"Digitale Schiene" Bahn fehlen Milliarden für Prestigeprojekt

Es kostet Milliarden - und es wäre der wohl größte Umbau der Bahn seit Jahrzehnten: Das deutsche Schienennetz soll digital werden. Was bringt das? Wie lange dauert es? Wer könnte das bezahlen? Der Überblick.

DPA

Von


Als die Deutsche Bahn im Januar ihr Projekt "Digitale Schiene Deutschland" vorstellte, war es vor allem eines: ein bunter Flyer mit Hashtags und ein paar Sätzen mit klingenden Schlagworten wie Echtzeitortung, Systemüberblick oder Investitionssynergien. Was fehlte, waren konkrete Angaben: Was soll bis wann geschehen, und was wird es kosten?

Nun hat die Beratungsgesellschaft McKinsey in einer Studie erste Zahlen berechnet, angefertigt für das Bundesverkehrsministerium. Demnach soll es möglich sein, den deutschen Bahnverkehr bis 2040 vollständig zu digitalisieren. Die Gesamtkosten werden auf 30 bis 35 Milliarden Euro geschätzt. Am Ende sollen mehr Züge fahren und das pünktlicher und zuverlässiger.

Die DB selbst spricht von einer "Revolution für den Bahnbetrieb". Doch wie soll das gehen? Und wer soll es bezahlen? Herzstück der "Digitalen Schiene" ist das sogenannte ETCS (European Train Control System). Es teilt Zügen per Funk mit, wie schnell sie fahren dürfen oder ob sie anhalten müssen. Gleichzeitig meldet jeder Zug seine aktuelle Position und Geschwindigkeit in Echtzeit an das System zurück.

Technik soll robuster sein und weniger Störungen verursachen

Diese Kombination soll zwei Vorteile bringen: Einerseits fallen die heutigen Signale weg, das soll die Kosten reduzieren. Andererseits können die Züge dichter hintereinanderfahren, die Kapazität des Schienennetzes steigt, ohne dass eine einzige Bahnschwelle verbaut werden müsste. Bis zu 20 Prozent mehr, so lautet die Prognose der Bahn. Die Technik soll zudem robuster sein und weniger Störungen verursachen als heute.

Doch auch wenn DB-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla schon von einer weltweiten "Industrieführerschaft" in diesem Bereich träumt, so fährt in Wahrheit Deutschland beim Thema ETCS mit Abstand hinterher und nicht kühn voraus. Es reicht ein Blick in die Nachbarländer: Die Schweiz hat ETCS bereits flächendeckend eingeführt, Dänemark ist dabei. In Asien setzen die Chinesen seit Jahren auf eine ähnliche Technik. In Deutschland hingegen trat man jahrelang auf die Bremse, nun will man doch den flächendeckenden Ausbau.

Der ganze Umbau des Streckennetzes soll rund 20 Jahre dauern

Daneben sollen auch Stellwerke digital werden, aus denen etwa die Weichen gestellt werden. Bis heute basieren Tausende Stellwerke im deutschen Streckennetz auf alter Technik, in mehreren Hundert müssen die Mitarbeiter noch mechanisch Hebel umlegen. Künftig soll der Zugverkehr aus deutlich weniger "Betriebszentralen" gesteuert werden, Stellwerke vor Ort sollen zunehmend wegfallen. Von "Demografiefestigkeit" spricht McKinsey - es sollen also weniger Mitarbeiter die Stellwerke betreuen.

Der ganze Umbau des Streckennetzes soll etwa 20 Jahre dauern. Laut den McKinsey-Vorschlägen sollen bis 2025 zunächst einzelne Strecken und sogenannte Pilotbezirke im Norden und in der Mitte Deutschlands ausgerüstet werden. Bis 2030 folgen die Regionen um Berlin und Hamburg sowie Teile Bayerns, bis 2035 kommt NRW fast flächendeckend dazu und zum Schluss werden Lücken in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen geschlossen.

Die Frage des Geldes ist der größte Knackpunkt

Problematisch dürfte die Übergangsphase werden: Der ETCS-Ausbau führt zu noch mehr Baustellen im Schienennetz, daneben steigen an einigen Stellen sogar zunächst die Kosten statt zu sinken. Lokomotiven müssen etwa zunächst mit ETCS-Technik ausgerüstet werden, das kostet etwa eine halbe Million Euro pro Lok. Gleichzeitig müssen die alten Systeme weiter betrieben und gewartet werden, solange ETCS nicht flächendeckend ausgerollt ist. Der Vertreter der Privatbahnen, mofair-Verbandspräsident Stephan Krenz, forderte denn auch, der Staat müsse die Umrüstungskosten "zu 100 Prozent" übernehmen.

