Mobileye, Nvidia und Co. Diese Start-ups erfinden die Zukunft des Autos

Die Autoindustrie steckt in der Klemme: Das Zeitalter des Verbrenners geht schneller zu Ende als gedacht - und die Alternativen kommen eher von Start-ups. Wie können Daimler, BMW und Co. überleben?

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Verschiebung der Kräfteverhältnisse in der Autoindustrie lässt sich nirgendwo besser ablesen, als an den zwei Messe-Großereignissen, die in den USA regelmäßig zu Beginn des Jahres stattfinden: Die Detroit Motor Show, die auch in diesem Jahr wieder einem Spaziergang in die Vergangenheit glich. Mit riesigen Pick-ups und schweren SUVs - oder wild motorisierten Sportwagen vom Schlage eines Ford Mustang, der vom Nimbus des 50 Jahre alten Hollywood-Films "Bullitt" profitieren will. Und die Elektronikmesse in Las Vegas, wo die Branche Studien präsentiert, die den Weg in die Zukunft der automobilen Fortbewegung weisen. "In Detroit steht das Auto von gestern und auf der CES das Auto von morgen", bringt es Ferdinand Dudenhöffer, Automobilprofessor an der Universität Duisburg-Essen auf den Punkt.

Die CES gilt den Konzernbossen der Autoindustrie inzwischen als so wichtig, dass sie dafür sogar den Platz in der zweiten Reihe in Kauf nehmen. Denn im Scheinwerferlicht stehen die Gründer der Start-ups, die jede Menge Ideen liefern, wenn es darum geht, wie die Mobilität der Zukunft aussehen könnte.

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Autobranche: Aufbruch ins Elektro-Zeitalter

Auf diesem Feld haben die Autobauer Nachholbedarf - zu lange haben sie sich darauf verlassen, dass sie mit den althergebrachten Verbrennungsmotoren noch gutes Geld verdienen würden. Doch nicht nur der Dieselskandal, sondern auch der zunehmend spürbare Druck im Kampf gegen den Klimawandel haben die alten Gewissheiten pulverisiert. Inzwischen dämmert es den Vorständen: Der Beginn des neuen Zeitalters hat längst begonnen. Und er wird ohne sie stattfinden, wenn sie nicht die Initiative ergreifen - auch wenn noch immer niemand vorherzusagen wagt, wohin die Reise führt.

Wie weit die Entwicklung bereits vorangeschritten ist, lässt sich an der Schlagkraft ablesen, die einige Newcomer inzwischen erreicht haben:

  • Das fahrende Auge

Dem israelischen Hightech-Unternehmen Mobileye ist es gelungen, die bis dato riesigen Apparaturen zur Erfassung der Umgebung durch eine kleine Kamera und ein paar Sensoren zu ersetzen, die von einer intelligenten Software verarbeitet werden.

Kamera-System von Mobileye
AP

Kamera-System von Mobileye

Die Autos des Elektro-Pioniers Tesla nutzen das System bereits, um auf einzelnen Strecken autonom zu fahren. Ford, Audi und BMW zählen ebenfalls zu den Kunden von Mobileye, das inzwischen zu Intel gehört. Rund 24 Millionen Autos könnte das Unternehmen in den kommenden Jahren ausstatten, so schätzen Experten. Damit würde Mobileye in seinem Segment eine Marktmacht erreichen, wie die Zulieferriesen Bosch, Continental oder Magna.


  • Das Gehirn des Autos

Kaum beachtet von der breiten Öffentlichkeit hat sich auch Nvidia eine Schlüsselposition für den Automarkt der Zukunft erarbeitet. Das Unternehmen genießt wegen seiner Grafikkarten bereits seit Langem einen guten Ruf unter Fans von Computerspielen. Die Rechenleistung der Nvidia-Prozessoren reicht aber für weit mehr. Zusammen mit der entsprechenden Software können sie die Datenmassen verarbeiten, die zur Steuerung eines selbstfahrenden Autos nötig sind. In Simulationen ist das System bereits jetzt in der Lage, Zehntausende von Testkilometern auf der Straße zu ersetzen. Bosch und Volkswagen haben die Kalifornier inzwischen als Partner gewonnen. Partner auf Augenhöhe wohlgemerkt.

