Abgasskandal Warum ist Rupert Stadler eigentlich noch Audi-Chef?

In der Affäre um Abgas-Manipulationen steigt der Druck auf Audi-Chef Rupert Stadler. Vorher hieß es schon: Sein Stuhl wackelt, doch er fällt nicht. Warum eigentlich?

Rupert Stadler
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Rupert Stadler

Von manager-magazin-Redakteur


Eigentlich wollte Rupert Stadler vor seinen Aktionären Aufbruchstimmung verbreiten: Auf der Hauptversammlung am Mittwoch präsentierte der Audi-Chef einen ehrgeizigen Transformationsplan für einen Start ins Elektroauto-Zeitalter. Mit der Strategie "Audi. Vorsprung. 2025" soll der Konzern bei Elektromobilität an den Konkurrenten Daimler und BMW vorbeiziehen. "Nummer eins unter den Premiumanbietern", gab Stadler die Stoßrichtung vor. Vier rein batteriebetriebene Elektroautos will die Ringe-Marke in den nächsten zwei Jahren auf den Markt bringen, im Jahr 2025 will Audi 800.000 elektrifizierte Autos verkaufen.

Die Sache mit dem Aufbruch hat nur einen Haken: Audi - und Stadler selbst - werden mal wieder von der Dieselskandal-Vergangenheit eingeholt. Am Dienstag, nur einen Tag vor der Hauptversammlung, mussten die Ingolstädter eingestehen: Audi hat die Auslieferung der als Dienstwagen beliebten Modelle A6 und A7 mit 272-PS-Dieselmotor gestoppt, weil es bei den Motoren erneut Verdacht auf Abgastricksereien gibt, wie der SPIEGEL berichtete.

Audi untersuche systematisch alle Motoren, erklärte Stadler dazu. Dass mit weiteren Rückrufen zu rechnen sei, hatte er schon im März angekündigt. "Unser höchstes Interesse gilt einer rückhaltlosen Aufklärung."

Grobe Pannen

Doch wieder einmal steht Stadler im Verdacht, seinen Laden nicht im Griff zu haben. In den drei Jahren des Dieselskandals hat er sich mehrere grobe Pannen geleistet:

  • Anfang November 2015 dementierte Audi per Pressemitteilung, in den von den Ingolstädtern entwickelten größeren Dieselmotoren eine unzulässige Abschaltvorrichtung eingebaut zu haben. Ein paar Wochen später musste der Konzern zugeben, dass in den Motoren doch eine als illegal zu wertende Software steckte.
  • Audis Motorenentwicklungsabteilung war die Keimzelle des Dieselbetrugs - Audi-Techniker installierten bereits 2007 jene Betrugssoftware in Dieselmotoren, die nur auf dem Prüfstand gute Abgaswerte garantiert. Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg, von VW zur Vier-Ringe-Marke zurückgeholt, verlor seinen Posten.
    Zum Nachfolger erkor Stadler den einstigen Porsche-Motorenentwickler Stefan Kirsch, der zum Amtsantritt Anfang 2016 schriftlich versicherte, in Sachen Diesel unbefleckt zu sein. Neun Monate später musste Kirsch gehen, weil Dokumente auftauchten, die ihn im Dieselskandal belasteten: Der Motorenspezialist soll seit Jahren von den Manipulationen gewusst haben.
  • Im Juni 2017 erklärte der damalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, dass Audi bei Oberklasse-Modellen A8 und A7 eine unzulässige Abschaltvorrichtung verwende. Audi erklärte, dass man dies selbst den Behörden mitgeteilt hätte und dass es sich dabei um einen "technischen Fehler" und nicht um eine absichtliche Manipulation handle. Stadler warf Dobrindt vor, sich auf Audis Kosten profilieren zu wollen. Dafür wurde er vom VW-Konzern öffentlich zurückgepfiffen. Letztlich mündete die Kontroverse in einen Rückruf von 24.000 Audi-Autos.

Schwere Fehler

Auf Vorwürfe zu Abgasmanipulationen reagierte Stadler in den vergangenen Jahren unterschiedlich: Zunächst stritt er Abgastricksereien empört ab. Das machte er zuletzt nicht mehr, sondern entschuldigte sich jedes Mal deutlich. Immer wieder stellt er ein Ende des Dieselskandals in Aussicht - um dann doch wieder von neuen Vorwürfen eingeholt zu werden und dafür Abbitte zu leisten.

