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Obergrenze für Banker-Boni: EU-Beschluss schockiert Londoner City

Von , London

Das Europaparlament hat sich durchgesetzt, Großbritannien ist der große Verlierer: Die nächtliche Einigung in Brüssel auf eine Begrenzung von Banker-Bonuszahlungen empört die Finanzbranche in der Londoner City.

Ab dem 1. Januar 2014 dürfen Boni in der Finanzbranche nur noch maximal doppelt so hoch sein wie Festgehälter. Dies beschlossen Europa-Parlament, EU-Kommission und irische EU-Ratspräsidentschaft nach achtstündigen Verhandlungen am frühen Donnerstagmorgen. Betroffen sind alle in der EU arbeitenden Banker sowie die Mitarbeiter europäischer Banken im außereuropäischen Ausland.

Viele Bankmitarbeiter erhalten jetzt schon keine höheren Boni. Aber gerade Investmentbanker sind an Sonderzahlungen gewöhnt, die häufig zehnmal so hoch sind wie ihr Festgehalt. Die neue Obergrenze ist also durchaus radikal. Der SPD-Verhandlungsführer Udo Bullmann feierte den Durchbruch als "Revolution im Finanzmarkt".

Die ersten Reaktionen in Europas Finanzmekka fielen hingegen harsch aus. Es sei "die möglicherweise verblendetste Maßnahme aus Europa, seit Diokletian versuchte, die Lebensmittelpreise über das ganze Römische Reich hinweg festzusetzen", wetterte Londons klassisch gebildeter Bürgermeister Boris Johnson. Brüssel könne nicht einfach die Bezahlung einer ganzen Branche festlegen. Der Vorstoß helfe der Konkurrenz in den USA und Asien und entfremde die Briten weiter von der EU.

Die Londoner Bankenlobby hatte darauf vertraut, dass ihre Regierung sie gegen die Europaparlamentarier verteidigen werde. Doch setzten die britischen Vertreter fast keine der gewünschten Ausnahmen durch. Unter anderem hatten sie die Filialen im Ausland von der Regelung ausnehmen wollen.

Die Downing Street überlegt nun, wie sie auf den Beschluss reagieren soll.

Sie hat zwei Möglichkeiten:

  • Schatzkanzler George Osborne könnte beim EU-Finanzministertreffen am kommenden Dienstag rebellieren. Er könnte darauf hinweisen, dass es gute Sitte in der EU sei, in Finanzfragen Großbritannien nicht zu überstimmen. Doch würde das die Partner kaum umstimmen, sondern nur unterstreichen, dass Großbritannien isoliert ist.
  • Osborne könnte daher auch gute Miene zum bösen Spiel machen. Er könnte sich hinter den Deal stellen und auf die Ausnahmen für Aktien und andere Nicht-Cash-Belohnungen verweisen, die seine Leute herausgehandelt haben. Dann würde er zumindest nicht als Verlierer dastehen.

Noch ist die Regierung offenbar unschlüssig. Man werde nun überlegen, mit welcher Position Großbritannien zum Finanzministertreffen reise, sagte Premierminister David Cameron am Donnerstag. "Wir haben, anders als andere EU-Länder, große internationale Banken, die ihren Sitz in Großbritannien haben, aber in aller Welt aktiv sind."

Ähnlich zurückhaltend gab sich der britische Bankenverband. Man wisse noch nicht, ob man die EU-Entscheidung kommentieren wolle, hieß es bei den Londoner Lobbyisten am Donnerstagmorgen. Offenbar wollen sie erst abwarten, was die Nachverhandlungen in den kommenden Tagen bringen.

Der Beschluss lässt aber nur noch wenig Spielraum. Es sei schwer zu erkennen, wie dieser Kompromiss wieder aufgeschnürt werden könne, sagte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier.