Nvidia-Chef Jen-Hsun Huang
DPA

Nvidia-Chef Jen-Hsun Huang


  • Der Guru des autonomen Fahrens

Zu den Schwergewichten in der autonomen Autoszene gehört auch das vor kaum einem Jahr gegründete US-Start-up Aurora von Chris Urmson, der zuvor das selbstfahrende Auto von Google entwickelt hat. Bei fahrerlosen Fahrzeugen kennt sich kaum jemand besser aus als er. Schon 2009 schickte der Robotikexperte autonome Testwagen auf öffentliche Straßen. Unter seiner Leitung haben die Google-Elektroautos 1,8 Millionen Kilometer zurückgelegt. VW-Digitalchef Johann Jungwirth hat sich die Dienste von Aurora bereits gesichert, um das Projekt Moja möglichst schnell auf die Straße zu bringen. Der gleichnamige Shuttlebus soll bis 2021 reif für den Alltagsbetrieb sein und dann in mehreren Städten fahren.


  • Der China-Tesla

Auch in Asien tut sich einiges. Für die größte Aufmerksamkeit sorgte Anfang Januar der neue chinesische Anbieter Byton mit einem Elektrofahrzeug. Byton-Chef Carsten Breitfeld, der zuvor für BMW den i8 entwickelt hat, arbeitet nun mit Hochdruck daran, seine auf der CES präsentierte Studie so schnell wie möglich in Serie zu produzieren. Der Zeitplan ist ambitioniert. "Wir wollen 2019 auf den Markt", sagt Breitfeld. Ein Jahr später sollen nach der asiatischen Heimat auch Amerika und Europa folgen. Das Geld dafür kommt vom chinesischen Internetriesen Tencent und von Apple-Zulieferer Foxconn.

Elektroauto-Studie von Byton auf der CES
AP

Elektroauto-Studie von Byton auf der CES

Nicht nur beim autonomen Fahren gilt es für die Autobauer, den Anschluss zu halten. Denn der Verkauf von Autos allein, so viel steht bei aller Unsicherheit fest, wird als Geschäftsgrundlage künftig kaum ausreichen. Know-how in der Batterietechnologie wird ebenso wichtig sein wie ein gekonnter Service, der den Kunden bei der Organisation ihrer Reise hilft. Das beginnt bei der Parkplatzsuche und endet noch lange nicht bei der Frage, wie sich nach der Ankunft mit dem Zug schnellstmöglich das geeignete Fahrzeug für die nächste Etappe finden lässt - sei es ein Fahrrad, ein Auto, oder ein öffentliches Verkehrsmittel.


  • Der Reiseleiter

Wie so eine Mobilitätsplattform aussehen könnte, zeigt Didi Chuxing. Mit Didi auf dem Smartphone kann man beinahe alles nutzen, womit Menschen sich fortbewegen. Vom Mietrad über den Taxiruf bis zum Carsharing - eine Plattform für den Handel mit Gebrauchtwagen ist seit Kurzem auch in die App integriert. Didi wurde vor fünf Jahren gegründet und gilt heute als das zweitwertvollste Start-up weltweit. Marktwert: 47 Milliarden Euro und damit gerade einmal neun Milliarden billiger als BMW. Noch ist das Unternehmen nur in einigen großen Städten Chinas aktiv. Branchenexperten trauen den Chinesen aber zu, schon in naher Zukunft zu Größen wie Facebook, Amazon und Google aufzuschließen.

Die Mobilitätsplattform Didi-Chuxing bietet auch Carsharing-Autos an
AP/dycj - Imaginechina

Die Mobilitätsplattform Didi-Chuxing bietet auch Carsharing-Autos an


Sind die Autokonzerne also dem Tod geweiht? Nicht unbedingt. Schließlich haben einige von ihnen selbst bereits erfolgreiche Unternehmen gegründet. Gute Beispiele dafür sind die Carsharing-Firmen Car2Go (Daimler) und Drive Now (BMW)

Auch als sogenannte Inkubatoren sind BMW und Co. aktiv. Die Münchener haben dafür ihre Investment-Tochter namens iVentures mit 500 Millionen Euro ausgestattet und bereits bei etlichen Unternehmensgründungen geholfen. So ist BMW heute am größten Netzwerk von E-Auto-Ladestationen in Nordamerika beteiligt (Chargepoint) oder einem Onlinewerkstattservice, obwohl der eine Konkurrenz zum Werkstattnetz der Vertragshändler darstellt (Caroobi).

