Automatisierung in der Logistik Robopacker verdrängen den Menschen

Hat der Kistenschlepper bald ausgedient? Lange Zeit galt die Lagerwirtschaft als Branche, die sich nicht so recht automatisieren lässt - und als typischer Arbeitsplatz für geringqualifizierte Billigjobber. Doch jetzt dringen Rechner und Roboter auch in dieses Revier ein. Zum Beispiel bei Amazon.

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Kiva / Paul Avis

Hamburg - Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Robert durch Robot ersetzt wird. Über Jahre produzierte der Boom von Logistik und Lagerwesen zuverlässig neue Jobs: Gerade die Lagerarbeit galt als nur begrenzt automatisierbar. Doch das ändert sich. Der Kommissionierer, der mit dem Hubwagen durch Lagergänge fährt, ist ein Auslaufmodell. Im Kommen ist der Lagerroboter, der entweder Waren bewegt - oder gleich die ganzen Regale.

Glaubt man den Zahlen des Statistischen Bundesamts, dann ist der Bereich "Verkehr und Lagerei" ein Herzstück der deutschen Wirtschaft. Was immer hier produziert, importiert, exportiert und gehandelt wird, läuft irgendwann durch die Mühlen von Lagerwirtschaft und Logistik. 2011 wurden so 251,7 Milliarden Euro umgesetzt. 1,9 Millionen Arbeitnehmer verdienen ihr Brot damit, Waren auf ihren Weg zu bringen.

Im vergangenen Jahr legte der Umsatz im Wirtschaftszweig um 8,9 Prozent zu. Die Zahlen klingen erfreulicher, als sie letztlich sind. Es gibt Top-Jobs in der Logistik, die meisten aber sind eher niedrig bezahlt und gelten als einfache Tätigkeiten.

Rund eine halbe Million Arbeitnehmer sind in Deutschland allein in den Lagern beschäftigt - noch. Denn während Warenumschlag und Umsätze kontinuierlich steigen, sinkt die Zahl der Beschäftigten in den Lagern. Obwohl dort meist wenig verdient wird, Zeitarbeit überdurchschnittlich oft vorkommt und viele Beschäftigungsverhältnisse nur saisonal sind, wird wegen bröckelnder Margen mit spitzer Feder gerechnet. Der Mensch ist der Kostenfaktor, an dem sich am ehesten etwas machen lässt - was zu Lasten der Beschäftigtenzahlen geht.

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) - Berufe im Spiegel der Statistik

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) - Berufe im Spiegel der Statistik

Das hat die Arbeit in den Lagern in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Versandzentren, in denen eine geringe Varietät von Waren abgewickelt wird, wurden seit Ende der Achtziger wo immer möglich automatisiert. Ein Apparate-Arsenal von Strichcode-Scannern bis zu Verpackungsrobotern machte viele Kommissionierer und Packer überflüssig.

Beispiel SSI-Schaefer: Automatisierte Auftragszusammenstellung im Pharmalager
In Versandzentren, über die mitunter Zehntausende verschiedene, ständig wechselnde Artikel abgewickelt werden, war das bisher schwerer. Unternehmen wie SSI-Schaefer oder die Krones AG entwickelten hier Lösungen, die auf verschiedene Weise die zu kommissionierenden Waren zu einem Packer bringen. Der Transport läuft dann letztlich meist über das klassische Fließband.

Krones bietet Lösungen beispielsweise für den Lebensmittel-Umschlag im Großhandel, bei denen automatisierte Anlagen Paletten entladen, mischen und nach Bestelllisten zu neuen Paletten zusammenstellen. Es sind effiziente Systeme für einen hochgradig organisierten Warenumschlag.

Was aber, wenn so ein Lagersystem im Extremfall eine Waschmaschine, zwei Bücher und ein Fahrrad zu einer Sendung zusammenstellen müsste? So oder so ähnlich ist der Alltag bei breit aufgestellten Versandhändlern wie Amazon Chart zeigen: Der Onlinekonzern hat von der Mini-SD-Karte bis zur lebensgroßen Spinosaurus-Figur so ziemlich alles im Angebot.

