Bankenchef Gorman Zahlenfuchser führt Morgan Stanley in die Kulturrevolution

Bescheidenheit statt Überheblichkeit, Fusionsberatung statt Finanzzockerei: Die US-Bank Morgan Stanley durchlebt eine Kulturrevolution. Der neue Vorstandschef Gorman entpuppt sich als Gegenpol zu den Basta-Bossen der Wall Street.

Von , New York


Fotostrecke

3  Bilder
Neuer Morgan-Stanley-Chef Gorman: Medienscheuer Zahlenfuchser

Er war einer der letzten der alten Garde. John Mack, bis zum Jahreswechsel Chef der US-Großbank Morgan Stanley, war für sein Temperament berüchtigt. Er brüllte, warf mit Telefonen um sich, feuerte Untergebene. Während der Kreditkrise ließ er dem Notenbank-Regionalpräsidenten und heutigen Wirtschaftsminister Timothy Geithner ausrichten, er möge sich gefälligst "verpissen".

Macks Spitzname, "Mack the Knife", war wohlverdient.

In seinen letzten Wochen als Bankenboss ließ Multimillionär Mack das Messer stecken. Er verzichtete auf seinen Jahresbonus, übte Selbstkritik, befürwortete sogar mehr Staatsaufsicht. "Wir können uns nicht selbst kontrollieren", sagte er. Seinen Chefsessel übergab er am 1. Januar ohne viel Brimborium an James Gorman, den bisherigen Co-Präsidenten des Konzerns.

Der setzte den neuen, leiseren Stil von Morgan Stanley nicht nur fort - er personifiziert ihn geradezu. Gormans ist ein relativer Outsider. "Er ist nicht mit den gleichen Altlasten befrachtet wie manche von uns", sagte sein Vorgänger Mack dem "Wall Street Journal". Mehr noch: Nach der turbulenten Ära seines Vorgängers ist Gorman geradezu der Anti-Mack, der Gegenpol zu vielen anderen Basta-Bossen der Wall Street.

Gorman gilt als introvertiert, pressescheu, diszipliniert und ist erst seit knapp zehn Jahren an der Wall Street; er gilt als Zahlenfuchser, der sich noch heute noch daran erinnert, wann genau er das Rauchen aufgab: am 18. März 1983 um 17 Uhr.

"Stille Zuversicht"

Schon im Herbst, als seine Beförderung beschlossen wurde, begann der Exil-Australier Gorman hinter den Kulissen, die Unternehmenskultur umzukrempeln. Er führte Hunderte Einzelgespräche mit Angestellten, rüttelte das Top-Management kräftig durch.

Gorman machte Firmenveteranin Ruth Porat zur Finanzchefin und höchstrangigen Frau bei Morgan Stanley, seit Co-Präsidentin Zoe Cruz 2007 geschasst wurde. Zugleich plant er eine neue Bonusstruktur, als Reaktion auf die öffentliche Kritik an den Wall-Street-Salären: Spitzenmanager sollen nur noch ein Viertel ihrer Bezüge bar erhalten, den Rest in Verzugsaktien.

Den Chefposten trat Gorman diese Woche per interner Videoschaltung an, bei der er, wie der Finanzdienst Dow Jones berichtete, seinen rund 45.000 Mitarbeitern ausdrücklich "stille Zuversicht" ans Herz legte. Der 51-Jährige winkte dabei mit zwei druckfrischen Analystenberichten. Darin stuften Glenn Schorr (UBS) und Howard Chen (Credit Suisse) Morgan Stanley auf "Buy" beziehungsweise "Outperform" hoch. Chen bezeichnete 2010 als potentiellen "Wendepunkt" für die Firma - Morgan Stanleys Aktienkurs legte 4,4 Prozent zu.

Als "erster Nachkrisenchef der Wall Street" ("Wall Street Journal") will Gorman das 1935 gegründete Traditionshaus als schlankere, sanftere, doch attraktivere Alternative zu Goldman Sachs und JPMorgan Chase positionieren - und zugleich das miese Image abschütteln, das der US-Finanzbranche seit der Krise anhängt. Dazu betonte er, dass Morgan Stanley künftig vorsichtiger mit Finanzrisiken umgehen soll.

Kulturrevolution zeigt bereits Wirkung

Tatsächlich befindet sich die Bank auf dem Weg der Besserung. Ende 2008 schwer angezählt, ist die Traditionsbank inzwischen wieder profitabel: Im dritten Quartal 2009 verbuchte sie ein Plus von 757 Millionen Dollar. Der Aktienkurs hat sich seit dem Tief vom Oktober 2008 (6,71 Dollar) auf zuletzt fast 33 Dollar erholt. Und Morgan Stanley hat schlechte Presse, wie sie etwa Goldman Sachs verfolgt, weitgehend vermeiden können.

Mehr noch: Ebenso unauffällig wie überraschend hat sich das Institut zum Dealmaker Nr. 1 der Wall Street gemausert. 2009 betreute es Fusionen und Firmenübernahmen im Wert von 586 Milliarden Dollar und überholte Goldman Sachs damit erstmals seit dem Jahr 2000 im hochprofitablen, wenn auch kaum aufsehenerregenden Geschäftsfeld Mergers & Acquisitons (M&A).

