahlt nun 40 bis 80 Euro mehr.
Grund ist der extreme Ausbau der Solarenergie. Allein dadurch entstanden den Verbrauchern im vergangenen Jahr Kosten von neun Milliarden Euro. Aktuell bemüht sich die Regierung um eine Begrenzung des Ausbau-Booms - mit ungewissem Ausgang.
Doch auch wenn es der Regierung gelingt, die Solarkosten auf ein erträgliches Maß zu drücken und die erneuerbaren Energien so auszubauen, wie es im BMU-Szenario vorgesehen ist: Die Kosten für die Verbraucher werden deutlich steigen.
Zwar entwickeln sich Solaranlagen oder Windräder technologisch weiter, sie werden effizienter - so dass ihre Stromerzeugungskosten laut BMU-Schätzung deutlich sinken. Doch für den Verbraucher gilt auch hier: Die Menge macht's. 2020 sollen 227 Terawattstunden Strom aus erneuerbaren Energien kommen - mehr als doppelt so viel wie heute.
Das BMU geht davon aus, dass die EEG-Umlage bis 2015 auf rund 12 Milliarden Euro pro Jahr steigt, 2020 soll sie wieder bei rund neun Milliarden liegen, danach zunehmend günstiger werden. Auch wenn sich die Investitionen langfristig lohnen - zunächst bleiben die Verbraucher auf den Kosten sitzen - dabei empört sich schon jetzt mancher über den hohen Ökostromaufschlag.
Hinzu kommt, dass Kohle- und Gaskraftwerke bei einem Atomausstieg bis 2020 mehr Strom produzieren müssten als vorgesehen, was zu einer Verteuerung der CO2-Zertifikate führt. Ohnehin wird dieser Markt in den kommenden Jahren immer strenger reglementiert, so dass der Betrieb von Kohle- und Gaskraftwerken teurer wird. In der BMU-Studie wird daher erwartet, dass die Stromgroßhandelspreise von aktuell fünf Cent bis zum Jahresende auf sieben Cent pro Kilowattstunde steigen. Auch diese Kosten werden größtenteils an die Verbraucher weitergegeben.
Die Netzbetreiber dürften ebenfalls einen Teil ihrer Investitionskosten auf die Verbraucher abwälzen. Fallen alle AKW weg, müssen erst neue Leitungen quer durch die Republik gezogen werden, um den Strom in die Gebiete zu transportieren, wo er gebraucht wird. Die halbstaatliche Deutsche Energie-Agentur (dena) schätzt, das es bis 2020 rund 3600 Kilometer sind. Kostenpunkt: 9,7 Milliarden Euro. Zusatzkosten für die Verbraucher laut dena: 0,2 Cent pro Kilowattstunde. Hinzu kommen Investitionen in Milliardenhöhe für das Verlegen von Stromkabeln im Meer, damit die Elektrizität von Offshore-Windparks an Land genutzt werden kann.
Gewaltige Investitionen nötig
Nicht nur beim Netzausbau wären die nötigen Investitionen gewaltig. Soll die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien bis 2020 wirklich verdoppelt werden, müssten all die Wind-, Solar-, Biomasse-, Wasser- und Pumpspeicherkraftwerke erst einmal gebaut werden (zur Funktionsweise der verschiedenen Kraftwerkstypen: siehe Kasten). Dazu wären laut BMU-Schätzung zwischen 2011 und 2020 rund 122 Milliarden Euro nötig.
Diese Investitionen wären laut BMU-Szenario ohnehin nötig, um die Klimaschutzvorgaben zu erfüllen. Um einen Turbo-Ausstieg bis 2020 zu realisieren, müssten laut Sterner zusätzliche Onhore-Windkraftwerke mit einer Leistung von 14 Gigawatt gebaut werden - was zusätzliche Investitionen von 14,4 Milliarden Euro nötig macht.
Hinzu kommen Ausgaben für Effizienzsteigerungen. Um den Stromverbrauch um 30 Terawattstunden pro Jahr zu senken, wären nach Berechnungen der Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) Investitionen von rund 17 Milliarden Euro nötig. Rund 6,5 Milliarden Euro in den Haushalten und 10,5 Milliarden in der Industrie. In der Industrie würden sich diese Investitionen nach rund 15 Jahren auszahlen, bei den privaten Haushalten nach rund zehn Jahren. Im Vergleich zu den nötigen Investitionen in der Stromerzeugung erscheint die Finanzierung machbar. "Mit Ausgaben von rund 1,7 Milliarden Euro pro Jahr kann man die Energieeffizienz bis 2020 deutlich steigern", sagt GWS-Ökonomin Ulrike Lehr.
Auch der Bau zusätzlicher Gaskraftwerke wäre relativ leicht zu realisieren. Internen Schätzungen zufolge wären für die insgesamt nötigen sechs Gigawatt Kapazität Investitionen von 3,3 bis 4,8 Milliarden Euro nötig - je nach Preisentwicklung der Anlagen.
Und es gäbe einen Investor, der der Kraftwerke gern bauen würde: die kommunalen Unternehmen. Wegen der Laufzeitverlängerung hatten sie zahlreiche Projekte auf Eis gelegt - nun holen sie die Pläne wieder hervor.
Ohnehin planen die kommunalen Unternehmen, in den kommenden Jahren Kraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 3300 MW zu errichten, sagt Hans-Joachim Reck, Geschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen. "Das Abschalten der Kernkraftwerke und das Aussetzen der Laufzeitverlängerung bieten Chancen für Klimaschutz und ein zukunftsgerichtetes Energiesystem."
Fest steht: Für den raschen Ausstieg aus der Kernenergie wären zunächst hohe Investitionen nötig. Sie würden sich bis 2020 grob überschlagen auf rund 167 Milliarden belaufen. Langfristig rentiert sich das - für die Unternehmen und Verbraucher, die Anlagen zur Stromerzeugung bauen ebenso wie für die Volkswirtschaft. Neue Märkte wachsen, Jobs entstehen - und langfristig wird die Stromerzeugung durch Ökoenergien günstiger. Zunächst aber müssen große Summen investiert werden.
Und vor allem für die Verbraucher dürfte die Ökostromwende teuer werden. Denn sie subventionieren die anfangs noch teure Energieerzeugung durch Aufschläge auf ihre Stromrechnung. Der Preis wird wohl um mehrere Cent steigen. Allein durch den Netzausbau und die Großhandelspreise wäre ein Anstieg um drei Cent möglich - dazu kämen Milliardenkosten aus der EEG-Umlage.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels waren die nötigen Investitionen für einen Ausstieg aus der Atomkraft bis 2020 auf rund 230 Milliarden Euro beziffert. Die Berechnung war nicht korrekt, da sie auch Investitionen für den Wärmesektor umfasste - diese sind für einen Ausstieg aus der Kernenergie nicht nötig. Wir haben die Rechnung korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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