Das US-Unternehmen hat in seinen Versandzentren alle Abläufe auf höchstmögliche Effizienz optimiert. Amazons "chaotische" Lagerhaltung gilt als beispielhaft: Eingelagert wird eine Ware dort, wo sie gerade Platz findet. Dass so ein und derselbe Artikel meist an mehreren Orten in den Hallen zu finden ist, gehört zum Konzept: Das hält die Laufwege kurz. Mit absoluter Sicherheit führt das Bestell- und Lagerverwaltungssystem den mit einem elektronischen Gerät ausgerüsteten Kommissionierer auf optimierten Laufwegen durch die Hallen und zurück zum Packer, dem er zuarbeitet.

Auch der Mensch ist Server-gesteuert

Auch das ist Trend in der immer stärker automatisierten Lager-Arbeitswelt: Wenn Maschinen eine Sache nicht erledigen können, macht man den Mensch zum gesteuerten, im Extremfall auch getakteten Bestandteil der digital koordinierten Abläufe. Schon fast Standard sind nicht nur elektronische Leitsysteme, die den Laufzettel ersetzt haben, sondern auch Lichtsignale, um den Arbeiter in seinen Handlungen zu leiten.

"Arbeiten werden dabei immer weiter heruntergebrochen", sagt der Verdi-Gewerkschafter Heiner Reimann, der selbst 19 Jahre die hochgradig automatisierte Lagerhaltung von Ikea von innen erlebte. Wenn die technischen Mittel entsprechend seien, müsse ein Lagerarbeiter "weder der deutschen Sprache wirklich mächtig sein, noch eine Ahnung von Waren haben, mit denen er umgeht".

Es ist ein System, in dem der Mensch quasi ferngesteuert agiert. Auch ohne Akkordlohn gibt die Maschinerie den Takt vor: Die Tätigkeit werde inhaltlich abgewertet, während der körperliche Leistungsdruck steige, beklagt die Gewerkschaft Verdi.

Reimann selbst sieht das alles mit gemischten Gefühlen. "Einerseits kann man die technologischen Lösungen bewundern. Auf der anderen Seite haben wir natürlich Interesse daran, dass Menschen in Arbeit bleiben und die Qualität der Jobs stimmt."

Aufzuhalten sei die weitere Automatisierung aber wohl kaum, und das sei sogar zu verstehen, sagt Reimann: "Amazon hat wirklich Probleme, in Deutschland genügend Leute zu finden. In Saisonzeiten werben die auch im Ausland an." Klar, dass die Firma begann, nach einer Automatisierungslösung zu suchen.

Eine Sache der Perspektive: Wer arbeitet wem zu?

Amazon wurde bei Kiva Systems fündig. Was die US-Firma seit 2006 vorführt, ist eine vergleichsweise unaufwendige, beispiellos flexible Lösung: Statt Kommissionerer durch Lagergänge zu schicken oder riesenhafte Roboter-Regalsysteme zu entwickeln, setzt Kiva auf kleine, kastenförmige Lastenroboter, die die Regale mit den Waren zu den Packern tragen. Bei Kiva bewegt sich nicht der Arbeiter ins Lager, sondern das Lager hin zum Arbeiter.

Der Kiva-Ansatz: Waren-Anlieferung statt Kommissionierung
Es kommt einem vor wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film: Kleine orange Maschinen, die bis zu 1500 Kilogramm Last tragen können, rollen durch eine riesige Halle, heben Regale an und tragen sie zu Arbeitern. Deren Aufgabe reduziert sich darauf, Waren aus Fächern zu nehmen und in zu packende Kartons zu legen. Sie werden dabei durch Lichtsignale angeleitet, was wohin gehört - auch hier sind die Menschen ein Teil der Maschinerie. Wenn sie sich wieder umdrehen, steht schon ein neues Regal bereit, die Kiva-Bots stehen Schlange. Alle sechs Sekunden, sagt Kiva, werde dem Arbeiter so eine neue Ware präsentiert.

Kiva behauptet, sie könnten die Effizienz jedes einzelnen Arbeiters verdreifachen. Amazon, der größte Versandhändler der Welt, ließ sich überzeugen und kaufte die Firma im April 2012 für satte 775 Millionen Dollar. Im Einsatz sind die Bots seit langem. In den USA setzen unter anderem die Handelsunternehmen Toys"R"Us, GAP und Staples auf die pragmatischen Flitzer.

Mit Amazon im Rücken dürften sie sich bald weiterverbreiten. Außer bei Amazon selbst, hofft Gewerkschafter Reimann: "Da wird das noch eine Weile dauern. Was, wenn der Strom ausfällt? Ein automatisiertes System bricht dann zusammen, während Kommissionierer zur Not noch per Handzettel ihre Waren zusammenstellen können."

