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Tarifkonflikt bei der Bahn: "Wir können das so nicht unterschreiben"

Ein Interview von

Bei der Bahn droht der längste Streik der Unternehmensgeschichte. Was tut Personalchef Ulrich Weber, um die Eskalation abzuwenden?

Zur Person
  • DPA
    Ulrich Weber ist seit dem Juli 2009 Personalchef der Deutschen Bahn AG und der DB Mobility Logistics AG. Seine Karriere führte den 1950 geborenen Juristen zunächst zur Ruhrkohle AG und anschließend durch mehrere Stationen in der Bergwerksbranche bis zum Vorstandsressort für Personal beim RAG-Nachfolgeunternehmen Evonik.
SPIEGEL ONLINE: Herr Weber, die Lokführergewerkschaft GDL hat Ihnen ein Ultimatum gestellt: Wenn Sie nicht bis Mittwoch 11 Uhr ein Papier unterschreiben, auf dem die Gewerkschaft die bisherigen Verhandlungsergebnisse mit der Deutschen Bahn zusammenfasst, droht der längste Streik in der Unternehmensgeschichte. Werden Sie nachgeben?

Weber: Wir können das so nicht unterschreiben. Jedenfalls nicht das, was die GDL uns als Protokoll der Verhandlungen übersandt hat. Denn es gibt nicht den tatsächlichen Verlauf des Gesprächs wieder, sondern enthält die ursprünglichen Maximalforderungen der GDL. Das mag sich zunächst formal anhören, ist es aber nicht. Dahinter steckt mehr, denn die GDL-Vorschläge würden auch unsere Belegschaft spalten. Und das wollen wir nicht. Wir haben dagegen einen guten Vorschlag gemacht, der einen konstruktiven Vorschlag der GDL für eine Grundstruktur aufgreift. Eine Lösung wäre also zum Greifen nahe. Wir hoffen, dass wir damit noch einen Streik abwenden können.

SPIEGEL ONLINE: Der GDL wird das, nach ihren bisherigen Aussagen zu urteilen, wohl nicht reichen. Was genau hat die Gewerkschaft und ihren Chef Claus Weselsky dazu gebracht, die Verhandlungen mit der Bahn am vergangenen Mittwoch für gescheitert zu erklären?

Weber: Das kann ich nicht erklären, weil ich es nicht verstehe. Wir haben die Kernforderung der GDL erfüllt. Es ging ihr ja immer um die Frage, ob sie auch andere Berufsgruppen neben den Lokführern vertreten darf. Dem haben wir bereits im letzten Jahr zugestimmt. Jetzt geht es um die Frage, wie ein solcher Tarifvertrag ausgestaltet werden könnte. Dazu liegen mehrere Vorschläge auf dem Tisch, über die man diskutieren muss. Der jüngste Vorschlag für eine Grundstruktur stammt von der GDL selbst, den haben wir akzeptiert. Deshalb kann ich die Beweggründe der GDL wirklich nicht nachvollziehen. Es gibt ernsthaft keinen Anlass für Streiks und schon gar nicht dafür, Kunden und Unternehmen Schaden zuzufügen, und Mitarbeiter zu verunsichern.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie den Streik noch verhindern?

Weber: Wir setzen hier darauf, dass die GDL verantwortungsbewusst abwägt und erkennt, dass wir auf ihre Vorschläge eingegangen sind. Wir bieten weitere Verhandlungen an - unser gestern formulierter Vorschlag ist in einigen Punkten wortgleich mit dem der GDL, in anderen weicht er nur deshalb ab, weil wir am letzten Mittwoch etwas anderes mit der GDL besprochen haben. Jetzt können wir nur hoffen, dass bei der GDL die Einsicht reift, dass ein Ergebnis nur am Verhandlungstisch zu erzielen ist.

SPIEGEL ONLINE: Die GDL wirft Ihnen vor, dass Sie die Verhandlungen in die Länge ziehen wollen, bis das Tarifeinheitsgesetz endgültig beschlossen ist, das kleinere Gewerkschaften beschneidet.

Weber: Das stimmt nicht. Wir verfolgen keine Hinhaltetaktik - unsere Kompromissvorschläge belegen das. Wir haben dem Wunsch der GDL längst entsprochen, außer den Lokführern auch Zugbegleiter und andere Bahnmitarbeiter zu vertreten. Uns wäre es lieber, der Tarifstreit wäre bald beendet. Wir vertun gerade massiv Zeit dadurch, dass zwei Gewerkschaften es einfach nicht schaffen, sich miteinander abzustimmen. Dabei haben wir so viele drängende Themen, um die wir uns mit voller Kraft kümmern müssen. Wir müssen z.B. dringend mit den Gewerkschaften über die Arbeit der Zukunft, z.B. die Auswirkungen der Digitalisierung, sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt die Eisenbahnergewerkschaft EVG in dem Konflikt? Sie hat ja auch bereits mit Streik gedroht.

