Aufstand in Libyen: Märkte fürchten den Erdöl-Schock

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Der Aufstand in Libyen ist ein Einschnitt in den Revolten der arabischen Welt: Erstmals treffen die Unruhen einen wichtigen Ölexporteur. Experten rechnen mit einem weiteren Preisanstieg - wichtige Produzenten sollen ein Krisentreffen anberaumt haben. Auch andere Rohstoffe verteuern sich massiv.

Arbeiter an einem Öltank: Drehen die Stämme Libyen den Hahn zu? Zur Großansicht
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Arbeiter an einem Öltank: Drehen die Stämme Libyen den Hahn zu?

Hamburg - Die Drohung war in erster Linie gegen Libyens Regime gerichtet, doch sie ließ auch Analysten weltweit aufhorchen: Falls die Gewalt gegen Aufständische nicht aufhöre, werde man die Öllieferungen an den Westen binnen 24 Stunden einstellen, sagte ein einflussreicher Stammesführer angesichts des brutalen Vorgehens von Sicherheitskräften gegen Demonstranten in dem Land.

Doch Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi scheint fest entschlossen, die Revolte mit brutaler Gewalt niederzuschlagen. Und an den internationalen Märkten wachsen die Sorgen über mögliche Folgen der Proteste in Nordafrika. Die Unruhe spiegelte sich umgehend im Ölpreis wieder. Der stieg auf den höchsten Stand seit zwei Jahren.

Ein Barrel (159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent kostete am Montag zeitweise mehr als 105 Dollar. Der Preis für US-Leichtöl der Sorte WTI lag bei mehr als 90 Dollar. "Hinter dem Preisanstieg stehen die Unruhen in Libyen", erklärten Analysten der Commerzbank. Am Dienstag setzte sich der Preisanstieg fort: Die Sorte Brent kostete 108,18 Dollar je Barrel, die Sorte WTI 94,49 Dollar pro Barrel.

Auch bei Edelmetallen haben die politischen Konflikte die Preisentwicklung noch einmal verschärft. Silber sprang am Montag über die Marke von 34 Dollar je Unze, den höchsten Stand seit 30 Jahren. Damit hat die jüngste Preisexplosion sogar jene beim Gold übertroffen: Während der Goldpreis in den vergangenen sechs Monaten 15 Prozent auf rund 1400 Dollar zulegte, waren es beim Silber sogar mehr als 80 Prozent.

Besonders bei Privatanlegern ist Silber derzeit gefragt wie zuletzt in den achtziger Jahren. Analysten der Saxo Bank haben etwa in den USA eine massive Nachfrage nach Silbermünzen festgestellt. Ein Grund dafür ist schlicht auch, dass der Preis immer deutlich niedriger liegt als beim Bestseller Gold.

Seit der Finanzkrise flüchten immer mehr Investoren in die vermeintlich sichere Anlage der Edelmetalle. Dazu tragen auch die Schwankungen von Euro und Dollar sowie Inflationsängste bei. Obwohl der Silberpreis am Dienstag wieder auf 32,50 Dollar sank, beobachtet Commerzbank-Rohstoffanalyst Eugen Weinberg bereits Anzeichen einer unnatürlichen Preisexplosion. Er sagte dem "Handelsblatt": "Aber wann die Blase platzt, kann man nicht sagen."

Libyen exportiert täglich 1,1 Millionen Barrel Öl

Eine größere Bedeutung haben die Unruhen in Libyen allerdings auf den Ölpreis: Während Ägypten auf dem Ölmarkt eher eine untergeordnete Rolle spielt, haben die Unruhen in Arabien mit Libyen erstmals ein Land erreicht, das in der Ölförderung eine wichtige Stellung hat. Die Volksrepublik ist einer der größten Erdölproduzenten der Welt und hat die größten nachgewiesenen Reserven in ganz Afrika. Öl- und Gasproduktion sind das Rückgrat der libyschen Volkswirtschaft. Über 90 Prozent ihrer Einnahmen kommen aus Erdölexporten.

Libyen gehört zudem zur mächtigen Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec). Von den täglich produzierten 1,6 Millionen Barrel Rohöl werden etwa 1,1 Millionen Barrel exportiert. Bis 2013 will Libyen die tägliche Erdölförderung auf drei Millionen Barrel Öl steigern.

