Massive Auslandsreserven Die Übersee-Kampfkassen der US-Wirtschaft

Google, General Electric, Microsoft: US-Konzerne haben Gewinne von mehr als zwei Billionen Dollar im Ausland geparkt. Damit sparen sie Steuern - und finanzieren spektakuläre Firmenübernahmen.

Von , Chicago

Börsianer in New York: 40 Milliarden Dollar Barreserven im Ausland
REUTERS

Börsianer in New York: 40 Milliarden Dollar Barreserven im Ausland


Die Börsenaufsicht hatte da mal eine Frage. Unter anderem ging es um Seite 85 der Jahresbilanz 2013, die Google ihr vorab hatte zukommen lassen. Darin legte der Tech-Konzern offen, dass er "rund 38,9 Milliarden Dollar" in Übersee gebunkert habe. Auf die zahle er so gut wie keine Steuern, da er vorhabe, "sie dauerhaft außerhalb der USA zu reinvestieren".

Schön und gut, antwortete Stephen Krikorian, der zuständige Rechnungsprüfer bei der Security and Exchange Commission (SEC). Doch möge Google seine "spezifischen Pläne" für diese beanspruchten Reinvestitionen im Ausland bitte etwas "detaillierter beschreiben".

Klartext: Wir durchschauen eure Steuertricks.

Google brauchte denn auch fast sechs Wochen, um der Aufforderung Genüge zu leisten: Die Offshore-Milliarden dienten als Finanzpolster für die Übernahme ausländischer Unternehmen und Patente (20 bis 30 Milliarden Dollar), für den Ankauf von Datenzentren und Immobilien (zwei bis vier Milliarden Dollar) sowie für Forschung und Entwicklung. "Hochachtungsvoll, Google Inc.", schloss Chefbuchhalterin Amie Thuener.

Der Briefwechsel fand Ende 2013 statt, wurde aber erst jetzt bekannt - und löste prompt eine neue Runde des allseits beliebten Google-Bashing aus. Die einen sahen ihre Furcht bestätigt, dass Google die Weltherrschaft anstrebe. Die anderen witterten eine weitere Ausrede Googles, um fast 60 Prozent seiner Barreserven vor der US-Steuer zu verstecken.

Fast 800 Milliarden Dollar vor dem US-Fiskus geschützt

Google ist nicht der einzige US-Konzern, der seine Milliarden günstig im Ausland parkt. Viele schaffen dort sogar noch weit mehr auf die Seite. So ergab eine detaillierte Studie der Nachrichtenagentur Bloomberg, dass die 307 größten US-Konzerne im Geschäftsjahr 2013 angesammelte Gewinne in Höhe von rund zwei Billionen Dollar im Ausland lagerten, 11,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Bilanzierungsfirma Audit Analytics.

"Firmenfusionen und -übernahmen werden zusehends von der Offshore-Steuerpolitik getrieben", schreibt Reuters-Kolumnist und Steuerexperte Joseph Harpaz - das sei eine einleuchtende "Geschäftslogik", gegen die man schwer argumentieren könne.

Ein Blick in die Firmenbilanzen bestätigt: Allein die 15 Spitzenreiter schützten so fast 800 Milliarden Dollar vor dem US-Fiskus. An der Spitze der Offshore-Liste steht Multi General Electric (GE) Chart zeigen mit 110 Milliarden Dollar, gefolgt von Microsoft Chart zeigen (76,4 Milliarden Dollar), den Pharmagiganten Pfizer Chart zeigen (69 Milliarden Dollar) und Merck & Co. Chart zeigen (57,1 Milliarden Dollar) und Silicon-Valley-Ikone Apple Chart zeigen (54,4 Milliarden Dollar).

Apropos Apple: Das schreibt ja gerade mit der Übernahme des Kopfhörer-Hersteller Beats Schlagzeilen. Und auch dafür könnte es seine gefüllte Auslandskasse nutzen - denn Beats ist steuerlich in Irland registriert.

Kampfkasse fürs Auslandsgeschäft

Google Chart zeigen belegt auf der Liste mit 38,9 Milliarden Dollar gerade mal Platz zwölf - vor Hewlett-Packard Chart zeigen (38,2 Milliarden Dollar), doch hinter Proctor & Gamble Chart zeigen (42 Milliarden Dollar). Unter den weiteren Steuervermeidern: IBM Chart zeigen (52,3 Milliarden Dollar), Johnson & Johnson Chart zeigen (50,9 Milliarden Dollar), Cisco Chart zeigen (48 Milliarden Dollar), ExxonMobil Chart zeigen (47 Milliarden Dollar), Citigroup Chart zeigen (43,8 Milliarden Dollar), Pepsi Chart zeigen (34,1 Milliarden Dollar) und Oracle Chart zeigen (33,1 Milliarden Dollar).

