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Schienenlotsen bei der Bahn: Ausgelaugt und wütend

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Fahrdienstleiter sind die Lotsen des Schienenverkehrs. Doch erst das Mainzer Bahnhof-Chaos lenkt das öffentliche Interesse auf ihren Berufsstand - und offenbart: Nach dem Personalabbau der vergangenen Jahre fehlt dem Konzern eine ganze Generation.

Berlin - Wenn man Tim Wollek fragt, dann hat der Personalnotstand im Stellwerk Mainz eine Vorgeschichte. "Ein Alptraum, den man nicht seinem schlimmsten Feind wünscht." Anfang August waren im Hauptbahnhof zwei S-Bahn-Züge der Linie 8 auf demselben Gleis aufeinander zugefahren. Nach der Notbremsung standen sich die Triebwagen im Abstand von gerade einmal eineinhalb Metern gegenüber. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit noch.

Doch unabhängig davon, wer am Ende die Verantwortung tragen muss, die beteiligten Lokführer und Fahrdienstleiter werden die Geschichte so schnell nicht wieder los, da ist sich Wollek, der eigentlich einen anderen Namen hat, sicher. Der Mann arbeitet seit 40 Jahren bei der Bahn, viele davon als Lotse in einem großen Stellwerk - immer mit der Angst im Hinterkopf, dass sich eine Entscheidung in der Hektik als fataler Fehler erweist.

Vor dem Hintergrund ist es auch gut nachvollziehbar, dass sich derzeit in Mainz kein Fahrdienstleiter findet, der seinen Urlaub abbrechen will, um das Chaos am Hauptbahnhof zu beseitigen. Die Schichten sind inzwischen so stressig geworden, dass Fehler geradezu programmiert sind. Genau wie in anderen Stellwerken auch, schiebt die ganze Mannschaft eine Unzahl von Überstunden vor sich her. Die Leute sind ausgelaugt, verunsichert, und wütend auf ihren Arbeitgeber, berichtet Wollek.

Auch andere Stellwerke überlastet

Dass ausgerechnet Mainz jetzt in den Fokus rückt, hängt Wollek zufolge auch mit der Beinahe-Katastrophe zusammen. Die aber hätte genauso gut woanders passieren können, denn auch in den anderen großen Stellwerken der Republik arbeiteten die Mitarbeiter längst jenseits der Belastungsgrenze. Trotz der groß angekündigten Personaloffensive sei auf absehbare Zeit keine Entspannung zu erwarten, wie die Bahn selbst einräumt. Rund 600 zusätzliche Fahrwerksleiter sollen zwar bis Ende 2014 ausgebildet sein - doch aus Sicht der alten Fahrensmänner fehlt ihnen dann immer noch die Routine.

"Uns fehlt nach dem Personalabbau der letzten Jahre eine ganze Generation", sagt Wollek. In seinem Stellwerk sei er mit Mitte 50 noch einer der Jüngeren, meint der Bahner. Dabei sei die Arbeitsbelastung im Alltag mit Schichtdienst, in abgedunkelten Räumen und permanent hoher Konzentration nicht viel länger durchzuhalten. "Dann sind die meisten regelrecht ausgebrannt."

Die Bahn bekommt damit die Quittung für die chaotische Personalpolitik in der Vergangenheit. Das gilt besonders für die Stellwerke, die eine besonders akribische Planung erfordern, denn die Mitarbeiter lassen sich nicht einfach nach Belieben hierhin und dorthin schicken. Ähnlich wie Fluglotsen sind sie dafür zuständig, dass der Verkehr auf dem Streckenabschnitt reibungslos läuft, der ihnen zugeteilt ist. Kompliziert wird es, wenn ein Lokführer eine technische Störung meldet, Signalanlagen ausfallen oder Tagesbaustellen den Rhythmus der Züge durcheinanderbringen. Richtig stressig wird es, wenn irgendwo spielende Kinder auf den Gleisen gesichtet wurden.

Zwischen 2200 und 3000 Euro brutto im Monat

Der Fahrdienstleiter übernimmt in all diesen Fällen die Aufgabe des Navigators: Er legt die Fahrgeschwindigkeit fest, organisiert Überholvorgänge und bestimmt im Notfall die Alternativroute. Das aber kann er nur, wenn er Schienennetz, Weichen und Fahrplan in seinem Verantwortungsbereich aus dem Effeff kennt. "So was dauert", weiß Wollek. Und auch, dass viele mit Magenschmerzen zum Dienst kommen, weil sie nicht wissen, wie sie den Tag über die Runden bringen sollen. "Die trinken dann kaum, aus Angst, aufs Klo zu müssen und dann zu lange ihren Bildschirm im Stich zu lassen."