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Libyen: Öl und Gas als Rückgrat der Wirtschaft
Auch Deutschland ist Abnehmer für libysches Erdöl. Libyen gehört nach Angaben des Statistischen Bundesamtes neben Russland, Großbritannien und Norwegen zu den wichtigsten Erdöllieferanten der Bundesrepublik. Dennoch sieht der Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes, Klaus Picard, keinen akuten Grund zur Sorge, dass es Engpässe geben könnte. Die Bundesrepublik importiere aus 30 Ländern Öl, eine Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferland bestehe daher nicht (siehe Grafiken).

Was der Branche aber Sorgen macht, sind die Reaktionen der Märkte auf die derzeitigen Unruhen. Picard erinnert an die Ölpreisrallye 2008: Damals habe es keine Unterversorgung gegeben, dennoch seien die Preise explodiert. Nach Angaben aus italienischen Regierungskreisen haben wichtige Ölproduzenten bereits ein Treffen anberaumt, um die Lage in Nordafrika zu diskutieren.

Bereits ab August 2010, also bevor die Unruhen in Arabien begannen, zog der Ölpreis an. Ende Januar wurde die Marke von 100 Dollar geknackt. Denn die Nachfrage steigt und Investoren legen verstärkt Geld in Rohstoffe an. Hinzu kommen die Aufstände in Nordafrika. Mit den Protesten in Libyen habe diese Entwicklung eine neue Qualität bekommen, sagte der Rohstoffexperte der Commerzbank, Carsten Fritsch. "Es wird viel davon abhängen, wie es in Libyen weitergeht und ob die Unruhen auf weitere Länder wie Algerien übergreifen."

Furcht vor einem Aufstand in Saudi-Arabien

Ölkonzerne wie BP und Total sowie die BASF-Tochter Wintershall zogen ihre Mitarbeiter aus Libyen ab oder bereiteten deren Evakuierung vor. Wintershall betreibt acht Ölfelder in dem Land und musste die Produktion drosseln. Mögliche Lieferausfälle könnten zumindest übergangsweise von anderen Ländern aufgefangen werden, sagte Fritsch. So habe Saudi-Arabien bei einer Ölproduktion von acht Millionen Barrel pro Tag noch freie Förderkapazitäten von täglich vier Millionen Barrel.

Doch was, wenn es auch in Saudi-Arabien zum Aufstand kommt?

Analysten und Investoren fürchten den Domino-Effekt. Vor kurzem hätte noch niemand auf einen Machtwechsel in Tunesien und Ägypten gesetzt. Nun haben die Proteste Libyen erreicht.

Die Lage in Saudi-Arabien ist bislang ruhig. Wenn es aber dort zu Unruhen käme, wären schwerwiegende Auswirkungen zu befürchten, sagt Fritsch. Denn das Land hat bei der Rohölförderung eine zentrale Rolle. Zum Vergleich: Libyen förderte 2009 etwa 87 Millionen Tonnen Rohöl, in Saudi-Arabien waren es 466 Millionen Tonnen.

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Libyen: Städte, Ethnien, Ölleitungen
Als Beispiel, welche Verwerfungen politische Umstürze auf den Ölmärkten mit sich bringen können, ziehen Experten Iran heran. Nach der islamischen Revolution 1979 wurde die Ölförderung gedrosselt, der Ölpreis verdoppelte sich in den folgenden Monaten. Die meisten Industrieländer rutschten in eine Rezession.

Inzwischen sind die Industriestaaten aber nicht mehr ganz so abhängig vom Öl. In Deutschland wurde der Ölverbrauch zwischen 1979 und 2009 um 29 Prozent gedrückt. Aufstrebende Nationen wie China und Schwellen- und Entwicklungsländer dürfte ein Anstieg des Ölpreises besonders hart treffen, sagen Analysten der Commerzbank. Das könnte dann in der Folge auch der Weltwirtschaft schaden. Am Ende trifft der steigende Ölpreis auch deutsche Verbraucher: Kurzfristig treibt teures Öl die Benzinpreise in die Höhe; mittelfristig auch die Preise für alle anderen Produkte, zu deren Herstellung oder Transport Öl benötigt wird.

