Audi-Chef Stadler in Untersuchungshaft Der Mann, der nichts wissen wollte

Elf Jahre führte Rupert Stadler den Audi-Konzern, lange hat er sich im Dieselskandal durchgewurstelt. Doch das klappt offenbar nicht mehr: Die Staatsanwaltschaft ließ den Top-Manager verhaften.

Von und


Am Montagmorgen traf der Dieselskandal Rupert Stadler überraschend in voller Härte. Vier Beamte des Landeskriminalamts Bayern standen samt Vertreter der Staatsanwaltschaft vor der Wohnungstür des Audi-Chefs. Noch bevor der Manager zur Sitzung des Volkswagen-Aufsichtsrats nach Wolfsburg aufbrechen konnte, verhafteten sie ihn vorläufig.

Nun sitzt der 55-jährige Spitzenmanager in U-Haft. Ein neuer Höhepunkt in dem seit fast drei Jahren währenden Skandal um manipulierte Dieselmotoren und Abgasbetrug im VW-Konzern, zu dem auch die Tochter Audi gehört. Wie konnte das passieren?

Lange sah es so aus, als wäre Stadler nicht zu bremsen. Mochten andere VW-Manager im Zuge des Skandals auch fallen. Stadler blieb stehen. Er strauchelte vielleicht mal, aber dann stand er wieder auf. Und er wies stets alle Vorwürfe weit von sich.

Irgendwie schaffte es der Sohn eines oberbayerischen Landwirts immer wieder, sich durchzuwursteln. Was dabei half, waren seine guten Beziehungen zu den VW-Eigentümerfamilien Porsche und Piëch. Die hielten ihm auch deshalb die Treue, weil sie um seine Leistungen der Vergangenheit wussten.

2007 war Stadler als Vorstandschef bei Audi angetreten - mit dem klaren Ziel, vorgegeben vom Mutterkonzern VW: Die Premiummarke aus Ingolstadt sollte die Konkurrenten Mercedes und BMW überholen. Und tatsächlich schien Stadler dies zunächst zu gelingen: In den ersten Jahren avancierte Audi zum neuen Star der deutschen Premiummarken - und Stadler zum gefeierten Top-Manager. 2011 kürte ihn das Magazin "Wirtschaftswoche" zum Vorstandschef des Jahres.

Doch wenige Jahre später brachte die Dieselaffäre die ganze VW-Gruppe ins Wanken - und damit auch Stadler.

Audi als Keimzelle des Dieselskandals

Inzwischen gilt Audi als Keimzelle des Dieselskandals. Hier entwickelten Techniker bereits früh jene Betrugssoftware in Dieselmotoren, die nur auf dem Prüfstand gute Abgaswerte garantiert und die dann die Abgasreinigung auf der Straße einfach abschaltet. Die Software steckte in den Drei-Liter-Dieselmotoren, die Audi für den gesamten VW-Konzern baute - und die deshalb auch im VW Touareg und Porsche Cayenne zum Einsatz kamen.

Als im September 2015 der Dieselskandal durch Vorwürfe aus den USA öffentlich wurde, versuchte Stadler zunächst, sich und Audi aus der Sache herauszuhalten. Noch Anfang November 2015 dementierte das Unternehmen per Pressemitteilung, in den Dieselmotoren eine unzulässige Abschaltvorrichtung eingebaut zu haben. Ein paar Wochen später musste Audi allerdings zugeben, dass das wohl falsch war.

Diese Taktik zog Stadler weiter durch: Erst einmal alles abstreiten und abwiegeln - und Verfehlungen erst dann einräumen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Und tatsächlich hielt er sich damit im Amt - obwohl viele schon lange seinen Abschied herbeibeschworen.

Audi setzt Interimschef ein

Viele VW-Manager sind im Zuge des Dieselskandals gestürzt - allen voran Martin Winterkorn, der 2007 an der Audi-Spitze Platz für Stadler gemacht hatte, um Chef des Volkswagen-Konzerns zu werden, und der für viele als Gesicht des Abgasskandals bei VW gilt. Anders als Stadler sitzt Winterkorn allerdings nicht in Untersuchungshaft. Für ihn ist die Staatsanwaltschaft Braunschweig zuständig, also andere Ermittler.

Auch bei der Konzerntochter Audi wurde kräftig durchgefegt: Die Top-Manager Ulrich Hackenberg und Stefan Knirsch, sowie der Chef der Motorenentwicklung, Ulrich Weiß - sie alle mussten gehen.