Die Unternehmen müssen diese Zahlen in ihren Geschäftsberichten zwar bekannt geben, begraben sie aber gerne im Kleingedruckten, in Fußnoten oder in selten gelesenen Anhängen. "Unbefristete Reinvestitionen im Ausland" heißt so was dann meist.

Auch wenn nicht nur Google die Offshore-Reserven als Kampfkasse fürs Auslandsgeschäft bezeichnet: Hauptmotiv sind in der Tat die ersparten Steuern. Führt ein Unternehmen seine Auslandsgewinne nämlich in die USA zurück, werden bis zu 35 Prozent Steuern an Uncle Sam fällig - im Fall Google also fast 14 Milliarden Dollar.

Selbst bei Übernahmen innerhalb der USA greifen Tech-Firmen oft auf Auslandsreserven zurück - um die damit verbundenen Markenrechte zu kaufen. Denn die lagern sie ebenfalls gerne offshore. Dieser Steuertrick heißt "Double Irish with a Dutch Sandwich": Die Rechte liegen steuerfrei in Bermuda, die Lizenzen gehen nach Irland, und die Gebühren dafür laufen über eine niederländische Briefkastenfirma.

SPIEGEL ONLINE zeigt Amerikas Offshore-Steuersparer - und ihren Kaufeifer im Ausland.

General Electric
AFP

Der amerikanische Multi General Electric (GE) hatte im abgelaufenen Geschäftsjahr 110 Milliarden Dollar im Ausland gebunkert. Damit könnte Vorstandschef Jeffry Immelt seinen jüngsten Traum, die Übernahme des französischen Rivalen Alstom, leicht finanzieren. Seit Monaten kämpft GE gegen Siemens um den Zuschlag für Alstom, mit zuletzt immer besseren Chancen.

Microsoft
AP

Mit 76,4 Milliarden Dollar im Ausland landet Tech-Urgestein Microsoft (im Bild ein Firmenlogo) auf Platz zwei der Offshore-Liste. Das kam dem Konzern zum Beispiel im September 2013 zupass, als er fünf Milliarden Dollar für den Handy-Bereich des finnischen Nokia-Konzerns hinblätterte. Auch die 8,5 Milliarden Dollar für die Übernahme von Skype kamen 2011 aus der Auslandkasse Microsofts.

Pfizer
AP

Pharmagigant Pfizer bunkert 69 Milliarden Dollar im Ausland. Der New Yorker Konzern war in den letzten Monaten ebenfalls an einem ausländischen Konkurrenten interessiert, dem britischen AstraZeneca. Ende Mai ließ es den Deal nach langem Hin und Her jedoch sausen. Gekostet hätte der mit 120 Milliarden Dollar fast das Doppelte seiner Auslandsreserven.

Merck
AP

Mit 57,1 Auslands-Dollar ist Merck, der zweitgrößte US-Medikamentenhersteller, der andere Phamariese auf der Offshore-Liste. Diese Kampfkasse zapft Merck (im Bild die Firmenzentrale in New Jersey) zur Not auch mal für heimische Einkaufstouren an, etwa für die 41,1-Milliaden-Dollar-Übernahme von Schering-Plough, für die es mehr als neun Milliarden Dollar in die USA zurückführte.

Apple
AFP

Drei Milliarden Dollar wird Apple für den Kopfhörer-Hersteller Beats zahlen. Auch die könnte Konzernchef Tim Cook (Foto) aus Apples Auslandskasse nehmen, in der 54,4 Milliarden Dollar ruhen: Hip-Hop-Star Dr. Dre und Musikveteran Jimmy Iovine registrierten ihre Kultfirma 2012 clever in Irland, um selbst Steuern zu sparen.

IBM
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52,3 Milliarden Dollar hortet der über 100 Jahre alte Computer- und Technologiekonzern IBM steuerfrei jenseits der US-Grenzen. Allein drei Auslandsakquisitionen tätigte das von Virginia Rometty (Foto) geleitete Unernehmen voriges Jahr - die Cyber-Sicherheitsfirma Trusteer (Israel), das Softwareunternehmen Daeja Image Systems (Großbritannien) und die Analytikfirma The Now Factory (Irland).