"Wir müssen durch die Verunsicherung der Märkte mit höheren Preisen für Öl und Gas rechnen", sagte Felix Neugart, der Nordafrika-Experte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), angesichts der Unruhen in Libyen.

Libyen braucht das Geld aus dem Ölexport

Als Gaddafi im Jahr 1969 an die Macht kam, verstaatlichte er den Ölsektor, schränkte die Erdölproduktion ein und gründete den staatlichen Ölkonzern NOC, der den ausländischen Investoren nur geringe Anteile ließ. Erst als in den Jahren 2003 und 2004 internationale Sanktionen gegen Libyen aufgehoben wurden, wurden ausländische Firmen allmählich wieder stärker in dem Land tätig.

Die faktische Macht über die Ölfelder hätten im Falle eines Umsturzes die Stämme sowie Einheiten des Militärs und Sicherheitsapparats, sagte Wolfram Lacher von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Die Frage sei, ob nach einem Umsturz eine Koalition von Kräften die Macht übernimmt, die eine breite Unterstützung sowohl unter den Demonstranten als auch unter den Stämmen und im Sicherheitsapparat hat, und somit längere Machtkämpfe verhindert.

Voraussagen, wie es in Libyen weitergeht und wer nach Gaddafi an die Macht kommen könnte, seien sehr schwer zu machen, sagte Lacher. "Sicher aber ist, dass der libysche Staat auch nach einem Sturz Gaddafis völlig von den Erdölexporten abhängig sein wird, und deshalb auch weiter auf Auslandsdirektinvestitionen im Ölsektor angewiesen ist."

Nordafrika, Naher und Mittlerer Osten - Kennzahlen
Ölproduktion 2009 (Tsd Barrel/Tag) Bevölkerung 2010 (Mio Personen) BIP 2010 (Mrd US-Dollar) Anteil deutscher Exporte 2009 (in %)
Ägypten 742 80,4 216,8 0,50%
Algerien 1811 36 159,0 0,10%
Irak 2482 31,5 84,1 0,17%
Iran 4216 75,1 337,9 0,03%
Jemen 298 23,6 30,0 0,04%
Jordanien - 6,5 27,1 0,11%
Katar 1345 1,7 126,5 0,26%
Kuwait 2481 3,1 117,4 0,18%
Libyen 1652 6,6 77,9 0,06%
Marokko - 31,9 91,7 0,15%
Oman 810 3,1 53,8 0,11%
Saudi-Arabien 9713 29,2 434,4 1,02%
Syrien 376 22,5 59,6 0,03%
Tunesien 86 10,5 43,9 0,05%
Vereinigte Arabische Emirate 2599 5,4 239,7 1,16%
Summe 23.338 367,1 1.761,9 3,97%
Zum Vergleich: Deutschland - 81.6 3.306 -
Quelle: IWF, Population Reference Bureau, BP Amoco Statistical Review of World Energy, Destatis, Commerzbank Research

