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Beamtete Lokführer: "Im Geiste stehen wir zu den GDL-Kollegen"

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Regionalzug in Hamburg (am Donnerstag): Ausgedünnter Fahrplan Zur Großansicht
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Regionalzug in Hamburg (am Donnerstag): Ausgedünnter Fahrplan

Eine weithin vergessene Berufsgruppe sorgt dafür, dass bei der Bahn überhaupt noch was geht: Die rund 5000 Lokführer mit Beamtenstatus. Sie sind meist in der GDL - doch streiken dürfen sie nicht.

Hamburg - Gereckte Daumen, freundliches Lächeln - und das trotz Verspätung. Wenn die wenigen Züge des ausgedünnten Streik-Sonderfahrplans in die Bahnhöfe einfahren, schlägt den Lokführern derzeit überwiegend eine Emotion entgegen: Dankbarkeit.

Gerade für die Beamten unter ihnen dürfte das ein eher seltenes Erlebnis sein. Standen sie doch lange vor allem für jene alte Behörden-Ära, in denen man sich in zugigen Bahnhöfen geduldig in eine der berüchtigten Schlangen vor den Schaltern einreihte. Kurz: Mit Bahnbeamten verbinden viele die Zeiten, in denen man sich eher als Bittsteller denn als Kunde fühlte.

Mehr als 20 Jahre ist das inzwischen her. Seitdem hat sich das trübe Image der ehemaligen Bundesbahn-Beamten deutlich verbessert - nicht zuletzt wegen der ihnen verordneten Zuverlässigkeit. Schließlich dürfen sie auch in der privatisierten Deutschen Bahn AG nicht streiken. Und es gibt sie auch unter den Lokführern immer noch in großer Zahl: Etwa 5000 der aktiven 20.000 Lokführer sind Unternehmensangaben zufolge Beamte. Gemeinsam mit den bei der GDL-Konkurrenzgewerkschaft EVG organisierten ebenfalls rund 5000 Lokführern sorgen sie dafür, dass trotz Streik überhaupt noch etwas rollt auf Deutschlands Schienen.

"Wir müssen 41 Stunden arbeiten, die Kollegen 39"

Wirklich wohl fühlen sich die meisten von ihnen in dieser Rolle allerdings nicht. Das macht Johannes Delhaes klar, Sprecher der Mobilisierungverereinigung beamteter Lokführer (Mobiv), in der rund tausend Lokführer-Beamte zusammengeschlossen sind. Die meisten beamteten Lokführer sind laut Delhaes auch Mitglieder der GDL, die wiederum zum Deutschen Beamtenbund gehört.

Unmut über die Gewerkschaftsspitze wegen des aktuellen Tarifstreits kann Delhaes nicht feststellen. Im Gegenteil: "Im Geiste stehen die meisten von uns den GDL-Kollegen bei", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Die Argumente, mit denen sich die Bahn-Spitze gegen mehrere Tarifverträge für gleiche Berufsgruppen - und damit gegen den Vertretungsanspruch der GDL auch für das Zugpersonal - wehrt, kann der Mobiv-Sprecher nicht nachvollziehen. "Wir Beamte müssen laut Gesetz ja 41 Stunden Arbeit in der Woche erbringen, die Kollegen laut Tarifvertrag nur 39 Stunden." Die Bahn betreibe also schon jetzt problemlos verschiedene Buchhaltungen für gleiche Berufsgruppen.

Die Bahn widerspricht und verweist darauf, dass ihre beamteten Lokführer genauso lange wie deren Kollegen arbeiten, sie seien ebenfalls 39 Stunden pro Woche eingesetzt. Das habe das Unternehmen vor Jahren bereits festgelegt, eben damit es keine unterschiedlichen Regelungen zur Arbeitszeit und somit keine Probleme mit den Einsatzplänen gebe.

Delhaes zufolge seien die beamteten Lokführer mit den eigenen Arbeitsbedingungen im Übrigen zufrieden - gerade im Vergleich zu den angestellten Kollegen. "Die haben in der höchsten Einkommensstufe locker tausend Euro weniger als wir. Da geht es uns schon besser." Daher könne man auch die Gehaltsforderungen der GDL gut nachvollziehen.

Bahn bekommt Beamte zugewiesen

Der Bahn AG selbst kommen die Beamten im Übrigen in der Regel nicht teurer zu stehen als deren angestellte Kollegen. Denn sie muss die Besoldung und Pensionen ihrer Beamten nicht selbst tragen - anders als die anderen aus den in den Neunzigerjahren privatisierten Behörden hervorgegangenen Konzerne, was für diese eine enorme Belastung darstellt. Die Deutsche Post Chart zeigen etwa gibt die Zahl ihrer Beamten aktuell mit rund 40.000 an, bei der Telekom Chart zeigen sind es etwas mehr als 36.000.

