Hamburg - Ihren durchschnittlichen Kunden halten viele Baumärkte offenbar für ziemlich verrückt - zeichnen die Unternehmen in der Fernsehwerbung doch seit Jahren ein bizarres Bild von ihm. Der deutsche Heimwerker, so suggerieren sie, lasse sich von nichts und niemandem stoppen.
Dass ein fröhlicher Mike Krüger ein überdimensionales Vogelhäuschen in der Größe eines ausgewachsenen Rhododendron zimmert, mutete dabei noch harmlos an. Dass zwei Gartenfetischisten eine lebende Kuh mit der Motorsäge zerteilen, um an ein von ihr verspeistes Päckchen Schrauben zu gelangen und so den Terrassenbau vollenden zu können, überschritt für manchen die Grenze des guten Geschmacks - auch wenn die Szene im Werbespot der Firma Hornbach nur angedeutet wird.
Ein Körnchen Wahrheit scheint indes in den Übertreibungen zu stecken. Zeigt sich doch immer deutlicher: Unbeirrbarkeit zeichnet den deutschen Heimwerker tatsächlich aus. Anders ist kaum zu erklären, dass die Baumärkte mitten in der Krise und gegen den allgemeinen Trend noch immer wachsen. Während 2009 der Einzelhandel bundesweit 1,8 Prozent verlor, verzeichneten Obi, Hornbach und Co. ein Umsatzplus von 0,7 Prozent.
Fachleute erklären das Phänomen so: In der Krise machen es sich die Leute zu Hause bequem und leisten sich lieber ein neues Parkett als eine Fernreise. So manche Branche hat sich schon zum Profiteur dieses landläufig als "Homing" bezeichneten Trends erklärt. Die Baumärkte scheinen auch dazuzugehören.
Osteuropa baut ab
"In der jüngsten Rezession hat sich das Phänomen verstärkt", sagt Branchenanalyst Christoph Schlienkamp. Auf bisher nicht gekannte Weise haben sich die Baumärkte vom allgemeinen Krisengejammer abgekoppelt und als Anti-Zykliker in den Depots bewährt.
Einen Kratzer verpasst lediglich der harte Winter den meisten Baumärkten. Zwar legten die Geschäfte auch im ersten Quartal im Schnitt um 2,3 Prozent zu, allerdings von einem niedrigen Niveau im Vorjahr. Auch das wechselhafte Wetter im Mai bereitet manchem Branchenkenner Sorge. Viele Hobbygärtner haben ihren Jahreseinkauf bislang vor sich hergeschoben - in den nächsten Wochen entscheidet sich, ob sie ihn überhaupt noch nachholen oder in diesem Jahr einfach weniger pflanzen.
Trotzdem herrscht in der Branche gute Stimmung - auch wenn nicht alle Baumärkte gleichermaßen von der Krise profitieren. Vor allem Praktiker hatte von den jahrelangen Preisschlachten hierzulande ("20 Prozent auf alles!") genug und sich auf eine breite Expansion im Ausland begeben. Knapp jeder vierte der 441 Märkte liegt mittlerweile außerhalb Deutschlands.
Unglücklicherweise setzte Praktiker bei seiner Expansion vor allem auf Länder, die unter der jüngsten Krise besonders heftig leiden. Dass das Unternehmen mittlerweile 26 Märkte in Rumänien hat, 19 in Ungarn, 11 in Griechenland und 21 in Polen, wirkt nicht eben stabilisierend auf das Konzernergebnis. Um sieben Prozent brach der Umsatz im Auslandsgeschäft im ersten Quartal ein, nachdem er schon im Vorjahr klar rückläufig war.
"In den vergangenen Jahren hat wegen des harten Verdrängungswettbewerbs fast jeder sein Heil im Ausland gesucht", sagt Analyst Schlienkamp. "Doch nun erweist sich das Deutschland-Geschäft als wesentlich stabiler."
"Ein Loch ist ein Loch und kein Projekt"
Davon profitiert vor allem das Unternehmen Hornbach. Nur elf seiner 131 Filialen sind in Osteuropa. Das Sortiment ist breit aufgestellt und daher wenig trendanfällig. "Mit dieser Strategie ist Hornbach den größten Tiefen der Krise nicht so stark ausgeliefert", sagt Schlienkamp. Auch die Zukunftsaussichten seien gut.
Auch in puncto Rabatte gilt Hornbach als Vorbild. Das Unternehmen wirbt schon lange damit, keinen Preisnachlass zu gewähren. Jetzt setzt sich in der gesamten Branche die Erkenntnis durch, dass aggressivste Rabattschlachten weder Umsatz, Gewinn, noch Marktanteil nachhaltig erhöhen.
Praktiker zieht jetzt offenbar Konsequenzen. Bis 2013 will Chef Wolfgang Werner die Rendite auf mindestens drei Prozent trimmen. Billigpreise stehen nicht mehr im Fokus. Das Unternehmen will bei Produktqualität und Service "genauso gut werden" wie die Konkurrenz.
Einigen Konkurrenten geht der momentane Hornbach-Hype schon mächtig auf die Nerven, was seinen Ausdruck nicht zuletzt in den neuen Werbespots findet. Dass Hornbach darin quasi jedes Werkeln der Kundschaft zum "Projekt" kürt, stößt beispielsweise der Konkurrenz von Rewe (Toom Baumärkte) übel auf.
In einem von dessen Werbespots heißt es: "Ein Loch in der Wand ist ein Loch in der Wand. Und kein Projekt."
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