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Ausbau der Atomkraft: US-Atombehörde genehmigt ersten AKW-Neubau seit 1978

Am Ende standen vier Stimmen gegen eine: Zum ersten Mal seit 1978 hat die Nukleare Regulierungskommission in den USA den Bau von Atomreaktoren genehmigt. Mit dem knapp elf Milliarden Euro teuren Projekt in Georgia soll eine "atomare Renaissance" eingeleitet werden.

Kühltürme des US-Atomkraftwerks Vogtle: Erster Neubau seit mehr als 30 Jahren Zur Großansicht
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Kühltürme des US-Atomkraftwerks Vogtle: Erster Neubau seit mehr als 30 Jahren

Washington - Von einem Ausstieg aus der Atomkraft kann in den USA keine Rede sein: Zwar ließ Präsident Barack Obama nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima sämtliche US-Kernkraftwerke überprüfen, doch hinter den Kulissen wirkt eine mächtige Pro-Atom-Lobby, die auf Engste vernetzt ist mit dem Regierungsapparat in Washington. Obama und weitere Befürworter der Atomenergie hatten in jüngster Zeit argumentiert, mit einer weitreichenderen Nutzung der Atomkraft die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern und dabei Energiequellen erschließen zu können, die keine schädlichen Emissionen produzieren.

Jetzt hat die Atomaufsichtsbehörde zum ersten Mal seit 1978 den Bau von Atomreaktoren genehmigt. Die Nukleare Regulierungskommission (NRC) stimmte am Donnerstag mit vier gegen eine Stimme für die Errichtung zweier Atomreaktoren in dem bereits bestehenden Atomkraftwerk Vogtle im US-Staat Georgia. Damit soll in den USA eine "atomare Renaissance" eingeleitet werden.

Der Energiekonzern Southern Company bezeichnete die Lizenzvergabe in einer Mitteilung als "monumentale Leistung". Die beiden neuen Reaktoren würden "den Standard für Sicherheit und Effizienz in der Atomindustrie setzen" und letztlich 25.000 Arbeitsplätze schaffen. Die 14 Milliarden Dollar (knapp elf Milliarden Euro) teuren Atomreaktoren könnten bereits 2016 und 2017 in Betrieb gehen. Das Unternehmen hatte von der Regierung Garantien für Kredite über acht Milliarden Dollar erhalten. Der Ausbau des Netzes von mehr als 100 alten und alternden Reaktoren, die in den USA rund ein Fünftel der Elektrizität produzieren, gehört zu den Säulen von Obamas Energiepolitik.

Die beiden Druckwasserreaktoren vom Typ A1000 des Westinghouse-Konzerns waren bereits im Dezember grundsätzlich gebilligt worden. Doch das Leitungsgremium der Atomaufsicht hat erst am Donnerstag endgültig zugestimmt - obwohl sich NRC-Chef Gregory Jaczko gegen das Projekt aussprach. "Ich kann die Vergabe dieser Genehmigung nicht unterstützen, als sei Fukushima niemals passiert", sagte er. Jaczko fordere die verbindliche Zusage des Unternehmens, die neuen Anlagen nach scharfen Sicherheitsstandards zu betreiben. Das Atomkraftwerk Fukushima war durch ein verheerendes Erdbeben und einen darauffolgenden Tsunami am 11. März 2011 schwer beschädigt worden. Die Zerstörungen in der Anlage lösten den weltweit schwersten atomaren Unfall seit Tschernobyl 1986 aus. Ganze Städte waren wegen der radioaktiven Strahlung unbewohnbar, Zehntausende Menschen wurden obdachlos.

Nach Angaben der NRC sind in den USA derzeit mehr als hundert Reaktoren in über 60 Atomkraftwerken am Netz. Zuletzt genehmigte die Nukleare Regulierungskommission 1978 den Bau von Reaktoren - ein Jahr vor der Atomkatastrophe in Three Mile Island bei Harrisburg. Dort hatte sich 1979 in einem Reaktorblock eine teilweise Kernschmelze ereignet, Radioaktivität gelangte in die Umwelt. Der letzte Reaktorneubau wurde 1986 im Bundesstaat Louisiana fertiggestellt.

Atomkraft: Wahlkampfthema in Frankreich

Auch in Frankreich gilt die Atomkraft als Grundpfeiler, an dem nicht gerüttelt wird. Am Donnerstag hat Präsident Nicolas Sarkozy das elsässische Kernkraftwerk Fessenheim dicht an der deutschen Grenze besucht und klargestellt: Es bleibt am Netz. Die Anlage sei sicher und funktionstüchtig, sagte Sarkozy sehr zur Freude der rund 700 Angestellten - sie sehen ihre Arbeitsplätze für die kommenden zehn Jahre gesichert.