Mit rund 35.000 sind auch die ehemaligen Bundesbahn-Beamten noch in ähnlicher Größenordnung aktiv. Allerdings sind sie eben nicht bei der Bahn selbst, sondern bei einer im Zuge der Privatisierung gegründeten Sonderbehörde mit Namen Bundeseisenbahnvermögen (BEV) angesiedelt. Von dort werden sie der Bahn zugewiesen, die dafür zumeist so viel zahlt, wie sie angestellte Mitarbeiter kosten.

Zu den Besonderheiten dieser Berufsgruppe gehört auch, dass Westdeutsche nahezu unter sich sind. Denn bei der Privatisierung Anfang 1994 behielt meist nur den Beamtenstatus, wer zuvor bei der Deutschen Bundesbahn arbeitete, also der Bahnbehörde der Bundesrepublik. Für die Beschäftigten der ostdeutschen Deutschen Reichsbahn galt das nicht. Auch deshalb sind die Sonderfahrpläne im Osten wesentlich ausgedünnter als im Westen Deutschlands.

Hoher Altersschnitt

Der Bund verleiht seine Beamten also ziemlich günstig an den eigenen Staatskonzern - allzu lange wird die Bahn AG allerdings nicht mehr von dieser für sie ebenso preiswerten wie zuverlässigen Personalgruppe profitieren können. Spätestens in 20 Jahren dürften sie lediglich noch Exotenstatus bei der Bahn besitzen. Denn mit 51,7 Jahren liegt ihr Altersschnitt noch einmal deutlich über dem ohnehin hohen konzernweiten Wert bei Lokführern von 45,6 Jahren.

Das hohe Alter erklärt indes ein Phänomen nur unzureichend: "Die DB kann einen erhöhten Krankenstand in einigen Regionen während des Streiks bestätigen", teilt eine Sprecherin des Konzerns knapp mit. EVG-Chef Alexander Kirchner zufolge sind in einigen Bereichen derzeit bis zu 35 Prozent der Beschäftigten krankgemeldet. Einige Mitglieder der GDL-Konkurrenzgewerkschaft würden sich so dem Tarifkonflikt entziehen.

Gut möglich, dass sich auch einige Beamte auf diese Weise mit ihren GDL-Kollegen solidarisieren. Trotz Streikverbot.

mit Material von dpa

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insgesamt 148 Beiträge
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1. Neo Liberale
ofelas 08.11.2014
diese Politik hat ein klares Ziel, die Infrastruktur zu privatisieren. Wohin das fuehrt sieht man an GB
2. Schön,das es mal jemandenm auffällt,
fortiterinre77 08.11.2014
Das auf den Führerstanden noch viele verbeamtete Lokomotivführer ihren verantwortungsvollen Dienst tun. Dieser Beitrag war lange überfällig, zeigt er doch erstens eine der negativen Folgen der verkorksten Bahnprivatisierung auf, zweitens die immer noch z.T. hohen Gehaltsunterschiede zwischen angestellten und verbeamteten Lokomotivführern auf. Somit wird auch die gebetsmühlenartig vom DB Vorstand vorgetragene, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, keine konkurrierende Tarifverträge "ad absurdum geführt.
3. In Zeiten von Lohndumping...
carnall 08.11.2014
... und Leiharbeit finde ich es gut, dass es überhaupt noch eine Gewerkschaft gibt die kämpft. Verspätung hin oder her. Als Pendler nehme ich es gerne in Kauf negativ von den Streiks betroffen zu sein. Für mich stehen die Streikenden als Symbol für fast alle arbeitenden in Deutschland. Macht weiter so. Und toll finde ich die Solidarität der Beamten.
4. Na toll
Europa! 08.11.2014
Wie wäre es, wenn die Beamten einfach stolz darauf wären, dass sie Arbeit haben und ihre Pflicht gegenüber der Gemeinschaft und ihren Mitmenschen erfüllen? Aber so etwas ist im Kapitalismus wohl von niemandem zu erwarten. Schade um die ehemaligen DDR-Beamten. Bei denen könnte ich sogar verstehen, wenn sie die albernen Mauerfallfeierlichkeiten bestreikt hätten.
5. im Geiste
Champagnerschorle 08.11.2014
Im Geiste stehe ich zu Vielem - so lange ich es nicht praktisch umsetzen oder ertragen muß...
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