Die Frage des Geldes ist der größte Knackpunkt: Bisher ist unklar, wer die Kosten für die "Digitale Schiene" tragen soll.Etwa 1,5 Milliarden Euro pro Jahr wären nötig, so McKinsey. Aus eigenen Mitteln kann die Bahn das kaum finanzieren, die Schulden des Staatskonzerns sind mit etwa 20 Milliarden Euro bereits hoch.

Theoretisch könnte die Bahn die Trassenpreise anheben, dann würden die Fahrgäste und die Güterverkehrsunternehmen mehr zahlen. Doch auch das scheint eher unwahrscheinlich zu sein, wurden doch in diesem Jahr die Trassenpreise für den Güterverkehr gerade erst halbiert, um die Bahn wettbewerbsfähiger zum Lkw zu machen.

Bleibt nur der Staat übrig, doch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gibt sich bisher zugeknöpft. Er plant nach SPIEGEL-Informationen nach derzeitigem Stand nicht mit höheren Zuschüssen für die Deutsche Bahn.

Ob 1,5 Milliarden Euro pro Jahr viel sind, kommt wohl auf die Sichtweise an. Zum Vergleich: 5,4 Milliarden Euro gibt der Bund bereits in diesem Jahr für die Schiene aus. Für Straßen sind es etwa 9,3 Milliarden Euro - und zwar nur für Bundestraßen und Autobahnen.



insgesamt 86 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bartsuisse 19.09.2018
1. Italien vergessen...wiedermal
die gesamte HG Italiens (fast 2000 km Neubaustrecken) fährt längst ETCS. Nur so lässt sich 8 Minuten Takt fahren. Erstaunlich, dass die DB wiedermal hintenansteht.....das System wurde gemeinsam von Italien, Frankreich und Deutschland entwickelt und getestet. 20% Frequenzerhöhung ist übrigens äusserst mager. Die DB ist die Bahn mit niedrigster Frequenz pro Schienen km unter Schweiz, Italien, Frankreich und DE. Im Vergleich zur Schweiz gerade mal 50%, sie befördert proportional im Vergleich zu den drei Bahnen auch am wenigsten Passagiere pro km Schiene. Ambitiös wäre eine Frequenz Verdoppelung
spon_3055608 19.09.2018
2. Träumt nur weiter!
Ich denke solange die Bahn nicht einmal die derzeitigen Probleme in den Griff bekommt als da wären: ausfallende Lüftung und Klimatisation, nach jedem größeren Sturm tagelange Sperren, Winteranfälligkeit, unzugängliche Bahnsteige zB für Gehbehinderte unverständliche Durchsagen, fehlende Information für Wartende, baufällige verschlampte Bahnhöfe, von der undurchsichtigen Preisgestaltung die die eher einer Lotterie gleicht, und zu guter Letzt sei auch die gute alte nicht vorhandene Pünktlichkeit nicht zu Vergessen. Die Ankündigung der Einführung der "Elektronischen Ticket" als Normalfahrschein vor ca 1 Jahr hatte ja schon bundesweite Heiterkeit ausgelöst; so etwa muss man nur das jetzige ETCS Projekt sehen. Vielleicht sollte man erst einmal Landesweit die Fahrsicherung einführen die verhindert dass der Zug weiterfährt, wenn der Lockführer tod vom Fahrersitz fällt.
Softeis 19.09.2018
3. @1
So ist es, eine Erhöhung der Taktung führt zu Erhöhung der Fahrgastzahlen.
cyrill.sneer 19.09.2018
4. Artikelüberschrifft ist falsch
Korrekt muss es lauten: Bund fehlen Milliarden für Prestigeprojekt Nur ein weiterer Beweis, dass Infrastruktur nicht sinnvoll zu privatisieren ist. Seit Jahren interessiert sich unter den CSU Ministern keiner für den Netzausbau und Modernisierungen. Es ist zum verzweifeln! Was die DB angeht bin ich bei den Grünen. Klare Trennung von Netz und Verkehr! Dann kann der Fernverkehr die gleichen Erfahrungen wie DB Regio machen...
normalerfamilienvater 19.09.2018
5. Stellwerke ...
"... in mehreren Hundert müssen die Mitarbeiter noch mechanisch Hebel umlegen." Zugegeben, ich beschäftige mich nicht sooo viel mit der Bahn - aber hierbei bleibt mir doch alles im Halse stecken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.