Dieselaffäre Staatsanwaltschaft wirft Audi-Chef Stadler Betrug vor

Audi-Chef Rupert Stadler und ein weiteres Vorstandsmitglied werden im Abgasskandal von der Staatsanwaltschaft als Beschuldigte geführt. Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich dabei um den Leiter der Diesel-Taskforce.

Rupert Stadler
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Rupert Stadler


Der Dieselskandal erreicht nun auch den Audi-Chef persönlich. Rupert Stadler und ein weiteres Mitglied des Vorstands werden seit dem 30. Mai als Beschuldigte geführt, teilte die Staatsanwaltschaft München II mit. Ihnen werden jeweils Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung zur Last gelegt. Hierbei gehe es um den Vorwurf, dass Dieselfahrzeuge mit manipulierter Software zur Abgassteuerung auf den europäischen Markt gebracht worden seien.

Bei dem zweiten Beschuldigten handelt es sich nach SPIEGEL-Informationen um Audi-Beschaffungschef Bernd Martens. Er ist der Leiter von Audis Diesel-Taskforce, mit dem der Hersteller eigentlich die Manipulationen an seinen Dieselautos intern aufarbeiten wollte. Martens ist seit 2012 Vorstand für Beschaffung bei Audi und war zuvor ab 2005 beim Volkswagen-Konzern als Beschaffungsleiter für neue Produktanläufe zuständig.

Am Montag gab es laut Staatsanwaltschaft Razzien bei Stadler und dem weiteren Vorstandsmitglied. Die Privatwohnungen der beiden seien zur Sicherung von Beweismaterial durchsucht worden. Ein Audi-Sprecher sagte, das Unternehmen kooperiere mit den Ermittlern. Die Personalie Martens wollten weder Audi noch die Staatsanwaltschaft kommentieren. Der Mutterkonzern Volkswagen wollte mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen keine Stellungnahme abgeben.

Gegen Stadler richten sich die Ermittlungen schon länger. Bislang fehlten jedoch laut informierten Kreisen handfeste und vor allem schriftliche Beweise gegen ihn. Die seien im Mai durch Dokumente und flankierende Zeugenaussagen in die Hände der Ermittler gelangt. Sie untermauerten demnach den Vorwurf, dass Stadler als Audis Vorstandschef die Dieselmanipulationen nicht unterbunden habe, nachdem er davon erfahren hatte.

Damit hat sich die Zahl der Beschuldigten in dem Ermittlungsverfahren laut der Strafverfolgungsbehörde auf 20 erhöht. Die Staatsanwaltschaften in München und Braunschweig ermitteln seit zweieinhalb Jahren gegen zahlreiche Beschuldigte bei Volkswagen und Audi. Stadler hat jede Beteiligung an den Manipulationen bestritten und konnte sich trotz interner Kritik bisher als Audi-Chef halten.

Im Mai hatte der SPIEGEL berichtet, dass den Münchner Ermittlern Aussagen vorliegen, die auch Stadler persönlich belasten. Allerdings hatten sie bis dahin offenbar noch kein Papier gefunden, das den Verdacht auch beweisen könnte. Dass nun auch gegen Stadler persönlich ermittelt wird, könnte für VW-Chef Herbert Diess zum Problem werden, der beim Umbau des Konzerns auf den Audi-Boss setzt. Auch die VW-Eignerfamilien Porsche und Piech halten bislang zu Stadler.

Bislang nur ein Beschuldigter in U-Haft

Die Audi-Konzernzentrale ist bereits mehrfach von den Ermittlern durchsucht worden, zuletzt im April dieses Jahres. Bei der jüngsten Razzia bei Audi in Ingolstadt ging es um manipulierte Dieselmotoren, die Audi an die VW-Tochter Porsche geliefert hatte.

Die Vorstandsebene von Audi hatten die Ermittlungen erst im Februar dieses Jahres erreicht. Damals durchsuchte die Staatsanwaltschaft München Privatwohnungen und einen Arbeitsplatz von drei weiteren Beschuldigten, darunter zwei ehemalige Audi-Vorstände. Den Ermittlern zufolge besteht der Verdacht, dass die Beschuldigten mitverantwortlich dafür waren, zumindest einen wesentlichen Teil der mit manipulierten Dieselmotoren ausgestatteten Fahrzeuge auf den Markt zu bringen.