Doch auch wenn die Anforderungen hoch sind, die Entlohnung ist es kaum: Zwischen 2200 und 3000 Euro brutto verdient ein Fahrdienstleiter je nach Dienstalter. Hinzu kommt die Schichtzulage in Höhe von knapp 200 Euro und Prämien für Sondereinsätze über die normale Dienstzeit hinaus. Große Sprünge lassen sich davon nicht machen.

Noch ein anderes Problem plagt die Personalplaner bei der Bahn: In Deutschland gleicht praktisch kein Stellwerk dem anderen. Bei den ganz alten werden Weichen und Signale noch per Hand über Seilzüge verstellt, die modernsten gleichen großen computergesteuerten Schaltzentralen, wie man sie von den Fluglotsen kennt. Die Planer und Fahrdienstleiter dort überwachen auf den Monitorwänden eine Vielzahl von Strecken gleichzeitig. Dementsprechend hoch sind die Anforderungen. Die Einarbeitungszeit an einem neuen Arbeitsplatz beträgt rund drei Monate und wer länger als ein halbes Jahr aussetzt, muss eine neue Prüfung ablegen.

Auch wechseln sich Nachtschichten mit Spätschichten ab, an die Frühschicht schließt nicht selten noch eine halbe Aushilfsschicht an, um einen Kollegen zu ersetzen. Die Planungen würden nicht selten von einem auf den anderen Tag umgeworfen, berichtet Wollek. Oft führten dabei alerte Manager die Feder, die vielleicht über viel theoretisches Wissen verfügten, die aber noch nie eine Weiche gestellt hätten, ärgert sich der Bahner.

Und genau solche beraten in diesen Tagen darüber, wie es in Mainz weiter geht. Die Lotsen hoffen darauf, dass sie dieses Mal die richtigen Konsequenzen daraus ziehen.

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insgesamt 216 Beiträge
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1. Mehdonisierung - wie in dt. Kliniken,
bjuv 12.08.2013
die letzten beiden Abschnitte hätte sich so auch über deutsche Kliniken schreiben lassen. Mehdoniseriung allenhalben, damit der Chef den Bonus bekommt. Und die Züge fahren ineinandern, äh meinte der Patient stirbt, weil keiner rechtzeitig die Symptome entdecken konnte. Das gleiche auch bei der Personalneurekrutierung: Facharztausbildung und Erfahrung für bestimmte Eingriffe dauert min. 6 Jahre...
2. Quartalszahlen
Kanzleramt 12.08.2013
Na ist doch logisch, dass da keiner freiwillig aus dem Urlaub kommt. Aber wie kann man da von chaotischer Personalplanung sprechen? Die ist doch nicht (nur) chaotisch, sondern "wirtschaftlich" auf die Quartalszahlen getrimmt. Die Kunden und die eigenen Arbeitnehmer sind egal. Wichtig sind die Aktionäre. Die verantwortlichen Manager und die Personalplaner auf deren Ebene, haben doch wahrscheinlich ständig Boni für die Entlassungen einkassiert.
3. Und die Verantwortlichen
galaxy2525 12.08.2013
für dieses Desaster kassieren Millionen Euro pro Jahr, horrende Pensionen, usw. Doch zur Rechenschaft werden diese nicht gezogen, sondern ganz im Gegenteil, diese erhalten neue Jobs die horrend dotiert sind und kassieren weiter. Und am Ende bleibt der "kleine Dumme", den der Staat und die Politik ausnimmt wie eine Weihnachtsgans. Übrigens sieht es nicht nur so bei der Bahn aus, anscheinend ist dies auch das Motto in vielen Firmen. Da braucht sich dann aber auch die Politik nicht zu wundern, wenn diese Staatsform zukünftig in die ein oder andere Richtung kippt.
4. Neuer Fahrdienstleiter in 3 Monaten?
pikup 12.08.2013
Dieser Beruf erfordert mehr. Aber die Bahn will kostengünstiges Personal und wird billiges bekommen. Dies alles im Sicherheitsrelevanten Bereich. Für die Zukunft wünsche ich allen Fahrgästen viel Glück.
5. optional
karldhammer 12.08.2013
Bei der alten verschlafenen Beamtenbahn waren die Vorgesetzten altgediente Eisenbahner, die den Betriebsdienst von der Pike auf gelernt hatten. die kannten sich aus, denen konnte man kein X für ein U vormachen. Dann kamen Heinz Dürr und seine Nachfolger, vor allem Herr Mehdorn mit Vornamen Bahnchef, und mit ihnen die dynamischen, flexiblen, hochmotivierten anzugtragenden Wasserträger. Böse Zungen behaupten, auf der Höhe des Mehdorn'schen Börsengangwahns hätten diese Experten Kopfgelder für jeden wegrationalisierten Eisenbahner kassiert. Ich kann meine Schadenfreude nicht hinterm Berg halten, der Karren wurde so richtig an die Wand gefahren. Alle Räder stehen still. wenn dein starker Arm es will. Gut so- weitermachen!
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