Kommentar zum Bahnstreik Der unsympathischste Arbeitskampf Deutschlands

Grundsätzlich hat jeder Streik die Solidarität anderer Arbeitnehmer verdient. Bei den Lokführern ist das anders: Für das Kompetenzgerangel unter konkurrierenden Gewerkschaften muss man kein Verständnis aufbringen.

Bahn-Kunden in Zeiten des Streiks: Der Zug steckt im Tunnel fest
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Bahn-Kunden in Zeiten des Streiks: Der Zug steckt im Tunnel fest

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Selbstverständlich ist es das gute Recht aller Arbeiter und Angestellten, sich zu organisieren, um gemeinsam für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Und selbstverständlich brauchen sie für diesen Kampf ihre einzige Waffe: den Streik. Nur wenn die Drohung wahr gemacht wird, wenn die Räder stillstehen und die Ausfälle Geld und Kunden kosten, können Gewerkschaften für ihre Mitglieder etwas gewinnen. Mit konstruktiven Gesprächen allein sind Arbeitgeber kaum zu beeindrucken.

Deshalb hat jeder Streik grundsätzlich Sympathie verdient, als Ausdruck der Solidarität der vielen mit den Streikenden - denn wer hätte nicht auch gerne und ebenso vollkommen berechtigt ein paar Prozent mehr Lohn? Wenn dann also mal der Zug ausfällt, weil die Lokführer mehr Geld wollen, ist das kein Problem: Die Mehrheit der Bevölkerung hat Verständnis - weil sie versteht, warum und wofür gestreikt wird.

Aber warum sollten sich die Bahnkunden mit der GDL solidarisieren? Das Problem, welche Gewerkschaften die Arbeitnehmer in einem Konzern wie der Bahn vertreten dürfen, ist zwar hinreichend beschrieben und leidlich nachvollziehbar - aber emotional kaum anschlussfähig. Für ein Kompetenzgerangel unter konkurrierenden Gewerkschaften will niemand verständnisvoll seine Reise verschieben.

Zudem streiten Bahn und GDL jetzt schon zu lange ohne Ergebnis. Hier scheint kein Kompromiss möglich: Weder Konzern noch Gewerkschaft können wie bei simplen Tarifverhandlungen einfach ein paar Prozente abtreten, um sich in der Mitte zu treffen. Es gibt diese Mitte nicht.

Das ist das Frustrierende an diesem Streik, mal ganz abgesehen von seiner absurden Länge und den Widrigkeiten, die er für die Pendler mit sich bringt: Der Zug steckt im Tunnel fest, und kein Licht ist zu sehen.

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Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kuzmany@spiegel.de

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Überblick: Der Tarifkonflikt bei der Bahn
Was will die GDL?
Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten. Zusammengerechnet ergibt sich eine Steigerung von 15 Prozent. Weselsky will zudem künftig nicht nur Tarife für die rund 19.000 Lokführer aushandeln, sondern auch für die Zugbegleiter und Rangierführer unter den GDL-Mitgliedern. Bislang wurden diese von der Eisenbahn und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten.
Was bietet die Bahn?
Die Bahn bietet eine dreistufige Einkommenserhöhung um fünf Prozent, verteilt auf 30 Monate. Dazu eine Einmalzahlung von rund 325 Euro. Konkurrierende Tarifverträge innerhalb einer Berufsgruppe will der Konzern aber in jedem Fall vermeiden. Die Bahn hatte angeboten, bei Tarifgesprächen künftig parallel mit GDL und EVG zu verhandeln. Sollte dann nur eine Gewerkschaft einem Kompromiss zustimmen, soll dieser auch nur für ihre Mitglieder gelten. Die andere Gewerkschaft soll nach Willen der Bahn dann aber nicht mehr streiken dürfen.
Was kosten Bahnstreiks die Wirtschaft?
Streiks bei der Deutschen Bahn kosten die Wirtschaft nach Prognose von Forschern schnell einen dreistelligen Millionenbetrag, abhängig von Länge und Intensität. "Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen sind in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten", schreibt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). "Die Schäden können dann schnell auf mehr als 100 Millionen Euro pro Tag steigen."



insgesamt 408 Beiträge
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imlattig 05.11.2014
1. der bundestag...
hat die privatisierung der bahn beschlossen und somit beamte zu angestellten gemacht die streiken duerfen. bitte beschweren sie sich bei der politik.
klaus-bärbel 05.11.2014
2. Mir gehts anders.
Gerade vor dem politischen Hintergrund, dass die Macht der kleineren Nicht-DGB-Gewerkschaften gebrochen werden soll, habe ich für diesen Streik mehr Verständnis, als wenn es nur um 2,50 EUR geht.
wo_st 05.11.2014
3. Es geht doch nur um eines Mannes Macht ...
... und es geht nicht um die paar Prozente. Wer so Machtgeil einen Streik anzettelt, der stellt sich ins Abseits. Und wieviel Prozent der Lokführer sind für den Streik?
women_1900 05.11.2014
4. Der unsympathischste Arbeitskampf Deutschlands
Nun, unsympathisch wohl auch wegen der negativen Pressekampagne. Obwohl ich als Pendlerin betroffen bin, stehe ich voll hinter dem Streik der GDL. Es geht nicht nur um mehr Geld, es geht jetzt auch um den Erhalt des kleinen Restes an freiheitlich, demokratischen rechten udn Arbeitnehmer Rechten. Ich wünschte mir, es gäbe mehr derartig mutige Menschen wie Weselsky und die Lokführer in diesem Lande. Dann gäbe es weniger mordernes Sklaventum. So aber sind viele gegen diesen Streik, kommt vielleicht auch daher, daß die eigene Feigheit indirekt zum Vorschein kommt und, wie immer, wird der Neid in unserer Gesellschaft durch die Presseberichte angeheizt. Nichts ist leichter in D, als den Neid der Leute hervorzurufen, um dann locker flockig einen weiteren Abbau von Arbeitnehmerrechten, Verbraucherschutz, Sozialleistungen durchzuziehen. Dann bleibt den Leuten wieder das große Gejammere in Foren. Aber darüber nachdenken, daß die Eskalation politisch durchaus gewollt ist, Merkel, Nahles & Co. nur darauf warten, daß die Bereitschaft der Bevölkerung zur Beschneidung des Tarifrechtes gegeben ist, ist natürlich wesentlich anstrengender, als hinterher zu jammern. Der Bahnvorstand Grube weiß dies natürlich auch.
syd_ 05.11.2014
5. Ich finde es gut
Im Gegensatz zu Piloten verdienen die einen Witz und sind genauso für sehr viele Menschenleben verantwortlich. Wer da kein Verständnis hat soll dann bitte selbst auch nicht mehr Streiken. Klar betrifft das mehr Personen als ein Streik bei Metallarbeitern aber das ist halt so wenn man Lokführer ist.
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