mit Material von Reuters, dpa und dapd

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Nix "Schock" - es war seit Jahren bekannt, ...
ONI 22.02.2011
Zitat von sysopDer Aufstand in Libyen ist ein Einschnitt in den Revolten der arabischen Welt: Erstmals treffen die Unruhen einen wichtigen Erdölexporteur. Experten rechnen mit einem weiteren Anstieg des Ölpreises. Auch andere Rohstoffe verteuern sich massiv. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,746849,00.html
... dass das so kommt. Der Öl-Schock war seit Jahren geplant - darum unterstützte der Westen "bis gestern" noch die Despoten und "ab heute" die Oposition - genau wie bei den "bunten" Revolutionen in Osteuropa. Einzige Gewinner sind wieder die Globalisten - die "befreiten" Völker bekommen dann auch nur wieder eine Marionettenregierung.
2. Gaiaoides:
berpoc 22.02.2011
Unser Lebensstil braucht 3,5 Erden. Der der US-Amis 5 Erden. Preisanstiege, so schmerzhaft sie sein werden, sind eine unvermeidbare Antwort auf den zu erwartenden Kollaps des Systems 'Erde'. Unglücklicherweise bringen uns nicht Einsichten dahin, sondern getötete Demonstranten.
3. Hilfe für Zocker?
aloa, 22.02.2011
Die Überschrift "Märkte fürchten den Erdölschock" ist doch geradzu eine Hilfe für die Spekulanten, die seit geraumer Zeit in Wartestellung liegen und auf die nächste Erdöl-Rallye lauern. Da kann die tatsächlich zu erwartende Verkanppung noch so klein sein... Libyen macht nur einen geringen der weltweiten Fördermenge aus und dazu ist es noch äußerst unwahrscheinlich, dass die gesamte Förderung zum Erliegen kommen wird.
4. märkte fürchten Erdölschock
luca duca conte 22.02.2011
Wenns so weiter geht, sind die Erdölpreise gleich wieder auf Niveau von 2008... was das dann bedeutet kann sich doch jeder selbst ausrechnen... Die Märkte haben nix gelernt !! Italien bezieht rund 25% seines Erdöls aus Libyen, noch!!
5. Nur so nebenbei
Pseudo_nym 22.02.2011
Der Grund, warum Silber in der Nachrage steigt, ist nicht, weil es schlicht günstiger ist als Gold - sondern weil Gold überteuert ist zur Zeit und Silber zu großen Teilen VERBRAUCHT wird, d.h. es wird immer knapper.
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Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Abdullah al-Thani (zurückgetreten 28. August 2014; amtierend); umstritten

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Ölmarkt : Angebot und Nachfrage
Zeitraum 4. Quartal 2009 4. Quartal 2010
Angebot* 86,3 87,9
Nachfrage* 85,9 87,8
* in Millionen Barrel pro Tag; Quelle: IEA: Oil Market Report, Dezember 2010; Energy Comment

Brent, WTI, Bonny Light - Die Ölsorten und ihr Preis
Qualität
Die Erdölindustrie klassifiziert ihr Rohöl nach drei Kriterien: Herkunft, Dichte (Gewicht im Verhältnis zu Wasser) und Schwefelgehalt. Rohöl mit einer hohen Dichte wird entsprechend als "schwer" ("heavy"), mit einer geringeren Dichte als leicht ("light") bezeichnet. Rohöl mit einem hohen Schwefelgehalt gilt als "sauer", ein geringer Schwefelgehalt macht das Öl "süß". Je schwerer und saurer das Rohöl ist, desto aufwendiger ist seine Verarbeitung zum Beispiel zu Benzin oder Kerosin. Leichtes und schwefelarmes Rohöl ist gefragter und damit teurer als schweres.
Sorten
Weltweit gibt es mehrere Dutzend Rohölsorten aus unterschiedlichen Regionen, die unterschiedlich in ihrer Qualität sind. Die Herkunft reicht von Algerien bis Venezuela. Wichtigste Sorten sind die amerikanische Marke West Texas Intermediate (WTI) und das aus 15 Nordseeölfeldern stammende Brent. Hinzu kommen die Rohölsorten aus den Erdöl exportierenden Ländern (Opec), zum Beispiel die Sorte "Arab Light" aus Saudi-Arabien und "Bonny Light" aus Nigeria.
Preise
An den Terminbörsen werden mehrere sogenannte Referenzöle gehandelt mit einem standardisierten Leitwert. Abhängig von ihrer Qualität werden die übrigen Sorten mit einer Prämie oder einem Abschlag zur Leitsorte gehandelt.

Referenzsorte ist die vor allem in Amerika gehandelte Marke WTI und das aus der Nordsee stammende und in London gehandelte Brent. WTI ist leichter und schwefelärmer als Brent und somit meist einige Dollar teurer pro Barrel. Die Produktion beider Sorten geht seit einiger Zeit zurück, dennoch sind sie nach wie vor die beiden wichtigsten Referenzöle.

Hinzu kommt etwa der von der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) veröffentlichte Korbpreis für Rohöl. Er wird auf Grundlage der elf von seinen Kartellmitgliedern produzierten Sorten berechnet. Opec-Öl ist meist schwerer und saurer als WTI und Brent und damit billiger.

Preisanstiege und -abschläge verlaufen also meist für alle Sorten parallel. Jedoch schwanken die Preise jeder Sorte, wenn sie mehr oder weniger nachgefragt oder gefördert werden.
Karte

Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.