Von Michael Kröger
Berlin - Das Strategiepapier liest sich wie ein Lehrbuch über Unternehmensführung, erste Lektion: Ein sympathisches Unternehmen will Rüdiger Grube aus seiner Deutschen Bahn machen - beliebt bei Kunden, Mitarbeitern und Umweltschützern gleichermaßen. Und natürlich mit zufriedenen Anteilseignern. Bis 2020 will er so weit sein, wie er am Donnerstag bei der Vorstellung der Bilanz in Berlin versprach.
Doch was banal klingt, ist in Wirklichkeit eine heroische Aufgabe.
Dafür liefert allein schon der jüngste Eklat im Lager der Eigentümer einen Beleg ab. Wirtschaftsstaatsekretär Bernhard Heitzer hatte am Mittwoch die Sitzung des Aufsichtsrats demonstrativ geschwänzt, um seinem Unmut darüber Luft zu machen, dass Grube mit Unterstützung von Verkehrsminister Peter Ramsauer das Schienennetz im Konzern behalten will. Die Liberalen aus dem Wirtschaftsressort aber sind eisern dagegen. Grube kann es nicht allen recht machen, so viel steht fest. Doch es muss ihm gelingen, Brücken über die tiefen ideologischen Gräben zu bauen.
Auch das mit den zufriedenen Kunden ist so eine Sache. Wer zum Beispiel für die Passage von Hamburg nach München schon in der zweiten Klasse mehr bezahlt als für einen Billigflieger, will pünktlich ankommen. Wer diesen ICE von Wolfsburg kommend in Fulda erwischen will, auch. Blöd nur, wenn der Zubringer ein wenig zu spät ist. Dann muss entweder der Hamburger eine Verzögerung in Kauf nehmen, oder der Wolfsburger auf den nächsten Zug warten. "Das Dilemma können wir nie für alle zufriedenstellend lösen", räumt Ulrich Homburg ein, der im Vorstand der Bahn für den Personenverkehr zuständig ist. "Deshalb sind wir zufrieden, wenn wir eine Quote von mehr als 80 Prozent schaffen, was die Pünktlichkeit betrifft."
Auch Personalchef Ulrich Weber steht vor großen Herausforderungen. Denn in den kommenden drei bis vier Jahren muss er rund 50.000 Mitarbeiter ersetzen, wie Aufsichtsratschef Utz-Hellmuth Felcht am Mittwoch preisgab. Doch qualifizierte Kräfte sind immer schwieriger zu finden - und andere Konzerne haben als Arbeitgeber weit mehr Anziehungskraft. Bislang taucht der Konzern, der 2009 einen Spitzelskandal ausgelöst hatte, in den einschlägigen Arbeitgeber-Rankings eher auf den hinteren Plätzen auf. Man arbeite "hart daran", die Zufriedenheit der Mitarbeiter wesentlich zu verbessern, versprach Grube. Dazu gehörten unter anderem ganz neue Arbeitszeitmodelle, um Familie und Beruf besser in Einklang zu bringen.
Weniger Geld für Grube
Die Arbeit vom Vorstandschef wird also in den kommenden Monaten nicht einfacher. Doch anders als bei seinem Amtsantritt vor drei Jahren, setzt er stärker Prioritäten. Dass alles reibungslos läuft an den Bahnhöfen, ist ihm wichtig. Und er weiß genau, dass er dafür motivierte Mitarbeiter braucht. "Es geht darum, den Mitarbeitern den nötigen Respekt zu erweisen", sagt er.
Die Zahlen, die die Bahn-Oberen am Donnerstag präsentierten, können durchaus als Ausweis dafür gelten, dass die Strategie stimmt. Knapp 38 Milliarden Euro Umsatz, 2,31 Milliarden Gewinn. Der Umsatz stieg 2011 also um rund zehn Prozent, der Gewinn vor Steuern und Zinsen um 24 Prozent, auch wenn das Ergebnis unter anderem wegen der schwächeren Konjunktur um rund 60 Millionen unter den selbst gesetzten Zielen blieb. Ein Grund dafür, warum der Vorstand mit weniger Geld nach Hause ging. So erhielt Grube eine Vergütung in Höhe von 2,46 Millionen Euro, rund eine halbe Million weniger als 2010.
Der Staat als Eigentümer erhält von dem Gewinn eine Dividende von 525 Millionen Euro, die er hauptsächlich zum Schuldenabbau einsetzt. Die Kapitalrendite (ROCE) lag bei 7,3 Prozent und soll bis 2020 auf zehn Prozent steigen.
Im laufenden Jahr will die Bahn den Umsatz im In- und Ausland um weitere fünf Prozent steigern. Auch Ergebnis und Cash-Flow sollen steigen. Um wie viel genau, wollte Finanzvorstand Richard Lutz jedoch nicht sagen. Ohnehin stünden die Wachstumsprognosen unter dem Vorbehalt, dass die Konjunktur nicht einbreche und die Industrie mit der Lieferung neuer Fahrzeuge nachkomme.
Lutz versuchte auch, die Befürworter einer Trennung von Netz und Betrieb mit harten Zahlen zu widerlegen. Das Netz sei kein Melkesel, sagte er sinngemäß. Die Betriebssparte habe bis 2006 einen Verlust von etwa 2,5 Milliarden Euro eingebracht. Unter dem Strich hätten die Gewinne aus dem Netz dies noch nicht wieder eingespielt. Im Übrigen relativiere sich der 2011 erzielte Gewinn vor Zinsen und Steuern von rund 700 Millionen Euro, wenn man die hohe Verschuldung und Zinslast der Infrastruktur einrechne, auf 300 Millionen Euro. Die müssten dann noch versteuert werden.
Dennoch soll das Schienennetz in den kommenden Jahren zu einem bedeutenden Gewinnlieferanten aufsteigen, wenn es nach dem Bahn-Vorstand geht. Dafür gilt es aber nicht nur die Gegner im eigenen Land zu überzeugen. Auch die EU beobachtet die Bestrebungen mit Argusaugen, denn sie dringt ebenfalls auf eine Trennung vom Netz, um Konkurrenten auf der Schiene die gleichen Chancen garantieren können, wie sie die Bahn hat. Ein Vertragsverletzungsverfahren soll der Bundesregierung jetzt auf die Sprünge helfen. Der Europäische Gerichtshof will im Mai verhandeln.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Deutsche Bahn | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH