Berlin Linien Bus Bahn reduziert Fernbusangebot deutlich

Weniger als 30 Millionen Euro Umsatz, aber 15 Millionen Euro Verlust - die Fernbusse sind für die Deutsche Bahn ein absurd anmutendes Zuschussgeschäft. Nun zieht der Konzern nach SPIEGEL-Informationen die Reißleine.

Fernbus der Marke Berlin Linien Bus
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Fernbus der Marke Berlin Linien Bus


Wer sich für Körpersprache interessiert, konnte am Mittwoch viel lernen. Es ist kurz nach 14 Uhr, als am Berliner Hauptbahnhof unter Trommelwirbel und Glitter-Feuerwerk der neue ICE 4 einfährt. Rüdiger Grube wechselt aufgeregt vom rechten auf das linke Bein, drückt das Kreuz durch und reckt ungeduldig den Kopf. Neben ihm steht Alexander Dobrindt mit verschränkten Armen, sein Blick geht nur ab und zu Richtung Gleis, über sein Gesicht gleitet ein süffisantes Lächeln.

Es ist nicht nur die Begeisterungsfähigkeit für neue Züge, die Dobrindt und Grube unterscheidet. Auch das Faible für Fernbusse ist zwischen dem Bundesverkehrsminister (CSU) und dem Chef der Deutschen Bahn unterschiedlich stark ausgeprägt.

Die beiden waren sich lange bei der Frage uneins, ob die Bahn aus dem hochdefizitären Geschäft aussteigen soll oder nicht. Die Meinungsverschiedenheiten sind wohl nicht ausgeräumt. Doch erst einmal hat sich Grube weitgehend durchgesetzt: Wie aus Konzernkreisen zu hören ist, wird die Bahn ihr Fernbusangebot deutlich reduzieren und die Marke Berlin Linien Bus zum Jahresende aufgeben.

Zwar konnte Dobrindt einen noch größeren Rückzug verhindern. Trotzdem ist der Schritt für den Verkehrsminister kein Anlass zum Jubel. Schließlich wird der erst 2013 liberalisierte Markt künftig von einem Quasi-Monopolisten dominiert: Durch den Teilrückzug der Bahn dürfte der Marktführer Flixbus seinen Anteil auf weit mehr als 80 Prozent ausbauen. Eigentlich werden Märkte liberalisiert, um Monopole aufzubrechen - und nicht, um neue zu schaffen.

Der Entscheidung vorausgegangen war ein monatelanges Hin und Her. Grube, der in vielen Ecken der Bilanz gegen maue Ergebnisse kämpft, hatte schon länger das Interesse am Geschäft mit Fernbussen verloren. Schließlich hält es für die Bahn nicht viel mehr bereit als absurd hohe Verluste.

Der Konzern hat auch eigene Fehler gemacht, keine Frage. Der damals zuständige Vorstand leugnete die Existenz von Fernbussen noch, als die rechte Spur auf der Autobahn bereits voll von ihnen war. Und als die Bahn im vergangenen Jahr - längst in der Defensive - noch einmal richtig loslegen wollte, schaffte sie unnötig komplizierte Strukturen.

50 Cent Miese pro Euro

All das kann die tiefroten Zahlen jedoch nur bedingt erklären. Mit ihren beiden Marken Berlin Linien Bus und IC Bus macht die Bahn nach Angaben aus dem Umfeld des Aufsichtsrats nicht einmal 30 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, aber satte 15 Millionen Euro Verlust. 50 Cent Miese pro Euro - dagegen wirkt jedes gerade gegründete Start-up wie eine Ertragsperle.

Dobrindt ging es jedoch weniger um die betriebswirtschaftlichen Probleme als sein verkehrspolitisches Vermächtnis. Er will nicht nur als geistiger Vater einer bizarren Pkw-Maut für Ausländer und Aussteller von Förderbescheiden für schnelles Internet für Inländer in Erinnerung bleiben. Deshalb muss die Liberalisierung des Fernbusmarkts aus seiner Sicht partout ein Erfolg werden. Immer wieder wehrte Dobrindt Versuche ab, die junge Branche zu schwächen, etwa durch eine Maut.

Allerdings konnte der Schutzpatron der Fernbusse nicht verhindern, dass sich die Branche so schnell konsolidierte wie selten eine zuvor. Herrschte unmittelbar nach der Marktliberalisierung vor gut drei Jahren noch echte Aufbruchstimmung, weil immer mehr Firmen immer mehr Busse auf immer mehr Strecken fahren ließen, gibt es inzwischen nur noch einen ernst zu nehmenden Anbieter: Flixbus.

Die Bahn schrumpft sich gesund

Das Münchner Start-up bestimmt - auch dank mehrerer Übernahmen von Konkurrenten, die aufgaben - schon jetzt den Markt. Diese beherrschende Stellung dürfte nun noch größer werden. Schließlich, so ist zu hören, gibt die Bahn zum Jahresende die Marke Berlin Linien Bus auf, die auf vielen Strecken in direkter Konkurrenz zu Flixbus verkehrt. Der Marktanteil des Konzerns von derzeit rund 15 Prozent wird in der Folge wohl merklich schrumpfen.

Einige der mehr als 40 Strecken von Berlin Linien Bus sollen zwar vom IC Bus übernommen werden, der bislang vor allem ins Ausland fährt - und der Fernverkehr auf der Straße soll auch besser als bislang mit dem Fernverkehr auf der Schiene vernetzt werden. Dennoch dürfte ein beträchtlicher Teil jener 15 Millionen Euro, die Berlin Linien Bus zuletzt pro Jahr umsetzte, zu Flixbus abwandern. Es sei denn, die Bahn verkauft das Geschäft doch noch an einen der wenigen verbliebenen Mini-Anbieter wie etwa DeinBus.de.

Durch die Einstellung schrumpft sich die Bahn gesund. Sie wird weniger umsetzen, aber viel weniger Verluste machen. Das ist für Grube entscheidend. Schließlich hat der Bundesverkehrsminister ihm aufgetragen, in diesem Jahr ein besseres Ergebnis vorzulegen.

Weil Grube allerdings den politischsten Managerjob des Landes innehat, wird er sich vor Triumphgefühl hüten. Denn Ende des Jahres steht seine Vertragsverlängerung an. Und da hat auch Dobrindt ein Wörtchen mitzureden.

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insgesamt 33 Beiträge
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johannesraabe 15.09.2016
1.
Es wäre interessant, die MeinFernbus Bilanz zu sehen und zu gucken, warum die Gewinn einfahren bzw. wer sie finanziert.
toni_uk 15.09.2016
2. Bahn verkleinert hausinterne Konkurrenz
nachdem die Bahn erfolgreich kleinere Mitbewerber im Busverkehr mit Preisdumping in den Bankrott getrieben hat, wird die nun nicht mehr benötigte Flotte verkleinert um Fahrgäste zurück auf die Schienen zu zwingen. So passt die Zusammenfassung, oder?
ronniii 15.09.2016
3. Konsequent
Durch die langsameren ICE 4 Züge nähert die Bahn sich ja dafür dem Tempo von Fernbussen wider an. Auch Strecken mit idiotischen Umwegen wie Berlin-München im Raum Thüringen machen das Angebot nicht gerade attraktiver. Na gut den Erfurtern ist es ja zu gönnen, aber wer will da schon hin. Zum Glück gibt es ja noch das Flugzeug und den PKW.
Flari 15.09.2016
4.
Zitat von johannesraabeEs wäre interessant, die MeinFernbus Bilanz zu sehen und zu gucken, warum die Gewinn einfahren bzw. wer sie finanziert.
MeinFernbus IST inzwischen Flixbus! Die Flixbusgruppe wird u.a. von Daimler, Holtzbrinck und die US-amerikanische Beteiligungsgesellschaft General Atlantic unterstützt. Wer sagt, dass die Gewinne einfahren? Das dürfte erst passieren, wenn die Fahrpreise kräftig erhöht werden, momentan geht es noch darum, Monopolist nicht nur in Deutschland zu werden.
peeka(neu) 15.09.2016
5. Schade drum
aber absehbar. Ich nutze Berlin Linienbus aktuell regelmäßig für die Fahrt nach Hamburg. Kein anderer Anbieter fährt um 6 vom ZOB in Berlin. Die Fahrt ist angenehmer als die Bahnfahrt, allerdings auch, weil der Buss immer leer ist. Es ist nicht überraschend, dass die Marke eingestellt wird. Dass Busse keine Maut zahlen müssen, ist trotzdem absurd.
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