Baumarkt Obi: Kettensäge mit selbstgemachtem Sicherheitssiegel

Von Nils Klawitter

Deutschlands größte Baumarktkette täuschte offenbar jahrelang ihre Kunden: Auf etlichen Obi-Produkten klebten nach SPIEGEL-Informationen Qualitätssiegel ohne gültiges Zertifikat. Der Konzern weist dies zurück. Doch interne Dokumente belegen, wie ernst er es mit der Sicherheit wirklich nimmt.

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DPA

Pünktlich zum Herbstbeginn greifen Deutschlands Gartenbesitzer zu schwerem Gerät: Häcksler, Laubsauger und Sägen sind im Einsatz. Falls aufgerüstet werden muss, geht's in den Baumarkt, die Waffenkammer des deutschen Hobbygärtners und Heimwerkers. Viele Geräte gibt es dort mitunter erstaunlich günstig. Gleich neben den Markenherstellern hängen die preiswerten Eigenmarken der Baumärkte. Und hier wie da verspricht eine Vielzahl verschiedener Prüfsiegel beste technische Qualität.

Als besonders glaubwürdig galt dabei bislang das GS-Zeichen. Es steht für "Geprüfte Sicherheit" und hat den Ruf des führenden Qualitätszeichens in Europa. Wenn unabhängige Prüfer wie der TÜV ein Produkt sicherheitstechnisch durchleuchtet und abgenickt haben, gibt es ein entsprechendes Zertifikat. Gegen eine Gebühr darf dann das GS-Zeichen auf das Produkt geklebt werden.

So zumindest die Theorie. Doch offenbar kann man sich das Siegel auch selbst drucken und sicherheitstechnisch heikles Gerät ohne Zertifikat bestücken: Bei Obi etwa gibt es Häcksler, Kettensägen, Vertikutierer und Elektrogrills der Eigenmarken Lux und Euromate. Die Produkte tragen das GS-Siegel des TÜV Rheinland, was die Prüfer aber schon seit geraumer Zeit verärgert.

Obis Juristen weisen die Vorwürfe zurück

Nun werfen sie der Baumarktkette "Prüfzeichenmissbrauch" vor. Seit 2009 habe Obi 23 Produkte zu Unrecht mit Siegeln beklebt. Trotz Unterlassungsgesuchen vertreibe das Unternehmen die Produkte jedoch bis heute "weiter unzulässig mit dem GS-Zeichen des TÜV Rheinland".

Die Heimwerkerkette wehrt ab. Prüfzeichenmissbrauch? Völlig unzutreffend. Leicht verschwurbelt erklären Obis Juristen ihre eigene Auslegung von Produktsicherheit - und weisen die Vorwürfe zurück: Hat etwa ein asiatischer Hersteller ein Hauptzertifikat für die Verwendung eines GS-Zeichens, brauche ein hiesiger Vertreiber wie Euromate keine Co-Lizenz mehr.

Johann Huber kann über diese Auslegung nur schmunzeln. Er ist Chef der Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik, quasi der Zertifizierer der Zertifizierer. Hauptzertifikat, Co-Lizenz? "Kenne ich nicht, steht auch nicht im Gesetz", sagt Huber. "Wer auf dem Typenschild oder der Verpackung steht, muss Inhaber des Zertifikats sein."

Die Konkurrenz im Prüfgeschäft ist groß

Das hat einen guten Grund: Nicht immer sind Geräte und Bedienungsanleitungen der in China im Akkord gefertigten Geräte identisch mit dem, was später als Obi-Marke im Regal liegt. Und in den Regalen der zum Imperium der Familie Haub (Tengelmann, Kik) gehörenden Märkte scheint inzwischen einiges durcheinander zu liegen: Rund tausend Lieferanten sind offenbar zu viel für das Qualitätsmanagement der Discounter-Kette. Trotz Artikelnummer und Baujahr können vom SPIEGEL abgefragte vermeintliche GS-Produkte wie Hobelmaschinen und Sägen "nicht zugeordnet" werden, heißt es.

Die Suche fällt Obi vor allem bei solchen Produkten schwer, denen der TÜV die GS-Verwendung untersagte. Wegen der Obi-Praxis verhängte das Kölner Gewerbeaufsichtsamt bereits ein Bußgeld gegen den Baumarkt.

Doch so pingelig, wie man in Deutschland gern glauben mag, scheinen auch die Kontrolleure nicht zu sein. Die Konkurrenz im Prüfgeschäft ist groß, und Kunden wie Obi mit seinen 560 Märkten verliert niemand gern.

Das GS-Siegel auf einer Kettensäge etwa bringt den Prüfern rund 5000 Euro Gebühr. So ließ sich der TÜV bei weiteren 80 Obi-Produkten nach eigenem Bekunden auf Nachzertifizierungen ein, ohne den Missbrauch zu bestrafen.

