Neue Mobilitätskonzepte Wie sich die Autoindustrie neu erfindet - und unser Leben damit verändert

Elektromobilität, autonomes Fahren - die Autoindustrie verändert sich massiv, doch die deutschen Hersteller frickeln nur am Diesel herum: Stimmt dieser Eindruck? Und wie sieht die Zukunft des Fahrens aus?

DPA

Von Felix Sommerfeld


Erst der Dieselskandal zwang die deutsche Automobilindustrie zum Umdenken, heißt es immer wieder. Ohne ihn würden sich BMW, Volkswagen und Daimler noch immer am Verbrennungsmotor festklammern, nicht auf Innovationen setzen, lautet eine weitverbreitete Meinung.

Dass das so nicht stimmt, zeigt nun eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Demnach entfielen bereits 2015, dem Jahr des Skandals, nur noch 30 Prozent der Patentanmeldungen aus dem deutschen KFZ-Bereich auf den konventionellen Antriebsstrang.

"Die Schwerpunkte verschoben sich schon vorher zunehmend in Richtung Elektromobilität und autonomes Fahren", sagt Studienautor Oliver Koppel. "In diesen beiden Bereichen sind die hiesigen Unternehmen besonders innovativ."

Mehr als die Hälfte der weltweit angemeldeten Patente zum autonomen Fahren entfallen auf deutsche Hersteller.

Wer kontrolliert die Plattform?

Darauf allein komme es allerdings nicht an, meint Stefan Bratzel, Professor vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach: "Der Knackpunkt ist, wie die neuen Mobilitätsplattformen dem Kunden präsentiert werden. Wer hier erfolgreich ist, dirigiert das Zukunftsgeschäft. Dazu braucht es attraktive Dienstleistungen, die leicht zu ordern sind, Big-Data-Kompetenz und eine hohe Teilnehmerzahl, sodass das Angebot engmaschig funktioniert."

Mobilitätsplattform - was bedeutet das? Unter diesem Begriff werden alle Konzepte zusammengefasst, die dem Kunden eine Fahrt ermöglichen, ohne dass er unbedingt ein Auto besitzen muss. Es geht also darum, Autos zu teilen, Fahrten zu bestellen oder aber gemeinsam in einem Fahrzeug zu sitzen. Klicken Sie sich durch die vier meistverbreiteten Konzepte:

Wo der Weg hingehen wird, dazu gibt es konträre Meinungen. Auch, ob eher Technologieunternehmen oder Automobilhersteller tonangebend sein werden, lässt sich heute noch nicht sagen.

Was ist leichter: Autobau oder Softwareentwicklung?

"Die Frage, die es zu beantworten gilt: Ist es leichter, zu lernen, wie man ein Auto baut, oder aber ist es einfacher, zu lernen, wie man Software- und Plattformlösungen entwickelt", sagt Nicolas Brusson, Chef des Car-Pooling-Weltmarktführers BlaBlaCar. "Mit Blick auf Tesla habe ich den Eindruck, dass das Autobauen schneller erlernt ist."

Veranstaltung

Christoph Weigler, Deutschland-Chef von Uber, ist überzeugt, dass es nicht auf ein Entweder-oder hinauslaufen wird, sondern auf ein Miteinander. "Das Umfeld wird immer komplexer, Partnerschaften sind schon heute unerlässlich. Klassische Automobilhersteller und Technologieunternehmen werden künftig noch viel enger kooperieren als sie es heute schon tun."

Tendenzen in diese Richtung gibt es: Daimler kooperiert mit Uber, ebenso wie Toyota, Volkswagen hat derweil in den Konkurrenten Gett investiert. Die Automobilindustrie verändert sich, die Partnerschaften sind Ausdruck dieses Wandels.

Der Kunde profitiert

Verschiedene Mobilitätskonzepte werden bereits heute sehr erfolgreich umgesetzt - von Unternehmen, die stellenweise autonom agieren, teilweise aber auch Töchter der großen Automobilhersteller sind. Ein Überblick:

Wohin der Weg auch geht, Profiteur des aktuellen Wandels scheint der Kunde zu sein, der immer mehr und zunehmend ausgereifte Mobilitätslösungen angeboten bekommt.

Video: App, Hyperloop oder Mikroflieger - Verkehr der Zukunft

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insgesamt 79 Beiträge
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strixaluco 15.10.2018
1. Zukunftsplanung durch die Autoindustrie?
Die Autokonzerne haben eine Grösse, die unserer Demokratie nicht gut tut. Es wäre gut, sich nicht weiter von ihnen abhängig zu machen sondern für die Zukunft der Mobilität jungen, kleinrren Unternehmen eine Chance zu geben. Fahrräder und Pedelecs mit Zubehör werden teils in kleinen Betrieben oder sogar Garagen gebaut. Dafür muss man nicht die Landschaft verschandeln. Man könnte damit auch wunderbar das Gewerbe in kleinen Ortschaften wieder aufleben lassen.
marty_gi 15.10.2018
2. wer traeumt da eigentlich?
Die ÖPNV Betreiber und die Politik schaffen es nicht, den oeffentlichen Verkehr attraktiver und gerade auch in laendlicheren Gebieten nutzbarer zu machen. Die neuen Elektrofahrzeuge von Audi und Mercedes werden gerade heute hier im Spiegel-Online als Umweltsuender dargestellt (und sind es wahrscheinlich auch - nicht nur die Stromgewinnung, die Herstellung und die Batteriekomponenten sind da umweltschaedlich....). Und wenn man sich die Verhaltensweise der Autofahrer in Deutschland mal anschaut (https://www.presseportal.de/pm/63229/4053818), wie soll denn mit diesem Sozialverhalten "autonomes Fahren" funktionieren? Wenn Regeln schon nichts bringen, glaubt irgendwer daran, dass sich die Leute von Fahrzeugen und ihren Systemen bevormunden lassen (um so die Regeln einzuhalten, was ja fuers autonome Fahren eigentlich unerlaesslich waere)? Meiner Ansicht nach ist hier eher ein Mentalitaetswechsel noetig bevor irgendetwas anderes auch nur ansatzweise funktionieren kann. Egal, wie sehr die Industrie und wer sonst noch immer von "neuen Konzepten" traeumt....
ProDe 15.10.2018
3. für mich völlig falsches Thema und falscher Ansatz
zum einen ist die Autoindustrie selbst das Problem und nicht Teil der Lösung. Wir brauchen andere Mobilitäts-Konzepte, die nicht auf Individualverkehr und Auto basieren. Daher müssen hier die Politik und die Gesellschaft nach Lösungskonzepten suchen und nicht die Automobilindustrie.... man fragt ja auch nicht den Frosch wenn man seinen Teich austrocknen will...
so-long 15.10.2018
4. Autonomes Fahren
träumt schön weiter, gibt es vielleicht auf sonnenbeleuchteten US-Highways, aber nicht in deutschem Dezember-Schneegestöber.
vox veritas 15.10.2018
5.
"Erst der Dieselskandal zwang die deutsche Automobilindustrie zum Umdenken, heißt es immer wieder. Ohne ihn würden sich BMW, Volkswagen und Daimler noch immer am Verbrennungsmotor festklammern, nicht auf Innovationen setzen, lautet eine weitverbreitete Meinung." Nicht doch. Wer verbreitet denn solche Ansichten? @strixaluco: Diese Ansicht halte ich für unsinnig, aber aus Interesse: Wo liegen denn Ihrer Meinung unbedenkliche Größen für Industrieunternehmen und wie sollen diese Unternehmen im internationalen Wettbewerb bestehen?
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