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Skandalbank: Ex-Barclays-Mitarbeiter berichtet von Atmosphäre der Angst

Immer neue Enthüllungen belasten Barclays. Jetzt hat ein ehemaliger leitender Angestellter die Führungspraktiken bei der britischen Skandalbank beschrieben. Demnach kam es sogar zu körperlichen Drohungen - und das Top-Management muss wohl von Zinsmanipulationen gewusst haben.

Bankenviertel in London: Tränen nur vor der Tür Zur Großansicht
AP

Bankenviertel in London: Tränen nur vor der Tür

Berlin - Der britische Zinsskandal zieht weitere Kreise. Ex-Barclay-Chef Bob Diamond hat vor dem Ausschuss des britischen Unterhauses versucht, sich als Opfer statt als Täter darzustellen. Ihm sei körperlich übel geworden, als er von den Zinsmanipulationen erfahren habe, behauptete der Banker. Die Wut gelte dem völlig inakzeptablen Verhalten von 14 Maklern, die den Libor - sozusagen der Leitzins für die Kredite der Banken untereinander - manipuliert hätten.

Körperlich übel dürfte es allerdings auch einigen seiner Mitarbeiter geworden sein, als sie von den Schuldzuweisungen ihres ehemaligen Chefs erfuhren. Einer von ihnen, ein leitender Angestellter, der inzwischen nicht mehr bei der Skandalbank arbeitet, brach deshalb jetzt mit einem Tabu, das in der Branche gilt: Er packte aus und beschrieb Reportern der Londoner Tageszeitung "The Indepedent", wie es hinter der hochglänzenden Fassade des Bankhauses aussah.

Seine Beschreibungen lassen am Ende nur einen Schluss zu: Das Top-Management von Barclays muss von den Zinsmanipulationen zwischen 2005 und 2008 gewusst haben. Denn aufgrund der strengen Hierarchie hatten rangniedrigere Angestellte dem Bericht zufolge praktisch keinen Handlungsspielraum. Was sie taten und unterließen, war demnach Befehl von oben.

Bedenken gegen die Manipulation der für die Bestimmung des Libor entscheidenden Zinswerte seien klar formuliert worden, berichtet der Banker. "Das Thema Libor-Fixing wurde von mehreren Mitarbeitern angesprochen. Deren Vorgesetzte haben die Bedenken mit Sicherheit weitergegeben, denn andernfalls hätten sie mit disziplinarischen Maßnahmen rechnen müssen - bis hin zur Entlassung", erklärte der Manager.

Behörde ermittelt gegen zwei Dutzend Geldhäuser

Seine Einschätzung stützt der Ex-Barclays-Mitarbeiter mit einer düsteren Beschreibung der Arbeitsatmosphäre in dem Bankhaus. Mitarbeiter seien eingeschüchtert, in Einzelfällen sogar körperlich bedroht worden, Strafstunden ein beliebtes Sanktionsinstrument gewesen. Große Unruhe habe regelmäßig die jährliche Beurteilung durch die Vorgesetzten hervorgerufen, weil sie extrem große Bedeutung für den Fortgang der Karriere bei Barclays gehabt habe. Nicht wenige Mitarbeiter seien am Ende des Tages in Tränen aufgelöst gewesen, fügt der Manager hinzu - in aller Regel hätten sie aber erst vor der Tür ihren Emotionen freien Lauf gelassen, weil solche Anzeichen von Schwäche im Haus nicht toleriert worden wären.

Der Skandal um die Manipulation des Libor hat bislang ein verheerendes Echo in der britischen Öffentlichkeit ausgelöst. Ein Teil der 19 an der Libor-Erhebung beteiligten Banken - darunter die Barclays-Bank - steht im Verdacht, der britischen Zentralbank zwischen 2005 und 2008 falsche Werte übermittelt und aus den Schwankungen Profit geschlagen zu haben. Das britische Serious Fraud Office (SFO) führt deshalb derzeit strafrechtliche Ermittlungen gegen die Großbank durch.