Fachleute sind machtlos

Wie machtlos die Fachleute sind, zeigt auch ein Besprechungsprotokoll zwischen TÜV- und Obi-Managern aus dem Frühjahr des vergangenen Jahres. 26-mal 25.000 Euro Vertragsstrafe hatten die TÜV-Rheinland-Manager bis dahin berechnet, bezahlt hat Obi (Jahresumsatz knapp sechs Milliarden Euro) keinen Cent.

Selbst mit dem Verkaufsstopp mangelhafter Geräte scheint es die Kette nicht eilig zu haben. Bei einer Astsäge etwa fehlte der Abrutschschutz, es drohten Schnittverletzungen. Die zuständige Fachabteilung der Bezirksregierung Köln war Obi zu Diensten, stufte das Verletzungsrisiko Ende 2009 als "niedrig" ein und ließ das Produkt abverkaufen. Vor wenigen Wochen war die Säge in den Märkten noch zu haben.

"Im Zweifelsfall", lässt Obi wissen, werde "immer im Interesse der Kundenzufriedenheit und Sicherheit entschieden." Doch intern scheint der Verbraucher nicht ganz so wichtig. Bei einigen Geräten mit Gefährdungspotential plädierten die Obi-Manager in internen Vorlagen: "Ware wird mit neuem Etikett (ohne GS) weiterverkauft."

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insgesamt 63 Beiträge
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1. Reingefallen
brux 22.11.2010
Es ist schon ein Ding, wie der TÜV sein GS-Siegel unter die Leute bringt. In der EU zählt eigentlich nur das CE-Siegel. Jedenfalls darf niemand dessen Standards unterlaufen. Der TÜV tut so, als ob das GS-Siegel eine besondere Qualität dokumentieren würde. Diese Siegel verlangt aber gar keine Einzelprüfung des Produkts und ist recht wenig wert, wenn der Hersteller nicht selbst auf Qualität achtet. Und der TÜV verteilt das Siegel auch recht freihändig, wie es nicht anders zu erwarten ist von einem profit-orientierten Unternehmen. Man kauft sich so ein Siegel einfach, nur dass sich hier OBI nicht einmal diese Mühe machen wollte.
2.
amerlogk 22.11.2010
Ein Dank für den Artikel. So kann man als mündiger Verbraucher ein Geschäft aus der Liste nehmen wo man einkaufen kann.
3. Und aus allen Sprachohren tönt es dann
jocurt1 22.11.2010
Zitat von sysopDeutschlands größte Baumarkt-Kette täuschte offenbar jahrelang ihre Kunden: Auf etlichen Obi-Produkten klebten nach SPIEGEL-Informationen Qualitätssiegel ohne gültiges Zertifikat. Der Konzern weist dies zurück. Doch interne Dokumente belegen, wie ernst er es*mit der Sicherheit*wirklich nimmt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,730413,00.html
kauft keine Billig-China Produkte, sondern kauft bei OBI. Schön doof, wer noch an deutsche Produkte mit deutscher Qualität glaubt. Was im Karton und in der Wurst drin ist, weiß nur Gott.
4. Ihnen war unbekannt was sich der Tengelmann-Konzern
sic tacuisses 22.11.2010
Zitat von amerlogkEin Dank für den Artikel. So kann man als mündiger Verbraucher ein Geschäft aus der Liste nehmen wo man einkaufen kann.
so alles leistet ?? Sie kennen doch Kik oder ? und noch ein paar andere........... einfach mal googlen
5.
garfield 22.11.2010
Zitat von sysopDeutschlands größte Baumarkt-Kette täuschte offenbar jahrelang ihre Kunden: Auf etlichen Obi-Produkten klebten nach SPIEGEL-Informationen Qualitätssiegel ohne gültiges Zertifikat. Der Konzern weist dies zurück. Doch interne Dokumente belegen, wie ernst er es*mit der Sicherheit*wirklich nimmt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,730413,00.html
Auf das GS-Zeichen verlasse ich mich auch nicht mehr. Ich habe eine auf diese Weise "ausgezeichnete" Bomann-Kaffeemühle (runde 15 Euro damals). Im Gebrauch und in der Funktion ist auch nichts zu meckern. Auch die Grantiezeit hat sie lange hinter sich gelassen. Aber wenn man den Stecker zieht und kurz danach an die Kontakte kommt, kriegt man gelegentlich eine "gepfeffert". Vermutlich ist ein "fetter" Kondensator drin, der beim Trennen vom Netz nicht entladen wird. Da frage ich mich, ob die Mühle das GS-Zeichen auch nach dem "Prinzip OBI" bekommen hat, oder ob den Prüfern das einfach entgangen ist. In beiden Fällen ist dadurch das GS-Zeichen entwertet.
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