Stadler (rechts) mit Martin Winterkorn im Mai 2015
DPA

Stadler (rechts) mit Martin Winterkorn im Mai 2015

Stadler aber durfte bleiben. Weil er wieder und offenbar glaubhaft versicherte, vom Betrug nichts gewusst und sich stets an Recht und Gesetz gehalten zu haben. Auch heute noch betont der Konzern, dass für Stadler die Unschuldsvermutung gelte.

Genau an dieser Unschuld zweifeln die Ermittler.

Schon in der vergangenen Woche hatte die Staatsanwaltschaft München II überraschend bekannt gegeben, dass sie Stadler und einen weiteren Audi-Vorstand nun als Verdächtige führe. Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich dabei um Einkaufsvorstand Bernd Martens, der auch Leiter von Audis Diesel-Taskforce ist - also eigentlich den Fall intern aufarbeiten sollte. Die Personalie wollten weder Audi noch die Staatsanwaltschaft kommentieren.

Die Staatsanwaltschaft wirft Stadler und seinem Vorstandskollegen Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung vor. Stadler soll als Vorstandschef zugelassen haben, dass weiter manipulierte Dieselautos auf den europäischen Markt kommen, obwohl er schon länger davon wusste.

Lassen sich die gegen Stadler von der Staatsanwaltschaft erhobenen Vorwürfe beweisen, droht dem Audi-Chef theoretisch eine Haftstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Noch ist allerdings unklar, ob tatsächlich Anklage erhoben wird. Dazu dauern die Ermittlungen noch an.

Offenbar schreckt die Staatsanwaltschaft dabei auch nicht vor ungewöhnlich drastischen Mitteln zurück: Laut "Süddeutscher Zeitung" sollen die Ermittler sogar Telefonate von Stadler abgehört haben. In der vergangenen Woche ließen sie dann die Wohnung des Managers durchsuchen - und fanden dabei nach SPIEGEL-Informationen auch Hinweise darauf, dass der Audi-Chef die Beseitigung von Beweismitteln planen könnte, möglicherweise auch die Beeinflussung von Zeugen und anderen Beschuldigten. Das reichte für einen Haftbefehl wegen Verdunkelungsgefahr.

Bei Audi wird Stadler nun kaltgestellt. Vertriebsvorstand Bram Schot soll den Chefposten vorläufig übernehmen, heißt es aus Konzernkreisen. Zumindest bis zur Klärung, ob Stadler sich schuldig gemacht hat, solle dieser sein Amt ruhen lassen. Aus dem Gefängnis könne der Manager das Unternehmen schließlich nicht führen.

Am Montagabend hatte der Aufsichtsrat von VW seine Entscheidung über die Nachbesetzung des Chefpostens offiziell vertagt. Das Gremium ging in Wolfsburg ohne Einigung auseinander. "Die Aufsichtsräte von Volkswagen AG und Audi AG haben heute noch keine Entscheidung getroffen und prüfen die Sachlage weiterhin", teilte ein Sprecher des Aufsichtsrates mit. Auch eine Entscheidung über eine Beurlaubung von Stadler als Audi-Chef sei nicht gefallen.

insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
claus7447 18.06.2018
1. Ein völlig neues Lebensgefühl
Wird das sein. Aber ich bin erstaunt, das einigstes die Justiz in D noch sich was traut. CSU Minister würden kuschen!
lepuslateiner 18.06.2018
2. Tischvorlage
So wie Stadler wussten und wissen zahlreiche weitere im Amt und außerhalb des Amtes befindliche Vorstände (nicht nur leitende Mitarbeiter, sondern auch die Bosse !!) seit Jahr und Tag Bescheid. Hierzu gibt es die sog. zu den Vorstandssitzungen "aufgelegte Tischvorlage", die sodann nach Sitzungsschluss wieder für den Schredder eingesammelt wird. URALTE PRAXIS !!
sozialismusfürreiche 18.06.2018
3. Jetzt wird es eng ...
Jetzt wird es auch eng für Dieter Zetsche und den ehemaligen VW Chef Winterkorn ... U-Haft wäre auch da angebracht.
blabla55 18.06.2018
4.
Gesiebte Luft mal was anderes wie Vorstandetage mit Sevice.
freddygrant 18.06.2018
5. Warum hat das denn so lange gedauert?
Allein dies Frage und die hypothetische Antwort dazu zeigen in welchem Ordnungs- und Rechtsstaat wir leben! Wir haben eine aufgeblasene Administration und Justiz. aber die Gestaltung der Macht und des Rechts obliegt - wenn auch indirekt - der Wirtschaft - und dort insbesondere bei den Konzernen. Die Verhaftung Stadlers ist vordergründig. Ohne Vorverurteilung kann man deshalb sagen: Er wird den Kopf aus der Schlinge ziehen - wie auch seine anderen Konzernkollegen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.