Dennoch ist auch für Morgan Stanley noch längst nicht alles ausgestanden. Wahre Erholung liegt fern. Im Gesamtjahr 2009 dürfte die Bank weiter rote Zahlen schreiben. Die ramponierte Trading-Abteilung rappelt sich nur mühsam wieder auf. Der Schock vom September 2008 sitzt noch vielen in den Knochen: Da wurde Morgan Stanley in einen ähnlichen Teufelskreis aus Gerüchten, Verlusten und Kursstürzen gesogen wie die Investmentbank Lehman Brothers, die letztlich unterging.

Solche Erfahrungen können manch Großbanker offenbar zu mehr Bescheidenheit erziehen - Morgan Stanleys Vize Rob Kindler etwa. Der hat unlängst das Nummernschild seines Autos ausgewechselt. Das alte lautete "2BG2FAIL", in Anspielung aufs kontroverse Motto "Too Big To Fail" ("zu groß, um zu scheitern"), laut dem die US-Regierung systemkritische Banken stets mit Milliardenspritzen rettet.

Das neue Schild klingt laut "New York Times" bescheidener: "MNA GUY."

insgesamt 1528 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
saul7 16.11.2009
1. Nein,
Zitat von sysopEin Jahr nach dem Beinahe-Kollaps der Finanzbranche fassen die Banker wieder Mut: Bei einem Gipfeltreffen in Frankfurt debattierten Ackermann und Co. die Lehren aus der Krise - und mokierten sich vor allem über die Regulierungswut der Regierungen. Haben die Banken Ihrer Meinung nach eigentlich etwas aus der Krise gelernt? Diskutieren Sie mit!
die Banken haben nichts aus der Krise gelernt, weil die Politik ihnen nicht längst überfällige Regularien verpasst hat. Die Zockerei darf also weitergehen. Auf eine Entschuldigung der Banken darf noch gewartet werden!!
hajott59, 16.11.2009
2. warum auch?
Nein, die haben nichts gelernt. Warum sollten sie auch? Wenn es eng wird, kommt das große Füllhorn über sie und gut ist!
yato, 16.11.2009
3. ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen
es wurde auf beiden seiten des atlantiks versäumt die gigantischen staatshilfen an knallharte bedingungen zu koppeln und noch etwas noch wichtigeres wurde versäumt: den bankstern klarzumachen, dass nicht nur der kunde in den knast kommt, der eine bank überfällt, sondern dass dies auch umgekehrt gilt, wenn eine bank ihre kunden überfällt. man könnte dies noch nachholen... denn die heutige welt braucht ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen zumindest beim nächsten mal, wenn die jungs den karren nochmal in den dreck fahren, (was absehbar ist) müssen sie entmachtet werden! geteert und gefedert und vor allem ihre gewinne und vermögen die heute schon faktisch auf kosten des steuerzahlers gehen, eingezogen werden! die scheinen nicht auf vernunft, sondern nur auf die peitsche zu hören, denn sie machen weiter wie vorher und fühlen sich sicher mit ihrer mächtigen lobby armee und ihre geburtstagsfeiern mit kanzlerin so gehts nicht!
yato, 16.11.2009
4. ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen
es wurde auf beiden seiten des atlantiks versäumt die gigantischen staatshilfen an knallharte bedingungen zu koppeln und noch etwas noch wichtigeres wurde versäumt: den bankstern klarzumachen, dass nicht nur der kunde in den knast kommt, der eine bank überfällt, sondern dass dies auch umgekehrt gilt, wenn eine bank ihre kunden überfällt. man könnte dies noch nachholen... denn die heutige welt braucht ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen zumindest beim nächsten mal, wenn die jungs den karren nochmal in den dreck fahren, (was absehbar ist) müssen sie entmachtet werden! geteert und gefedert und vor allem ihre gewinne und vermögen die heute schon faktisch auf kosten des steuerzahlers gehen, eingezogen werden! die scheinen nicht auf vernunft, sondern nur auf die peitsche zu hören, denn sie machen weiter wie vorher und fühlen sich sicher mit ihrer mächtigen lobby armee und ihre geburtstagsfeiern mit kanzlerin so gehts nicht!
yato, 16.11.2009
5. ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen
es wurde auf beiden seiten des atlantiks versäumt die gigantischen staatshilfen an knallharte bedingungen zu koppeln und noch etwas noch wichtigeres wurde versäumt: den bankstern klarzumachen, dass nicht nur der kunde in den knast kommt, der eine bank überfällt, sondern dass dies auch umgekehrt gilt, wenn eine bank ihre kunden überfällt. man könnte dies noch nachholen... denn die heutige welt braucht ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen zumindest beim nächsten mal, wenn die jungs den karren nochmal in den dreck fahren, (was absehbar ist) müssen sie entmachtet werden! geteert und gefedert und vor allem ihre gewinne und vermögen die heute schon faktisch auf kosten des steuerzahlers gehen, eingezogen werden! die scheinen nicht auf vernunft, sondern nur auf die peitsche zu hören, denn sie machen weiter wie vorher und fühlen sich sicher mit ihrer mächtigen lobby armee und ihre geburtstagsfeiern mit kanzlerin so gehts nicht!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.