Als einziger Beschuldigter kam bislang der ehemalige Chef der Audi-Motorenentwicklung und Porsche-Entwicklungsvorstand in Untersuchungshaft. Er war im September 2017 festgenommen worden. Einer seiner früheren Mitarbeiter bei Audi in Neckarsulm war nach mehreren Monaten Untersuchungshaft im November 2017 wieder freigekommen.

Video: Die Folgen des Diesel-Urteils

SPIEGEL TV

fdi/kig/Reuters/dpa

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Seite 1
swandue 11.06.2018
1.
Nachdem VW aufgeflogen ist, habe ich angenommen, nun werden erstens die zuständigen Behörden kurzfristig alle in Frage kommenden Modelle überprüfen und zweitens werden Medien Ehrgeiz entwickeln, noch schneller als die Ämter auch bei anderen Herstellern etwas zu finden, das nicht korrekt ist. So wie sich das hinzieht, habe ich mich da offenbar getäuscht.
lazyfox 11.06.2018
2. Florida - man schenke ihm eine Florida-Urlaub
Die Gewaltenteilung funktioniert nicht richtig in Deutschland. Den 'großen' Betrügern geht es nicht konsequent an den Kragen. Im Gegenteil, die Regierung und eine offensichtlich nicht wirklich unabhängige Exekutive lassen sie sogar weiter machen. Und wie man sieht nutzen diese ihren Freiraum kräftig aus. Man schenke Stadler einen Urlaub in Florida. Man kann gegen die USA sagen, was man will -wenn man will- aber Angst vor Spitzen-Managern haben deren Staatsanwälte nicht. Dort sorgt man für eine angemessene Behandlung.
rkinfo 11.06.2018
3. "die Dieselmanipulationen nicht unterbunden habe"
Zitat von swandueNachdem VW aufgeflogen ist, habe ich angenommen, nun werden erstens die zuständigen Behörden kurzfristig alle in Frage kommenden Modelle überprüfen und zweitens werden Medien Ehrgeiz entwickeln, noch schneller als die Ämter auch bei anderen Herstellern etwas zu finden, das nicht korrekt ist. So wie sich das hinzieht, habe ich mich da offenbar getäuscht.
Der Vorwurf klingt tatsächlich so, als gab's nie eine mündliche Anweisung oder email, Manipulationen zu unterlassen. Stellt sich die Frage, wie bescheuert die VW/Audi Hausjuristen sind. Scheinbar gab's dort den Rat, ja nichts anzurühren, statt offensiv um Aufklärung zu bitten?! Mittlerweile glaube ich, dass Viele von den Abgastricksereien wussten und die Sache als Spass gegen die Ökofreaks ansahen.
vokö¶ 11.06.2018
4. Vertrauen verspielt
Hier wird grob fahrlässig des Vertrauen der Bürger in den Staat verspielt. Offensichtlich gibt es in Deutschland zwischen Autoindustrie und Politik mafiöse Strukturen. Wie anders ist es zu klären, dass Automobilmanager Millionen ihrer Kunden und die staatlichen Aufsichtsbehörden systematisch betrügen können, ohne dass es dafür langjährige Haftstrafen gibt??? Deutschland wird immer mehr zur Bananenrepublik. Ich hätte nie gedacht, dass ich so einen Satz mal schreiben muß, aber Politik und Justiz versagen hier völlig.
neutralfanw 11.06.2018
5.
Es wird Zeit, dass aufgeräumt wird. Seit Jahren wird vertuscht und gelogen. Alle (BOSCH, Audi, BMW, MB usw.) an einen Tisch und Klartext. Danach alle Verantwortlichen (ohne Abfindung) raus aus den Unternehmen. Die Gehälter waren bisher so hoch, dass diese Herren bis zur Rente nicht mehr arbeiten müssten. Es geht um das Überleben der deutschen Automobilindustrie und Hunderttausende von Arbeitsplätzen. Nachfolger für Leute, wie Diess, Stadtler, Zetsche etc. wird es immer geben.
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