Weber: Die EVG ist unser zweiter und der sehr viel größere Tarifpartner. Hier sind wir schon ein Stück weiter. Die EVG will wie wir keine konkurrierenden Tarifabschlüsse für eine Berufsgruppe, sie ist dafür, dass beide Gewerkschaften sich abstimmen - wie es zum Beispiel im Öffentlichen Dienst vom Beamtenbund und Ver.di seit Jahren erfolgreich vorgemacht wird. Mit der EVG verhandeln wir heute weiter.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist der Schaden, der durch den Streit und die Streiks entstanden ist?

Weber: Im vergangenen Jahr haben die Arbeitsniederlegungen geschätzt 150 Millionen Euro gekostet. Der Vertrauensverlust unserer Kunden lässt sich sehr viel schwieriger beziffern.

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insgesamt 78 Beiträge
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1. Schon wieder
sarkosy 18.02.2015
so ein Gefälligkeits-Gespräch mit einem hohen Vertreter eines Anzeigenkunden - mit fehlenden,konkreten Informationen,mit "Argumenten",die man hinterfragen kann oder sogar muss,es aber tunlichst unterlässt usw,usw!Schade um den Spiegel,der wenigstens konkret nach den versandeten Milliarden des Supergau's Stuttgart hätte fragen "dürfen"!
2. Verhärtete Fronten
mathiaswagener 18.02.2015
Die verhärteten Fronten sind nicht nur auf die Haltung der Lokführer-Gewerkschaft zurückzuführen. Die GroKo wird den Streik als Propagandakampagne für die Einheitsgewerkschaft mißbrauchen. Das sollte sich die GDL auch überlegen.
3.
globetrotter 18.02.2015
Die Bahn erlaubt also parallele Tarifverträge nur, wenn sie zwischen den Gewerkschaften (u.a. der Hausgewerkschaft EVG) abgestimmt und identisch sind? Das ist völliger Unsinn. Die GDL hat das Gesetz auf ihrer Seite - daher ist ein Streik absolut legitim; selbst wenn es mich persönlich trifft.
4. Danke spon
Dramaturg 18.02.2015
Und jetzt bitte ein Interview mit Herrn Weselsky zum gleichen Thema. Ich möchte beide Seiten hören, um mir ein Urteil bilden zu können.
5. Ich bin Bahnfahrer
RalfHenrichs 18.02.2015
und hoffe, dass die GDL hart bleibt und sich durchsetzt. Notfalls auch mit unbegrenzten Streiks. Der Bahnvorstand muss schlicht und ergreifend das Grundgesetz akzeptieren. Nicht mehr und nicht weniger. Dazu gehört, dass die Bahn mit der GDL verhandelt, völlig unabhängig von der EVG.
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Überblick: Der Tarifkonflikt bei der Bahn
Was will die GDL?
Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten. Zusammengerechnet ergibt sich eine Steigerung von 15 Prozent. Weselsky will zudem künftig nicht nur Tarife für die rund 19.000 Lokführer aushandeln, sondern auch für die Zugbegleiter und Rangierführer unter den GDL-Mitgliedern. Bislang wurden diese von der Eisenbahn und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten.
Was bietet die Bahn?
Die Bahn bietet eine dreistufige Einkommenserhöhung um fünf Prozent, verteilt auf 30 Monate. Dazu eine Einmalzahlung von rund 325 Euro. Konkurrierende Tarifverträge innerhalb einer Berufsgruppe will der Konzern aber in jedem Fall vermeiden. Die Bahn hatte angeboten, bei Tarifgesprächen künftig parallel mit GDL und EVG zu verhandeln. Sollte dann nur eine Gewerkschaft einem Kompromiss zustimmen, soll dieser auch nur für ihre Mitglieder gelten. Die andere Gewerkschaft soll nach Willen der Bahn dann aber nicht mehr streiken dürfen.
Was kosten Bahnstreiks die Wirtschaft?
Streiks bei der Deutschen Bahn kosten die Wirtschaft nach Prognose von Forschern schnell einen dreistelligen Millionenbetrag, abhängig von Länge und Intensität. "Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen sind in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten", schreibt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). "Die Schäden können dann schnell auf mehr als 100 Millionen Euro pro Tag steigen."


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