Johnson & Johnson
AP

Vor zwei Jahren landete der US-Pharmazie- und Konsumgüterhersteller Johnson & Johnson (J&J) den größten Deal seiner Firmengeschichte: Für gut 20 Milliarden Dollar schluckte er den Schweizer Rivalen Synthes. Fast die ganze Summe wickelte J&J (im Bild die Firmenzentrale in New Brunswick) über seine irische Dependance Janssen Pharmaceuticals ab - bezahlt über Auslandskonten, auf denen auch heute noch 50,9 Milliarden Dollar liegen.

Cisco
AFP

Vor einem Jahr gab sich Cisco-Chef John Chambers (Foto) knallhart: Solange die USA ihr Steuersystem nicht änderten, werde der Network-Konzern keine einheimischen Firmen mehr kaufen, sondern seine weitgehend im Ausland geparkten Cash-Reserven (zurzeit 48 Milliarden Dollar) auch exklusiv im Ausland ausgeben. Treu blieb er sich nicht: Von den neun Unternehmen, die Cisco 2013 übernahm, saßen nur vier außerhalb der USA - in Israel, Tschechien, Großbritannien und Österreich.

ExxonMobil
AP

Der amerikanische Öl- und Gasgigant ExxonMobil hat 47 Milliarden Dollar an Auslandsreserven - eine relativ schmale Summe für einen globalen Konzern, der 2013, trotz schrumpfender Geschäfte, immerhin noch 438 Milliarden Dollar Umsatz machte. Und auch Exxon beherrscht das Steuerspiel: 2009 zahlte das von Rex Tillerson (Foto) geleitete Unternehmen zwar weltweit 15,1 Milliarden Dollar Steuern, mehr als sonst ein amerikanischer Konzern - doch keinen Cent davon in den USA.

Google
Getty Images

Der Briefwechsel zwischen der US-Börsenaufsicht SEC und Google über seine 38,9 Milliarden Offshore-Dollar warf ein seltenes Licht auf diese Praxis. So enthüllte Google (im Bild die Firmenzentrale in Mountain View), dass es erwogen, doch dann darauf verzichtet habe, eine ausländische Firma zu schlucken - für vier bis fünf Milliarden Dollar. Es wäre Googles zweitgrößter Deal gewesen, nach dem Kauf von Motorola Mobility in 2012. Um wen es sich bei dem Übernahmekandidaten handelte, ist bis heute unklar.

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
laurismauris 30.05.2014
1. Steuerbetrug im ganz großen Stil
Aber die Politiker aller Länder sehen weg. Wenn der US-Bürger 100.000 Dollar an Steuern hinterzieht, wandert er in den Bau. Google und Co werden hofiert. Tolles System...
Bravo America 30.05.2014
2. optional
Google, General Electric, Microsoft: US-Konzerne haben Gewinne von mehr als zwei Billionen Dollar im Ausland geparkt. Damit sparen sie Steuern - und finanzieren spektakuläre Firmenübernahmen. Nur die Europäer sind dumm. Unsere Führungskräfte machen das mit und lassen die Amerikaner einer ganze Kontinent weiterhin ausbeuten. Eine Schande!
warumeigentlich 30.05.2014
3. Her mit dem geklauten Geld
Es wird sich nichts ändern, da die Konzerne längst die Politik übernommen haben. Die Handlanger (Politiker) werden nicht die Hand beißen, die sie füttert.
tashsunrider 30.05.2014
4.
Google weare doch auch bloed wenn Sie 40 Milliarden mit Wechsekurs verlusten in $ umwandeln nur um dann in den US Steuern zu zahlen um das Geld das uebrigbleibt wieder unter verlusten in eine andere Waehrung umzutauschen. Google macht nun mal ueberall auf der Welt Geld und verwendet es auch tatsaechlich ausserhalb der US. Warum die Aufregung?
makrosoft 30.05.2014
5. @ larismaris
Das ist kein Steuerbetrug, sondern Steueroptimierung, da es nicht illegal ist. Das Problem ist einfach, Steuergesetze gelten nur national. Und weil jedes Land seine eigenen Steuergesetze hat, kommt es zu Unterschieden bei der Besteuerung, welche die Unternehmen ausnutzen können.
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