Kritik am Auftritt Sarkozys kam aus Deutschland. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann forderte eine Abschaltung des Werks "so schnell wie möglich". Erst kürzlich hatte die französische Atomaufsichtsbehörde ASN der Anlage erheblichen Nachrüstbedarf verordnet. Es sei deshalb nicht nachvollziehbar, warum Frankreich an einem Weiterbetrieb festhalten will, sagte der Grünen-Politiker Kretschmann. Nach den Vorfällen in Japan hat die Bunderegierung denAusstieg aus der Atomkraft beschlossen.

In Frankreich hat sich der Streit um die Atomkraft mittlerweile zu einem zentralen Wahlkampfthema entwickelt. Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande hat für den Fall seines Wahlsieges versprochen, Fessenheim abzuschalten und den Anteil der Atomkraft an der Energieversorgung schrittweise zu verringern. Sarkozy ist zur Offensive übergegangen: Seit Monaten warnt er vor dramatischen Konsequenzen, wenn man die Atomkraftwerke Frankreichs abschalten würde: 240.000 Arbeitsplätze hingen von der Atomkraft ab, der Strompreis würde sich ohne Atomkraft verdoppeln. Seiner Meinung nach ist der Ausstieg aus der Atomkraft "rein ideologisch" motiviert. Erneuerbare Energien taugten lediglich zur Ergänzung der Atomkraft.

aar/dapd/Reuters/AFP/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 868 Beiträge
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1. Auch Deutschland braucht neue AKWs!
frank_w._abagnale 09.02.2012
Sehr vernünftig. Die USA sind eben realistisch und erkennen, dass es ohne Atomkraft nicht geht. Irgendwann werden auch die letzten weltfremden Blümchenpflücker in diesem Land erkennen, dass auch Deutschland neue AKWs braucht. Die Atomkraft ist sicher und sauber. Immer wieder gebetsmühlenartig den AKW-Befürworten das Schlagwort "Fukushima" entgegen zu schleudern ist jedenfalls ebenso dumm wie töricht. Wir brauchen bezahlbare, zuverlässige und wirtschaftlich konkurrenzfähige Energiequellen. Wer das bestreitet soll doch gleich in sein Baumhaus in den Wald ziehen.
2.
bayrischcreme 09.02.2012
warum auch nicht.
3. Das ist SPONs Schlagzeile?!?
Spader 09.02.2012
Zitat von sysopDPAAm Ende standen vier Stimmen gegen eine: Zum ersten Mal seit 1978 hat die Nukleare Regulierungskommission in den USA den Bau von Atomreaktoren genehmigt. Mit dem rund elf Milliarden Euro teuren Projekt in Georgia soll eine "atomare Renaissance" eingeleitet werden. Ausbau der Atomkraft: US-Atombehörde genehmigt ersten AKW-Neubau seit 1978 - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,814395,00.html)
Also so überraschend ist das nun nicht. Auch die USA stehen unter großem Druck ihre Energieversorgungsportfolio zu diversifizieren. Idealerweise natürlich CO2-frei, damit man ihnen nicht vorwerfen kann gar nichts gegen den Klimawandel zu tun. Und ein Renaissance der Atomenergie ist schon seit einigen Jahren auf der Agenda in den USA. Übrigens mit breiter Zustimmung in beiden Parteien und das hat dieser Tage schon Seltenheitscharakter...
4. Auf die Zukunf!
Henry_Rearden 09.02.2012
Die Amerikaner wissen wo der Hase läuft. Die Inder und die Chinesen sowieso. Sicher, sauber, stark. Die Kernenergie ist DIE Energie der Zukunft. Seit der Entdeckung der Kernspaltung hat sich nichts an der Verheißung durch die schier unerschöpfliche Energiequelle geändert. E=mc^2 ! Mit schnellen Brütern wird man die Reichweite der spaltbaren Ressourcen in die zehntausend Jahre Dimension verlängern. Wer verantwortungslos mit dieser Urkraft umgeht, wird die Früchte des Schreckens ernten, wer sich aber der Gewalt bewusst ist, wird sie zum Nutzen der Menschen zähmen können. In Deutschland wurd die Kernspaltung entdeckt. Hier wurde sie im März beerdigt. Damit haben sich die Deutschen von der physikalischen Nutzforschung verabschiedet. Windräder und Solarzellen werden möglicherweise Strom für Herdplatten liefern, aber für die sichere Versorgung einer Industrienation sind diese Mittelaltertechniken absolut ungeeignet.
5.
cato. 09.02.2012
Dafür bräuchten sie die seltenen Erden aus China in einer Menge die nicht zu bekommen sind, aber deutsche Fundamental-Atomkraftgegner sind ja auch nicht gerade mit Intelligenz überreich beschenkt ... zumindest jene die ihre Hoffnungen in die heutige Solarkraft setzten und ihren Strom am Liebsten aus Nordafrika beziehen würden. Die Kritik an Atomkraft hat ihre Berechtigung zu glauben man könne diese vernünftig mit Solar- und Windenergie ersetzen ist aber ein Irrglaube, weniger Atomkraft heißt mehr Kohle- und Gaskraftwerke ...
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Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
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In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
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Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

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