  • Autokonzerne als Inkubatoren
Screenshot von Chris Urmsons Aurora.tech
aurora.tech

Screenshot von Chris Urmsons Aurora.tech

Seit zehn Jahren schon sucht Daimler mit seiner Abteilung "Business Innovation" nach neuen Ideen (daraus ist auch Car2Go entstanden). Inzwischen heißt sie "Lab 1886". Ein Daimler-Sprecher schwärmt von einer "hocheffizienten, globalen Innovationsmaschine". Und Volkswagen lässt in der Gläsernen Manufaktur in Dresden Start-ups interessante Ideen bis zur Marktreife entwickeln.

Ford wiederum plant eine Plattform, die verschiedene Robotertaxis, Fahrdienste sowie öffentlichen Nahverkehr und die Infrastruktur der Städte verknüpfen soll. Renault, Nissan und Mitsubishi wollen in den kommenden fünf Jahren gemeinsam eine Milliarde Dollar in Start-ups investieren. Die Idee sei, ein Netzwerk zu knüpfen, über das Start-ups mit allen drei Unternehmen der Allianz gleichzeitig ins Geschäft kommen können. Der erste Partner ist Ionic Materials, eine US-Firma, die Materialien für Feststoff-Batterien ohne Kobalt entwickelt.

Zu den wichtigsten Investitionen der letzten Jahre gehört für die deutschen Premiumhersteller aber zweifelsohne der Geo-Datendienst Here, mit der sie sich aus der drohenden Abhängigkeit von Google befreien konnten. Here liefert das hochpräzise Kartenmaterial für die Roboterautos der Zukunft.


Zusammengefasst: Wie werden wir unsere Mobilität in der Zukunft gestalten? Diese Frage setzt insbesondere die Autohersteller unter Stress. Denn niemand weiß bisher eine klare Antwort. Und umtriebige Start-ups wie Mobil Eye Nvidia oder Byton schlagen schon einmal wichtige Pflöcke ein. Jetzt müssen sich die schwerfälligen Konzerne bewegen - und künftig zu Mobilitätsplattformen werden.

insgesamt 58 Beiträge
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hausfeen 15.02.2018
1. Sie überleben dank Marktmacht, Markenwert und ihrem Kapital.
Auf letzteres spekulieren doch die Startups, die hoffen gewinnbringend aufgekauft zu werden.
philemajo 15.02.2018
2. Nvidia ein Start-up?
Ein Unternehmen, dass es seit vielen Jahren gibt und dessen Marktkapitalisierung fast so hoch ist, wie die von BMW und Daimler zusammen genommen, als Start-up zu bezeichnen, halte ich für recht gewagt...
##1984## 15.02.2018
3. Start-up
Gilt ein 25 Jahre altes und etabliertes Unternehmen wie Nvidia in der deutschen Autoindustrie noch als Start-up?
EinzHeinz 15.02.2018
4. Totgesagte leben länger...
Bis die Elektromobilität flächendeckend, bezahlbar und effizient ist werden noch viele Verbrenner nachgefragt werden. In urbanen Metropolen und Metropolregionen kann das sicher schneller gehen aber in der Fläche sehe ich da doch Schwierigkeiten. Oder der Staat kümmert sich um ein eigenes Stromtankstellennetz das nicht gewinnorientiert ist um auch das letzte Dorf in der Provinz zu versorgen. Aber zu was der Staat in der Lage ist oder auch nicht, sieht man ja am Breitbandausbau.
ptb29 15.02.2018
5. SPON hat die Deutungshoheit zur Zukunft des Automobils
Soso, wer glaubt, das E-Auto ist die Zukunft lehnt sich weit aus dem Fenster. Ersetzen Sie einmal alle Verbrenner in Deutschland durch E-Autos! Die Zukunft sollte eher bei ganz anderen Verkehrskonzepten liegen, bei denen der Individualverkehr abnimmt.
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