Amazon selbst gibt keine Auskunft darüber, wann die Kiva-Systeme erstmals in eigenen Betrieben zum Einsatz kommen.



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insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
autocrator 02.10.2012
1. unerledigtes
roboter ersetzen menschen in der arbeit ... na hurrah, was für eine neue erkenntnis! eigentlich ja ne großartige sache: endlich schluss mit der plackerei, dem körperlich ruinösen kistenschleppen. Dumm nur: die arbeit wird nicht leichter sondern gestrichen. - Und damit eine existenzmöglichkeit vernichtet. Auch nicht schlimm - es gibt wichtigeres & v.a. schöneres als die elendigliche maloche. nur eines bleibt ärgerlich: andere, viel höher bezahlte arbeitskräfte, hätten nur mal zwischendurch ihren job machen sollen: amazon hat probleme, saison-leute zu finden? - kann's vielleicht an der miesen bezahlung, dem schlechten betriebsklima und der perspektivlosigkeit für die zeit nach der saison liegen??? was sagen da die hochbezahlten amazon-manager dazu? roboter zahlen keine steuern ... wer bitte soll denn noch hartz4 für die gefeuerten finanzieren? die hochbezahlten manager, die sich vor'm finanzamt arm rechnen? - was sagen da unsere hochbezahlten steuer-politiker eigentlich dazu? und die leute? nicht malochen müssen ist die eine sache. Aber seien wir mal ehrlich: bildung, kunst, kultur, soziales und politisches engagement ist eher seltener die sache des klientels, das bisher in der logistik lohn und brot fand. Ja und was, wenn die maloche weg ist? - glotze, bier, fußball und depression sind nicht wirklich tragende alternativen. - was sagen da unsere soziologen, die sozial- und gesellschaftspolitiker, die hochbezahlten damen und herren vom arbeitsamt dazu? sorry: die einen haben keinen job oder verlieren ihn, weil sie durch roboter ersetzt werden, und die anderen machen ihren job nicht. DAS wäre mal einen artikel wert.
MDen 02.10.2012
2. Arbeit für alle
Ich möchte wetten, dass es nicht sehr lange dauert, bis hier gejammert wird, dass durch die Automatisierung noch mehr Menschen in ein ärmliches Hartz IV-Dasein entlassen werden. Dazu gibt es meiner Meinung nach zwei Dinge zu sagen: Erstens werden hier wenig attraktive Knochen - und Fließbandjobs durch Maschinen übernommen, was im prinzip das Leben von Menschen verbessert. Und zweitens führen Mindestlöhne und die deutsche Armutsdefinition dazu, dass menschliche Arbeit gegenüber dem Einsatz von Maschinen zu teuer wird. Wer Arbeit für alle will, muss entweder erreichen, dass alle entsprechend gebildet werden (können), oder für einfache Arbeit auch niedrige Löhne und Lenbensstandards akzeptieren. Meiner Meinung nach ist in Deutschland kein Platz für Hilfsarbeiter und ungelernte Kräfte. Und bei dem derzeit weitverbreiteten Desinteresse an Bildung wird es da noch einige Probleme geben.
AZ1 02.10.2012
3. Was, wenn der Strom ausfällt?!? Im Ernst?
Gewerkschafter Reimann scheint mir sehr naiv zu sein. Oder sitzen bei den Banken lauter Menschen zur Bearbeitung von Überweisungsträgern falls mal der Strom ausfällt?
bernix 02.10.2012
4. Na so was?
ZITAT: "Amazon hat wirklich Probleme, in Deutschland genügend Leute zu finden. In Saisonzeiten werben die auch im Ausland an." ...bei einem bekannte Logistik Konzern, der hier im südl Rheinhessen einige Lager betreibt, bekommt ein über eine Zeitarbeitsfirma angestellter Mitarbeiter (das sind nicht wenige) 900 euro netto ...inkl Schichtzulage. Zahlt Amazon besser? Wir brauchen einen anständigen Mindestlohn, nicht nur in dieser Branche...!
browneyes 02.10.2012
5. Wenn der Strom ausfällt..
"Da wird das noch eine Weile dauern. Was, wenn der Strom ausfällt? Ein automatisiertes System bricht dann zusammen, während Kommissionierer zur Not noch per Handzettel ihre Waren zusammenstellen können." ...dann springt das Notstromagregat an. Man nennt das "Fehlertoeranz" und "redundante Systeme".
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