Star-Trader könnten zu Hedgefonds wechseln

Bonuszahlungen sollen künftig im Verhältnis 1:1 zum Festgehalt stehen. Sie können auf 2:1 ansteigen, wenn zwei Drittel der Aktionäre des Unternehmens dem zustimmen. Der Bonus kann unter bestimmten Umständen auch noch weiter steigen: Bis zu einem Viertel der Sonderzahlung kann in Aktien gezahlt werden, die mindestens fünf Jahre gehalten werden müssen. Deren Wert soll reduziert angerechnet werden, so dass der Nominalwert des Bonus am Ende mehr als zwei Festgehälter betragen kann. Wie genau Aktien angerechnet werden sollen, muss nun die in London ansässige europäische Bankenaufsicht EBA austüfteln.

In London besteht nun die Angst, dass einige Großbanken ihren Hauptsitz verlegen könnten. Insbesondere Standard Chartered und HSBC, die beide stark im Asien-Geschäft tätig sind, könnten versucht sein, nach Hongkong zu wechseln.

Die Mehrheit jedoch wird bleiben - und sich den neuen Gegebenheiten anpassen. Um im internationalen Gehälterwettbewerb mithalten zu können, muss künftig eben das Festgehalt angehoben werden. Star-Trader, die nicht auf Mega-Boni verzichten wollen, könnten zu Hedgefonds wechseln. Diese bleiben vorerst unreguliert.

Insgesamt dürfte die Bezahlung in der Branche aber deutlich fallen. Anders sei die negative Reaktion der Banken nicht zu erklären, sagte Philippe Lamberts, grüner Verhandlungsführer im Europa-Parlament.

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1.
Hupert 28.02.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDas Europa-Parlament hat sich durchgesetzt, Großbritannien ist der große Verlierer: Die nächtliche Einigung in Brüssel auf eine Begrenzung von Banker-Bonuszahlungen empört die Finanzbranche in der Londoner City. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/banker-boni-schock-in-der-londoner-city-a-886126.html
So eine bodenlose Frechheit aber auch! Nein, Spaß beiseite, anhand solcher Reaktionen merkt auch "Normalbürger" wie gänzlich weltfremd diese "Leistungselite" eigentlich ist... erst Abermilliarden mit windigen Investmentgeschäften verzocken, einen ganzen Kontinent in eine tiefe Rezession stürzen, ihre Arbeitgeber dann vom Steuerzahler retten lassen und dann auch noch das Maul aufreißen wenn dem ENDLICH mal wenn auch nur im Ansatz ein Riegel vorgeschoben wird. Was noch lange, laaaange nicht weit genug geht. Rein menschlich gesehen unterster Gesellschaftsbodensatz... ganz erbärmlich.
2. Längst Überfällig ...
gaiusbonus 28.02.2013
... jetzt noch eine saftige Transaktionssteuer, und ein Embargo gegen alle Länder die sich gegen eine solche Regelung stellen. Sie denken das ist zu radikal? Es ist die einzige Lösung die den Knall noch irgendwie eindämmen kann ... vorsichtig ausgedrückt. Wir könnne auch wie die Lemminge auf den Knall warten.... meine Methode wäre das nicht.
3. Wäre Cameron ehrlich gewesen
leif 28.02.2013
hätte er gesagt: "Wir haben, anders als andere EU-Länder, * nichts mehr außer ein paar * große internationale Banken, die ihren Sitz in Großbritannien haben, aber in aller Welt aktiv sind."
4. Mein Gott ....
baconneck 28.02.2013
warum erhöhen die nicht einfach ihre Festgehälter? Den Bonus gibt es doch immer, auch Milliarden versenkt werden. Sind die dumm!!!
5.
Maya2003 28.02.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDas Europa-Parlament hat sich durchgesetzt, Großbritannien ist der große Verlierer: Die nächtliche Einigung in Brüssel auf eine Begrenzung von Banker-Bonuszahlungen empört die Finanzbranche in der Londoner City. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/banker-boni-schock-in-der-londoner-city-a-886126.html
" ..... und entfremde die Briten weiter von der EU." Das zeigt WEM sich Gestalten wie Johnson verpflichtet fühlen. DIE Briten - gleichgesetzt mit den Herren und Damen der Investmentbanken. Im übrigen ist das nur Geschrei; wer glaubt denn schon daß die Beschlüsse auch greifen ? So naiv kann doch niemand sein. Das eine oder andere Hintertürchen wird Brüssel schon eingebaut haben.
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