Barclays hatte als erste Bank in dem Skandal eine Strafe von 290 Millionen Pfund zahlen müssen, Institutschef Bob Diamond musste zurücktreten. Im britischen Unterhaus hatte sich der einstige Top-Banker als Opfer darzustellen versucht. Die Zinsmanipulationen seien ein branchenweites Problem, sagte der 60-jährige Amerikaner in der mehrstündigen Anhörung. Tatsächlich ermitteln Behörden in dem Skandal inzwischen gegen bis zu zwei Dutzend Geldhäuser, darunter auch die die Deutsche Bank.

mik

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insgesamt 49 Beiträge
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1. kommt es auch nicht mehr drauf an
Mueller-Luedenscheid 07.07.2012
Hauptsache wir retten die Banken, schließlich hängen unsere Sparkonten und Lebensversicherungen dran, m.a.W. jeder ist mit im Boot. So einfach ist das. Einfach : Unsere Einlagen dadurch "retten" dass wir sie nochmals "kaufen" bei denen die sie versemmelt haben.
2. lächerlich korrupte Justiz
CHANGE-WECHSEL 07.07.2012
Zitat von sysopAPImmer neue Enthüllungen belasten Barclays. Jetzt hat ein ehemaliger leitender Angestellter die Führungspraktiken bei der britischen Skandalbank beschrieben. Demnach kam es sogar zu körperlichen Drohungen - und das Top-Management muss wohl von Zinsmanipulationen gewusst haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,843127,00.html
Es ist lächerlich und zeugt von der Korruptheit der Justiz in jedem Land, dass die eigentlichen Kriminellen und Verbrecher der Bankenbetrugskrise und Finanzbetrugskrise immer noch frei herum laufen. Aber man kennt sich halt aus der Schule, vom Studium oder aus den Kreisen der "ehrenwerten und besseren" Gesellschaft. Alle wird scheinbar übel, was glauben sie, wie übel mir über so viel Korruption ist!
3. Verantwortung den Verantwortlichen
ramy83 07.07.2012
Hat vielleicht keine große Bedeutung noch eine weitere große Bank zu retten, aber darum geht es in dem Artikel auch gar nicht. Es geht viel mehr darum, dass die Verantwortlichen endlich auch mal zur Verantwortung gezogen werden und nicht mit einem "Ich hab von nichts gewusst" grinsend aus dem Gerichtssaal spazieren.
4. Die Spitzenfunktionäre gehören in den Knast und danach in den persönlichen Bankrott
Tolotos 07.07.2012
Zitat von sysopAPImmer neue Enthüllungen belasten Barclays. Jetzt hat ein ehemaliger leitender Angestellter die Führungspraktiken bei der britischen Skandalbank beschrieben. Demnach kam es sogar zu körperlichen Drohungen - und das Top-Management muss wohl von Zinsmanipulationen gewusst haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,843127,00.html
Solange die Spitzenfunktionäre davon ausgehen können, dass sie straffrei bleiben, werden wir wohl noch öfter davon hören.
5. Die Ausreden werden zwar
Tahlos 07.07.2012
farbenfreundlicher, aber laufen wie immer auf das Fazit: "Ich bin entsetzt was 'die Anderen' da wieder gemacht haben". Die Führungspersonen im Bankensektor scheinen sich grundsätzlich darauf verständigt zu haben einfach sehr viel Geld für Nichts zu verdienen und kommen damit auch seit Jahrzehnten prima mit durch. Warum es für diesen Berufszweig überhaupt sowas wie eine Ausbildung gibt, ist inzwischen fragwürdig. Es würden doch einfach charakterliche Vorzüge wie Skrupellosigkeit völlig reichen. Fachwissen benötigt man scheinbar überhaupt nicht.
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Interbankenmarkt und Libor-Zinssatz
Interbankenmarkt
Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Banken, die kurzfristig Geld übrig haben, verleihen es an Banken mit kurzfristigem Finanzbedarf. Geber- und Nehmerbanken wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen, denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieses Vertrauen ist seit der Lehman-Pleite im Jahr 2008 gestört. Weil deshalb der Interbankenmarkt nicht mehr richtig funktioniert, müssen immer wieder die Notenbanken einspringen und die Geschäftsbanken mit billiger Liquidität versorgen.
Libor-Zinssatz
Der Libor - die London Interbank Offered Rate - wird seit den achtziger Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Aus den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz, an dem sich zahlreiche andere Kredite mit variablem Zinssatz orientieren.
Wie kann der Libor manipuliert werden?
Das Problem ist, dass es auf dem Interbankenmarkt im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft an Transparenz mangelt. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen.
Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?
Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie auch für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung: Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können dabei jenen Händlern zu Gewinnen verhelfen, die mit Hilfe entsprechender Derivate auf niedrige Zinsen gewettet haben.
Weiß man, wie viel Geld die Zinsmanipulationen eingebracht haben?
Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.
Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?
Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro Interbank Offered Rate - für den Euro. Er wurde im Jahr 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die im Vergleich zum Libor höhere Zahl der beteiligten Banken soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen beim Euribor.


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