Das passierte nun auch auf der Hauptversammlung - auch hier laviert sich Stadler durch die jüngsten Vorwürfe. Zwar räumte er bei den mutmaßlichen Abgastricksereien im A6 und A7 schwere Fehler ein: "Der Arbeitsfehler in einer unserer Fachabteilungen ist gravierend." Allerdings sei das "keine neue Manipulationssoftware". Man habe versäumt, einen Software-Baustein für die Motorensteuerung bei den jetzt auslaufenden A6- und A7-Modellen zu entfernen, erklärte Stadler.

Laut Berichten drosselt die nun entdeckte Software im A6 und A7 die Einspritzung von AdBlue-Harnstoff 2400 Kilometer, bevor dieser zur Neige geht. Danach funktioniert die Abgasreinigung im SCR-Katalysator nur noch stark eingeschränkt.

Diess könnte Stadler gefährlich werden

Dass er persönlich vor September 2015 von den Software-Manipulationen wusste, bestreitet Stadler - und bislang sind solche Vorwürfe auch unbewiesen. Doch eine gute Figur als Audi-Chef macht Stadler schon seit Längerem nicht mehr.

Kein Wunder, dass in den vergangenen Jahren mehrfach Forderungen laut wurden, Stadler möge zurücktreten. Bisher konnte er auf den Rückhalt der mächtigen VW-Eigentümerfamilien Porsche und Piëch zählen. Ex-VW-Chef Matthias Müller soll längere Zeit auf Stadlers Ablösung gedrungen haben, die VW-Eigentümerfamilien sperrten sich aber dagegen.

Nun hat die Audi AG mit Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess einen neuen Aufsichtsratschef. Und Diess könnte die Ära von Stadler an der Audi-Spitze noch deutlich vor Ende seines Fünfjahresvertrag im Jahr 2023 beenden - wenn die Familien Porsche und Piëch mitziehen.

insgesamt 22 Beiträge
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investor3000 09.05.2018
1. Wiederholungstäter
Seit 1. Januar 2007 ist Rupert Stadler Vorsitzender des Vorstands der AUDI AG. Nennt man so jemanden nicht einen Wiederholungstäter? Von Intensivtäter kann man nicht so richtig sprechen, außer das hunderttausende Wagen betroffen sind.
Konstruktor 09.05.2018
2.
Es wäre eine relativ normale Taktik, einen sowieso schon verbrannten Manager wenigstens noch solange im Amt zu halten, bis wirklich alle schlimmen Dinge aufgeflogen sind, damit die dann schon aus dem Weg sind, wenn ein Nachfolger installiert wird. In diesem Fall kann es zusätzlich auch noch damit zu tun haben, daß es eventuell nicht so einfach ist, jemanden zu finden, der wirklich kompetent ist, dem zugetraut wird, daß er den Laden wieder aus diesem Morast gezogen bekommt, der selbst nicht in den bisherigen Machenschaften mit drinsteckt und der auch tatsächlich bereit ist, das Risiko einzugehen. Tatsächliche Integrität scheint im Konzern ja kein Kriterium zu sein, aber zumindest halbwegs glaubhaft den Anschein erwecken zu können steht vermutlich ebenfalls auf der Wunschliste...!
Zukunft3.0 09.05.2018
3.
Diese Säcke kleben an ihren Stühlen. Unrechtsbewusstsein Fehlanzeige. In Deutschland sollte die Haftungsfrage für Manager zum Thema gemacht werden. Ich kann nicht auf der eine Seite Gehälter wie in den USA fordern aber alles andere nicht übernehmen wollen. Politik und Wirtschaft stecken unter einer Decke. Amerika ist da schon viel weiter.
skla5555 09.05.2018
4. Porsche und Piëch haben....
....das letzte Wort. Besonders solange Wolfgang Porsche seine schützende Hand über Herrn Stadler hält wird es ihn weiter geben. Aber auch ein Herr Diess hat keine reine Weste.....und ein Neuanfang ist bei VW nicht in Sicht......ein Mittelständisches Unternehmen können Sie so nicht führen....einen Konzern anscheinend schon.
teiler 09.05.2018
5. @Konstruktor
Welcher Morast? Der deutsche Michel kauft trotzdem weiter fröhlich VAG Produkte. Haben Sie die letzten Quartalszahlen gesehen? Die Bundesregierung versuchte das Thema in letzter Zeit wegzuschweigen, nun ist es wieder da. Aber auch das interessiert den deutschen nicht. Eher was der Nachbar denkt.
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